Winter-Haiku (10)
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Selbst für die paar Entelein
reicht das Wasser nicht.
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Aufgeschnappt
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Musikfahndung per Software
Der deutsche Informatiker Meinard Müller arbeitet als Wissenschaftler des entspr. Saarbrücker Max-Planck-Institutes schon länger an gezielten Verfahren der Suche nach Musik in Ton, Notenschrift und Text. An der Hannoveraner Cebit 2010 will er nun demonstrieren (Halle 9, Stand B 43), wie sein neuer «Multimodal Music Player» funktioniert – eine völlig neu konzipierte Internet-Software, mit deren Hilfe sich auf verschiedenen Wegen nach Musik bzw. Musikstücken fahnden lässt. In einer Presseerklärung des Instituts wörtlich: «Müllers mathematische Verfahren sind in der Lage, musikalische Themen in einem Musikstück wiederzufinden. Beim Audiomatching, einem akustischen Abgleich, werden Musikstücke auf Basis von Charakteristika wie etwa Harmonien oder Rhythmen miteinander verglichen. Damit kann der Computer dann unterschiedliche Versionen eines Musikstücks oder sogar Coverversionen finden. Derzeit arbeiten die Forscher unter anderem daran, den akustischen Datenstrom in leicht verdauliche Abschnitte zu zerlegen, um darin zum Beispiel sogar einzelne Akkorde zu erkennen.»
Mit Müllers Programm soll es also inskünftig möglich werden, «dem Player einige Takte vorzuspielen, und schon erspürt er in Datenbanken die Partitur des ganzen dazugehörigen Musikstücks oder eine Reihe verschiedener Tonaufnahmen – eine Interpretation von Barenboim oder Bernstein etwa. Ein Klick in die Partitur und die entsprechende Stelle des Klavierkonzerts oder Oratoriums erklingt.»
Der grundsätzliche Ansatz hinter der neuen Software der Wissenschaftler um Meinard Müller ist allerdings ein tiefergehender, wie die Forscher ausführen: «Letztlich arbeiten wir allgemein an mathematischen Verfahren, um akustische Inhalte gezielt identifizieren zu können – das ähnelt der Suche nach Bildern, in denen man nach charakteristischen Ausschnitten wie etwa dem Umriss einer Kirche sucht.» (we) ■
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Mario Andreotti: «Die Struktur der modernen Literatur»
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Moderne Literatur entschlüsselt
Franziska Metzger
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Wie lässt sich literarische Modernität festmachen, und wie lässt sie sich erklären? Welches sind die Strukturmerkmale moderner Literatur? Über was für Konzepte lassen sich diese verankern, und wie werden Texte dadurch interpretierbar? Wo zeigen sich Transformationen in den Strukturmerkmalen moderner Literatur des 20. Jahrhunderts?
Dies sind Fragen, welche der Schweizer Germanist Mario Andreotti in seinem Werk «Die Struktur der modernen Literatur» auf systematische Weise reflektiert und über eine Reihe miteinander verschränkter theoretischer Sichtachsen – mit Blick auf Figuren- und Wirklichkeitsgestaltung, auf das Erzählen und damit auf Sprache, auf die Erfassung von Momenten der Verfremdung – angeht, um ein Instrumentarium für eine systematische Tiefenanalyse (moderner) Literatur zu präsentieren.
Bei der vierten Auflage von Mario Andreottis Band zur Struktur der modernen Literatur handelt es sich um die vollständig überarbeitete und in Analyse und Textbeispielen bis in die unmittelbare Gegenwartsliteratur weitergeführte Ausgabe des 1983 erstmals erschienenen Standardwerkes. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der modernen Erzählprosa und Lyrik. Zur Struktur des modernen Dramas hat Mario Andreotti einen eigenen Band mit dem Titel «Traditionelles und modernes Drama» verfasst, der 1996 beim Haupt Verlag erschienen ist und der für einen vergleichenden Zugang auf die traditionelle und moderne Literatur mit Blick auf Begrifflichkeiten, Analyseraster, Fragen von Kontinuität und Diskontinuität sowie für textbasierte Detailanalysen mit grossem Gewinn beigezogen werden kann.
Mario Andreottis auf einem semiotischen Ansatz basierendes Werk besticht zum einen durch die klare Erläuterung komplexer Begrifflichkeiten und Kategorien und von deren Verhältnis zu einander, welche einer tiefenstrukturellen Analyse von Literatur zugrunde gelegt werden können. Zum anderen überzeugt es durch die präzise und bis ins Detail reflektierte Anwendung der theoretischen Grundlagen auf eine Vielzahl konkreter Textbeispiele.
Dem von Mario Andreotti vertretenen Ansatz liegen verschiedene Dekonstruktionen zugrunde. So ist dem Autor der Hinweis auf die Grenzen der Gattungsbegriffe wichtig. Diese zeigen sich in Bezug auf die moderne Literatur in potenzierter Weise. Die entsprechende Komplexität und die Verschränkungsbeziehungen verschiedener Genres kommen in mehreren schematischen Darstellungen gut zum Ausdruck (S. 148-149). Aufgelöst wird weiter besonders der Inhalt-Form-Gegensatz – Andreottis Analyseraster sind allesamt Ausdruck davon. Dies geschieht über den Blick auf Gestaltungselemente – Erzähler, lyrisches Ich etc. – eines literarischen Textes als nicht nur etwas Formales sondern, darüber hinaus, als Konkretisierung von Inhalten (siehe S. 21). In diesem Anliegen spiegelt sich die Frage nach dem Wie – wissenschaftstheoretisch gesprochen eine zentrale Frage eines konstruktivistischen Ansatzes –, wie sie sich besonders in der Perspektive auf Strukturelemente literarischer Texte konkretisiert. Mario Andreotti versteht Struktur dabei als «ein System textinterner Beziehungen» (S. 22); der Strukturbegriff verbindet Form und Inhalt. Figuren- und Wirklichkeitsgestaltung, Sprache und Wirkungsabsicht stehen im Fokus einer solchen Strukturanalyse (S. 47).
Schauen wir auf einige Sichtachsen und Konzepte. Den strukturellen Wandel der modernen Epik fasst Mario Andreotti mit Blick auf die Erzähler- und Figurengestaltung, die narrative Struktur sowie die Darstellungsform in sechs Strukturmerkmalen: in der «Auflösung der festen Erzählposition», in der «Absage an das traditionelle, individualistische Entwicklungsprinzip» und damit im Shift von einer als fest konzipierten hin zu einer entpersönlichten Figur, in der Preisgabe eines «mimetischen Kunstprinzips», der «Auflösung des reinen Erzählberichts», der «Entpersönlichung der erzählten Figur», vor allem des Helden, sowie im «Abbau der traditionellen Symbolik».
Die Verschiebung von festem Ich und kohärenter Gesamtsicht der Wirklichkeit hin zu Dissoziation in Einzelbilder sieht der Autor im diskontinuierlichen Erzählen, wie es sich in der Textmontage manifestiert und auch in der modernen Lyrik ihr Pendant hat, in der Auflösung des festen, persönlichen Erzählers, wie sie in erlebter Rede und innerem Monolog ebenso wie in der Entpersönlichung des lyrischen Ich zum Ausdruck kommt sowie in einer gestischen Figurengestaltung bis hin zur Gestusmontage. Auf der Ebene der Sprache erachtet er den Transfer von Mimesis hin zur Sichtbarmachung der Fiktionalität sowie den Transfer von einer auf das Symbolische konzentrierten Sprache auf eine paradigmatisch-syntagmatisch konzipierte Sprache als entscheidend. Dies kommt besonders in der Verlagerung des Akzents vom Erzählten auf das Erzählen selber und in einer Auflösung der festen Sprache im modernen Gedicht zum Ausdruck.
Sehr gut gelingt es dem Autor in Bezug auf die Erzählprosa wie in Bezug auf die Lyrik, die Strukturmerkmale moderner im Verhältnis zu traditioneller Literatur zu verankern und plausibel zu erklären, wobei er immer wieder auch auf Kontinuitäten verweist. Zugleich schafft er es die innere Ausdifferenzierung dessen, was global als «moderne» Literatur bezeichnet werden kann, in Klassische Moderne, Neue Subjektivität, Postmoderne sowie Zweite Moderne theoretisch zu fundieren (siehe die Zusammenführung im Schema auf S. 94). So zeigt er etwa in Bezug auf die Lyrik der «Zweiten Moderne» (seit den 1990er Jahren) schön auf, wie eine Abkehr von der Formtradition der Postmoderne eine Tendenzwende hervorbrachte, in welcher «Subjekt- und Sprachkritik, Experiment und Hermetismus» (S. 304), wie sie für die Lyrik der späten 1950er und 1960er Jahre kennzeichnend waren, wieder zurück gekehrt seien. Durch die Verschränkung einer diachronen und einer auf die Parallelität verschiedener Genres gerichteten synchronen Betrachtungsebene erstellt Mario Andreotti ein theoretisch komplexes und zugleich historisch differenzierendes Modell, auf dessen Grundlage eine semiotische Analyse literarischer Texte vorgenommen werden kann. Sehr gut kommt damit die Vielschichtigkeit einer entsprechenden Tiefenanalyse zum Ausdruck.
Zur Veranschaulichung des Blicks auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten seien zwei diachron-transversale Beispiele herausgegriffen, die politische Lyrik und die experimentelle Literatur. Moderne politische Lyrik bezeichnet Mario Andreotti als «spezifisch gestisch» (S. 337), was er an Brechts dialektischer Lyrik ebenso wie an ideologiekritischen Gedichten (etwa am Beispiel Erich Frieds), an der Agitations- und Protestlyrik seit Mitte der 1960er Jahre, an der parodistischen bis hin zur Subkultur- und Avantgardelyrik der sich durch Performativität und Oralität auszeichnenden Genres Pop, Social Beat, Rap und Slam Poetry aufzeigt. Als entscheidendes Charakteristikum experimenteller Literatur sieht der Autor den Grundgestus des Zeigens. Nicht mehr der Bezug auf eine aussersprachliche Wirklichkeit, sondern die Sprache selbst als eigenständige Realität steht im Zentrum. Dies demonstriert er an Beispielen, die vom dadaistischen Montagegedicht bis zur Textcollage und konkreten Poesie reichen, in welcher das Sprachzeichen «auf seine materiale Funktion» (384) reduziert wird.
In den verschiedenen Tabellen, etwa den Synopsen mit den Epochenbegriffen und ihren literarischen Tendenzen, verbindet Mario Andreotti seinen semiotischen Ansatz immer wieder mit einer kontextualistischen breiteren kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Sichtweise und damit mit einer für andere Ansätze anschlussfähigen Sprache eines Zugangs auf Literatur, der im weiteren Sinne als konstruktivistisch bezeichnet werden kann, indem er auf Wirklichkeitskonstruktionen, Konstruktionen des Selbst und des anderen sowie Selbstreflexion blickt. Dies ist gerade für Wissenschaftstheoretiker und -historiker von Interesse. So wäre Andreottis Buch etwa für eine interdisziplinäre Herangehensweise an Themen von gesellschaftlicher Modernisierung, gesteigerter Selbstreflexion und deren Spiegelung in den Wissenschaften um die Jahrhundertwende von 1900 inspirierend. Hierzu gehört auch der wiederholte Blick auf die literaturtheoretische Selbstreflexion einer entsprechenden Zeit, welche den Ansatz unterstützt, der moderne Texte immer auch als Auseinandersetzung mit traditionellen literarischen Texten liest.

Dadaistische Lautpoesie in der modernen «Slam Poetry»: Anfang von «Nittigritti» von Wehwalt Koslovsky (2002)
Etwas stärker hätte die Wechselseitigkeit der Beziehung zwischen Philosophie, Religion, Psychologie, Naturwissenschaften, Technik und Wirtschaft sowie der Kunst, d.h. Musik und Malerei auf der einen und Literatur auf der anderen Seite betont werden können (S. 99-138). Was in Mario Andreottis Werk im kulturgeschichtlichen Zusammenhang wie auch in Bezug auf die strukturelle Ebene offen bleibt und für eine weiterführende Diskussion von Interesse wäre, ist eine stärkere Einbettung der deutschen «Moderne» im europäischen literarischen Kontext, sowohl hinsichtlich der zeitlichen Entwicklung als auch in Bezug auf die zentralen Charakteristika und Ausdrucksweisen moderner Literatur. Wie sind diesbezügliche Differenzen und Akzentverschiebungen vor dem Hintergrund historisch-politischer Kontexte zu verstehen? Auch die räumliche Ebene schiene in dieser Hinsicht interessant zu sein: Welche Rolle spielten Metropolen wie Wien, Berlin, Paris für die «Klassische» Moderne? Inwiefern liesse sich bezüglich der auf die «Klassische Moderne» folgenden Perioden allenfalls von einer Dezentralisierung sprechen? Auch die Schweiz wurde ja besonders in den 1960er und 1970er Jahren zu einem wichtigen Ort literarischer Moderne.
Mario Andreottis profunde Kenntnis der deutschen Literatur bis in die diversen Genres der letzten Jahrzehnte – von Pop über Rap hin zu Slam Poetry – liegt der reflektierten, paradigmatischen, Auswahl an proportional zu den theoretisch-konzeptionellen Passagen geschickt verteilten Beispielen zu Grunde, an welchen der Autor seine tiefenanalytisch-semiotische Herangehensweise veranschaulicht und illustrativ Transformationen von der traditionellen zur modernen, aber auch innerhalb der modernen Literatur aufzuzeigen vermag. Gerade in diesen Beispielen zeigt sich, was eine auf den Text bezogene Strukturanalyse leisten kann. Dabei ist zudem positiv hervorzuheben, dass dem Leser keine allzu homogenen, andere Möglichkeiten ausschliessenden Interpretationen vorgelegt werden, sondern vielmehr eine systematische Fokussierung auf zentrale Ebenen im (modernen) Text und auf deren begrifflich-stringente Verarbeitung, auf deren Grundlage auch unterschiedliche Interpretationen fundiert und plausibilisiert werden können. Für Studierende sehr hilfreich sind die aus Textbeispielen bestehenden Aufgaben am Ende jedes Teils des Buches. Gut führen zudem zahlreiche grafische Darstellungen die Konzepte und ihre Beziehungen untereinander zusammen, so dass sich ein plastisches, einprägsames und klares Analyseraster ergibt. Zusammen mit dem über 100-seitigen Glossar mit literaturwissenschaftlichen, linguistischen und philosophischen Begriffen bieten diese Grafiken didaktisch geschickt präsentierte Stützen. Für Literaturwissenschafter, die mit dem semiotischen Zugang vertraut sind, wird der Band dadurch auch zu einem durchdachten Nachschlagewerk. ■
Mario Andreotti, Die Struktur der modernen Literatur – Neue Wege in der Textinterpretation: Erzählprosa und Lyrik (Mit einem Glossar zu literarischen, linguistischen und philosophischen Grundbegriffen), UTB Bd. 1127 (4. vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage), Haupt Verlag, 488 Seiten, ISBN 978-3-8252-1127-1
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Geb. 1974 in St. Gallen, Historikerin und Anglistin, Lektorin am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Fribourg, Dissertation «Religion, Geschichte, Nation. Katholische Geschichtsschreibung in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert – Kommunikations-Theoretische Perspektiven» (2010), Forschungstätigkeit und Publikationen zu Themen der Religions- und Kulturgeschichte, Historiographiegeschichte, Geschichtstheorie und Methodologie.
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Drei Leseproben
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Die beliebtesten Programme bei Schachspielern
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Das eiserne Triumvirat: Fritz – Rybka – Shredder
Walter Eigenmann
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Über 5’000 Votes verzeichnete die große Schach-Umfrage, welche das «Glarean Magazin» anfangs Oktober letzten Jahres gestartet hatte. Der zweimonatige, anonym durchgeführte Poll thematisierte dabei die vier Aspekte:
A) «Meine 3 Lieblings-Schach-Programme sind…»
B) «Ich benütze meine Schach-Software hauptsächlich für…»
C) «Meine 3 Lieblings-Schach-Oberflächen sind…»
D) «Ein Schachprogramm darf kosten…».
Dank einerseits verschiedener nationaler sowie zahlreicher regionaler Schach-Verbände, welche auf diese User-Befragung hinwiesen – wodurch weite Kreise des «Vereins-Schachs» in Deutschland, Österreich und der Schweiz angesprochen werden konnten -, aber auch zweitens aufgrund des hohen Interesses in der einschlägigen (Computer-)Schach-Szene im Internet erreichte diese «Schach-Volksabstimmung» dabei nicht nur internationale Verbreitung weit über den deutschsprachigen Raum hinaus, sondern auch einen recht guten «Profile-Mix» der teilnehmenden Schachspieler. Insofern dürfen die Ergebnisse der Befragung einige Repräsentanz beanspruchen, jedenfalls aber ist sie die zurzeit einzige Anwender-Konsultation mit dieser Thematik, die bislang mit solchem Umfang und in dieser Differenziertheit innerhalb der aktiven Schachwelt organisiert wurde.
Die folgenden Infos verstehen sich nicht als detaillierte Analyse, sondern beschränken sich auf ein paar Stichworte und auf die Trends, wie sie sich in den vier «Rankings» zeigen. Darüber hinaus ist wie jede Umfrage auch diese viel zu grob, um ein differenziertes Bild der mittlerweile so unübersehbaren wie buntschillernden Computerschach-Welt zu zeichnen – ganz abgesehen von den veralteten und hier ausgeklammerten, aber in Nischen noch immer nostalgisch gepflegten Urahnen der Szene, nämlich den eigentlichen Schachcomputern.
Darüber hinaus ist sich der Autor natürlich bewusst, dass neben den zahlreichen gestellten Fragen noch viele andere Aspekte des Themas – Internet-Schach-Clients, Pocket-Programme, Anzahl Prozessoren u.a. – hätten integriert werden können, doch es galt, einigermaßen die Balance zwischen der Geduld der Votierenden einerseits und dem Anspruch auf Vollständigkeit andererseits zu finden…
An dieser Stelle sei nochmals ausdrücklich allen Schachspielern gedankt, die sich die Zeit nahmen, durch die vier Poll-Rubriken zu klicken!.
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A) — «Rybka» das Lieblingsprogramm der Schachspieler
Ein Viertel aller Voten entfiel bei der Frage nach den drei Lieblings-Schachprogrammen auf die Engine «Rybka». Damit verdrängte, allerdings nur hauchdünn, diese zurzeit spielstärkste Software überraschend den jahrelang unumstrittenen Liebling der internationalen Schachszene, nämlich «Fritz», auf den zweiten Rang. Ziemlich beliebt ist aber auch bzw. nach wie vor der Drittplatzierte «Shredder».
Hinter diesem mittlerweile schon lange etablierten Triumvirat bereits deutlich abgeschlagen rangiert mit «Hiarcs» das vierte kommerziell vertriebene Programm.
An der Spitze aller Freeware-Programme steht «Glaurung/Stockfish», das sich sogar vor die beiden in der Computerschach-Szene seit Jahren bekannten und eher im englischsprachigen Raum verbreiteten, seinerzeit aber auch hierzulande vielgesehenen kommerziellen Engines «Zappa» und «Chessmaster» schieben konnte.
Keine Rolle mehr im sich schnell drehenden Engine-Zirkus spielen offenbar solche einst klangvollen Namen wie «Spike», «Pro Deo», «Loop», «Sjeng» oder «Chess Tiger». Andererseits kann sich ein Winboard-Dinosaurier wie «Crafty» noch immer recht gut halten in der Gunst der schachspielenden Anwenderschaft.
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Programm/Engine Votes1 Prozent2
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01. Rybka 406 25%
02. Fritz 403 24%
03. Shredder 322 19%
04. Hiarcs 78 5%
05. Glaurung/Stockfish 69 4%
06. Zappa 59 4%
07. Fruit/Toga 51 3%
08. Chessmaster/TheKing 46 3%
09. Junior 35 2%
10. Naum 35 2%
11. Crafty 30 2%
12. Bright 18 1%
13. ProDeo 18 1%
14. Thinker 13 1%
15. Sjeng 12 1%
16 Spike 10 1%
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(Weitere Nennungen: Loop, Genius, Hermann, Jonny, Goliath u.a.)
1(mindestens 10) 2(auf-/abgerundet)
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B) — Hauptzweck: «Analyse der eigenen Partien»
Die Analyse von eigenen Partien als wichtigster Verwendungszweck von Schachsoftware wurde von der überwältigenden Mehrheit (fast einem Drittel der insgesamt 1’505 Votes in dieser Rubrik) genannt – ein Umfrage-Ergebnis, das nicht erstaunt. Weit weniger häufig werden «Rybka»&Co. zur Begutachtung fremder Games eingesetzt (13%). Am dritthäufigsten trifft man das Spiel im Internet mittels Schachsoftware an.
Erstaunlich ist, dass zahlreiche Schachspieler noch immer persönlich gegen die 3000-Elo-Taktik-Aliens antreten (10%), während die relativ häufige Zuhilfenahme von Software beim Fernschach-Spielen nicht überrascht (9%).
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Verwendungszweck Votes Prozent
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01. Analyse eigener Partien 450 30%
02. Analyse fremder Partien 199 13%
03. Spielen im Internet 195 13%
04. Spielen gegen den Computer 143 10%
05. Fernschach-Spielen 140 9%
06. Lösen von Schachproblemen 91 6%
07. Schachturniere unter Programmen 79 5%
08. Schachlernen oder -lehren 78 5%
09. Schachwissenschaftliche Zwecke 38 3%
10. Spielen auf dem Handy 33 2%
11. Schachhistorische Zwecke 26 2%
12. Schachturniere unter Menschen 20 1%
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(Weitere Nennungen: Schachprogrammierung, Eröffnungstheorie u.a.)
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C) — Lieblings-Oberfläche: «Fritz»
Mit deutlichem Vorsprung erkürten die Abstimmer «Fritz» zu ihrem Lieblings-Interface; über ein Drittel aller Votes hier vereinte das Chessbase-Flaggschiff auf sich. Am zweithäufigsten mit immer noch stattlichem Anteil von fast 20% wurde «Shredder» gewählt, den dritten Rang nimmt die Freeware-Oberfläche «Arena» ein.
Beachtlich ist, dass sich das noch relativ junge Schach-GUI «Aquarium» von Convekta noch vor dem langjährigen und kostenlosen «Scid» platziert, während der ebenso traditions- wie Feature-reiche «ChessAssistant» offenbar nur eine marginale Rolle spielt; kaum mehr benutzt werden auch die kostenlos downloadbaren Interfaces «José» und «Winboard». Endgültig von der Bildfläche der Praxis verschwunden sind inzwischen GUIs wie «Chesspartner»/Lokasoft oder «ChessGenius».
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Programm/GUI Votes Prozent
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01. Chessbase/Fritz 454 35%
02. Shredder 242 19%
03. Arena 157 12%
04. Chessbase/Datenbank 154 12%
05. Aquarium 90 7%
06. Scid 64 5%
07. Chessmaster 41 3%
08. Winboard 38 3%
09. ChessAssistant 26 2%
10. Jose 16 1%
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(Weitere Nennungen: Chesspartner, ChessGenius u.a.)
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D) — Wie teuer darf Schach-Software sein?
Auf die Frage, wie viel ein Schachprogramm kosten darf, ergab sich überraschenderweise ein recht hoher Anteil von Schachspielern, die relativ viel für solche Software zu investieren bereit sind, und etwa jedem siebten User ist der Preis egal, solange das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Als ungefährer Richtwert kann aber offenbar wohl von einem breit akzeptierten Preis eines Schachprogrammes von ca. 50 Euro ausgegangen werden. Nicht berücksichtigt wurde dabei die Frage des Preisunterschiedes von Single- und Multi-Prozessoren-Software.
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Preis Votes Prozent
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01. 40-70 Euro 227 36%
02. 20-40 Euro 165 26%
03. Egal (bei gutem Preis-
Leistungs-Verhältnis) 86 14%
04. 70-120 Euro 52 8%
05. 10-20 Euro 43 7%
06. 0 Euro 36 6%
07. Über 120 Euro 12 2%
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(Weitere Nennungen: Bis 50 Euro, 1CPU=50 Euro, u.a.)
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1. Internationaler Dvorak-Kompositionspreis
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Förderung junger Musik-Talente
Um junge Komponistinnen und Komponisten bzw. deren neue Musik zu fördern, schreibt das Prager Konservatorium in Zusammenarbeit mit einem internationalen Jury-Kommittee seinen ersten Dvořák-Kompositionswettbewerb aus. Die Teilnahme ist in zwei Ausscheidungsrunden bei zwei Kategorien möglich (Junioren & Senioren). Der Preis ist insgesamt mit 105’000 tschechischen Kronen dotiert. Einsende-Schluss (für die erste Runde) ist am 3. April 2010, weitere Details (engl.) finden sich hier. ■
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Das «Glarean»-Literatur-Kreuzworträtsel
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Literatur-Kreuzworträtsel im Februar 2010
Copyright by Walter Eigenmann / Glarean Magazin 2010
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.PDF-File zum Ausdrucken!
Lösung: —>(weiterlesen…)
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Das Zitat der Woche
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Über die sozialstaatliche Repression der Workfare-Politik
Kurt Wyss
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Bei Workfare geht es entgegen dem mit der entsprechenden Sozialpolitik propagierten Vorsatz nicht um Integration, sondern darum, Integration vorzutäuschen und auf diesem Weg den sozialen Ausschluss der erwerbslosen Personen erst recht – wobei dieses dann freilich nicht offen gelegt wird – zu besiegeln. Die Täuschung wird dadurch erzeugt, dass in Rechtfertigung und Durchführung von Workfare so getan wird, als ob die Frage von Integration und Ausschluss einzig vom Willen der einzelnen Person abhänge, es also in Verhinderung eines drohenden sozialen Ausschlusses primär darum zu gehen habe, den Willen der Betroffenen – und das ist genuin Workfare – in einer bestimmten Weise zu zwingen. Indem der soziale Ausschluss der Menschen nun aber primär von den Mechanismen des kapitalistischen Systems und eben gerade nicht vom Willen der Betroffenen abhängig ist, man im Rahmen der Workfare-Politik jene ursächlichen Mechanismen aber genau unberührt lässt, ergibt es sich zwangsläufig, dass die Workfare-Massnahmen – und das wird durch die empirische Forschung auch beständig bestätigt – hinsichtlich Wiedereingliederung in den >normalen< Erwerbsprozess scheitern. Die allermeisten Unternehmen sind in einer durchkapitalisierten Gesellschaft an langzeitarbeitslos gemachten Menschen in aller Regel nicht mehr oder nur sehr bedingt überhaupt noch interessiert. Es stehen immer >Bessere< zur Wahl. Das diesbezüglich zwangsläufige Scheitern von Workface kann nun aber – und das wird mit Workfare auch bezweckt – als die Schuld derjenigen ausgelegt werden, denen es trotz der ganzen so genannten Integrationsmassnahmen nicht gelungen ist, wieder eine reguläre Erwerbsarbeit zu finden. Sie erscheinen dann als die aus eigener Schuld Gescheiterten.
Das movens des Kapitals, die Erzielung von Mehrwert, verdankt sich im Kern – vereinfacht gesagt – der Differenz zwischen der Entlöhnung der Arbeitskraft sowie allgemein der Arbeitskosten und dem Wert der vermittels der Arbeitskraft produzierten Ware. Die Differenz respektive der Mehrwert werden umso grösser, je geringer die Entlöhnung der Arbeitskraft und allgemein die Arbeitskosten. je grösser der zu erzielende Mehrwert respektive je geringer die Entlöhnung der Arbeitskraft und je schlechter die Arbeitsbedingungen, desto knapper sind die Ressourcen, über welche die ihre Arbeitskraft verkaufenden Menschen verfügen und desto schwerer fällt es ihnen, sich – neben der Arbeit – körperlich und psychisch genügend und auf genügend lange Dauer zu rekonstituieren. Desto schneller ist dann aber auch die Arbeitskraft verausgabt, werden die Betreffenden entlassen und durch andere ersetzt. Allerdings kommt es zu Entlassungen auch ganz unabhängig vom Stand der Arbeitskraft entweder deshalb, weil von Unternehmen mittels der bisher genutzten Arbeitskräfte und im Verhältnis zur Konkurrenz kein Profit oder nicht genügend Profit mehr gemacht werden kann – das ist alles sehr relativ -, oder weil allein mittels Entlassungen die scheinbare oder wirkliche Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens und also deren Wert sowie deren Möglichkeiten am Kapitalmarkt gesteigert werden können. Da die Menschen sich – naheliegenderweise – nun aber nicht einfach so diesen Ausbeutungs- respektive Entlassungsprozessen aussetzen, bedarf es eines bestimmten sozialen Drucks, damit sie es doch tun. Einerseits muss dafür gesorgt sein, dass die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellenden Menschen sich wirklich bis ins Letzte ausbeuten lassen und immer wieder neu ausbeuten lassen, andererseits dafür, dass für die Massen von Erwerbslosen Alternativen zum >normalen< Erwerbsleben nicht im Geringsten aufscheinen, sie einem beständigen Druck zur völligen Verausgabung ihrer Arbeitskraft ausgesetzt bleiben. Dieser Druck – so wäre in einer ersten Begriffsbestimmung zu sagen – wird vermittels der Workfare-Politik aufrecht erhalten, einer Politik, in welchem der Sozialstaat ganz in den Dienst des Kapitals gestellt ist und – in diesem Dienst – die von Erwerbslosigkeit und Armut betroffenen Menschen in Permanenz unter Druck setzt. Workfare ist entsprechend in jenen historischen Phasen am ehesten zu erwarten, in denen das Kapital sich neu durchsetzt, ihm hinsichtlich der Ausbeutung der Arbeitskraft von Menschen – wie im globalisierten Kapitalismus der Gegenwart – praktisch keine politischen Grenzen gesetzt sind. ■
Aus Kurt Wyss, Workfare – Sozialstaatliche Repression im Dienst des globalisierten Kapitalismus, Verlag edition 8, Zürich 2007
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Literaturwettbewerb des Tauland-Verlages
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Kurzprosa gesucht zum Thema «Grenz-Überschreitungen»
Zum Thema «Grenz-Überschreitungen» schreibt der Tauland-Verlag einen literarischen Wettbewerb aus. Eingesandt werden können deutschsprachige Prosa-Texte von 10 bis 25 Normseiten, eine Jury wählt sieben Texte aus, die gemeinsam in einem Buch veröffentlicht werden. Ein Beitrag wird mit 250 EUR besonders prämiert. Einsende-Schluss ist am 1. August 2010, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ■
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Der brillante Schachzug (60)
DeLiA-Kurzprosa-Wettbewerb 2010
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«Knackige Geschichten über die Liebe»
Anlässlich der Linzer Liebesroman-Tage im Mai diesen Jahres schreibt «DeLiA» (Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autorinnen-und-Autoren) einen internationalen Kurzprosa-Wettbewerb aus: «Schreiben Sie über die Liebe. Kurze, knackige Geschichten. Berührend, dramatisch oder amüsant. Historisch, zeitgenössisch oder futuristisch – die Auswahl liegt ganz bei Ihnen.» Einsende-Schluss ist am 15. April 2010, die weiteren Details finden sich hier. ■
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Winter-Haiku (9)
Internationaler Schlagzeug-Kompositionswettbewerb
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Akustische oder elektroakustische Werke für Perkussions-Trio
Die bekannte New Yorker Perkussions-Formation «The Volta Trio» schreibt erstmals internationalen Kompositionswettbewerb aus. Eingesandt werden können akustische oder elektroakustische Stücke für ein Perkussionstrio. Die Dauer des Werkes sollte ca. 15 Minuten betragen. Die Teilnahme ist für Komponisten jeder Nationalität und jeden Alters offen. Einsende-Schluss ist am 30. April 2010, die weiteren Einzelheiten (engl.) finden sich hier. ■
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Kurzprosa von Beatrice Nunold
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…und die Welt ist eine Scheibe
Beatrice Nunold
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«Verdammt, wo hatte ich so etwas schon gesehen?» Ich starrte auf das hoch komplizierte Kachelmosaik. Unter meinen Füßen wanden sich verschlungene Knoten und Schlingen. «Quasikristalle1 , das sind Quasikristalle.» Die Penroseparkettierung, auch mittelalterliche arabische Knotenornamente wiesen 5-, 8- oder 10-, sogar 12-zählige Rotationssymmetrien auf. Aber dies war das verwirrenste Muster, das mir je unter die Augen gekommen war. Mir schwindelte bei seinem Anblick und dem Versuch eine Ordnung zu erkennen. Von dem Mosaik ging ein diffuses Leuchten aus, als würden die wenigen Photonen, die sich bis hier her durchgeschlagen hatten, reflektiert. Undurchdringliche Finsternis überspannte das nicht enden wollende Plateau. Feiner Nieselregen streichelte mein Gesicht, durchfeuchtete Haar und Kleidung und verlieh den Mosaiken einen geheimnisvollen Schimmer. Da war Musik. Sie füllte meinen Kopf. Leise sphärische Klänge schwollen zu einer gewaltigen Symphonie an. Das kannte ich doch, wenn auch anders, einfacher, rockiger, – die Pea-Brains2, – mein Lieblingslied. Doch kein Dampfhammer-Havey-Metal-Sound dröhnte in meinem Schädel. Vielstimmige Obertöne weiteten mein Bewusstsein, dehnten es bis an die Grenze zur Auflösung, bis an die Schwelle zur Finsternis, die in meinem Hirn heraufzudämmern drohte:
Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
«Morgenglanz …»
… im Quantenschaum …
«Esther!! Sieh dir das an …»
Ein Gott träumt…
«Ich glaube nicht, was ich da sehe!»
…den 3-Bran-Raum…
«Esther! Wach endlich auf!»
Tabahs Stimme wurde deutlicher. Der Obertonchor verstummte. Der Himmel lichtete sich. Das Fußbodenmosaik begann aus den Fugen zu geraten. Opaker Goldglanz brach zwischen den Rissen hervor. Ich glaubte zu stürzen. Der eigene Schrei gellte mir in den Ohren.
«Morgenglanz?! Wo bleibst du. Mallion! Schmeiß Esther aus dem Bett!»
Ein Rütteln ließ mein Bewusstsein wieder zum Zentrum meiner selbst zusammenzurren. Jemand schüttelte Goldstaub aus Kleidern und Haaren. Die Luft flirrte und während der Flitter zu nichts verging, erwuchs aus diesem Nichts eine Welt.
«Creatio ex nihilo», hörte ich mich kommentieren.
«Esther, hey! Alles wieder senkrecht?»
Die Welt war lila. Nein, die Welt waren Merrylls Augen, seine lieben lila Augen, die mich besorgt anblickten. Die Corona seines wirren weißen Haares brachte die Sonne in meine Welt zurück.
«Du hast geträumt.»
«Ja, einen Traum aus Quantenschaum.» Ich war immer noch benommen.
«Esther, komm endlich durch. Die Kapitänin wird auf der Brücke verlangt. Tabah flippt aus.»
«Was ist los, Tabah? Fragte ich als wir die Brücke betraten. Der Kamarianer sah mich mit seinen schwarz schimmernden Augen fragend an. Er brauchte nichts zu sagen. Mein Blick klebte am Panoramaschirm. Einen Moment lang glaubte ich, mein Traum spuke noch in meinem Hirn.
Die Besatzung des kleinen Raumschiffs war versammelt. Ich spürte ihre Ratlosigkeit.
«Woher soll ich wissen, was das ist, – irgendeine Quasikristall-Gigantomanie, – keine Ahnung. Was meint unsere Astro-Archäologin?»
«So etwas habe ich schon mal gesehen, nur viel einfacher. Auf Terra, glaub ich, hat die Islamisch-arabische Kultur eine ähnliche Ornamentik hervorgebracht. Vergleichbares gibt es bei uns auf Kama oder auf Kathara, die Mosaiken der Tubanischa und bei vielen anderen Planetenkulturen. Quasikristalle sind quasiperiodisch. Ihre Periodizität wird erst in einem höherdimensionalen Raum verständlich. Mathematik ist universal. Ich nehme an, diverse Kulturen sind auf vergleichbare Lösungen gekommen. Aber so etwas Kompliziertes …. Und wer um alles im Multiversum parkettiert die schwarzen Tiefen des Kosmos? «Fenet schüttelte den Kopf.
Das Schiff schwebte über eine nicht enden wollende Plattform blau-goldener Mosaiken auf weißem Grund. Sie schimmerten fahl in der Weltraumnacht.
Ich starrte unverwandt auf den Schirm: «Computer, Pea-Brains, Neuwelt.»
«Morgenglanz, bist du komplett durchgeknallt?»
«Halt die Klappe, Tabah.»
Aus einer anfänglichen Geräuschekakophonie entspannen sich Töne zu Melodiefäden und woben einen komplexen Klangteppich, darüber konnte der Schwermetallrhythmus nicht hinwegdröhnen. Er hämmerte die verschlungene Melodie auf unsere eindimensionalen Hörgewohnheiten herunter.
«Komplexitätsreduktion.»
«Was? Morgenglanz, ich mach mir ernsthaft Sorgen …»
«Ruhe, Tabah!»
Eternity, die Frontfrau der Band erhob ihre Rockröhre:
Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,
Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.
Sacht, sacht in den Farben der Nacht, in den Farben der Nacht.
Zum Refrain unterstützten die Jungs grölend ihre Sängerin.
Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…
«Computer, stopp. Ich habe das schon einmal gesehen, – in meinem Traum und diese Musik gehört, nur sagen wir symphonischer, wie Sphärenklänge, – vielleicht eine Superstring-Sphärensymphonie.»
Das Bild auf dem Schirm änderte sich. In den Boden waren schmale, sehr lange Spitzbogenfenster eingelassen. Als wäre das nicht seltsam genug, zeigten diese in alle Richtungen. Hinter den Fensteröffnungen lauerte undurchdringliche Finsternis, manchmal gold-opak changierend.
«Entweder waren diese Baumeister total meschugge oder unfassbare Genies, oder beides,» murmelte ich vor mich hin.
Am Horizont kam so etwas wie eine Barriere ins Bild. Vor uns wuchs eine gewaltige, das ganze Blickfeld ausfüllende Quasikristallmosaikmauer und verlor sich in der Schwärze des Alls. Gemauerte Lanzettfenster zeigten scheinbar willkürlich nach oben, unten, seitwärts als hätte das Bauwerk keine Ausrichtung. Wie bei Vexierbildern kippte hinter den Fenstern samtenes Dunkel in aufglänzendes Gold.
«Transzendenz ohne Transparenz wie der Goldgrund mittelalterlicher Bilder. Die Lichtundurchlässigkeit des Goldes bringt das düsterste Leuchten des Universums hervor. ‚Fürchtet den Tag des Herrn, denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht’, Amos ich weiß nicht was.»
Die anderen Schwiegen.
«Der barbarische Glanz des Goldes ist bloß der Widerschein seiner immanenten Dunkelheit oder doch der Vorschein des Herrn Tag. Auf Terra gibt es das alte lateinische Wort sacer. Es bedeutet sowohl heilig als auch verflucht.»
«Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin», meldete sich Fenet, aber zabrach auf Kama oder empur auf Sumfar hat eine vergleichbare Bedeutung.»
Unter uns sahen wir gewaltige Portale. Aus komplizierten Knotenmustern wuchsen groteske Dämonen oder lösten sich in diese auf. Höllenfratzen mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern glotzten eher verzweifelt als böse. Wie die Fenster so hatten die Tore keine bestimmte Ausrichtung. Die Horizont und Firmament ausfüllende Mauer, auf die wir zuhielten, zeigte das gleiche Bild.
Tabah erholte sich als erster von dem Anblick: «Wir sollten landen, Morgenglanz, und uns dieses absurde Bauwerk näher ansehen.»
«Noch nicht.»
Ich setzte mich auf meinen Kapitänssessel und steuerte das Schiff senkrecht die Mauer empor. Doch das schien nur so. Die Mauer wandelte sich zum Plateau. Ich drehte das Schiff um 180 Grad. Neben uns ragte das einstige Fußbodenmosaik als Mauer in die schwarze Höhe. Das Schiff setzte auf. Unsere Sensoren zeigten ausreichend Sauerstoff und Schwerkraft.
Fenet, Tabah, Mallion und ich standen auf dem Fußbodenmosaik, das wir zunächst als Mauer identifiziert hatten. Es nieselte und der Tag trug Trauer. Von den Mosaiken ging ein hoffnungsloses Leuchten aus, und doch war der fahle Schimmer wie ein Geschenk.
«Endzeitlicht, Abglanz der Vergänglichkeit.» Meine Stimme klang rau und erstickt.
«Esther, mahnte mich Merryll, «hör auf zu orakeln.»
Vor unseren Füßen dehnte sich ein von unserer Position aus nicht zu überblickendes Fenster und gähnte goldschlierige Dunkelheit. Unwillkürlich wichen wir zurück und lenkten unsere Schritte auf ein Portal in der Mauer.
«Wenn es nicht so kunstvoll gearbeitet und so kompliziert gestaltet wäre, würde ich es als barbarisch bezeichnen.»
Während die Astro-Archäologin sprach, berührte sie mit ihre Hand das Tor. Geräuschlos sprang es nach innen auf und gab den Blick frei in einen riesigen Rundbau, umstanden von einem Säulenwald. Strebepfeiler schossen in die Höhe. Ich konnte nur ahnen, dass sie sich gleich der Euklidschen Parallelen irgendwo im Unendlichen treffen. Zusagen der Raum sei kathedralenhaft wäre eine Verniedlichung. Wir verharrten auf der Schwelle, winzige Wesen, schaudernd vor der bedrängenden Nähe des Unermesslichen. Buntes Licht brach durch den steinernen Forst, glimmte im Dunkel und wogte als farbiger Photonenschleier auf der Rotundenlichtung.
«Und das Licht fiel in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen», ich hauchte die Worte. Abt Suger muss ähnlich überwältigt gewesen sein als er den Kirchenraum von St. Denis betrat. ‚Lux mirabilis et Continua’ …»
«Morgenglanz», unterbrach mich Tabah, «Niemand außerhalb deines Provinzplaneten versteht den Provinzdialekt dieses Himmelkomikers oder kennt diesen Provinztempel.»
«Das ist nicht nötig,» wandte Fenet ein. «In den meisten Planetenkulturen wird Licht als Epiphanie des göttlichen empfunden, als etwas Heiliges.»
«Ja,» bestätigte Merryll, «denk an den Provinztempel der Warinda meines kleinen Provinzplaneten Kathara.»
Ich wollte die Rotunde betreten, zog meinen Fuß aber wieder zurück. Die Strebepfeiler spiegelten sich im Boden und schienen in der Tiefe zu loten, umflossen von einem wunderbar ununterbrochenen Glanz farbig gebrochenen Lichts.
«Esther, seit wann bist du so ängstlich oder wirst du plötzlich religiös. Ziehet eure Schuhe aus, ihr betretet heiligen Boden,» lästerte Tabah, der mal wieder versuchte seine Ergriffenheit mit Coolness zu überspielen. Ich ignorierte ihn. Im Augenwinkel gewahrte ich, wie Fenet sich anschickte über die Schwelle zu treten.
«Nicht!» Ich packte Thyra gerade noch am Arm.
«Trantasch kabir shun!» ‚heilige Scheiße!’ fluchte sie in ihrer Muttersprache, und wich entsetzt mehrere Schritte zurück.
Da war kein spiegelnder Boden, sondern ein gähnender Abgrund. Die Säulen ragten in die Untiefe ebenso wie in die Höhe. Aber gab es überhaupt ein Unten und Oben. Die Tiefe des Abgrundes und die Tiefe des Alls sind ein- und dasselbe und nur für uns nicht das gleiche. Hier musste wahrlich niemand auf den Kopf gehen, um in den Abgrund des Himmels zu blicken.
«Dort», sagte Merryll leise.
Eine Art Floß schwebte durch ein Spalier aus farbig gebrochenem Licht auf uns zu. Das Floß hielt an der Schwelle. Wir sahen uns an. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und verwehrte den Ängsten, die aus dem Untiefen meines Selbst empor krochen, besitzt von mir zu ergreifen. Vorsichtig betrat ich die schwebende Plattform. Sie trug mich, schwankte nicht einmal. Merryll und Tabah taten es mir gleich. Nur Fenet zögerte zunächst. Ich konnte sie gut verstehen. Keine Angst zu haben ist ein Zeichen von Phantasielosigkeit. Auch wenn dies hier unser Vorstellungsvermögen überforderte, die Einbildungskraft belebt selbst das Unvorstellbare mit Phantomen. Kein Bildverbot hat das je zu unterbinden vermocht. Tabah reichte Fenet die Hand und zog sie zu sich hinüber.
Das Floß schwebte durch das Photonenspalier.
«Don’t pay the ferrymen…,» schoss es mir durch den Kopf und «Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren …».
Hinter uns schlugen die Türflügen ins Schloss. Oh, Shit! Was hätte ich für einen Vergil gegeben. Sogar Charon, der die toten Seelen über den abgründigen Styx in den Hades schifft, wäre mir willkommen gewesen.
Musik stieg aus der Tiefe des Raumes empor, dieselbe die ich in meinem Traum vernommen hatte und deren Rockversion mir durch die P(ea)-Bra(i)ns vertraut war. Der Obertonchor hob an:
Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,
Nur mit Mühe gelang es mir mein Bewusstsein daran zu hindern in die Unendlichkeit auseinander zu driften.
Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.
«Ohren zuhalten!» schrie ich.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Der Sirenengesang klang jetzt etwas gedämpfter, aber er zerrte immer noch an den Neuronen.
Die Sonne hinkt auf ihrer Bahn.
Der Mond erbleicht.
Pan phantasiert im Fieberwahn.
Vergessen ist leicht.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Ich war jetzt in der Lage den Gesang zu orten.
Am Abgrund schlummert ein Stein.
Die Tiefe träumt Welten.
Quarks tanzten Ringelreihen
Als Dimensionen zerschellten.
Das Lichtspalier sang. Ich kann nicht sagen, dass dies zu meiner Beruhigung beitrug.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Manchmal glaubte ich schwache Formen zu erkennen.
Das Meer verdampft zu Silberschein.
Die Ferne geht verloren.
Schweigend rollt der Horizont sich ein.
Neuwelt wird geboren.
Was war das nur für eine Sprache. Seltsamerweise verstand ich sie.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum, im Quantenschaum…
«Protoglossa,» dachte ich. «Protoglossa…»
Der Gesang verstummte.
«Ihre Gehirne sind für unsere Musik nicht ausgelegt,» erklang ein melodisches Unisono.
Wir lösten die Hände von unseren Ohren.
«Ihre Hirne sind für unser Wissen nicht ausgelegt.»
Ich wollte protestieren, da sah ich, worauf wir zusteuerten. Auf einem schwebenden Mosaik ruhte ein Felsbrocken, ein Findling, – bizarr geformt als hätte ein wüster Äonensturm die rohe Materie erodiert.
«Protomaterie,» schoss es mir durch den Kopf. «Nein, damit assoziierte ich bisher die Strings oder deren angeregte Schwingungszustände die Elementarteilchen. Dieser Fels schien so etwas wie ein heiliges Objekt zu sein, wie die Kaaba in Mekka. Das Floß legte an. Wir betraten die Mosaik-Plattform. Ich hörte Fenet neben mir zitieren: «Am Abgrund schlummert ein Stein, / die Tiefe träumt Welten …»
Da begann ich zu begreifen, oder nein, so etwas wie ein Begreifen ergriff mich und erschütterte mich bis ins Mark. Unsere Welt die Schaumgeborene. Ich fiel auf die Knie und starrte über den Rand in den Abgrund.
«Esther!» Merrylls Stimme überschlug sich fast.
Ich hob mein Haupt und blickte in den Abgrund über mir. Finsternis und opakes Gold durchschienen von farbig gebrochenem Licht. «Das Xaos, Platons Chora3», stammelte ich, «die Amme des Werdens», das Bulk4, – dass ich das Erlebe!
Ich sah mich um. Schlanke Lichtgestalten umstanden uns. Merryll half mir auf.
«Die Prototopologie der Spin-Netze des Quantenschaums5 ist nicht diaphan.» sprach es staunend aus mir.
«Nur der Weltraum ist durchscheinend.»
«Wer seid ihr?!» hörte ich Merrylls verwunderte Frage.
«Wir sind das Licht der Welt. Wir sind das Unbegriffene der Finsternis. Wir sind die Hirten des Seins. Wir sind die Hüter der Endlichkeit. Wir sind die Wächter der Welt, die Engel, die Angeloi, die Karamir, die Marusch. Wir sind das Funkeln der Sterne und des Feuers Schein, das Leuchten in den Augen und das Licht der Vernunft. Wir sind die Grenzposten zur Unendlichkeit.»
Fenet bückte sich und zeichnete mit einem Finger das komplizierte Muster nach. Ein Penroseparkett war nur eine extrem einfache Variante dieses verschlungenen Quasikristallmosaiks.
«Eine dreidimensionale Projektion der unendlichen Tiefe, der All-Dimension aller Branenwelten, aller Zeit-Spiel-Räume der Multiversen, ein abstraktes Bild, stark vereinfacht, von dem, wovon niemand ein Bild sich machen kann, nicht einmal wir. Auch wir sind Gefangene der 3-dimensionalen flachen Scheibe, unserer 3-Branwelt, die unser Universum ist, so wie ihr und alle hadronische Materie.6 Unsere Welt, sie endet hier.»
Bei diesen Worten begannen die Lichtgestalten sich wieder in farbige Photonenschleier aufzulösen.
«Geht jetzt! Dies ist kein guter Ort für hadronische Wesen. Manchmal brechen die Dämme. Ein Multidimensionsstrudel, wir spüren ihn.»
Der Panik nahe sprangen wir auf das Floß. Ich betete zu allen mir bekannten Göttern und Götzen des Multiversums, das Floß möge schnell genug und das Tor wieder offen sein. Schon tauchte es vor uns auf. Es war geschlossen. Hinter uns ein Dröhnen, das unsere Trommelfelle zu zerreißen drohte. Wir wagten nicht uns umzudrehen. Ich ahnte das Aufreißen der sich um uns herum verdunkelnden Welt. Statt der Pforte dräute vor uns Finstergold. Wir schrieen wie aus einer Kehle als wir in die massiv wirkende Goldnacht rasten. Eine Melange von Gold und Schwärze stob an uns vorbei. Das Tor sprang auf. Das Floß rammte die Schwelle. Wir flogen in hohen Bogen auf den Mosaikboden. Hinter uns schlug krachend die Pforte zu. Ich rappelte mich hoch.
«Merryll!»
Er war in eines dieser Lanzettfenster gestürzt und versuchte sich herauszuziehen. Ich flog zu ihm, packte ihn unter den Axeln. Die anderen kamen zur Hilfe. Kaum hatte er festen Boden unter den Füßen, erschütterte ein Beben die Mosaikebene. Es fehlte nicht viel und wir wären gemeinsam in den Abgrund gestürzt, aus dem wir gerade meinen Liebsten befreit hatten. Ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Luft.
«Zum Schiff!» Schrie ich.
Wir rannten um unser Leben.
Ich startete durch. Die Besatzung presste es in die Sitze. Aus dem Lautsprecher dröhnten die Pea-Brains. Vor uns öffnete sich ein Wurmloch. Wir tunnelten uns in heimeligere Gefilde unseres Provinzuniversums.
Ich drehte mich um. Merryll war grün im Gesicht, ein hübscher Kontrast zu seinen Lila Augen. Tamir Tabah grinste breit, umklammerte aber immer noch Fenets Hand.
«Puh, das war knapp! Dann doch lieber zerstrahlt im Quantennirwana als Verschollen oder Schlimmeres im Outback der Multiversen.» Ich lachte und das Lachen befreite. «Und wo geht’s als nächstes hin? Wie wär’s mit immer der Nase nach von einem Rand unserer 3-Bran-Scheibenwelt zum anderen, – Ptolemäus revistet.»
«Waas?» kam es wie aus einem Munde.
«Vergesst es, – Provinzgeschichte.»
Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…
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Geb. 1957 in Hannover, Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Volkskunde, Sprache und Kultur Vietnams in Hamburg, Promotion; verschiedene wissenschaftliche und literarische Publikationen, lebt als freie Autorin und Philosophin in Goslar/D
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1 Quasikristalle sind scheinbar aperiodisch. Ihre Periodizität ist erst in einem höherdimensionalen Raum zu erkennen.
2 Wortspiel der Physiker: p-Brane ist lautgleich mit Pea-Brain, Erbsenhirn. Brane: von Membran. p-Brane: Lösung der Einsteinschen Gleichung E=mc². P-Branen expandieren in einige Richtungen unendlich. In einer Dimension wirkt eine p-Brane wie ein schwarzes Loch und fängt Objekte ein. P steht für die Anzahl der räumlichen Dimensionen.
3 Platon, Timaios, 49 a, vgl. 52 d.
4 Als Bulk (engl. Groß, Großsteil, Gros) wird der umfassende höherdimensionale Raum bezeichnet, in dem alle Branenwelten versammelt sind. Er ist die «Ortschaft aller Orte und Zeitspielräume», von der Heidegger spricht, das griechische Xaos, der gähnende Abgrund und Platons Chora, die Tiefe, die Spalte oder Kluft.
5 Hätten wir die Möglichkeit, so geht die Theorie einiger Physiker, die Natur soweit zu vergrößern, dass selbst winzigste Strukturen mit Plank-Länge (10-35 m) sichtbar würden, löse sich die Kontinuität von Raum und Zeit auf und ein diskretes, gequanteltes Spin-Netzwerk eindimensionaler Fäden würde sichtbar, bzw. auf Grund der Unschärferelation, die quantenphysikalische Überlagerung aller möglichen Zustände. Der Spin ist der Eigendrehimpuls eines Elementarteilchens. Seine mathematischen Eigenschaften sind mit Netzwerkverknüpfungen vergleichbar, wie ein Gewebe aus eindimensionalen Fäden. Ist das Bulk eine Art Prägeometrie, so das Spin-Netz oder der Quantenschaum eine Art Protogeometrie oder –Prototopologie, aus der eine konkrete Raumzeit erst emergiert.
6 Normale aus Quarks zusammengesetzte und der Starkenwechselwirkung (Hadron) unterliegende Materie. Während einige Teilchen sich frei in allen Branenwelten und im Bulk bewegen können, solche die Anregungszustände geschlossener Strings sind wie das Graviton, können andere, Anregungszustande offener Strings, sich nur entlang der Raumdimensionen bestimmter Branenwelten bewegen, sind also Gefangene der Branenwelt. Was für die Elementarteilchen gilt, trifft auch auf Objekte und Wesen zu, die aus diesen Teilchen bestehen. Wir leben, so die Theorie einiger Physiker, in einer 3-Branwelt.
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[1] Quasikristalle sind scheinbar aperiodisch. Ihre Periodizität ist erst in einem höherdimensionalen Raum zu erkennen.
Das Zitat der Woche
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Über die Musik als Spezialwissenschaft
Ludwig Kusche
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Was man in den musikwissenschaftlichen Büchern unserer Zeit zu lesen bekommt, ist für den musikfreudigen Laien so gut wie unverständlich und für den ausübenden Berufsmusiker so gut wie unbrauchbar. Vor allem regen diese Bücher den Leser nicht zum Nach- und Weiterdenken an, was mir als das Wichtigste eines Buches erscheint. Sie geben den letzten Stand der Forschung, ohne uns fühlen oder ahnen zu lassen, daß auch noch tausend andere Wege nach Rom führen können und die Arten der Kunstbetrachtungen so mannigfaltig sind wie die Betrachtungen über das menschliche Leben.
Musik ist mehr und mehr zu einer Spezialwissenschaft geworden, die schon längst an der Technischen Hochschule gelehrt werden sollte, statt an einem Konservatorium. Auch die Ausdrücke, die man zur Erklärung oder Schilderung von Musikwerken verwendet – es gibt fast nur noch fremdsprachige Formulierungen -, stammen kaum noch aus dem Sprachschatz des Musikalischen oder Musischen. Neunzig Prozent aller heutigen Definitionen über Musik verwenden Lehnworte aus den Gebieten der Philosophie, Physik, Chemie, Politik oder Ballistik. Kein Musikschriftsteller oder Musikkritiker würde sich heute eine Blöße geben, wenn er von der Statik einer Bachsehen Fuge spräche. Was dem einen seine Monadenlehre, ist dem anderen sein Hoch- und Tiefbauamt… ■
Aus Ludwig Kusche, Der nachdenkliche Musikant, Heimeran Verlag 1958
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Der «eighth-blackbird»-Kompositions-Wettbewerb
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Gesucht: Neue Sextett-Musik
Das amerikanische Kammersextett «eighth blackbird» lädt zu seinem ersten internationalen Kompositionswettbewerb ein. Der Preis ist mit 1’000 US-Dollars dotiert, teilnehmen können Komponist(inn)en ungeachtet ihres Alters und ihrer Nationalität. Die eingesandten Werke sollen für die Besetzung des Sextetts geschrieben sein: Flöte, Klarinette, Violine/Viola, Cello, Perkussion und Klavier, wobei eine Dauer von 5 bis 15 Minuten gewünscht ist. Einsende-Schluss ist am 1. Mai 2010, weitere Details finden sich hier.
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Das neue Glarean-Schachrätsel
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Schach-Kreuzworträtsel im Februar 2010
Lösung: —>(weiterlesen…)
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Kurzprosa von Rainer Wedler
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Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt
Rainer Wedler
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Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt, wie auch, der war schließlich tot, ziemlich lange schon. Hermann Bahlsen ficht das nicht an. Leibniz hat noch Glück gehabt, weil Bismarck schon für den Hering vergeben war. Nicht auszudenken, ein saurer Leibnizhering mit weichen Gräten! Immerhin kriegt der Leibniz postum als Cakes eine Goldmedaille auf der Weltausstellung in Chicago, wenn schon die Welfen ihren Philosophen nicht zu schätzen wussten. Leibniz – Hannover – Bahlsen – Keks. Natürlich hat der hinterlistige Herr Bahlsen die Konnotation gewollt: Bahlsenkeks – dem Leib nizt! Und was haben wir heute? Den couch cake. Der Gerechtigkeit halber sei allerdings hinzugefügt, dass viele dem Hannoveraner gefolgt sind, die Beukelaers und die Griessons, die Lambertzs und die Coppenraths usw. usf.
Ich kekse, wenn du kekstest.
Ich kaks bereits, sagst du, mein Keksweib, meine Kebse.
Wie schade, wo wir doch stets zusammen keksend auf dem Laken lagen.
Und Krümel piekten.
Nicht wenn ich die Kekse im Apfelkorb versteckte.
Und doch, sagt sie, die Kekse haben Zähne.
Ich weiß, ich weiß, bei Leibniz sind´s gar 48. Wenn ich genau sein will, sind an den vier Ecken noch furchteinflößend große Reißzähne, macht nach Adam Riese 52.
Und du, sagt sie, hast nicht mal 32 mehr.
Du gehst mir auf den Keks, sag ich, ich kekse jetzt allein, du Keifweib von einer Kekse.
Leibniz sei´s geklagt, der Keks ist alt und wabbelig, heraus kriecht die Monade. Die Keksverkäuferin hat mich betrogen, die graugraue Kellerassel, die nachts nackte Egelschnecke. Zu hoch gegriffen, Freund, es fehlt das on, genau schau hin, es ist nur eine Made, eine ganz gemeine Made nur, just made in Moder. Da hat sich´s ausgekekst.
Kegelkekse sollen rollen für den Sieg. Siech heil! Was sollen Prinzenrollen sollen? Nichts und abermals nichts. Kackkekse sind´s, dreh fleißig die beiden runden Deckel gegenläufig in deinen warmen Händen, bis sie sich lösen. Was siehst du dann? Kackbraunen Keksekleber, den Kinder mit viel zu großen Schneidezähnen herunterkratzen, bis sie Keksbrei kotzen (pardon!) und das Verhältnis der Anzahl ihrer Zähne sich bald verschlechtert zur Leibnizzahl von 52.
Der Keksfortschritt in Gestalt des Fortschrittskekses ist unaufhaltsam. Panta rhei. Heraklit soll´s gesagt haben, sagt Simplikios aus Kilikien, sagt die Zunft der Philosophen. Aber auch das Volksgut weiß davon zu berichten: Und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein (neues) Kekslein her. Und das heißt: Soft Cake Orange. Kein Agent Orange zwar, doch reicht´s, die Geschmacksknospen zum Verdorren zu bringen. For ever! Einen Big Mac in seinen Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Zur Not kommt er eben als Cake Orange. Basis = ein fluffy Keks, Zwischenlage = Pampe mit chemorange Geschmack, obendrauf ein Schokoladenhut, tut immer gut.
Wer nun glaubt, der Panzerkeks schützte ihn gegen alle Arten von aufdringlichen, aber auch heimtückisch getarnten Keksen, der irrt. Er ist ein großer Irrer vor dem Herrn, aber er möge sich trösten, er ist nicht allein. Hier gilt die altüberlieferte Weisheit: errare humanum est (nach Hieronymus, Brief 57). Der Panzerkeks, auch Panzerplatte, ist zwie- und dri-, gar viegebacken, furztrocken ist er dann und diente einst als Proviant für Krieger und Seeleute. Letztere tunkten ihn ins Brackwasser ihrer Trinkgefäße, dann schoben sie die amorphe Masse zwischen ihre skorbutösen Zähne und würgten sie hinunter. Als Heldenspeise hat das panis militaris bis heute überlebt und soll so manchem zum Überleben verholfen haben. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Schnupftabaksdose des Alten Fritzen. Das schussfeste Stück, nicht Friedrich, die Dose natürlich, kann heute noch im Museum bewundert werden. Und was, bittschön, ist der Unterschied zwischen einem kleinen Holzkästchen und einer Panzerkeks 4x5x0,5 cm?
Alleine keksen ist wie einsam koksen, ergo mach ich kehrt und kriech auf krebsesweise zurück zu meiner Kebse. Genug des Stabens, wo laben wir denn? Im Labsaal, dem dämmerig erleuchteten, da find ich sie, ausgebreitet in ihrer ganzen Pracht, aufbereitet, ja zubereitet und wunderbar drapiert. Für mich? Für mich! Fürcht ich mich? Ich Johann Fürchtegott und sonst nichts auf der Welt.
Mein süßer kleiner Knabberkeks, so fang ich an.
Nichts, nur ihre Kügelchen gehen langsam auf und ab und auf und ab.
Rate mal, was ich dir mitgebracht?
Nichts, nur ihre Kügelchen…
Einen Glückskeks.
Nichts, nur…
Knusper, knusper Knäuschen, welch Sprüchlein ruht in meim Kabäuschen?
Sie stellt die Beine auf, sie lebt!
Ich singe: Wie freu ich mich, wie freu ich mich, wie treibt mich das Verlangen.
Die Quietschkautsch fällt ein in meinen Lustgesang.
Lass den Qietsch, sagt sie unwirsch. Und räkelt sich und röchelt was, ruckeldiezuckel, fällt hinter sich. Aufs Kanapee. Zurück
Bleib liegen, Wittchen weiß wie Schnee! Mein Zweiunddreißigzähnigs.
Wer knappert an meim Kekschen? fragt sie.
Ich bin´s der Wolf und fress dich auf mit Haut und Härchen.
Ich ruf den Jägersmann und dann! Und dann.
Dass ich nicht lach, der weide Mann hat sich verkekst im finstern Tann, wo ihm der Fuchs geklaut sein Navy-Navi. Warum auch hat er nicht sein Waldi-Navi mitgenommen.
Du kecke quecke Schnecke, steh auf und wandle, dich, und mich zum Zwecke, weißt schon was.
Warum schon wieder das!
Why not! Und dies und das, zum Spaks, mein Knabberkeks. Vastekst?
Notwendiger Ekskurs: Prof. Dr. Käk S. Deause will in seiner über erkleksliche Jahre sich erstreckenden Forschungsarbeit herausgefunden haben, dass ein direkter Zusammenhang bestehe zwischen dem Keks als solchem und der Libido als solcher, nicht hingegen zwischen der Libido an und für sich und dem Keks für sich an. Alles Keksolores, meint hingegen sein schärfster Widersacher in rebus panificiorum Prof. Dr. mult. Butt R. Cakes von der Oxford University, Department Cooking & Baking, Deause habe als Franzose die Interessen der Biscuit- und Gâteaulobby der Grande Nation vertreten, man solle sich doch nur einmal seinen Namen genau ansehen. Damit stehe er, Deause, in der verkorksten Tradition des unseligen Marquis de la Galette, der im Fin de Siècle eine Professur an der Sorbet in Paris innehatte, dem man den Schlund beizeiten mit Brei von Keks hätte zustopfen müssen. Der Wissenschaftsgesellschaft wäre viel Ungemach erspart geblieben.
Ich, Schüler des kritischen Empirismus, neige nach zahlreichen Experimenten und deren exakter Auswertung den Ergebnissen der Deauseksen Forschung zu, ja, ich würde sie, wenn es denn sein müsste, jederzeit in einem Streitgespräch verteidigen. Und, dies würde allerdings die Grenzen der Sittlichkeit für manchen überschreiten, und ich würde sogar einen kleinen Kreis von Exzellenzforschern zu einem Feldexperiment einladen.
Zurück in der guten Stube.
Der Boden voller Brösel. Der Bröselhund ist tot, der Putzfrau hat gekündigt, was tun? Tschto delat? (Lenin 1912) Das haben wir´s: Schoko lad. Der dunkle Schokokeks, die Haare wirr, liegt immer noch auf weicher Lade, schade, und weiß nicht, tschto delat.
Der tiefe Brunnen weiß es wohl; In den gebückt, begriffs ein Mann, Begriff es und verlor es dann.
Hartkeks, der ich bin, partiell, doch immerhin, lass ich mich von dir erweichen, deiner weichen Weisheit.
Dann komm, mein Prinz, zum Doppelkeks.
Pan di stelle meldet sich zum Dienst, tiefbraungebrannt, hochdekoriert mit elf Zuckersternen, leuchtend weiß wie Kristall, fürs Nahkampfkeksen ohne Kettenhemd und Helm. Reiß mir die Sterne ab, Kiksilitzchen sind´s sonst nichts, und degradier mich zum Gemeinen! Ganz unten will ich wieder anfangen und mich hochkeksen in der Kekserkarriere, mir Stern für Stern aufs neu im ketzerischen Kebsendienst erwerben.
Nun aber, in Zeiten fortschreitender Profanierung des Heiligen, so auch des allerheiligsten Kekses, duplo und dreieinig, soll´s Kekse geben in Form und Größe von Visa Card und Visitenkarten. Darf ich Ihnen meinen Visitenkeks überreichen? Oder:tut mir leid, aber wir akzeptieren keine Visakekse. Nicht bewährt hat sich der Postkartenkeks. Nicht einer soll den Empfänger nach der Stempelung unverkrümelt erreicht haben, die Deutsche Post weigert sich daher, weiterhin Kartenkekse zu befördern. Natürlich ist es jedem unbenommen, seinen Nachrichtenkeks höchstpersönlich zu überbringen, es sind allerdings nur wenige derartige Fälle bekannt geworden und diese sollen sich auf innerörtliche Bereiche erstreckt haben. Kinder, so geht die Fama, haben sich als nicht zuverlässig erwiesen, weil sie – man hätte es sich denken können – die Nachrichtenkekse kurzermund gegessen haben.
Eine längere Karriere war dem Kassiberkeks beschieden. Lesen und essen ist eins. Da konnten die Ärzte noch so oft röntgen oder lange auf den Stuhlgang warten, nichts zu sehen, nichts zu finden, viel zu riechen. Mancher Kokserchef hat seine Geschäfte aus dem Knast problemlos weitergeführt. Auf welch krummen Wegen nun irgendein Kriminaler, dem das Ganze gewaltig auf den Krimikeks gegangen war, hinter das Geheimnis gekommen ist, weiß die interessierte Öffentlichkeit bis heute nicht. Die Behörden mauern. Den Journalisten zeigen sie die Monsterkekseszähne.
«Back dir deinen Feind» war der Slogan für den Psychokeks aus der Esoterik-Dunkelkammer. Mitgedacht war natürlich „Und friss ihn!“ Menschenschützer haben dem Spuk ein Ende gesetzt. Allerdings mussten sie einen weiten Weg gehen über alle Instanzen bis nach Karlsruhe. Ob der Geschäftsfrachter heute unter fremder Flagge fährt, weiß ich nicht, denkbar ist es alle Mal.
Mir jedenfalls hat der Mörderkeks als solcher sehr gut getan, und keiner kann mich daran hindern, hin und wieder mir einen Feind zu backen und zu fressen und letztendlich der cloaca maxima zuzuführen. In schönster Bastarda für den älteren Feind oder in Verdana für jüngeren steht auf dem keksekleinen Platz, um nur zwei Beispiele zu nennen: Möge es dir übel ergehen im Lande (Bastarda) oder To hell with you, motherfucker! (Verdana). Ich kann mir Zeit lassen, die Rache kalt genießen, erst die Zähne am Rand abbeißen, dann Wort für Wort zerbeißen und zerspeicheln. Genuss ist langsam oder er ist nicht (deutsches Volksgut).
Oh du mein Rehkikslein auf dem Canapee. Schokoladentaler hast du statt Augen! Ohnegleichen locken deine Brüste!! Oh mandelförmiger Cantuccio sempre umido!!! An dir möcht ich mich totfressen, Komet werden am vollbekeksten Firmament, als neuer Keks dort leuchten in Ewigkeit Amen. ■
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Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita»; zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen
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