Glarean Magazin

Das Zitat der Woche

Posted in Hartmut von Henting, Medien, Zitat der Woche by Walter Eigenmann on 23. November 2009

.

Über die Gewalt des Fernsehens

Hartmut von Hentig

.

Wenn die Vorstellungswelt der kleineren Kinder vornehmlich mit den Bildern des Fernsehens angefüllt wird, muß dessen Programm einer strengen Kontrolle unterliegen. Ich weiß, das Problem ist schwierig: Die Darstellung von Gewalt als Unterhaltung ist sträflich. Die Darstellung von Gewalt als Tatsache menschlicher Existenz ist notwendig, schon damit man ihr Einhalt gebietet. Aber eben darin liegt ein Maßstab – nicht zuletzt für das Fernsehen der Erwachsenen, vollends für das Fernsehen der Kinder. Man muß sich um ihn bemühen.

Diesen Vorschlag wird man mir als Bevormundung des Bürgers – der Eltern wie der Kinder – mit Empörung verweisen. Ich nehme beides hin, die Empörung und die Verweisung, sobald man die Schulgesetze, die Richtlinien und Lehrpläne abgeschafft hat und aufhört, jedes Schulbuch durch die Kultusbehörde zu kontrollieren und zu genehmigen. Die Wirkung dessen, was in Schulbüchern «steht», wird überschätzt. Die Wirkung dessen, was im Fernsehen «geschieht», wird unterschätzt. Das liegt schon in den Verben begründet. Ebenso schlimm wie die harte Gewalt im Fernsehen ist die sanfte Gewalt durch das Fernsehen: die Gewöhnung, die Passivität, die Wahrnehmung der Ereignisse und Schicksale, die mein Leben so hoffnungslos unbedeutend erscheinen lassen, die Überwältung durch die immer schon ohne mich vollzogene Geschichte. ■

Aus Hartmut von Henting, Die Schule neu denken, in: Pädagogik und Ethik, Reclam Verlag 1996

.

.

.

.