Siggi Liersch: «Köttelbug, ich & andere», Kurzprosa
.
Literarische Reanimation des Dadaismus
Bernd Giehl
.
Eines muss man Siggi Liersch ja lassen: Mut hat er. Schon das Bild des Autors auf dem Cover wirkt eher abschreckend. (Womöglich ist es mit einem extremen Weitwinkelobjektiv aufgenommen worden, einem sogenannten „Fisheye», das den Abgebildeten dicker macht, als er wirklich ist…) Dass dieses Bild allerdings nicht zufällig ausgewählt, sondern Programm ist, merkt man bald, wenn man den einen oder anderen der «Kurzprosa» genannten Texte aufschlägt.
In den ersten beiden Teilen, «Köttelbug» und «ich», ist keiner länger als eine Seite. Die meisten Texte haben einen Umfang von einer drittel bis einer halben Seite. Es handelt sich um ins Groteske gesteigerte Beobachtungen aus dem Alltag, oder dann um Traumsequenzen. Ein Kartenspieler sitzt in einem Raum, in dem die Vorhänge zugezogen sind und gewinnt eine halbe Frau, vom Bauchnabel abwärts, die zudem aussätzig ist. Er möchte ins Freie, wo Geckos an Holzmasten sitzen und von denen einer gerade seine halbe Frau verspeist. («Spiel»). In einem anderen Text («Avantgarde») verwirklicht ein bisher unbekannter Komponist namens Molotow («nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen, politisch orientierten Namensvetter») den Traum der Futuristen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und bringt in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen ein Orchester auf die Bühne, das statt mit Violinen, Oboen und Blechblasinstrumenten mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Splitterbomben bewaffnet ist.
Offensichtlich hat da einer den Dadaismus, jene von Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp und anderen 1916 in Zürich erfundene Kunstrichtung, noch einmal für sich neu gefunden. Eine schöne Definition von «Dada» habe ich im «Funkkolleg Moderne Literatur» von 1993 gefunden. Laut Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck kam «Dada [...] aus dem Leib eines Pferdes als Blumenkorb.» (Studienbrief 4, 12/6) Oder anders gesagt: Dada verbindet möglichst disparate Elemente zu einem Ganzen. Dinge werden montiert, die in der Realität sonst nichts miteinander zu tun haben. In den Texten des studierten Germanisten Siggi Liersch feiert dieses Prinzip Wiederauferstehung. Auch die über das Buch verstreuten Collagen sind im Stil des Dadaismus gehalten.
Ob man das alles ernst nehmen muss? Meiner Meinung nach sind es eher sinnfreie Texte, die mit der Realität nicht allzu viel zu tun haben. Aber über Dada und die Frage, ob es einen Sinn im Unsinn gibt, lässt sich bekanntlich wunderbar streiten. Wobei man in einer Zeit, in der eine Partei Steuersenkungen fordert, obwohl sie weiß, dass der Staat so hoch verschuldet ist wie nie zuvor, schon einmal darüber nachdenken kann, ob das Groteske nicht langsam immer mehr zur Realität wird und man der Realität (allenfalls) noch mit Satire beikommen kann…
Siggi Liersch, Köttelbug, ich & andere, Kurzprosa und Collagen, 152 Seiten, BoD Norderstedt, ISBN 978-3-8391-2179-5
.
Kompositionswettbewerb für Geistliche Musik
.
Werke für 1 Vokalist/in und 4 Instrumentalsolisten
Das gesamteuropäische Kirchenmusik-Festival 2010 in Schwäbisch-Gmünd vergibt in Zusammenarbeit mit dem Südwest-Rundfunk einen international ausgeschriebenen Kompositionsauftrag zur Förderung zeitgenössischer geistlicher Musik. Unter dem Festival-Motto «Jung und Alt» können Werke für einen Vokalisten oder eine Vokalistin und maximal vier Instrumentalsolisten eingereicht werden. Die prämierte Komposition soll im Sommer 2010 im Rahmen des ökumenischen Eröffnungsgottesdienstes uraufgeführt werden, wobei das biblische «Gleichnis vom verlorenen Sohn» aufgegriffen werden soll; «es können aber auch andere deutschsprachige Texte eingefügt oder für sich vertont werden, z.B. die Kurzgeschichte ‘Heimkehr‘ von Franz Kafka).» Der Wettbewerb ist mit 2’500 Euro dotiert, Einsende-Schluss ist am 4. Januar 2010; die weiteren Details finden sich hier.
.
.
.
.
.
Das Zitat der Woche
.
Über das Unterhaltende und das Ernste
Heinz Ludwig Arnold
.
Die Frage, wie ernst Unterhaltendes und wie unterhaltend Ernstes sein könne, ist nicht eindeutig, weil nur individuell, nämlich durch Praxis: durch unterschiedliche und momentane Erfahrung zu beantworten.
Warum kann nicht ein und der(die)selbe ernsthaft unterhalten werden von einmal der Lektüre Shakespeares, Flauberts, Joyce’, von andermal dem Schmökern in Scott, Hugo, ja: Karl May, Chandler, Dick Francis oder Donna Leon? Von Kammermusik und sinfonischer Musik, von Strenge und Pathos, von Mozart und Beethoven, Bach und Scarlatti, von Mahler und Rachmaninov, von Bruckner und den Rolling Stones, Schostakowitsch und den Beatles und Oscar Peterson usw.? Alles zu seiner und mit seiner Zeit.
Denn die Frage ist: Wieviel Zeit nehme ich mir, um mich ernst zu unterhalten oder um mich, mich unterhaltend, ernst zu nehmen. Denn die Einübung in komplexere (literarische, musikalische, bildnerische) Techniken ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ich mich auch bei der Beschäftigung mit komplexen Texten, Kompositionen, Bildern unterhalte und nicht für nur ernsthaft ausgebe, was mir Mühe bereitet, und für unterhaltsam, was mir jene Anstrengung erspart, die ja eine kulturelle Leistung ist. Sie aber kostet Zeit.
Denn wer ernsthaft unterhalten sein will von Literatur und Theater, Kunst, Musik und Film muss vor allem neugierig sein bei ihrer Entdeckung, muss sich anstrengen bei ihrer Aneignung und Geduld haben bei ihrer Durchdringung, muss schließlich Phantasie entwickeln bei ihrer Anwendung. All dies kostet vor allem eines: nämlich Zeit. Und Zeit zu haben ist heutzutage der Luxus…Aus Heinz Ludwig Arnold, Luxus, in: Lesen Sie auch nie? – Tintenfass Nr.26, Diogenes Verlag 2000
.
.
.
.
.
Literatur-Wettbewerb zum Thema «Essen»
.
Der Putlitzer Kurzprosa-Preis 2010
Der Literaturverein «42er Autoren» schreibt den internationalen «Putlitzer Preis 2010» aus. Thema des Wettbewerbs 2010 ist «Essen». Teilnahmeberechtigt sind alle Autoren, Profis wie ambitionierte Nachwuchsschriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben. Einzureichen sind Kurzprosa-Manuskripte mit maximal 1’000 Wörtern. Einsende-Schluss ist am 15. Oktober 2009, die weiteren Details finden sich hier.
.
.
.
.
.
Aufgeschnappt
.
Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan?
Die Berliner Zeitschrift «Literaturen» meint in ihrem jüngsten Heft, der US-Pop-, Folk- und Rocksänger Bob Dylan sollte den nächsten Nobelpreis für Literatur erhalten. Denn immerhin sei er «der einflussreichste und wirkungsmächtigste Lyriker der Moderne». Das Werk des inzwischen 68-jährigen sei «lebendig und bleibt in Bewegung, nicht zuletzt durch ihn selbst und die fortgesetzte Neuinterpretation seiner alten Songs», heißt es in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift. «Bei ihm wird aus Dichtung Musik und aus Musik Poesie», schreibt das Heft weiter; «Einer wie er sollte endlich den Literaturnobelpreis bekommen.»
Alljährlich im Oktober vergibt in Stockholm das Nobelpreis-Komitee diese in verschiedenen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen dotierte, hoch angesehene Auszeichnung. Die Literatur-Preisträger der letzten fünf Jahre waren Elfriede Jelinek, Harold Pinter, Orhan Pamuk, Doris Lessing und Jean-Marie Gustave Le Clézio. Pro Jahr gehen nach inoffiziellen Angaben bis zu 300 Nominierungen in Stockholm ein. Vorschläge einreichen können neben Literatur- und Linguistikprofessoren auch frühere Preisträger, Mitglieder der Schwedischen Akademie und Vertreter von Schriftstellerverbänden.
.
.
.
.
.
.
Der brillante Schachzug (47)
.
Schwarz am Zuge
Kunz-Meinhold, CorrGame 1958
.
5nk1/2qr1ppp/3prb2/p1p5/PpP1P1Q1/4BP2/1P1R2PP/2NR2K1 b – - 0 24
.
.
Lösung: —> (mehr…)
.
.
Herbst-Haiku (4)
.
Wie der Glocke Ton
aus der Ferne mühevoll
durch den Nebel dringt!
.
______________
Onitsura(1660-1738)
(Ü: Coudenhove)
.
.
.
Musik für Viola mit Nils Mönkemeyer
.
Hochklassig musiziertes Bratschen-Album
Christian Schütte
.
Immer wieder neu aufgehende Stars und Sternchen sind am Himmel der internationalen Geigenszene beinahe schon zum täglichen Geschäft geworden. Bei Bratschern sieht das ganz anders aus, was zum einen eher pragmatisch daran liegt, dass es einfach nicht so viel Sololiteratur für dieses Instrument gibt. Zum anderen wird sich die Bratsche wohl niemals in ihrem Prestige und Ansehen aus dem Schatten der Geige befreien können. Ein junger Musiker, der diesen Weg seit einiger Zeit erfolgreich beschreitet, ist Nils Mönkemeyer. Gerade hat der 31-jährige bei Sony sein neues Album, begleitet von den Dresdner Kapellsolisten unter der Leitung von Helmut Branny, herausgebracht.
Das Programm lädt nur schon beim Lesen zum Hinhören ein. Zwei Viola-Konzerte heute nahezu in Vergessenheit geratener Komponisten bilden den Rahmen, das G-Dur-Konzert von Antonio Rosetti und das D-Dur-Konzert von Franz Anton Hoffmeister. Dazwischen hat Mönkemeyer eigene Bearbeitungen für sein Instrument von Arien und Chorsätzen aus verschiedenen Kantaten Johann Sebastian Bachs eingespielt.
Franz Anton Hoffmeister lebte zur gleichen Zeit (1754 bis 1812); geboren in Rottenburg am Neckar, zog es ihn später nach Wien. Dort betätigte er sich nicht nur als Komponist, sondern auch als Musikverleger und gab als solcher Werke Mozarts und Haydns, die er beide persönlich kannte, heraus. Stilistisch ist er noch hörbarer als Rosetti von den beiden großen Vorbildern seiner Zeit geprägt. In Ermangelung entsprechender Werke in dieser Epoche ist das D-Dur-Konzert zum Pflichtstück für Vorspiele um Viola-Stellen in Berufsorchestern geworden und hat somit den Status eines Standardwerkes bekommen. Durchaus zurecht, bietet es dem Solisten vielfältige Möglichkeiten, die Viola in einer großen Bandbreite an Facetten zu zeigen – sowohl als virtuoses, dynamisches Instrument wie auch als lyrisch-kantables. Mönkemeyer lässt sich auch diese Gelegenheit nicht entgehen und stellt sein großes Können eindrucksvoll unter Beweis. Sehr transparent und präsent begleiten ihn die Dresdner Kapellsolisten unter Helmut Branny, der großen Wert darauf legt, auch in der Begleitung einzelne Instrumentalstimmen klar herauszustellen und keinen typischen Orchesterklang zu erzeugen.
Gleiches gilt auch für die Bearbeitungen der Bach-Kantaten. Die Auswahl der Stücke wirft allerdings Fragen auf. Der Eingangschor aus BWV 207a «Auf, schmetternde Töne der muntern Trompeten» ist ein durchaus imposantes Stück, im Orchester von Trompeten begleitet. Diese Üppigkeit und Brillianz des Originals – es ist ein Huldigungschor an den Sächsischen Kurfürsten – geht in der Bearbeitung leider weitestgehend verloren, die Trompeten fehlen ganz und auch ist es schwierig, mit nur einer Bratsche einen vierstimmigen Chor zu ersetzen. Da sind filigrane Stücke wie die Bass-Arie «Ich habe genug» aus BWV 82 wesentlich besser geeignet.
Ein durchwegs hochklassig musiziertes Album ist hier entstanden, was nicht nur Bratschen-Liebhabern gefallen wird. Und es macht neugierig auf die weitere Karriere von Nils Mönkemeyer. ■
Nils Mönkemeyer, Bratsche: Weichet nur, betrübte Schatten – Musik von Rosetti, Bach und Hoffmeister; Dresdner Kapellsolisten, Helmut Branny; Sony Music 2009, 66 Min.
Inhalt
- Antonio Rosetti: Konzert G-Dur für Viola und Orchester, Allegro–Grazioso-Rondo;
- Johann Sebastian Bach: Kantaten – Auf, schmetternde Töne der muntern Trompeten (BWV 207a), Weichet nur, betrübte Schatten (BWV 202), Augustus’ Namenstages Schimmer (BWV 207a), Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten (BWV 78), Schleicht, spielende Wellen, und murmelt gelinde (BWV 206), Ich habe genug (BWV 82)
- Franz Anton Hoffmeister: Konzert D-Dur für Viola und Orchester Allegro – Adagio – Rondo
.
.
.
Literaturwettbewerb «Winter und Weihnachten»
.
Weihnachtsgeschichten für Erwachsene
Das deutsche «Literaturpodium» ruft zu einem Literaturwettbewerb «Winter und Weihnachten» auf. Eingesendet werden können Erzählungen und Gedichte «rund um Winterlandschaften, Adventszauber und Knecht Ruprecht. Form und Inhalt sind frei variabel. Wert gelegt wird auf literarische Qualität und Eigenständigkeit. Weihnachtsgeschichten für Erwachsene sind gesucht, auch kann dem nachgegangen werden, warum der Schnee immer öfter ausbleibt. Von der gelungensten Überraschung aus Kindheitszeiten ließe sich berichten u.v.a.». Es dürfen maximal zwölf Gedichte eingereicht werden. Prosa sollte 15 Seiten nicht überschreiten, Auszüge aus einer längeren Erzählung sind möglich. Einsende-Schluss ist am 27. Dezember 2009, die weiteren Details finden sich hier.
.
.
.
.
.
Das Zitat der Woche
.
Vom Verlagsgeschäft im Zeitalter des World Wide Web
Ulrike Langer
.
Wenn Tim Berners-Lee das World Wide Web mit typischem Verlagsdenken ersonnen hätte, dann gäbe es heute kein weltumspannendes Netz, das Webseiten und ihre Inhalte miteinander verknüpft und Weltwissen auf unendlich vielen Pfaden verfügbar macht. Es gäbe bloß Anhäufungen von großen und kleinen und mehr oder weniger autarken Inseln mit Inhalten. Aber keine Möglichkeit, von einer Insel auf die andere zu gelangen und dabei Neues zu entdecken.
Den Kerngedanken des Web – die Verbindung fremder Webseiten per Link – haben die meisten deutschen Verlage bis heute nicht begriffen. Ihre Webportale sind voll von Beiträgen, die außer Hinweisen auf andere eigene Beiträge keinen einzigen hinausführenden Link zu Originalquellen, anderen Perspektiven oder vertiefenden Informationen enthalten. Dahinter steckt die unausgesprochene Prämisse, die Verlage seit ihren ersten Schritten im Internet als gegeben voraussetzen: Man schickt niemals seine Leser auf andere Websites. Sie könnten dort etwas Interessanteres finden, und darüber könnten sie doch glatt vergessen zurück zu kommen.
Weil Verlage ihre Portale nicht als attraktive Knotenpunkte im Web, sondern als autarke Inseln begreifen, tun sie alles (und zwar fast alle das Gleiche), um die Nutzer zum Bleiben zu bewegen und viel zu wenig, um Nutzer dazu zu bewegen, freiwillig wieder zu kommen. Auf diese Weise vergeben sie zahlreiche Chancen:
* Agenturberichte, Kinokritiken oder Kochrezepte gehören nach Verlagsauffassung zu einem vollwertigen Portal dazu. Schließlich sind solche Bausteine, auch wenn sie jeder hat, ja auch Bestandteile der gedruckten Zeitung. Doch das ist Printdenken im Web. Anders als am Frühstückstisch, wo die meisten Menschen nur ein einziges Blatt lesen, sind im Netz die identischen Allerweltsinformationen immer nur einen Mausklick entfernt. So führt das Portaldenken dazu, dass einzigartige Inhalte gegenüber Versatzstücken, die jeder hat, nicht genügend im Vordergrund stehen. Das kleinteilige Design der meisten Zeitungswebsites verstärkt die falsche Prioritätensetzung noch obendrein.
* Verlage reichern ihre Websites nicht mit dem Mehrwert an, den sie durch Verlinkung gewinnen könnten. Das zu beherzigen, fordert Jeff Jarvis: «Tue, was Du am besten kannst und verlinke zum Rest.» In der Linkökonomie muss nicht jeder das Rad neu erfinden und nochmals niederschreiben, was viele andere vielleicht schon treffender gesagt haben. Viel sinnvoller ist, zu den besten dieser Quellen zu verlinken.
* Verlagsportale, die nicht verlinken, denken nicht vom Nutzerinteresse her und bieten ihren Lesern dehalb nicht den größtmöglichen Service. Sie verkennen, dass es für die Leser einen großen Wert hat, von einer Website regelmäßig auf gute externe Websites verwiesen zu werden. Weitere Argumente dazu gibt es bei Beatblogging.org.
* Verlagsportale handeln aber auch nicht in ihrem eigenen Interesse, wenn sie nicht verlinken. Zum Beispiel im Lokaljournalismus. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass aus Lesern von Spielberichten im Kreisligafußball Community-Mitglieder eines von der Zeitung geleiteten lokalen Sportportals werden können, wenn Verlage sich angewöhnen würden, auf die Websites der Vereine zu verlinken und sie aktiv mit einzubeziehen. Das lässt sich für die gesamte deutsche Vereinslandschaft durchdeklinieren.
Der New Yorker Medienprofessor Jay Rosen spricht in einem sehenswerten Vier-Minuten-Video von der «Ethik des Verlinkens». Die meisten Zeitungsportale missachten diese Ethik. Sie profitieren von der Aufmerksamkeit, die andere ihnen durch Links bescheren, geben aber nichts von der Aufmerksamkeit zurück, die sie bekommen.
Auf die Idee, schon das bloße Verlinken und Zitieren (nicht zu verwechseln mit dem widerrechtlichem Kopieren) mit einer Strafgebühr, genannt «Leistungsschutzabgabe», zu belegen, kommt nur jemand, der die Ethik des Verlinkens weder versteht noch beherzigt. Über die praktischen und rechtlichen Probleme der «Verleger-GEMA» haben auch Robin Meyer-Lucht und Matthias Schwenk hier bei Carta schon geschrieben. Die Verlage verwandeln ihre Portale mit einer solchen Abgabe endgültig in abgeschottete Inseln, denn wer will schon dafür bezahlen, verlinken zu dürfen? Der Gedanke ist ebenso absurd wie von Fans eine Abgabe dafür zu verlangen, dass sie kostenlose Mundpropaganda für ein Produkt oder für eine Musikband machen.Die Kosten für ein optimiertes Suchmaschinenranking (SEO) können Verlage bei einer GEMA-Gebühr für das Verlinken konsequenterweise dann auch gleich einsparen, bzw. in Etats für gekaufte Suchwortplatzierung umwandeln, denn Suchmaschinen stufen Websites, auf die nur wenige Links führen, als vergleichsweise unbedeutend ein. Inhalte hinter der Schranke einer Leistungsschutzabgabe für das Verlinken werden so letztlich der öffentlichen Diskussion ebenso entzogen wie Inhalte hinter einer Bezahlschranke für das bloße Anschauen (Paid Content). Und das ist so ziemlich das Gegenteil eines freien Internet, das Menschen und Informationen verbindet, welches Berners-Lee im Sinn hatte, als er das World Wide Web erfand.
Aus Ulrike Langer, «Das Netz besteht aus Verbindungen, nicht aus abgeschotteten Inseln», in: Carta.info 2009
.
.
.
.
.
.
Wer bin ich?
.
Women Power (VI)
Aus einem hochmusikalischen Elternhaus stammend, kam ich mit meinem Lieblingsinstrument schon früh in Berührung, und später wurde ich zu einer gefeierten Solistin in meinem Heimatland. Danach konzentrierte ich mich allerdings ganz auf die Komposition und die Literatur, und auch in diesen beiden Welten galt ich bald als eine sehr erfolgreiche Künstlerin. Aus meiner Feder stammen Romane und Erzählungen, einen internationalen Namen machte ich mir aber v.a. als einflussreiche Komponistin zahlreicher Orchesterstücke, Instrumentalkonzerte und Kammermusikwerke sowie eines umfangreichen Oeuvres von Sologesangs- und Chormusiken.
Leider geriet ich in den folgenden Jahrzehnten nach und nach in Vergessenheit, und heute steht mein ebenso qualitätsvolles wie thematisch sehr breites schöpferisches Schaffen in keinem Verhältnis mehr zu meinem geringen Bekanntheitsgrad, obwohl mein Kompositionsstil keineswegs als avantgardistisch zu beschreiben, sondern vielmehr dezidiert tonal, teils gar folkloristisch, wenngleich sehr strukturiert, fast «anti-expressionistisch» gehalten ist, und obwohl sich Kenner und Könner immer mal wieder in Konzerten und auf Schallplatten meiner Kompositionen annahmen.
Das obenstehende Notenbeispiel zeigt den Anfang einer Transkription meiner mehrsätzigen Kammersonate für Cello und Klavier. – Also: Wer bin ich?
.
.
.
.
.
.
Der brillante Schachzug (46)
.
Schwarz am Zuge
Giacomelli-Weiss, CorrGame 1957
4rrk1/7p/p2b4/1p1p1ppq/3P1P2/2P1B1Pb/PP1N1Q1P/R3R1K1 b – - 0 22
Auflösung: —> (mehr…)
.
.
Südkoreanischer Kompositionswettbewerb 2009
.
Musik für Streicher- oder Bläser-Ensemble
Das Konsortium «Modern Art» der südkoreanischen Stadt Jeju organisiert einen Kompositionswettbewerb, der in zwei Kategorien kammermusikalische Werke für Streicher bzw. für Bläser ausschreibt. Der Wettbewerb steht Komponist/inn/en aller Alter und Nationalitäten offen. Das Werk für Streicherensemble sollte 7-10 Minuten dauern und die Besetzung: 1. Vn (4). 2. Vn (4). Viola (3). V. Cello (2). C. Bass (1) realisieren, während das Stück für Bläserensemble mit 1. & 2. B-Trompete (mit 2 B-Piccolos), 1. & 2. B-Kornett (einschließlich 2 B-Flügelhörner), 1. & 2. Horn, 1./2./3. Posaune&Bass-Posaune, Euphonium oder Bariton, 1. & 2. Tuba und Timpani/Percussion (maximal 5 Spieler) besetzt sein sollte.
Der Wettbewerb ist mit ingesamt 3’400 Dollar zuzüglich Sonderpreise dotiert. Einsende-Schluss ist am 31. Oktober 2009, die weiteren Details (engl.) finden sich hier.
.
.
.
.
.
Herbst-Haiku (3)
.
Abendessenszeit -
Durch die offne Türe dringt
später Sonne Strahl.
.
__________________
Chora (1726-1781)
.
.
.
Das «Glarean»-Streichholzrätsel
.
Drei Streichhölzer sind so umzulegen, dass vier Quadrate entstehen
.
.Auflösung: —> (mehr…)
.
.
Wettbewerb der Shakuhachi Chamber Music International
.
Neue Musik für die Shakuhachi-Flöte
Die Shakuhachi Chamber Music International ruft für das kommende Jahr zu ihrem gleichnamigen Kompositionswettbewerb auf. Eingereicht werden kann ein Werk für die Shakuhachi-Flöte mit Piano, Violine oder Violoncello. Die Dauer des Stücks sollte zwischen zehn bis fünfzehn Minuten betragen. Einsende-Schluss ist am 26. Februar 2010, die weiteren Details sind hier (engl.) zu erfahren.
.
.
.
.
.
Das Zitat der der Woche
.
Von der Notwendigkeit des Handelns
Noam Chomsky
.
Wer nichts weiß, kann niemanden verraten. Er geht sorglos durchs Leben. Wir aber, die wir in einer Tradition stehen – der europäischen – und diese Tradition fortsetzen, wir haben mit Wissen und Einsicht, wir haben bei vollem Bewusstsein betrogen; wir haben die Kriege sorgfältig analysiert, bevor sie erklärt wurden. Aber wir haben sie nicht verhindert. (Und viele von uns wurden zu deren Propagandisten, sobald sie erklärt waren.) Wir beschreiben, wie die Armen von den Reichen ausgeplündert werden. Und wir leben unter den Reichen. Wir leben von der Beute und verkuppeln den Reichen Ideen.
Wir haben Folterungen beschrieben und unsere Namen unter Resolutionen gegen die Folter gesetzt, aber wir haben sie nicht verhindert. (Und wir selber wurden zu Folterknechten, wenn höhere Interessen das verlangten, und machten uns zu den Ideologen der Tortur.) Und nun analysieren wir wieder die Weltlage, wir schreiben über die Kriege und erklären, warum die Massen arm sind und hungern. Aber mehr tun wir nicht. Wir sind nicht die Träger des Bewusstseins. Wir sind die Huren des Verstandes.
Aus Noam Chomsky, Über Erkenntnis und Freiheit, Suhrkamp/Frankfurt 1973
.
.
.
.
.
.
.
.
.
«Goldenes Kleeblatt gegen Gewalt»
.
Literaturwettbewerb in Form eines Briefes
Unter dem neuen Motto «Brief» schreibt das Forum «Gewaltfreies Burgenland» auch für 2010 seinen Literaturwettbewerb «Goldenes Kleeblatt gegen Gewalt» aus. Eingereicht werden können unveröffentlichte Texte, «welche in Form eines Briefes an ein Staatsoberhaupt oder einen hohen geistlichen Würdenträger/eine hohe geistliche Würdenträgerin gerichtet sind. Der Brief soll mit Wünschen, Vorschlägen und Ideen die Adressaten auffordern, sich für Frieden und Gewaltfreiheit einzusetzen.» Der Preis ist mit insgesamt 2’200 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 18. Dezember 2009, die weiteren Einzelheiten sind hier zu lesen.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Der brillante Schachzug (45)
.
Weiß am Zuge
Georgiev-Ionescu, Dubai 1986
1qrrbbk1/1p1nnppp/p3p3/4P3/2P5/1PN1N3/PB2Q1PP/1B2RR1K w – - 0 21
Auflösung —> (mehr…)
Die «Brillanten Schachzüge» abonnieren ![]()
.
.
.
.
.
Internationaler Kompositions-Wettbewerb der I.C.A.
.
Gesucht: Werk für Klarinette und Klavier
Die amerikanische International Clarinet Association (ICA) schreibt für 2010 einen internationalen Kompositionswettbewerb aus für zeitgenössische Werke mit Klarinette und Klavier. Das einzureichende Stück soll zwischen acht und fünfundzwanzig Minuten dauern, der Preis ist mit 1’000 Dollars dotiert. Einsende-Schluss ist am 15. Oktober 2009, die weiteren Details (engl.) finden sich hier.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Neue «Opening Encyclopaedia» von Chessbase
.
Fachmännische Betreuung eines riesigen Partien-Materials
Peter Martan
.
Erneut präsentiert Deutschlands bekanntester Schachsoftware-Produzent Chessbase eine aktuelle Ausgabe seiner traditionellen «Opening Encyclopaedia». Die mit knapp 100 Euro nicht eben billige DVD kommt wie gewohnt mit einer fulminanten Fülle (neuen) Materials daher.
Vorneweg ein kleiner Hinweis für User wie mich, die vor längerer Zeit die letzte Version des «ChessBase Readers» installiert haben: Die Datenbank lässt sich zwar ggf. mit einer alten Version starten, funktioniert aber evtl. trotzdem nicht fehlerfrei. Bei mir war es so, dass die Links zur Info und zu den alten Datenbanken Fehlermeldungen erzeugten; Erst nach Neuinstallation lief die Sache. Und noch ein Tip: Dass die Gebrauchsanleitung (abgesehen von den ersten Schritten der Installation, im Cover beschrieben) lediglich auf der DVD im Stammverzeichnis als «cb9readerGER.pdf» vorliegt, findet man auch nicht gleich heraus… Andererseits ist es natürlich komfortabel, die Datenbank auch von «Fritz» bzw. dem «ChessBase»-Datenbankprogramm aus starten zu können; dort hat man auch die volle Online-Hilfe-Unterstützung, welche im Reader nicht aktiv ist. Dessen Hauptvorteil gegenüber dem reinen Datenbankprogramm ist der Titel- und Informationstext, der gleichzeitig als Menüführung durch das gesamte Partienmaterial dient.
Imposante Geschwindigkeit der Suche
Das Blättern in dem nach Text, Partien, Spielern, Turnieren, Kommentatoren, Quellen, Mannschaften und Eröffnungen geordneten Material ist einem Browser ähnlich und intuitiv erfassbar. Mit entsprechenden «Schlüsseln» kann man dann noch nach Themen, taktischen und strategischen Motiven sowie nach Endspielen suchen. Dabei imponiert die Geschwindigkeit, mit der das riesige Material z.B. nach bestimmten Brettstellungen durchforstet wird – auf einem modernen Rechner nur wenige Minuten -, um nach bestimmten Brettstellungen zu suchen. Auf der DVD sind 4,4 GB, über 3,35 Millionen Partien, auf Festplatte installiert werden davon nur 30 MB. Dazu kommt, dass Statistiken blitzschnell erstellt werden, z.B. die Performance zweier beliebiger Kontrahenten.
«Erfinder des modernen Schachs»
Um, was den Inhalt anbelangt, mit dem Ende anzufangen, weil es mir historisch so besonders gut gefallen hat: Unter dem Titel «Erfinder des modernen Schachs» geht Großmeister Curt Hansen, gleichsam als Anhang des Verzeichnisses, in zwei Teilen Fragen der Urheberschaft von Zügen in Eröffnungssystemen nach. Erstes Beispiel: Schwarzer Bauernvorstoß h7-h5 der Scheveninger/Paulsen-Variante im Sizilianer, wie ihn heutzutage z.B. Igor Miladinivoc verficht. Hansen bringt als für ihn erste Partie, «in welcher der Nachziehende in diesem modernen Aufbau offenbar recht genau wußte was er tat», aus der Schachgeschichte die Partie Yates-Bogoljubow (Moskau 1925), in der Schwarz 13… h5!? zog. Das Beispiel gefällt mir auch so, weil es Isaac Lipnitzky in seinem Buch «Fragen der modernen Schachtheorie» ebenfalls bringt. Offenbar war die Partie damals wirklich ebenso beachtet wie folgenreich, und so etwas ist natürlich schachhistorisch immer spannend zurückzuverfolgen. In nicht weniger als 80 Partiebeispielen wird die Entwicklung der Idee dann historisch weiterverfolgt und kommentiert. Im zweiten Teil erörtert Hansen dann noch umfangreicher und strategisch vielschichtig das Problem, wie sich das Motiv des Abtausches des Königs-Fianchettoläufers (Lg2/Lg7) gegen den Sc3/Sc6 entwickelt hat. Von den Anfängen des Läufer-Fianchettos, das ja um 1900 noch etwas Neues war und noch z.B von Richard Teichmann als «diese dumme Doppelloch-Eröffnung» bezeichnet wurde, bis hin zu der modernen Idee, diesen Läufer auch noch abzutauschen, ein weiter Weg… Ihm geht Hansen in 255 Partien nach – für schachistorisch Interessierte ein besonderer Leckerbissen.
Fachspezifische Betreuung aller Kapitel
Jedes Eröffnungssystem hat eine einleitende Beschreibung von einem anerkannten Fachmann des entsprechenden Themas, der das Material dem Kapitel zuordnet und kommentiert. Von Lubomir Ftacnik werden einige Kapitel besprochen. Willkürlich greife ich den Englischen Angriff des Sizilianers heraus. Ftacnik nennt eine Variante daraus nach Veselin Topalov, weil er nach seiner Partie gegen Peter Leko in San Luis 2005 «die theoretische Diskussion als amtierender Weltmeister eröffnete». (Anmerkung der Redaktion: zwar kam der Zug 9… Sd7 schon einmal in einer Fernpartie zwischen Vladimir Stancl und Jan Schwarz 2003 vor, fand aber damals offenbar nicht sonderlich Beachtung.) Ftacnik zeigt in 24 Partien, gespielt zwischen 2000 und 2006, dass in diesen Partien die Statistik von 55% für Schwarz in dieser Variante zu der Schlussfolgerung am Ende des Kapitels berechtigt: «Die Topalov-Variante ist hier um zu bleiben.» (Anmerkung d.Red.: Tatsächlich habe ich die fragliche Variante nach 2006 nur noch 10 mal in der Internationalen Meisterpraxis gefunden, alle 2007, davon ging allerdings nur noch eine für Schwarz aus, vier mal gewann Weiß bei 5 Remis. Nach 2007 fand ich kein Beispiel mehr, offenbar ist es doch wieder etwas stiller geworden darum.)
Hochkarätige Kommentatoren
Erst recht kann man in wenig gespielten Eröffnungssystemen keine Vollständigkeit des Variantenbaumes erwarten. Z.B. erörtern Alexander Bangiev und Peter Leisebein sehr schön meine geliebte Larsen-Eröffnung anhand von 107 Partien, von denen zehn kommentiert sind. Dass sie alle aber nur ein einziges Abspiel bis zum 5.Zug dokumentieren, tut dem System zuviel Abbruch. Man muss sich dabei allerdings vor Augen halten, dass selbst eine derartig große Sammlung von Partien unmöglich ein wirklich komplettes Nachschlagewerk der gesamten Schachtheorie sein kann, sondern immer nur einen mehr oder weniger repräsentativen Querschnitt bieten kann. Außerdem kann man natürlich mit «Fritz» oder «ChessBase» die Datenbank von der DVD auf Festplatte installieren, um dort dann Partien hinzufügen. Dass die ganze Datenbank sowohl im «Reader» als auch in «Fritz» als Eröffnungsbuch im Chessbase-eigenen ctg-Format verwendbar ist, muss gar nicht eigens erwähnt werden für Fans, ist aber natürlich ein mächtiges Feature, das die Vielseitigkeit der Formate ausmacht: Eröffnungsbücher zu erstellen und zu editieren hat ebenso große Nützlichkeit für die meisten Hobby- und Profi-Spieler wie die Möglichkeit, kommentierte Partien platzsparend abzuspeichern.
Fazit: In dieser Schach-Enzyklopädie findet sich nicht nur eine sehr große und relevante Partiensammlung, sondern auch deren historisch exakte Aufbereitung – notabene von hochklassigen Kommentatoren: Anand (262 Partien), Bangiev (1614!), Marin (457), Kasparov (48)oder Kramnik (59) sind nur einige besonders klingende Namen. Was diese Autoren als Schachspieler zu sagen haben, findet man wohl in keinem einzelnen Lehrbuch derart umfangreich und schon gar nicht in dieser Funktionalität eines elektronischen Nachschlagwerkes.
Chessbase: Opening Encyclopaedia 2009, DVD-ROM (inklusive deutsche Version des Eröffnungslexikons 2009)
.
Screenshots: «Opening Encyclopaedia» 2009 (Chessbase)
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Themenverwandte Seiten
Herbst-Haiku (2)
.
Tropfen Morgentaus,
rolle von dem einen Halm
auf den andern Halm!
.
Hattori Ransetsu (1654-1707)
.
.
Das Zitat der Woche
.
Vom Glauben und vom Wissen
Christian Nürnberger
.
Wir stehen, was die letzten Fragen betrifft, wieder da, wo wir vor 250 Jahren aufgebrochen sind, um diese Fragen durch das Unternehmen Wissenschaft einer endgültigen Klärung zuzuführen. Dieses Unternehmen entdeckt heute seine Unzuständigkeit für eine solche Klärung. Die Unzuständigkeit resultiert aus der mittlerweile erfolgten Selbstbeschränkung bei der Wahrheitssuche. Die Wissenschaft verlangt aus guten Gründen, bevor sie etwas als wissenschaftlich bewiesenes Faktum anerkennt, dass dieses Faktum jederzeit an jedem Ort der Welt unter Befolgung der angegebenen Methode reproduzierbar nachgewiesen werden kann. Dadurch entzieht sie aber weite Teile der Wirklichkeit dem wissenschaftlichen Zugriff, denn jeder weiß aus seinem eigenen Leben, dass vieles, meist sogar das Wesentliche, aus einmaligen, unwiederholbaren, für andere kaum kontrollierbaren Ereignissen besteht.
Das, was uns in unserem Innersten existenziell betrifft – Liebe, Leid, Hass, Freundschaft, Vertrauen, Freude, Trauer, Glück, Freiheit, Religion – also das eigentlich Interessante in unserem Leben, ist dieser Art von rigider Wissenschaft prinzipiell unzugänglich. Daher kann sie auch keine negative oder positive oder sonst wie geartete Aussage über diesen Teil der Realität machen und rück-überweist uns zu Philosophie, Theologie und Ethik. Insofern liegt in der Selbstbeschränkung heutiger Wissenschaft die stärkste Kritik am Bultmannschen Theologie-Ansatz. Das allzu dogmatische Anlegen wissenschaftlicher Kriterien an den Glauben könnte eine voreilige Unterwerfung gewesen sein.
Weil die ganze Wirklichkeit größer ist als jener Teilbereich, der wissenschaftlichen Methoden zugänglich ist, steht die Tür zu Religion und Glaube wieder offen. An Wunder glauben zu sollen, wird uns dennoch weiterhin als Zumutung erscheinen, aber die Frage, was Menschen intellektuell zugemutet werden kann, spielt keine besonders große Rolle, wenn es um Gott und die Wahrheit geht, denn das menschliche Fassungsvermögen ist immer zu klein für Gott, und darum sind wir damit sowieso und immerzu überfordert.
Selbst wenn es Gott nicht geben sollte, scheitern wir an den letzten Fragen, denn der Urknall trägt dazu gar nichts bei. Was war vorher? Was hat ihn bewirkt? Eben darauf haben wir keine Antwort. Wer aber daraus folgert, gerade deshalb müsse man annehmen, ein Schöpfergott stecke hinter dem Urknall, denn von nichts kommt nichts, verkennt, dass die letzte Frage damit nur um ein weiteres, allerletztes Glied nach hinten verschoben wird, denn woher kommt Gott? Wie ist er entstanden? Die Antwort, er sei nicht entstanden, sondern seit ewiger Zeit immer schon dagewesen, überfordert uns vielleicht noch mehr als die Vorstellung, der Kosmos sei aus dem Nichts entstanden. So oder so stoßen wir an eine Erkenntnisgrenze, die, wenn überhaupt, nur durch religiöse Offenbarung oder durch Glauben zu überwinden ist.
Daher gilt auch in der Wissensgesellschaft weiter die alte Volksweisheit, wonach es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gebe, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Uns wird also, wo es um letzte Wahrheiten geht, sowieso mehr zugemutet, als wir fassen können. Daher wäre eine Theologie, die den Glauben so lange zurechtvernünftelt, bis er endlich vom begrenzten menschlichen Verstand erfasst und vom letzten Allerwelts-Atheisten akzeptiert werden kann, wertlos und überflüssig. Und eine Theologie, welche die gesamte Bibel einfach nur deshalb »erledigte«, weil sie angeblich inkompatibel zum aufgeklärten Bewusstsein sei, überschritte ihre Grenzen.
Glaube und Wissen werden wir daher nie zur Deckungsgleichheit bringen können, sollten es auch gar nicht versuchen, denn es sind zwei verschiedene Kategorien, die auseinanderzuhalten sind. Ginge Glaube in Wissen auf, wäre er kein Glaube mehr. Verzichteten wir aber darauf, Glaubensinhalte mit dem Wissen zu konfrontieren und zu prüfen, handelte es sich nicht mehr um echten Glauben, sondern um unsicheres Wissen, Noch-nicht-Wissen, Unwissen, Vermutung oder schlicht um zum Glauben erhobene Ignoranz, welche oft auch noch frech das grundgesetzlich verbriefte Recht der Religionsfreiheit für sich reklamiert, um unter diesem Schutz allerhand Teufeleien auszuhecken.
Die Tür zum Glauben ist offen, auch in der Wissens- und Hightech-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Aber wer den Weg zu dieser Tür weisen, gar deren Schwelle überschreiten will und verlangt, ihm auf diesem Weg zu folgen, muss sich kritisch fragen lassen, warum er glaubt, dass es die richtige Tür ist. Echter Glaube, der auch heute noch ernst genommen und respektiert werden will, muss allen seit der Aufklärung vorgebrachten religionskritischen Einwänden standhalten. Das aber gelingt nur, wenn sich der Glaubende bemüht, das Niveau der Aufklärung zu erklimmen und Anschluss zu halten an den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Diskussion.Aus: Christian Nürnberger, Glaube und Wissen, in: Jesus für Zweifler, Gütersloher Verlagshaus 2007
.
.
.
.
Internationaler Mahler-Kompositionswettbewerb 2010
.
Gesucht: Klavierlieder, Klavierquartette oder Orchesterstücke
In Zusammenarbeit mit der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft, dem ORF-Radio-Symphonieorchester Wien und dem Wiener Konzerthaus schreibt der Österreichische Komponistenbund aus Anlass der Mahlerjahre 2010/11 (150. Geburtstag, 100. Todestag) einen internationalen Kompositions-Wettbewerb aus, der Komponistinnen und Komponisten des 21. Jahrhunderts ohne Altersbegrenzung einlädt, Werke in jenen drei Kategorien einzureichen, für die Gustav Mahler Kompositionen geschaffen hat: a) Klavierlied b) Klavierquartett c) Orchester.
Es ist kein konkreter Mahler-Bezug gefordert, allerdings sollten die ausgewählten Werke «in Anlehnung an Mahlers Modernität und seinen weitreichenden Einfluss auf die Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts im besten Sinne innovativ und in die Zukunft blickend» gestaltet sein.
Die Dauer des Werkes soll maximal 15 Minuten betragen; die max. Besetzung: 3-3-3-3, 4-4-3-1, 1 Pauker, 3 Schlagzeuger, 1 Harfe, 14-12-10-8-6 (Holzbläser inkl. Nebeninstrumente). Einsende-Schluss ist am 30. September 2010, die weiteren Details finden sich hier. ♦
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Der brillante Schachzug (44)
.
Weiß am Zuge
Arnlind-Zagorovsky, CorrGame 1984
r2q2k1/1bp1rp2/p1np1n2/1p1N2N1/P2bP3/1B6/1P3PPP/R2QR1K1 w – - 0 18
Auflösung —> (mehr…)
Die «Brillanten Schachzüge» abonnieren ![]()
.
.
Kompositionswettbewerb des Schweizer Blasmusikverbandes
.
Harmonie-Pflichtstück für das «Eidgenössische» 2011
Der Schweizer Blasmusikverband SBV führt im Sommer 2011 in St. Gallen das 33. Eidgenössische Musikfest durch. Aus diesem Anlass schreibt er für das Pflichtstück der 3. Klasse Harmoniebesetzung einen Kompositionswettbewerb aus, der zugänglich ist für Schweizer und in der Schweiz wohnhafte Personen. Eingereicht werden sollen nur Kompositionen, die weder aufgeführt noch veröffentlicht worden sind. Das Stück soll zwischen sechs bis acht Minuten dauern, das Preisgeld beträgt 4’000 Franken. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2009, die weiteren Einzelheiten finden sich hier. ♦
.
.
.
.
Duden-Wettbewerb für Nachwuchs-Journalisten
.
«Qualitativ hochwertiger Wettbewerb für Jugendliche»
Seit 2003 gibt es diesen vom Duden-Verlag organisierten Wettbewerb, bei dem Nachwuchsjournalisten bis 21 Jahre ihr Talent unter Beweis stellen können. Am 1. September beginnt der diesjährige Durchgang. Wie bei einer Journalistenschule wird zunächst die Allgemeinbildung anhand eines Online-Fragebogens überprüft und anschließend ein selbst geschriebener Artikel zu einem vorgegebenen Thema gefordert. Zur Jury gehören verschiedene Redakteure von Tageszeitungen (z. B. taz), Zeitschriften (SPIESSER, Buchkultur, TV-Movie) und TV-Formaten (Galileo, Probono-Fernsehproduktion), die insgesamt zehn Praktika zur Verfügung stellen. Die Autoren der zehn bestbewerteten Artikel reisen zum großen Finale und wetteifern bei der Endausscheidung um diese mehrmonatigen Praktika.
An dem erfolgreichen Wettbewerb nehmen jährlich fast 2’500 Jugendliche teil. Die Duden Open wurden von der Süddeutschen Zeitung als «besonders engagierter und qualitativ hochwertiger Wettbewerb für Jugendliche »hervorgehoben.
Die junge Journalisten können direkt loslegen, die erste Runde findet bis einschließlich 31. Oktober 2009 online statt und besteht aus einem Fragebogen zur Allgemeinbildung, ähnlich wie bei der Aufnahmeprüfung einer Journalistenschule. Die weiteren Details finden sich hier. ♦
.
.
.
.
.
.
.
Förderung deutschsprachiger Liebesromane
.
Der DeLiA-Literaturpreis 2010
Um den Liebesroman zu fördern, schreibt die Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autorinnen und -Autoren einen mit 1’000 Euro dotierten Literaturpreis aus. Zur Teilnahme eingereicht werden können entsprechende Erstveröffentlichungen aus dem Jahre 2009; ausgeschlossen sind Neuausgaben oder Neuauflagen sowie Übersetzungen aus anderen Sprachen. Ebenso ausgeschlossen sind Publikationen mit Kostenbeteiligungen (von sog. Zuschuss-Verlagen) sowie E-Books und Hörbücher. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2009, die weiteren Details finden sich hier. ♦
.
.
.
.
.
.
Herbst-Haiku (1)
.
Morgendämmerung -
Nebeldunst vom Berge her
kriecht auf meinen Tisch.
.
Kobayashi Issa (1763-1828)
.
.
Themenverwandte Links
Herbst-Haiku – Haiku-Gedichte – Haiku-Mutter – Frauvonwelt-Haiku – Haiku-Wettbewerb – Hagenbach-Haiku – Kausch-Haiku -
.
.
Isaac Lipnitzky: «Fragen der modernen Schachtheorie»
.
Ein Hauch von (Schach-)Geschichte
Peter Martan
.
Ein Hauch von Geschichte weht uns an, wenn wir Isaak Lipnitzkys lange vergriffenes Buch «Fragen der modernen Schachtheorie» aufschlagen, das kürzlich in der Reihe «Schachklassiker» des Quality Chess Verlag (jetzt auch in deutscher Sprache) neu herausgebracht wurde. Der Untertitel «Ein Sowjet- Klassiker» passt genau: mehr als nur ein Standardwerk der Schachliteratur ist es ein Zeugnis der jüngsten Vergangenheit eines politischen Systems, das sich gerade erst zu überleben begonnen hat, und in dem der Schachsport eine auch politisch ganz wichtige Stellung einnahm. -
Isaak Oskarowitsch Lipnitzky kehrt als hochdekorierter Offizier im Majorsrang aus dem 2. Weltkrieg heim und lässt erstmals die Schachwelt aufhorchen, als er 1949 ukrainischer Meister wird und 1950 bei den UdSSR-Meisterschaften nach Paul Keres den geteilten 2.-4. Platz belegt, hinter ihm Giganten wie Smyslow, Boleslawski, Geller, Flohr, Bondarewski, Petrosjan und Awerbach. Damit erfüllt er seine erste Großmeisternorm erst 26-jährig. Seinem Buch-Erstling «Ausgewählte Partien von Schachspielern der Ukraine» 1952 folgt 1956 das vorliegende Hauptwerk «Fragen der modernen Schachtheorie». Die gesamte Ausgabe wird augenblicklich von Schachenthusiasten aufgekauft, im gleichen Jahr wird Lipnitzky zum zweiten Mal ukrainischer Meister. Dann aber erkrankt er an Leukämie und stirbt 1959, gerade mal 36 Jahre alt. -
In 16 Kapiteln geht Lipnitzky inhaltlich sehr klar gegliedert den grundlegenden Regeln der Eröffnungstheorie nach. Das Zentrum und die Flügel, Das Zentrum von den Flügeln erobern, sind zwei der ersten Überschriften. Die damals gerade erst von Nimzowitsch in Frage gestellten Dogmen werden von Lipnitzky nicht einfach geleugnet, sie werden relativiert.
Dazu Lipnitzky, der Nimzowitsch an dieser Stelle selbst zitiert:
«Wie lautet nun das entscheidende Argument im Einzelfall, wenn es um die Frage geht: ‘Besetzen oder nicht besetzen?’ Um diese Frage korrekt zu beantworten, müssen wir begreifen, dass die Besetzung des Zentrums kein Ziel an sich ist, sondern in der Hinsicht wichtig ist, dass es uns ermöglicht, die Initiative zu übernehmen und Druck auf die gegnerische Stellung auszuüben. Es geschieht häufig, dass ein Spieler sein Zentrum aufbaut, nur um dann festzustellen, dass es nicht mehr als eine Last ist, da es dem Gegner als vorzügliches Ziel für den Gegenangriff dient.»
Insbeonders der Kernfrage der Stellungsbewertung geht Lipnitzky im gleichnamigen Kapitel auch historisch gründlich nach. Um Stellungsmerkmale und zu berechnende Varianten miteinander in Einklang zu bringen, unterscheidet Lipnitzky zwischen dynamischen und statischen Stellungen und betrachtet die Aufgabe der Analyse darin, das eine bis zum anderen zu berechnen. «Das Ziel der Analyse besteht darin, an eine Stellung zu gelangen, deren Wesen nicht ‘dynamisch’, sondern ‘statisch’ ist.»
Besonderes Augenmerk legt der Autor auf die Beispiele für den nebulosen Begriff der Initiative, zu deren Erlangen und Erhalt ja bekanntlich fast jedes Mittel recht ist; ihr widmet er ein eigenes Kapitel, das logisch im folgenden Abschnitt «Moderne Gambits» der Initiative so richtig Gestalt verleiht, anhand der damals erst von der Meistern ihrer Zeit in die Turnierpraxis eingeführten Eröffnungsvarianten, wie z.B. des Blumenfeld-Gambits, das Aljechin nach dem Erfinder, dem sowjetischen Meister Blumenfeld, laut Lipnitzky in die internationale Turnierpraxis einführt. Aljechin schreibt der Autor auch zu, dass das angenommene Damengambit, in dem früher hauptsächlich auf Rückgewinn des Gambitbauern gespielt wurde, von einem Pseudo- zu einem echten Gambit wurde (z.B. Aljechin-Bogoljubow, Wiesbaden 1929.)
Das Evans-Gambit wird von Tschigorin in seinen beiden Kabelpartien gegen Steinitz rehabilitiert, Aljechin, Tarrasch, Boleslawski, Geller und Flohr machen sich um Opfervarianten von Caro-Kann besonders verdient und das Botwinnik- System im Damengambit wird ebenfalls in mehreren Partien zum Beispiel der damals modernen Gambitbehandlung, bei der das Opfer nicht wie in der romantischen Ära behandelt wird, in der ein Königsangriff um jeden Preis in der Regel das Ziel war, sondern ein langfristiges Positionsspiel zur Erlangung der Initiative angestrebt wird.
Ein weiteres Zitat von David Bronstein drückt für mich dabei besonders gut aus, was auch Lipnitzky an den Meistern seiner Zeit und ihren Partien bemerkens- und bewundernswert findet: «Das Eröffnungsspiel der führenden sowjetischen Schachspieler, allen voran Botwinnik und Smyslow, wird dadurch charakterisiert, dass sie den Verlust der Partie nicht scheuen, sondern nach komplizierten, zweischneidigen Stellungen streben. In Anbetracht des heutigen technischen Niveaus ist es nicht möglich, einen starken Kontrahenten zu schlagen, wenn man ihm nicht gewisse Gegenchancen einräumt.» Ein Satz, den man vielleicht gerade heute wieder, wo die Computergläubigkeit in Analyse, im praktischen Spiel und in der Abrufbarkeit von Eröffnungstheorie den kreativen und angriffslustigen Spieler entmutigt, scharfe taktische Varianten am Brett zu riskieren, den Technokraten ins Stammbuch schreiben sollte.
Schließlich geht der Autor der auch gerade heute kaum mehr beantwortbaren Frage nach, wo die Eröffnung aufhört und das Mittelspiel anfängt. Schon damals meinten manche, die Theorie sei so weit fortgeschritten, dass das Mittelspiel eigentlich zeitweise schon eine ausanalysierte Phase sei und man in manchen Eröffnungen direkt in die Analyse der resultierenden Endspiele käme. Lipnitzky widerspricht dem und sieht die eigentliche Eröffnung als auf die Figurenentwicklung beschränkte Phase, die Pläne, die davon ausgehen, als eigenständig, wenngleich die Übergänge natürlich fließend sind.
In Analogie zu der alten arabischen Vorform des Schachs, demSchatrandsch, in das aus vorgegebenen Eröffnungsstellungen eingestiegen wurde, den von damals noch bekannten 31 Tabiyas, bringt der Autor Beispiele von Tabiyas des zu seiner Zeit modernen Spiels mit dafür bekannten Plänen.
Aus denen ein ausgewähltes ist die Stellung nach
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 d5 5. Sf3 O-O 6. Ld3 c5 7. O-O Sc6 8. a3 Lxc3 9. bxc3 dxc4 10. Lxc4 Dc7
deshalb ein besonderes Beispiel, weil sie durch Zugumstellung die Ragosin-Verteidigung erreicht, die nach dem Verfasser des Vorwortes Jefim Lasarew eine Lieblingseröffnung von Lipnitzky war, mit der das Buch seinen Anfang nahm. Es war ursprünglich als Monographie der Ragosin-Verteidigung gedacht. (Ausdrücklich bitte ich nochmals zu entschuldigen, dass auf diese und andere «Übergangsstellungen» wie sie der Autor nennt, weil sie zwischen Eröffnung und Mittelspiel stehen, und die damit verbundenen Pläne nicht näher eingegangen werden kann, obwohl sie zusammen mit dem kommentierten Partienmaterial sowie den zwölf ausgewählten Lipnitzky-Partien im Anhang – 2 davon mit Schönheitspreisen belohnt – den eigentlichen Inhalt des Buches ausmachen.)
Schließlich widmen sich die letzten Kapitel der Frage, was ein Neuerung ist. Hier habe ich, um wenigstens eine der vielen kommentierten Partien wiederzugeben, aus historischem Interesse die Partie J.R.Capablanca-F.Marshall New York 1918 ausgewählt. Obwohl vielleicht hinlänglich bekannt, zeigt sie doch, wie spannend die Epoche schachlich war.
Die Vorgeschichte der Partie schildert Lipnitzky so: «Nach dem Capablanca-Marschall Match (New York 1909), in dem Letzerer mit einem Score von +1-8=14 unterging, vermied Großmeister Marshall den Spanier gegen Capablanca zehn Jahre lang. Nachdem er aber einen scharfen Angriffsplan basierend auf einem Bauernopfer ausgearbeitet hatte, wandte er ihn gegen seinen formidablen Gegner gleich in der ersten Runde des Manhattan Chess Club Meisterturnieres an.» (Die Kommentare sind mit Ausnahme der Stellen, an denen er selbst Capablanca zitiert, von Lipnitzky, kleine Randbemerkungen von mir sind eigens gekennzeichnet.)
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0–0 8.c3 d5!?
Der weiße Damenflügel ist noch unentwickelt, und so versucht Schwarz Linien zu öffnen, um einen raschen Angriff gegen den weißen König einzleiten.
9.exd5 Sxd5 10.Sxe5
In seinen Anmerkungen zu dieser Partie schrieb Capablanca: «Ich überlegte eine ganz Weile, bevor ich den Bauern nahm, da mir klar war, dass ich einem gewaltigen Angriff ausgesetzt sein würde, den mein Kontrahent sorgsam ausgearbeitet hatte. Doch gleichzeitig spürte ich die Kampfeslust in mir aufsteigen. Eine Herausforderung wurde mir entgegen geworfen von einem Spieler, der allen Grund hatte, mein Verständnis und mein Können zu fürchten (dies hatten unsere vorherigen Aufeinandertreffen gezeigt), und der nun eine Liste an Überraschungen vorbereitet hatte, um meine fehlende Vertrautheit mit Varianten auszunutzen, denen er viele Nächte harter, ausdauernder Arbeit gewidmet hatte. Ich überprüfte die Lage und entschied, dass mein Ruf mich sozusagen verpflichtete, den Bauern zu schlagen und die Herausforderung anzunehmen, denn mein Verständnis und meine Kenntnisse sagten mir, dass die weiße Stellung verteidigungsfähig sei.»
Zwar nicht unbedingt bemerkenswert ob seiner Bescheidenheit, zeigt doch diese Darstellung klar und eindeutig, wie der Verstand eines großen Meisters arbeitet, wenn er mit einem unerwarteten Problem konfrontiert wird.
10… Sxe5 11.Txe5 Sf6 12.Te1 Ld6 13.h3 Sg4! 14.Df3!
Den Springer zu nehmen würde wegen 14… Dh4 verlieren. Auf f3 besetzt die Dame einen sehr starken Posten, wo sie gleichzeitig deckt und angreift.
14… Dh4 15.d4!
Unter Beschuss beeilt sich Weiß sich zu entwickeln und vermeidet alle Fallen. Nach 15.Te8 Lb7! 16.Txf8+ Txf8 17.Dxg4 Te8! 18.Kf1 De7 19.Le6 Ld5! hätte Schwarz klaren Vorteil.
15…Sxf2
«Der Gräber ist selbst in die Grube gefallen- dieser Springer wird hier niemals wieder rauskommen. Doch Schwarz hatte nichts Besseres; das einzige, was ihm blieb, war ein Angriff um jeden Preis, zu siegen oder zu sterben.» (Capablanca)
16.Te2!!
Capablanca findet in dieser komplizierten und für ihn unvertrauten Stellung den einzigen Zug, – Anmerkung der Redaktion: mittlerweile hat sich in der Literatur auch 16. Ld2 als spielbar erwiesen – um den Angriff abzuwehren, und demonstriert damit seine außergewöhnliche Verteidigungskunst, für die er so berühmt war. Er kann beispielsweise nicht 16.Dxf2 spielen wegen Lh2+! (aber nicht 16…Lg3? 17.Dxf7+ nebst Matt) 17.Kf1 Lg3 18.De2 (Anm.d.Redaktion: 18.Dd2 hat laut jüngerer Theorie auch diese Variante wieder spielbar gemacht) 18…Lxh3! 19.gxh3 Tae8 und Schwarz gewinnt.
16…Lg4 17.hxg4 Lh2+ 18.Kf1 Lg3 19.Txf2 Dh1+ 20.Ke2 Lxf2 21.Ld2 Lh4 22.Dh3 Tae8+ 23.Kd3 Df1+ 24.Kc2
Nachdem er seinen König in Sicherheit gebracht hatte, gewann Capablanca im 36. Zug. Der fürchterliche schwarze Angriff, ausgeklügelt in der häuslichen Stille, prallte an einer machtvollen Verteidigung ab, die am Brett gefunden wurde. -
Diese Partie wurde von mir auch deshalb gewählt, weil sie den schachhistorischen Hintergrund beleuchtet, unter dem die Glanzzeit von Capablanca unmittelbar vor der Hochblüte der sowjetischen Schachschule gesehen werden muss. Lipnitzky erwähnt natürlich nicht, dass Aljechin (mit der Rückendeckung der sowjetischen Schachmaschinerie) Capablanca, nachdem er ihm den Weltmeistertitel abgenommen hatte, bis zum Tod des großen Rivalen einem Revanchekampf auswich. Ich erwähne das auch unter dem Eindruck eines anderen Buches zu dem Thema, das erst kürzlich erschienen ist: Fabio Stassis «Die letzte Partie», das sich mit der Verknüpfung der Schicksale der beiden wahrscheinlich größten Schachgenies ihrer Zeit romanhaft auseinandersetzt. Ähnliches widerfuhr ja auch um einiges später Bobby Fischer, der lange um die Möglichkeit eines Titelkampfes ringen musste und seinerseits danach offenbar psychisch nicht mehr in der Lage war, gegen die geschlossene sowjetische Schachphalanx seinen Titel zu verteidigen.
Dessen ungeachtet dokumentiert Lipnitzky eine große Ära großer Schachspieler, zu denen er ganz sicher auch gehörte. Hat die Theorie diese und jene damals aktuelle Variante auch überholt, die Analysen und Bewertungen bleiben studierenswert und zeitlos ist die Kunst des Denkens, die schachliche Technik, Regeln im Einzelfall mehr oder weniger Gewicht beizumessen. Heute verbreiten sich Neuerungen übers Internet schneller als der Wind und der Computer fordert dazu heraus, sie ständig neu zu bewerten. Was bleibt, ist der Geist des Spieles oder wie Lipniztky sagt: «Wenn ein Spieler eine Variante widerlegt oder etwas Neues entdeckt, erfährt er echte kreative Befriedigung. Seine Fähigkeit, theoretische Einschätzungen kritisch anzugehen, ist der beste Beweis für seine kreative Reife.» Oder mit Tschigorin: “Schach ist, allgemein ausgedrückt, viel reichhaltiger, als man auf Grundlage der existierenden Theorie annehmen wollte, die es nur in bestimmte enge Formen zu pressen versucht.»
Ich schließe mit einem Zitat Emanuel Laskers, das auch Lipnitzky ans Ende seines Buches stellt:
«Jeder, der seine Fähigkeit zum unabhängigen Schachdenken pflegen will, muss im Schach alles vermeiden, was tot ist:
- künstliche Theorien, die auf sehr wenigen Beispielen und jeder Menge Erfindung beruhen;
- die Angewohnheit, mit schwächeren Gegnern zu spielen und Gefahren aus dem Weg zu gehen;
- die Angewohnheit, die Varianten und Regeln von anderen unkritisch zu kopieren und gedankenlos zu wiederholen;
- selbstzufriedene Eitelkeit, Unwilligkeit, die eigenen Fehler einzugestehen.» ♦
Isaak Lipnitzky, Fragen der modernen Schachtheorie, 236 Seiten, Quality Chess
.
Inhalt
Vorwort Isaak Lipnitzky und sein Superbuch, von Jefirn Lasarew
Geleitwort von Anatoli Karpow
Vorwort vom britischen Herausgeber
Einleitung
Kapitel 1 Über die Eröffnung
Kapitel 2 Das Zentrum
Kapitel 3 Das Zentrum und die Flügel
Kapitel 4 Das Zentrum von den Flügeln erobern
Kapitel 5 Mobilisierung der Figuren
Kapitel 6 Stellungsbewertung
Kapitel 7 Der konkrete Ansatz
Kapitel 8 Dynamische und statische Stellungen
Kapitel 9 Positionelles Gespür
Kapitel 10 Pläne in der Eröffnung
Kapitel 11 Die Initiative
Kapitel 12 Moderne Gambits
Kapitel 13 Eröffnung und Mittelspiel
Kapitel 14 Neubewertung von Mustern
Kapirel l5 Wie lange ist eine Neuerung gültig?
Kapitel 16 Wie wird eine Neuerung geboren?
Partieverzeichnis
Anhang Ausgewählte Partien von Isaak Lipnitzky
.
Probeseiten
.
.
.
.
.
.
.
.



























leave a comment