Das Zitat der Woche
.
Über den Neoliberalismus
Urs Marti
.
Konflikte nehmen in einer Gesellschaft im gleichen Maß zu wie der Abstand zwischen Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht; auf dieser Einsicht baut das politische Denken seit Jahrtausenden auf. Manche Indizien sprechen dafür, dass es um die Stabilität moderner Gesellschaften nicht zum Besten steht. Gewiss, die revolutionäre Linke ist, wo sie überhaupt eine Rolle spielt, minoritär, von einigen lateinamerikanischen Ländern vielleicht abgesehen. Doch dem Neoliberalismus als der derzeit wohl konsistentesten Doktrin zur Verteidigung der kapitalistischen Marktwirtschaft ist es bislang nicht gelungen, ein konsensfähiges politisches Projekt zu formulieren oder gar umzusetzen. Derweil nimmt der Abstand zwischen Reich und Arm absurde Ausmaße an, der Mittelstand fürchtet den Abstieg, und niemand kann sich mit der Hoffnung trösten, der Markt belohne Fleiß und bestrafe Faulheit [...]
Indizien der Destabilisierung sind derzeit aber nicht revolutionäre Bewegungen, eher Pathologien unterschiedlicher Art, Frustrationen und Ressentiments. Demokratische Verfahren mutieren zu marktähnlichen Mechanismen, und häufig drängt sich der Eindruck auf, nachgefragt wurde primär, was den größten Unterhaltungswert verspricht. Beliebt ist der grobe Ton, das Aufhetzen, die Verunglimpfung und moralische Diskreditierung der Gegenseite. Es entbehrt nicht der Ironie, wenn in einem Klima der permanenten Mobilisierung gegen ganze Menschengruppen, denen das Recht auf Partizipation und Inklusion abgesprochen wird, linke Argumente als bloßer Ausdruck einer veralteten Ideologie des Klassenkampfs «widerlegt» werden. Der Klassenkampf ist keine Erfindung der Linken, allenfalls besitzt, wer linke Anliegen vertritt, ein etwas feineres Sensorium für das soziale Konfliktpotenzial, das in der Unvereinbarkeit von Interessen liegt. Dieses Potenzial wird durch weltfremde Utopien einer ausschließlich aus Eigentümern, Konsumenten und Investoren bestehenden Gemeinschaft nicht entschärft. Während die als Neoliberalismus bezeichnete Doktrin in ihrem Selbstverständnis eher eine Wissenschaftskritik ist als eine Wissenschaft, sind ökonomische Theorien, auf die er sich stützt, in den letzten Jahrzehnten regelmäßig falsifiziert worden. Statt sich jedoch mit empirischen Falsifikationen auseinanderzusetzen, ziehen es Neoliberale vor, jeden Versuch, aufgrund rationaler Reflexion alternative Ordnungen zu entwerfen, der Sünde des »Konstruktivismus« zu bezichtigen.
Wenn Krisensymptome nicht oder nur verzehrt wahrgenommen werden, so auch deshalb, weil rationale Diskussionen über die Wünschbarkeit und Realisierbarkeit von Alternativen im politischen Tagesstreit kaum auf Interesse stoßen. In dieser Situation hat die revolutionäre Linke naturgemäß einen schweren Stand. Ihre Konzeption eines freiheitlichen Sozialismus ist vorderhand nicht mehr als eine Hypothese, und Projekte einer revolutionären Politik können nicht mehrheitsfähig werden, wenn es nicht gelingt, den die politische Auseinandersetzung prägenden Irratiopalismus zu überwinden. Immerhin ist zu konstatieren, dass zumindest in der akademischen Welt die Bereitschaft, Marx’ Theorie ernsthaft zu diskutieren, zugenommen hat. In einem kürzlich erschienenen Buch, dessen Herausgeber man wohl dem Lager der Ordoliberalen zurechnen darf, steht zu lesen, Marx habe den zeitgenössischen Liberalismus gerade deshalb abgelehnt, weil ihm die individuelle Freiheit so überaus wichtig gewesen sei. Ebenso wird konstatiert, sein Werk biete «eine lebhaft sprudelnde Quelle der Inspiration, aus der freilich – wenn nicht alles täuscht – gegenwärtig kaum geschöpft wird» (Pies/Leschke: Karl Marx’ kommunistischer Individualismus, Tübingen 2005). Diesem Befund kann man nur beipflichten.
Revolution heißt Veränderung sozialer Institutionen, Neuverteilung der Macht mittels Neudefinition von Rechten, insbesondere Partizipations- und Eigentumsrechten. Revolution in diesem Sinne hat nichts zu tun mit einer moralischen Läuterung oder einer kulturellen Wiedergeburt. Der Liberalismus ist für den Marxismus eine notwendige Stufe der Zivilisationsgeschichte, hinter die zurückzugehen so sinnlos wie verhängnisvoll wäre. Die Revolution verändert nicht den Menschen, sie schafft ein anderes Anreizsystem, sie verändert die Bedingungen, unter denen Menschen handeln, sich entfalten, Wissen sammeln und nutzen können, sie zielt auf die Schaffung neuer Formen der Kooperation, worin in den Worten von Marx und Engels «die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist». ♦Aus Urs Marti, Freiheit, Recht und Revolution, in: Zukunft der Demokratie, Das postkapitalistische Projekt, Rotpunkt Verlag 2008
.
.
.
.
.
.
Eugen Stefan Paschek: «Toulouse-Bordeaux mit TGV»
.
«Toulouse-Bordeaux mit TGV»
Für Harmonieorchester
von Eugen Stefan Paschek
(Erst-Veröffentlichung)
.
Titel-Seite – Leseprobe:
.
Copyright Eugen Stefan Paschek, Marl/D – August 2009 – Erst-Veröffentlichung
___________________________
Eugen Stefan Paschek
Geb. 1937 in in Schwientochlowitz/Oberschlesien, Musikstudium an der Musikhochschule Kattowitz, Arbeit mit dem RTV-Rundfunk-Unterhaltungsorchester Kattowitz als Musiker und Komponist, 1980-1996 Kompositions-Mitglied des polnischen ZAKR, seit 1987 Deutscher Staatsangehöriger, lebt in Marl/D
Alle Rechte vorbehalten
[Aufführungen erwünscht; E-Mail an: eugen-paschek(ät)freenet.de ]
Partitur-Gratis-Download (49 Seiten A4, pdf-Format / ZIP – 72 MB
.
.
Der brillante Schachzug (43)
.
Schwarz am Zug gewinnt
Black-Tinture, CorrGame 2004
3r1rk1/6bp/2p1p1p1/2P1n3/4P2q/1N1p3P/PP3PP1/R1BRQ1K1 b – - 0 27
Auflösung —> (mehr…)
Die «Brillanten Schachzüge» abonnieren ![]()
.
.
Das neue Schach-Kreuzworträtsel
.
Das Schach-Kreuzworträtsel / August 2009
.
.
Einfach ausdrucken
Auflösung —> (mehr…)
.
.
.
.
Peter Klusen: «Augenzwinkernd»
.
Im Humor macht man sich dümmer als man ist und
wird dadurch stärker als man scheint
Karin Afshar
.
Ich kenne ihn nicht und ich kenne ihn doch – den Peter Klusen, geboren im Jahre 1951 in Mönchengladbach, denn ich habe Gedichte von ihm gelesen.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) meinte irgendwann einmal, man könne aus drei Anekdoten das Bild eines Menschen ersehen. Drei oder vielleicht vier Gedichte tun es sicher auch, um das Pendeln eines Dichters zwischen Tragik und Komik zu umreißen und ihn kennenzulernen. Folgen Sie mir bei diesem Versuch.
Ein erstes (nein, es ist das zweite) Gedicht («niederrheinische ver-bindungen»), im «Präludium» des orangefarbenen Paperbackbüchleins, beginnt so:
mit dem
niederrhein
mein gott
verbindet mich doch nichts
Peter Klusen lebt am Niederrhein, in einer Kleinstadt ohne landschaftliche Attraktionen außer den Süchtelner Höhen, so steht es in der Vita hinten im Buch und auf seiner Webseite, ich hab nachgeschaut. Er – so liest man weiter über ihn – ist Germanist, Sozialwissenschaftler, Publizist, Lehrer, Schriftsteller, Cartoonist. Und mit dem Niederrhein verbindet ihn nichts?
Habe ich ihn soeben ertappt? Die letzte Strophe löst auf:
…
nein
mit dem niederrhein und seinen
zugenebelten wiesen voller kuhfladen
kapellen und fettecken
verbindet mich nichts
aber lieber gott
lass mich dereinst nicht
begraben werden wie der
heine
zum beispiel in paris
Im Reich zwischen den Gegensätzen liegen die Quellen des Humors, der u.a. «die wunderliche Traurigkeit [...] des Menschenlebens und das Staunen darüber, daß dies jämmerliche Leben trotzdem so schön sein kann» (Hermann Hesse) zum Thema hat. Für diese Art der Traurigkeit (über den Zustand der Welt, den Zustand der Menschen, ihre Würdelosigkeit, ihr Talent zur Zerstörung) finden sich etliche Beispiele im Buch, auf drei Sätze verteilt – drei Sätze wie eine Sinfonie sie hat, deren zweiter in der vorliegenden Komposition liebevoll lamento ostinato genannt, bald mein Lieblingssatz wird.
Humor ist nicht selten die unter Schmerzen errungene Freiheit und Souveränität, die einem tragischen Schicksal gegenüber stehen. Wir kennen das Wort «Galgenhumor» – und zum «Trotzdem» unten mehr. Traurigkeit klingt nun in den Zeilen Klusens an, aber sie übertönt nie das andere – und damit wir als Leser die Anklänge nicht gar so schwer, wohl aber zur Kenntnis nehmen, wird das Ganze ja auch «augenzwinkernd» gesagt.
Humor erkennt man an der Konstruktion eines offenbar unangemessenen, nebensächlichen Standpunkts oder an einer unzulänglichen Verhaltensweise in einer Situation der Gefahr, des Scheiterns oder am Eingeständnis einer Niederlage.
Der lauf der dinge
und wenn ich
eines tages
nicht mehr singe
ist das nichts
als der lauf der dinge
und wenn ich
eines tages
nicht mehr lache
ist das eher
eine nebensache
Ich verrate Ihnen an dieser Stelle nur, dass das letzte Wort der letzten Zeile «gut» lautet. Wie er dahin kommt, lesen Sie am besten selbst nach.
«Humor ist eine Flucht vor der Verzweiflung, ein knappes Entkommen in den Glauben.» (Christopher Fry). Damit wäre Peter Klusen wahrscheinlich nicht ganz einverstanden. Denken wir Glauben zusammen mit Himmel, dann hat es Klusen nicht mit demselben, oder doch? Im fine furioso findet sich dies:
lieber himmel
der himmel muss die hölle sein
vollgestopft mit moralisten
nächstenlieber mahner christen
weit und breit kein hund
kein schwein
der himmel muss die hölle sein
Er spielt mit uns. Wirft etwas aus, und lässt uns dann zappeln. Humor – auch Schadenfreude? –, Humor ist nicht gleich Humor. So sollen Briten einen anderen haben als Franzosen, und diese wiederum einen anderen als Deutsche. Im Allgemeinen versteht der Volksmund im Deutschen unter Humor, wenn man in einer bestimmten Situation «trotzdem lacht». Anders ausgedrückt: der, der sich selbst, die anderen und die Welt nur ernst sieht, wird es (das Leben) auf Dauer nicht aushalten. Die Formulierung mit dem «trotzdem lacht» soll übrigens auf Otto Julius Bierbaum (deutscher Schriftsteller, 1865-1910) zurückgehen. Der schrieb auch Gedichte, und zwar nicht wenige. Ein Hauch seiner Anakreontik klingt im ersten Satz der Klusen-Sinfonie, dem Allegro con amore, an, z.B. im Sommermorgen.
Auslöser humorvollen Lachens können die Fehler sein, die einem – trotz anderer, die man sich schon geleistet hat – noch nicht unterlaufen sind. Man fühlt sich natürlich stark, wenn man sie von anderen liest und hört. Diese künstliche Verdopplung der (eigenen) Schwäche überwindet symbolisch das Bedrohliche der Situation. In diesem Tiefstapeln des Widerstands steckt der optimistische Hinweis, dass man sich der Situation nicht ohne Widerstand ausliefert.
In einer solchen Lesart könnte man das Gedicht von der «nicht-gewalt» verstehen. Es prangert die Sprachlügen unserer Gesellschaft an und ist eigentlich überhaupt nicht lustig, auch wenn es lustig daher kommt.
Nicht gewalt
weil er am morgen den kleinen bruder
geschlagen hatte
schlug ihn der vater am abend
um ihn zu lehren
dass der stärkere den schwächeren
nicht schlagen darf
er sagte dazu
erziehung
nicht gewalt
…
Wortwitz, bisweilen Ironie, immer Freude an bunten und kräftigen Adjektiven und Themen, die alltäglich genug sind, dass jeder sie kennt und schmerzhaft genug, dass wir sie nur allzu gerne nicht ansprechen würden, begegnen uns im Buch. -
Vorliegender kurzer Gang durch die drei Sätze der lyrischen kammersinfonie reicht nicht, jedem der Gedanken gerecht zu werden. Indes soll diese Besprechung weder eine Interpretation noch der Versuch einer Einordnung werden, denn das würde schon wieder ernst und die Freude am Lesen und Entdecken nehmen. Sie werden mir aber vielleicht darin Recht geben, dass wir ihn ein wenig kennengelernt haben: der Mann hat Humor! (Karin Afshar)
Peter Klusen, augenzwinkernd – lyrische kammersinfonie in drei sätzen, Editions trèves Trier, 80 Seiten, ISBN 978-3-88081-505-6
Probeseiten
.
.
.
.
.
.
.
.
Satire von Heinz Wegmann
.
Der Vereinsausflug
Heinz Wegmann
.
Diesmal wagte sich der Verein für Vereine (Kurz: Verein hoch 2) in heimatliche Gefilde. Es stand die traditionelle Herbstwanderung mit Schlachtplatte auf dem Programm.
Unter Führung des rührigen Obmannes traf sich eine erwartungsvolle und frohgelaunte Gruppe beim Friedhof. Der Leiter überraschte die Teilnehmer gleich zu Beginn mit einem reich verzierten, roten Stoffsäcklein, das mit Heftpflastern, Salben, Bandagen und einem Fläschchen Schnaps gefüllt war. So wurden die Stimmbänder gleich ordentlich geschmiert. Leider wollte am Anfang das Wetter nicht so richtig, die sinnflutartigen Regenfälle bewogen viele, sofort wieder den Heimweg anzutreten.
Mit dem Rest der Unentwegten ging es mit dem Car Richtung Urigen (UR) im Unterhintertal, wo sich alle in einem blumengeschmückten Café zuerst mit Kaffee und Gipfeli stärkten. Einer Teilnehmerin blieb ein Brösmeli ihres Gipfelis so unglücklich im Hals stecken, dass man sie zum Notarzt bringen musste, was aber die Unternehmungslust der Gruppe nicht zu dämpfen vermochte.
Ein Fußweg abseits des großen Verkehrs führte nun die Wanderschar durch Feld und Wald, wo sich einige Teilnehmer hoffnungslos verirrten und erst nach langen polizeilichen Suchaktionen wieder aufgefunden werden konnten. Beim Aufstieg kam man so recht ins Schwitzen und bei einigen wollte das Herz nicht mehr so richtig, so dass sie von der Rega zurückgeflogen werden mussten.
Oben wurden aber die Übriggebliebenen belohnt durch eine prächtige Aussicht, die den Mitreisenden manches Ah und Oh entlockte.
Von einer der schneebedeckten Bergspitzen löste sich dann unter den faszinierten Blicken der Teilnehmer ein Erdrutsch, eine sog. Mure, und begrub das malerische Dorf am Gegenhang fast vollständig unter sich.
Nun musste aber der Durst gelöscht werden und gleich anschließend durch die eilends aufgebotene Feuerwehr ein brennendes Chalet neben dem Restaurant, wo ein feines Mittagessen wartete. Die Teilnehmer ließen sich ihre gute Stimmung durch den beißenden Rauch, der von der Brandstätte hinüber wehte, nicht nehmen. Als besondere Überraschung nahm der Wirt die Schlachtung des Schweins «live» unter den interessierten Blicken der hungrigen Schar vor.
Da sich der Himmel unterdessen in strahlendem Licht präsentierte, konnte die Schlachtplatte auf dem offenen Grillplatz serviert werden, was großen Anklang fand und manchen spontanen Jauchzer zur Folge hatte. Die Zeit des Wartens auf die Schinken, Rippli, Öhrli und Schwänzli wurde mit angeregten Gesprächen oder einem gemütlichen Jass überbrückt, und auch der frohe Gesang kam selbstverständlich nicht zu kurz. Einige hauten dann angesichts der riesigen Portionen etwas über die Schnur und mussten übereilt die Toilette aufsuchen, denn zusammen mit dem «Suuser» machte sich die Verdauung unangenehm bemerkbar, was die Unentwegten aber nicht daran hinderte, eifrig das Tanzbein zu schwingen.
Frisch gestärkt ging es dann an den Abstieg, der erneut kleine Opfer forderte: Zwei verstauchte Fußgelenke und ein Beinbruch waren die Bilanz, als man unten ankam. So bekam auch der Dorfarzt wieder unerwartete Arbeit.
Die weidenden Kühe hatten sich von der fröhlichen Wanderschar nicht stören lassen. Selbst als die Mutigsten unter den Teilnehmern auf die originelle Idee kamen, einer Kuh die Glocke abzunehmen und sie als Trophäe heimzuführen, blieben sie stoisch ruhig.
Beim anschließenden Rundgang durch das schmucke Städtchen wurde die Vizepräsidentin in der Fußgängerzone von einem Lieferwagen angefahren und von allen in das nahe gelegene Spital begleitet. Dort überraschte ein langjähriges Mitglied alle Teilnehmer samt Krankenhauspersonal mit dem Vorsingen eines selbstverfassten Liedes, das mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde.
Nach einem letzten Zvieri, der für die meisten mit einer – glücklicherweise leichten – Magenvergiftung endete, musste man schon wieder an den Heimweg denken.
Der stets zu einem Späßchen aufgelegte Carchauffeur brachte schließlich nach einer Massenkarambolage auf der Autobahn die müden aber glücklichen Abenteurer wieder an ihren Wohnort Witzwil zurück.
So ging eine von unvergesslichen Eindrücken gespickte Reise zu Ende, und jedermann freut sich schon heute auf den nächsten Ausflug mit Gleichgesinnten. Der kundige Obmann gab angesichts der aufgetretenen Ausfälle seiner Hoffnung Ausdruck, dass nächstes Jahr möglichst zahlreiche neue Mitglieder dieses gesellige Zusammensein bereichern mögen. ■
.
__________________
Heinz Wegmann
Geb. 1943 in Zürich Lyrik-, Kurzprosa- und Kinderbuch-Veröffentlichungen sowie Übersetzungen, lebt und arbeitet in Uerikon/CH
.
.
.
.
.
.
Der Queen-Elisabeth-Kompositionswettbewerb 2009
.
Gesucht: Werk für für Klavier und Orchester
Der international renommierte belgische Queen-Elisabeth-Kompositions-Wettbewerb wird für 2009/10 erneut ausgeschrieben. Eingesandt werden kann diesmal ein unveröffentlichtes Werk für Klavier und Sinfonie-Orchester. Formal besteht keine Einschränkung; die Dauer des Werkes soll mindestens zehn Minuten betragen. Die Besetzung: «WOODWIND: 3 flutes (including the piccolo) – 3 oboes (including the cor anglais) – 3 clarinets (including the bass clarinet and/or the soprano clarinet) – 3 bassoons (including the double bassoon) BRASS: 4 horns – 3 trumpets – 3 trombones – 1 tuba PERCUSSION: 4 percussionists (or 1 timpanist and 3 percussionists) HARP: 1 musician CELESTA, GLOCKENSPIEL: 1 musician STRINGS: 14 – 12 – 10 – 8 – 6». Uraufgeführt wird das siegreiche Stück im Frühjahr 2010. Einsende-Schluss ist am 7. November 2009, die weiteren Einzelheiten (engl.) finden sich hier.
.
.
.
.
.
.
Das Zitat der Woche
.
Über die Affen
Wilhelm Busch
.
Der Bauer sprach zu seinem Jungen:
Heut in der Stadt, da wirst du gaffen.
Wir fahren hin und sehn die Affen.
Es ist gelungen
Und um sich schief zu lachen,
Was die für Streiche machen
Und für Gesichter
Wie rechte Bösewichter.
Sie krauen sich,
Sie zausen sich,
Sie hauen sich,
Sie lausen sich,
Beschnuppern dies, beknuppern das,
Und keiner gönnt dem andern was,
Und essen tun sie mit der Hand,
Und alles tun sie mit Verstand,
Und jeder stiehlt als wie ein Rabe.
Pass auf, das siehst du heute.
0 Vater, rief der Knabe,
Sind Affen denn auch Leute?
Der Vater sprach: Nun ja,
Nicht ganz, doch so beinah.Aus Wilhelm Busch, Zu guter Letzt, München 1904
.
.
.
.
.
Der brillante Schachzug (42)
.
Matt in 19 Zügen
Weenink 1922
8/8/8/1pR1P1K1/p2P2P1/rp1B1P2/pk6/b7 w – - 0 1
Auflösung —> (mehr…)
Die «Brillanten Schachzüge» abonnieren ![]()
.
.
Marcel Haag: «Enthüllung» (Erstveröffentlichung)
.
Enthüllung
Polarbleich beranken die fasrigen Wolken
die Ränder des Morgens
Es tosen schwarze Tannen
in der Bise her und hin:
ein Zauberturm
Und der Ruf der Kirchenglocken
flutet durch den Mauerwald
wie ein oranges Lied
Wie könnt es anders sein?
Die Tauben fahren durch die Luft
zerfetzt ihr Flug zu Einzelheit
Die Sonne bäumt sich ganz diffus
aus ihrem Horst und sprengt
das laue Tuch des Raumes in die Weite
denn es log die Gleichheit allen Seins
im Dunkel
Aber ach
wie scharf ist bei Tag
ein Berg von einem Haus
und ein Saurier von einer Maus
getrennt
Marcel Haag, 1996
.
Vertonung «Enthüllung»
für Bariton, Fagott, Violine, Kontrabass und DrumSet






Copyright 2009 by Marcel Haag / Alle Rechte beim Autor
Download Partitur (pdf)
Download Audio-Datei (mp3)
.
.
.
_____________________
Marcel Haag
Geb. 1969 in Arbon am Bodensee, Ausbildung zum Primarlehrer in Kreuzlingen, autodidaktische Weiterbildung zum Lyriker, Musiker, Maler und Fotograf, zwischenzeitlich Journalist bei der Basler Zeitung und beim «Nebelspalter», lebt in Basel
.
.
.
.
.
.
.
Maria Lettberg: Das Solo-Klavierwerk von Skrjabin
.
Der ganze Kosmos des Alexander Skrjabin
Walter Eigenmann
.
Wer war Alexander Skrjabin – was war er? Komponist? Symbolist? Mystiker? Revolutionär? Priester? Synästhetiker? Romantiker? Orgiastiker? Theosoph? Spinner? Über Skrjabin zu schreiben heißt über einen ganzen Kosmos zu schreiben: Die Entwicklung dieses genialen Ton-Exzentrikers vom hypersensiblen Chopin-Eklektiker (vor 1900) bis zum atonal entrückten Farb-Ekstatiker (ca. 10 Jahre später) ist beispiellos in der Musikgeschichte. Und der irdische Spiegel, eigentlich die zentrifugale Kraft dieses Kosmos’ des A. Skrjabin ist sein Klavierwerk.
Die gleichzeitigen Verehrer (oder Adepten?) sowohl dieses Komponisten als auch der schwedischen Skrjabin-Expertin Maria Lettberg mussten – nach deren insgesamt dreijähriger Gesamteinspielung von Skrjabins Solo-Klavierwerk, abgeschlossen im Juni 2007 – lange warten, bis die zwischenzeitlich vergriffene Gesamtaufnahme nun kürzlich von dem Wiener Klassik-Label «Capriccio» neu aufgelegt und in einer schlicht editierten 8-teiligen CD-Box präsentiert wurde. Der instruktiv abrundende Bonus dieser (mit dem Deutschlandradio co-produzierten) Ausgabe: Eine DVD mit Interviews der (blitzgescheiten und sehr belesenen) Pianistin sowie dem Multimedia-Projekt «Mysterium» der Computer-Farb-Designerin Andrea Schmidt.
Noten- & Hörbeispiel

Große emotionale Spannweite auf kleinstem Raum: Beginn von Skrjabins 9. Klaviersonate op.68 («Die Schwarze Messe»)
Bald nach Erscheinen dieser Gesamtaufnahme im Herbst vor zwei Jahren stieß diese Lettberg-Einspielung auf größtes Interesse in der Fachwelt: Einmal der Tatsache wegen, dass hier neben allen großen Piano-Werken Skrjabins auch alle seine kaum gespielten Petitessen (frühe «Morceaux», «Nocturnes», u.a.) präsentiert wurden, und zum anderen, weil eine sowohl technisch exzellente, emotional ausgereifte und dabei auch theoretisch hervorragend dokumentierte Musikerin am Werk war.
Die in Riga geborene, in Petersburg ausgebildete, über Skrjabin promovierte und längst mit einer fulminanten internationalen Karriere beeindruckenden Pianistin gilt inzwischen als eigentliche Skrjabin-Anwältin, welche diesem Komponisten in ihren Schallplatten- und Konzert-Aktivitäten eine zentrale Rolle einräumt. Markenzeichen Lettbergscher Pianistik ist dabei neben diffizilster Anschlagstechnik, enormem Dynamikspektrum und poetischer Ausdruckskraft vor allem eine untrügliche Notennähe, aus der präziseste Phrasierung resultiert. Hört man sich diesbezüglich beispielsweise die letzten vier Sonaten an mit der Partitur vor sich, ist die exakte Realisierung des Notentextes verblüffend. Ob das diesem poetischen Phantasten mit dem teils schier improvisatorischen Duktus im Spätwerk immer gerecht wird, ist auch eine Frage des ästhetischen Standpunktes, und es mag sein, dass vorgängige Aufnahmen eines Horowitz, Hamelin oder Sokolow die eine oder andere Stelle packender, expressiver, ja explosiver, kurz: spannender nahmen.
Gleichwohl legt Maria Lettberg hier eine übers Ganze gesehen schlicht referentielle Arbeit vor, die uns diesen pianistisch wie musikhistorisch wohl nie ganz auszuschöpfenden, äußersten widersprüchlichen, eine extreme stilistische Spannweite aufweisenden Russen sehr authentisch nahelegt. Denn bei aller intellektuell-analytischen Durchdringung der teils an neuzeitlichste Modernität des Klaviersatzes erinnernden Linien- und harmonischen Strukturen ist Lettberg eine doch auch wirkliche «Nachdichterin», deren pianistische Imagination teils betörend wirken kann (Hörproben). Kurzum: Die gültige «Bewältigung» eines Klavierwerkes, das endlich – trotz seiner teils erheblichen klaviertechnischen Hürden und v.a. seiner ständigen Forderung der «Hingabe» an die emotionale Zerrissenheit des Komponisten – unbedingt häufigerer Gast in den Klavier-Recital-Säälen der großen Musikhäuser sein müsste. Eine derartige Promotion wie Maria Lettbergs jahrelanges pianistisches Bekenntnis zu Skrjabin ist dabei ein überzeugendes Mittel. ■
Maria Lettberg, Alexander Scriabin – Das Solo-Klavierwerk, Complete Recording, 8-CD-Box (inkl. 1 DVD), Capriccio Digital / DeltaMusic, ASIN B000W4E3OS
.
.
Neue Lyrik-Wettbewerbe der Zeitschrift «Dulzinea»
.
Gesucht: Moderne Liebesgedichte
Für ihre 14. Heftausgabe (Winter 2009/10) schreibt die Literaturzeitschrift «Dulzinea» ihren 9. Lyrikpreis (dotiert mit 1’000 Euro) und den 7. Haiku-Preis (dotiert mit 250 Euro) aus. Das (frei interpretierbare) Thema lautet diesmal «Moderne Liebeslyrik», teilnehmen kann jede/r Autor/in, und es können beliebig viele deutschsprachige Texte eingereicht werden; Basis sind die in der Heftausgabe «Dulzinea 14» veröffentlichten Texte. Einsende-Schluss ist am 31. Oktober 2009, die übrigen Details finden sich hier.
.
Die Literatur-Ausschreibungen im «Glarean» abonnieren ![]()
.
.
.
.
Das Sommer-Haiku (9)
.
Das verirrte Kind
weint und weint und hascht dabei
nach dem Glühwurm doch!
.
Ryusui (18. Jh.)
(Ü: G. Goudenhove)
Die «Glarean»-Haiku abonnieren ![]()
.
.
.
.
Schreibwettbewerb des Autorenforums Berlin
.
«Texte, Typen, Temperamente»
Der Literaturverein Autorenforum Berlin schreibt aus Anlass seines 25-jährigen Bestehens einen internationalen Schreibwettbewerb zum Motto «Texte, Typen, Temperamente» («aus dem Innenleben eines Autorenforums») aus. Erwartet wird pro AutorIn eine Kurzgeschichte, die bislang noch nicht veröffentlicht worden ist. Die Länge des Manuskripts sollte 9’000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) nicht überschreiten. Gesucht werden «amüsante, boshafte, eigenwillige, spannende, freche, liebevolle, tiefsinnige» Texte. Einsende-Schluss ist am 5. Oktober 2009, die weiteren Details finden sich hier.
.
Die Literatur-Ausschreibungen im «Glarean» abonnieren ![]()
.
.
.
.
Der neue DUDEN als Jubiläums-Medienpaket
.
«Wie schreibt man…» bereits in der 25. Auflage
Walter Eigenmann
.
Den klassischen DUDEN mit seinen zwölf Bänden gibt’s (vorläufig) immer noch, aber längst haben die Mannheimer Verantwortlichen des nach wie vor prestigeträchtigsten deutschen Sprach-Regelwerks die Online-Zeichen der Zeit verstanden und offerieren nun ihre renommierte Sprachkunde in einem auch preislich sehr attraktiven kompakten Duett, genannt «Medienpaket», bestehend aus der gewohnten «Deutschen Rechtschreibung» sowie zusätzlich gratis der CD «Korrektor». Erstere ist der berühmte 1’200-seitige Nachschlage-Wälzer mit 135’000 Stichwörtern und einer halben Million Beispielen zu Bedeutung, Trennung, Aussprache, Grammatik, Stilebenen und Etymologie der Wörter, während der «Korrektor» die Software-Lösung für den Büro-Standard «Office» von Microsoft darstellt und das digitale On-the-fly-Korrigieren direkt in den Anwendungen erlaubt. (In einer weiteren Version ist die «Rechtschreibung» auch als reine Software-Lösung zum digitalen Nachschlagen erhältlich. Die ganze Palette der unterstützten PC-Programme und -Betriebssysteme findet sich hier).
Dieser «Korrektor» – mittlerweile in der 6. Version – mit seiner recht weit gediehenen Automatisierung des Korrigierens während des Schreibens dürfte in unseren Pisa-Zeiten der zunehmenden Sprach-Inkompetenz mehr denn je willkommen sein. Seine Installation klinkt sich in die Menü-Leisten z.B. von «Word» ein, steht dann in einstellbaren Graden und Parametern beim Tippen zur Verfügung und ersetzt damit die zumeist schlechtere interne Standard-Rechtschreibung der Programme.
Ungeachtet aller Unkenrufe, dem DUDEN-Konzept gehe es in unseren Internet-Zeiten schon bald an den Kragen – der Untergang des anderen berühmten Klassikers Brockhaus ist ja noch in jüngster Erinnerung -, und außerdem sei er von seinen diversen Konkurrenz-Produkten ohnehin mindestens eingeholt worden, dürfte der DUDEN seine in praktisch allen Bildungsinstitutionen omnipräsente Verbreitung noch eine ganze Weile behalten, mindestens in Form seiner zahlreichen elektronischen Derivate.
Allerdings müssten gerade deren entsprechenden Redaktionen und technischen Realisateure – sprich das deutsche Bibliographische Institut – ein paar immer lauter geäußerten Kritik-Punkten, angemeldet aus breitester Anwenderschaft (endlich mal) Gehör schenken. Denn der elektronische DUDEN (gleich welcher Form) verlangsamt (nach wie vor) empfindlich das System, vor allem aber unterstützt er die div. Freeware-OpenOffice-Anwendungen – längst bei einem riesigen Segment der User in Betrieb – nur sehr mangelhaft bzw. offeriert hier empfindlich schlechtere Lieferkonditionen.
Stellt man diese Defizite in der nächsten Ausgabe endlich ab, dürfte Konrad Dudens Lebenswerk auch in den kommenden Jahren allgegenwärtiger Ratgeber in Schule, Lehre und Forschung bleiben. Denn der Frage «Wie schreibt man…» wird zukünftig noch größere Bedeutung zukommen als jetzt schon in diesen Zeiten der Reformen und ständigen Sprach-Evolutionen – hier sind schnelle und professionelle Referenz-Ratgeber unverzichtbar.
DUDEN-Medienpaket, Rechtschreibung + Korrektor (Buch + CD), ISBN 978-3-411-70425-5
.
.
.
Das Glarean-Literatur-Kreuzworträtsel
.
Literatur-Rätsel August 2009
.
.
Copyright 2009 by Walter Eigenmann – Einfach ausdrucken
.
Auflösung —> (mehr…)
.
.
Das Zitat der Woche
.
Über den Bücherwurm
Otto Jägersberg
.
Man denke nicht, die Bibliophilie sei eine harmlose Liebhaberei, sie gerät gern in Leidenschaft und wächst sich zur Bibliomanie aus. Was unter ihrem Banner an Merkwürdigkeiten, Tollhäusereien und Kleptomanien begangen wird, gibt auch schon wieder ein fabelhaftes Sammelgebiet. Jüngst überführte ein Fensterputzer in Karlsruhe einen solchen Bücherfreund. Der Fensterputzer sah von seinem Hochhaus-Arbeitsplatz in ein beinah bis zur Decke mit Büchern gefülltes Zimmer. Auf den Büchern, direkt unter der Zimmerdecke, lag ein schlafender Mann, um dessen knappe Atemluft sich der Fensterputzer Sorgen machte, und die Polizei rief. Die Polizei entlarvte den Schläfer als Bücherdieb. Er hatte alle Möbel aus der Wohnung entfernt, um genügend Platz für seine überall zusammengeklauten Bücher zu haben.Er brauche kein Bett, sagte der Mann, er habe ja Bücher. Weil er in Büchern lebe, könne ihn auch das Gefängnis nicht schrecken. Er habe genügend Bücher im Kopf, er könne sich an so viele Bücher erinnern, dass ihm die Zeit auch im Gefängnis nicht lang werde. Solche verirrten Bibliomanen sind natürlich ein Segen für die Justiz, endlich haben sie jemand, der ihnen die Gefängnisbücherei auf Vordermann bringt.
Wir können vergessen, wir dürfen vergessen, weil wir die Bücher haben. Hätten wir die Bücher nicht, wir würden verrückt. So gehen wir herum, sehen dem Treiben der Menschen zu, trinken unsern Wein und können versäumen und vergessen nach Herzenslust – zu Hause warten die Bücher.
Die Gefahr besteht, dass ihrer zu viel werden. Die Quantität springt nicht unbedingt in Qualität um…Aus Otto Jägersberg, Das zweite Leben der Bücher, in: Lesen Sie auch nie? – Tintenfass Nr. 26, Diogenes Verlag 2002
.
.
.
.
Drei Zeit-Gedichte von Matthias Berger
.
.
Wochenbett
Ich sah
wie sich
ein Härchen
vom Lid
des Säuglings
löste
Alles
eine Frage
der
Zeit
.
.
.
noch nicht
in der wehmut
des
noch nicht
fällt
jeder
kiesel
dir
zu
auch der
stundenschlag
wirft
gegenwart
in die
stille
in ihr
werden
deine augen
kelche
für farben
noch
verkrustet
dein blick
nicht
.
.
.
ekstase – gravitation
heraustreten
aus dem brachland -
einen lerchenjubel lang
im himmel
aber
finden
lungenflügel
keinen
halt
pflugversuche wagen
erdling -
trittsicher
werden
und wieder
heraustreten -
nur
einen lerchenjubel lang
.
.
_________________________________
Geb. 1961, aufgewachsen bei Bern, Studium der evang.-ref. Theologie in Bern und Nairobi, acht Jahre Gemeinde-Pfarramt, 4 Jahre Psychiatrieseelsorge, seit 2002 Gefängnis- und Spitalseelsorger im Kanton Zürich, lebt in Zürich
.
..
.
.
.
Heute vor … Jahren
.
Woodstock 1969: 3 Days of Peace & Music
.
Trocken hält die allwissende Wikipedia fest: «Das Woodstock Music and Art Festival war ein Musikfestival, das als musikalischer Höhepunkt der US-amerikanischen Hippiebewegung gilt. Es fand offiziell vom 15. bis 17. August 1969 statt, endete jedoch erst am Morgen des 18. August. Der Veranstaltungsort war eine Farm in Bethel im US-amerikanischen Bundesstaat New York.»
Doch schon Tage später, und erst recht heute, exakt 40 Jahre danach, ist deutlich: Woodstock war kein Konzert. Woodstock ist ein Mythos.
.
.
.
.
.
.
.
Mauricio Botero: «Don Ottos Klassikkabinett»
.
Musikalische Poesie für feinsinnige Gourmets
Walter Eigenmann
.
Was geschieht, wenn ein feinsinniger Dichter wie der Kolumbianer Mauricio Botero der Musik als seiner großen Liebe ein Poesie-Bändchen widmet? Es geschieht «Don Ottos Klassikkabinett». Das sind 31 Geschichten und Geschichtchen, vielmehr: 31 Albumblätter, die je ein bedeutsames bzw. berühmtes Stück der Musikgeschichte zum Anfangs- und Endpunkt von menschlichen und zugleich philosophischen bis witzigen Begegnungen nehmen. Auf eine wirklich so unnachahmliche Art, dass man meint, beim Lesen die Aura selbst des fraglichen Werkes ins Ohr zu kriegen.
Eigentlich ist «Don» Otto Roldán nur ein unscheinbarer CD-Verkäufer, der im «Chapinero», einem äußerst belebten Viertel im Nordosten von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, und zwar gleich gegenüber der gewaltigen «Nuestra Señora de Lourdes», gemeinsam mit seiner treuen Gehilfin Adela einen offenbar gutgehenden Musikladen betreibt. In diesem seinem Hort zur Musikalischen Einkehr, genannt «La Caja de Música» (Die Musikschachtel), empfängt Don Otto nun tagtäglich Fremde, Käufer, Leute, Menschen: «Schweigsame, harmonische, atonale oder misstönende Menschen kommen hier vorbei. Auf der Suche nach den großen Werken bevölkern sie die Partitur des Lebens.»
Und da trifft er sie denn alle, die schrillen Choleriker oder stillen Melancholiker, die diskutierfreudigen Intellektuellen oder maulfaulen Bauern, die kulturbeflissene Lehrerin oder die versnobte Direktorenfrau, den ausgeflippten Teenager oder den korrekten Buchhalter – und was der Stereotypen mehr sind.
Denn ums psychofiligrane Zeichnen von Figuren geht’s in diesem kunterbunten Botero-«Kabinett» der Personen und Stücke nicht so sehr als vielmehr darum, wie alle diese Gebildeten oder Doofen, Neugierigen oder Gelangweilten, Hoffnungsvollen oder Leidenden, Erfolgreichen oder Gestrandeten mit Musik agieren, auf Musik reagieren – und damit über sich und die Werke und das un-erhörte Dazwischen eine erstaunliche Menge preisgeben.
Da steht dann plötzlich eine Horde Punks in Don Ottos Laden, «mit Haaren in Farben, wie die Natur sie nicht nachzuahmen versucht», und verlangt «nach einem kleinen Juwel von Messiaen, Das Erwachen der Vögel», welches Don Otto ungern hergibt, weil einziges Exemplar, aber dann die CD doch an die erstaunlich wissensdurstigen Punks verkauft, weil sie ihn um «ein Vorurteil ärmer» machten; Dann wären da die zwei miniberockten jungen Wasserstoff-Blondinen, die just zum «Allegro vivace» aus Beethovens dreizehnter Klaviersonate hereingestöckelt kommen «wie die Leichte Kavallerie von Franz von Suppé» und nach was «schönem Klassischem» verlangen, wonach Vivaldis «Vier Jahreszeiten» ins Gespräch kommen, aber auch Fragen nach dem Zölibat des Prete rosso und seiner WG mit zwei Schwestern; Oder dann war da Elena, die Schwarz trug, Latein konnte, «sich in irgendeinem nächtlich Bezirk verlaufen hatte, so dass sie heute keine Sonne mehr finden kann» – und nervös nach «irgendeinem» Requiem suchte, bei dem «durchschimmernd hellen Werk» von Fauré fündig wurde, um damit schließlich «zur Ruhe zu kommen», sodann die Handtasche zu öffnen, eine Pistole hervorzuziehen und sich in die Schläfe zu schießen; Oder beispielsweise jener «weder alte noch junge» Mann, der einen körperlichen Tick nach dem anderen zeitigt, je länger er in Ottos Laden der «Schöpfung» Haydns zuhört, und sich zu schlechter Letzt, nach einem tiefen Gespräch über Musik und Gott, als «ein einziges zuckendes Nervenbündel» aufmacht «in die durchscheinende Einsamkeit Bogotas, die voller Licht ist, auch wenn die Sonne sich manchmal gar nicht zeigt.»
Mauricio Botero ist, offensichtlich von einer hervorragend nachdichtenden Übersetzung aus dem Spanischen durch Peter Kultzen unterstützt, in diesem «Klassikkabinett» ein Virtuose des szenischen Kontrasts und der frappanten Skurillität ebenso wie der (musik-)ästhetischen Reflexion und des entlarvenden Dialogs, ein Meister der buchstäblich leisen Töne, doch auch des schockierenden Paukenschlages. Keines seiner Kapitel ohne Humor, ja Sprachwitz, aber auch keines ohne feingewogenen Hintersinn – sei’s nun der «besprochenen» Musikstücke, sei’s der «behandelten» Menschen. Der kleine CD-Laden des Don Otto gerät so zum Abbild eines wahren kulturgeschichtlichen Kosmos’, auch wenn es sich bei den vielen zitierten Tonwerken von Händel bis Bartok um ausnahmslos sehr berühmte Stücke handelt, denen diese «Neuentdeckung» durch Don Ottos Klassik- bzw. Horrorkabinett höchst gut tut (und welche die Lektüre auch für musikalische Laien sehr zum Gewinn macht!).
Verführerisch ist es dabei, Boteros 31 Kleinode des ebenso informativen wie pointenreichen Reisens durch Musik- und Menschen- und Gedankenwelten in einem Aufguss zu verschlingen, so bescheiden, ja unscheinbar kommen diese Geschichtchen daher. Doch nichts dümmer als das; vielmehr sind sie wohldosiert zu genießen, um ihren je unverwechselbaren Gout zu spüren, nehme man unbedingt nur einen oder zwei Bissen aufs Mal zu sich, sonst verliert dies spezielle Gericht seine geschmacklichen Verknüpfungen. «Don Ottos Klassikkabinett» bedarf des langsamen Genusses eines jeden einzelnen Häppchens, damit sich das reiche Gesamt-Bouquet entfalten kann. Ein Gourmet-Mahl für «Kenner und Liebhaber» und für «stille Genießer» – ein intellektuelles Vergnügen. Jedenfalls war es höchste Zeit, dass ein europäischer Verlag sich dieses hierzulande völlig unbekannten Schriftstellers annahm (Boteros «Klassikkabinett» erschien im Orignal bereits 2001 in Kolumbien und wurde dort noch im gleichen Jahr mit dem Premio Nacional de Cuento ausgezeichnet), zumal in dieser schmucken Form eines sorgfältig gestalteten Geschenkbändchens. Eine sehr verdienstvolle Entdeckung des Zürcher Unionsverlages.
Mauricio Botero, Don Ottos Klassikkabinett, Unionsverlag, 188 Seiten, ISBN 978-3293004092
.
Inhalt
Vorbemerkung – Das Erwachen der Vögel – Vivaldi – Borodin – Bela Bartok – Das wohltemperierte Klavier – Beethoven – Händel – Johann Sebastian Bach – Prokofiew – Mozart – Opus 70 Nr. 1 (Geistertrio) – Brahms – Adagio und Lumen – Schola Cantorum Romana – Ave verum corpus – Pange lingua (Modus tertius) – Die Klaviersonate Nr.31 – Requiem – Ouvertüre 1812 – Espana – Tantum ergo – Schumann – Schubert – Polonaisen – Strauss – Rigoletto – Telemann – Adagio molto delicato – Die Schöpfung – Symphonie mit dem Paukenschlag – Die siebte Symphonie in A-Dur
.
Probeseiten
.
.
.
16-Jähriger dirigiert amerikanisches Spitzenorchester
.
Musik-Wunderknabe Ilyich Rivas interpretiert Tschaikowsky
Walter Eigenmann
In praktisch allen Kultur- und Sport-Bereichen scheinen die «Maestri» und «Stars» ständig jünger zu werden. Nun überraschte das amerikanische Spitzenorchester Atlanta Symphony Orchestra (ASO) seine weltweiten Anhänger mit der sensationellen Ankündigung, der erst 16 Jahre junge, in Venezuela geborene Ilyich Rivas werde ein komplettes Sinfonie-Konzert des renommierten Klangkörpers dirigieren.
Der jugendliche Conductor und Pianist, dessen Vater ebenfalls ein angesehener Orchester-Dirigent ist, fiel in einer Reihe von hochkarätigen Ausbildungsstätten – darunter auch im Verbier-Festival-Dirigentenkurs von Kurt Masur – als Extrem-Begabung auf und hat als Dirigent bereits zahlreiche Orchesterkonzerte sowohl in Amerika als auch in seinem Heimatland hinter sich. Mit neun leitete Rivas erstmals ein Bläser-Ensemble, ein Jahr später führte er in Venezuela Mozarts große G-Moll-Sinfonie Nr. 40 auf…
In Atlanta wird er also nächsten Samstag erstmals vor einem international reputierten Orchester stehen. Gegeben werden Verdis Ouvertüre zu «Les vêpres siciliennes», Mendelssohns Violinkonzert e-moll op. 64 – mit der erst 22-jährigen (!) Elena Urioste als Solistin – sowie als Höhepunkt des Abends Tschaikowskis Vierte Sinfonie.
Ungeachtet der offensichtlichen Hochbegabung dieses jungen Musikers stellen sich mit der «Verpflichtung» Rivas’ ans ASO doch kritische Fragen:
Reicht der aus «nur» 16-jähriger Denk- und Lebenserfahrung gespiesene «geistige Horizont» eines Knaben aus für eine gültige Interpretation solcher kulturgeschichtlicher Höhepunkte wie der Tschaikowski-Sinfonik? Wie gestaltet(e) sich überhaupt in einem solchen Fall die orchesterpädagogische bzw. -psychologische Arbeit, da ein relativ unerfahrener Jugendlicher hundert hochkarätig ausgebildete und oft vieljährig erfahrene Spitzenkönner führen muss? Oder ist dieses Engagement ganz einfach das Beispiel raffinierter neuer Marketing-Gags, welche in Wirtschaftskrisen-Zeiten wieder mehr (sensationslüsterne) Besucher in die Konzerthallen der finanziell überall serbelnden Spitzenorchester (nicht nur in Amerika) schwemmen sollen? Wie weit will es der globale Musik-Kommerz noch treiben mit dem grassierenden Jugend-Kult?
Tschaikowsky – 4. Symphonie (Beginn des vierten Satzes) —> Hörbeispiel (Barenboim/YouTube)
.
.
.
Themenverwandte Links
Orchestermusik – Kammerorchester – Konzertveranstaltungen – OperaPoint -
Das neue Glarean-Sudoku
Der brillante Schachzug (41)
.
Weiß am Zuge
Atalik-Sax, Szeged 1997
r1b2r1k/ppp2ppp/8/4p3/2BPQ3/P3P1K1/1B3PPP/n3q1NR w – - 0 17
Auflösung —> (mehr…)
Die «Brillanten Schachzüge» abonnieren 
Sommer-Haiku (8)
.
In der Sonnenglut
scheint sogar der Schmetterling
schwarzversengt zu sein!
.
Ryota (1707-1787)
(Ü: G. Goudenhove)
.
.
Die «Glarean»-Haiku abonnieren 
.
Themenverwandte Links
Kiki 64 – Haiku-Mutter – Haiku-Wettbewerb – Lesereins – Elfchen&Haiku – Kausch&Friends
.
.
Aufgeschnappt
.
Von «Aknestäbchen» bis «Schnecken-TÜV»:
Das Jugendwort 2009
Wissen Sie, was ein «Bankster» ist? Na logo: Ein Banker, der spekulative Geschäfte macht. Oder haben Sie eine Ahnung, was Jugendliche unter einem «Knieschoner» verstehen? Aber genau: Hängebusen. Noch etwas geschmackvoller: Was ist der «Schnecken-TÜV»? Ein Frauenarztbesuch.
Insgesamt 30 solcher respektlosen (und teils am «guten Geschmack» haarscharf vorbeischrammenden) Erfindungen aus der rotzfrechen Welt der Jugendsprache stehen gegenwärtig zur Internet-Abstimmung, welche der Münchner Langenscheidt-Verlag noch bis Ende Oktober 2009 lanciert. Das Begriffespektrum ist dabei recht weitgestreut (wenngleich naturgemäß etwas pubertätslastig), das Vokabular reicht von «Aknestäbchen» (PommesFrites) über «Don Promillo» (Betrunkener) bis hin zu «Pornflakes» (Viagra). Das Jugendwort 2008 war übrigens «Gammelfleischparty» (Feier von über 30-Jährigen). In der aktuellen Abstimmung führt zurzeit «Rudelgucken» (Public Viewing), gefolgt von «Hagelschaden» (Cellulitis). Im Rahmen einer Preisverlosung sind außerdem neue Jugendwörter zu kreieren.
Wer für das laufende Jahr noch mitvoten will, kann das hier tun.
.
.
.
Franco-Evangelisti-Kompositionswettbewerb 2009
.
Werke für Frauenstimme und Elektronik
Das römische Musik-Konservatorium «Di Santa Cecilia» organisiert in Zusammenarbeit mit RAI und der Zerboni-Edition seinen 12. internationalen Franco-Evangelisti-Kompositionswettbewerb. Die einzureichenden Werke sollen für Musik mit Frauenstimme und Elektronik geschrieben sein und eine jeweilige Gesamtdauer von sieben bis zwölf Minuten aufweisen. Für die Teilnahme bestehen weder bezüglich des Alters noch der Nationalität der KomponistInnen Restriktionen. Einsende-Schluss ist am 10. Oktober 2009, die weiteren Details (engl.) sind hier zu lesen.
.
.
Die Kompositions-Ausschreibungen im «Glarean» abonnieren ![]()
.
Schweizer Film-Kompositions-Wettbewerb
.
Gesucht: Multimediale Musik für «PLEXO»
Das Schweizer Bundesamt für Kultur schreibt in Zusammenarbeit mit der Luzerner Design-&Kunst-Hochschule sowie der «Union of Film Music Composers Switzerland» einen multimedialen Filmmusik-Kompositionswettbewerb aus. Vertont werden soll der knapp zweieinhalbminütige Animationsfilm «PLEXO» von Jan Anthamatten (HSLU). Zielsetzung dieses Pilotprojektes ist es, «junge und kreative Talente im Bereich der neuen digitalen Medien zu fördern»; aufgerufen sind deshalb Komponistinnen und Komponisten bis 30 Jahre. Einsende-Schluss ist am 16. November 2009, die weiteren Details sind hier zu finden.
.
.
.
Die Kompositions-Ausschreibungen im «Glarean» abonnieren ![]()
.
Das Zitat der Woche
.
Über das «Genie» Adolf Hitler
Thomas Mann
.
Ich frage mich, ob die abergläubischen Vorstellungen, die sonst den Begriff des <Genie> umgaben, noch stark genug sind, dass sie uns hindern sollten, unsern Freund ein Genie zu nennen. Warum denn nicht, wenn’s ihm Freude macht? Der geistige Mensch ist beinahe ebensosehr auf Wahrheiten aus, die ihm wehe tun, wie die Esel nach Wahrheiten lechzen, die ihnen schmeicheln. Wenn Verrücktheit zusammen mit Besonnenheit Genie ist (und das ist eine Definition!), so ist der Mann ein Genie: Um so freimütiger versteht man sich zu dem Anerkenntnis, weil Genie eine Kategorie, aber keine Klasse, keinen Rang bezeichnet, weil es sich auf den allerverschiedensten geistigen und menschlichen Rangstufen manifestiert, aber auch auf den tiefsten noch Merkmale aufweist und Wirkungen zeitigt, welche die allgemeine Bezeichnung rechtfertigen.
Ich will es dahingestellt sein lassen, ob die Geschichte der Menschheit einen ähnlichen Fall von moralischem und geistigem Tiefstand, verbunden mit dem Magnetismus, den man <Genie> nennt, schon gesehen hat wie den, dessen betroffene Zeugen wir sind. Auf jeden Fall bin ich dagegen, dass man sich durch ein solches Vorkommnis das Genie überhaupt, das Phänomen des großen Mannes verleiden lässt, das zwar vorwiegend immer ein ästhetisches Phänomen, nur selten auch ein moralisches war, aber, indem es die Grenzen der Menschheit zu überschreiten schien, die Menschheit einen Schauder lehrte, der trotz allem, was sie von ihm auszustehen hatte, ein Schauder des Glückes war. Man soll die Unterschiede wahren – sie sind unermesslich. Ich finde es ärgerlich, heute rufen zu hören: «Wir wissen es nun, Napoleon war auch nur ein Kaffer!» Das heißt wahrhaftig, das Kind mit dem Bade ausschütten. Es ist als absurd abzulehnen, dass man sie in einem Atem nennt: den großen Krieger zusammen mit dem großen Feigling und Erpressungspazifisten, dessen Rolle am ersten Tage eines wirklichen Krieges ausgespielt wäre; das Wesen, das Hegel den «Weltgeist zu Pferde» nannte, das alles beherrschende Riesengehirn, die ungeheuerste Arbeitskapazität, die Verkörperung der Revolution, den tyrannischen Freiheitsbringer, dessen Gestalt der Menschheit als Erzbild mittelmeerländischer Klassik für immer ins Gedächtnis geprägt ist – zusammen mit dem tristen Faulpelz, tatsächlichen Nichtskönner und <Träumer> fünften Ranges, dem blöden Hasser der sozialen Revolution, dem duckmäuserischen Sadisten und ehrlosen Rachsüchtigen mit <Gemüt>…
Ich sprach von europäischer Verhunzung: Und wirklich, unserer Zeit gelang es, so vieles zu verhunzen: Das Nationale, den Sozialismus – den Mythos, die Lebensphilosophie, das Irrationale, den Glauben, die Jugend, die Revolution und was nicht noch alles. Nun denn, sie brachte uns auch die Verhunzung des großen Mannes. Wir müssen uns mit dem historischen Lose abfinden, das Genie auf dieser Stufe seiner Offenbarungsmöglichkeit zu erleben.
Aber die Solidarität, das Wiedererkennen sind Ausdruck einer Selbstverachtung der Kunst, welche denn doch zuletzt nicht ganz beim Worte genommen sein möchte. Ich glaube gern, ja ich bin dessen sicher, dass eine Zukunft im Kommen ist, die geistig unkontrollierte Kunst, Kunst als schwarze Magie und hirnlos unverantwortliche Instinktgeburt ebensosehr verachten wird, wie menschlich schwache Zeiten, gleich der unsrigen, in Bewunderung davor ersterben. Kunst ist freilich nicht nur Licht und Geist, aber sie ist auch nicht nur Dunkelgebräu und blinde Ausgeburt der tellurischen Unterwelt, nicht nur <Leben>. Deutlicher und glücklicher als bisher wird Künstlertum sich in Zukunft als einen helleren Zauber erkennen und manifestieren: als ein beflügelt-hermetisch-mondverwandtes Mittlertum zwischen Geist und Leben. Aber Mittlertum selbst ist Geist.Aus Thomas Mann, Bruder Hitler, Paris 1939
.
.
.
Chinesischer Kompositions-Wettbewerb im Zeichen des Wu Xing
.
Zeitgenössische Musik für das chinesische Sizhu-Ensemble
Der taiwanesische «Music-Workshop» der Chai-Found schreibt für 2009 einen internationalen Kompositionswettbewerb für zeitgenössische taiwanesische bzw. chinesische Musik(-instrumente) aus. Es gibt keine Altersgrenze für Bewerber, und teilnehmen können auch europäische KomponistInnen. Der musikalische Aufbau der einzureichenden Werke muss mit dem altchinesischen «Wu Xing»-Prinzip der «Fünf Elemente» zusammenhängen. Die Werke sollen unveröffentlicht und für das Instrumentarium eines Sizhu-Ensembles geschrieben sein, also für die Instrumente Erhu, Di, Pipa, Gucheng, Yangqin, Ruan und Sheng, wobei die Werkdauer zwischen mind. acht und max. zwölf Minuten betragen soll. Einsende-Schluss ist am 1. Oktober 2009, die weiteren Details (engl.) finden sich hier.
.
.
Die Kompositions-Ausschreibungen im «Glarean» abonnieren ![]()
.
Lyrik von Bruno Schlatter
.
Höhenwegkoller
angesichts des Schweißes
keine Überraschung
Schritt um Schritt
den Beizen zu
Hummeln ficken Rotklee
Erdgrillen schnurren
im Gebüsch klapperts
wie Schlangen
Meckernde Ziegen
abseits der Gemsställe
plötzlich riecht es nach Walderdbeeren
Kurze Halte
hoch über dem Tal
Blick auf Alpen
und Bahn
Donnernde Bäche
stieben über Felsen
aus verkarsteten Höhen
Baumlosigkeit
öffnet die Erde schutzlos
der Erosion
Trampelpfade
bieten Anrissstellen
Sommervogelballett
umschwirrt kalkweiße Beine
setzt sich wieder zu gemeinsamem Tratsch
bereit zu neuen Aufführungen
für nächste Wanderer
Glühende Sonne
brennt die Köpfe leer
hochrote Glatzen
leuchten im Schweißmeer
Da und dort
rutscht der Berg
centimeterweise pro Tag
bis der letzte Geduldsfaden
in einem Gewitter reißt
und alles gleitet
Haus und Schober
Wald und Weide
ineinanderkeilt
sich überschlägt am steilen Hang
purzelt über die Klippe
und fällt in die Schlucht
Die Berggeister
tanzen ihren Siegestaumel
gegen übermütige Zivilisation
.
.
.
___________________________________
Geb. 1964 in Schöftland/CH, Pädagogik-Studium zum Sekundarlehrer, umfangreiche Tätigkeit als Musiker, bildender Künstler und Literat, lebt in Rombach/CH
.
.
.
.
Kurzprosa von Beatrix Maria Kramlovsky
.
Der Fisch
Meditation über ein Bild von Georges Braque
Beatrix Maria Kramlovsky
.
.
Schimmernde Samennetze wabern im Meer. Der Fisch und seine Gefährtin tanzen lautlos im Rausch der Zeugung.
Die Frau schwebt im Wasser, versucht, in der Strömung ihren Platz zu behalten, nichts aufzuwirbeln, sachte, als sei sie wieder das Kind an der Hand des Großvaters im Wald, schleichend auf der Pirsch in anderen Farben. Sie verhält sich wie ein erregter Jagdhund.
Das Wesen mit der schimmernden Haut vor ihr steht im grünen Licht, Kringel und Spiralen tanzen in zärtlichem Smaragd, schließen Helligkeit ein, Gelb sickert herab, flüssiges Glas, das sich auf die dunkle Haut legt. Der Fisch verharrt völlig bewegungslos, sieht sie immer noch an, abwartend, sehr distanziert, mit diesen starren Pupillen, diesem Schwarz, als presse er sich an ein Okular und verstecke sein wahres Auge dahinter. Er ist schön. Seine Bewegungen sind sparsam, voll verhaltener Energie, sein Körper glänzt fest und glatt, im Schwarz königlichen Leichengepränges.
Sie öffnet ihre Finger zu Fächern, langsam, behutsam, das Wasser rinnt dazwischen durch, streichelt an der zarten Haut ihrer Handteller entlang. Sie spürt die Wärme, die von oben herunterdringt, die Farben und Lebewesen rund um sich, ohne sie bewußt wahrzunehmen, sie spürt, dass sie da sind. Doch alles ist nur offen für das Fischauge gegenüber, und so verharren sie in gegenseitiger Betrachtung.
Im weißen Sandbett ruhen die schwarzen Felsblöcke, rosafarben leckt das Meer an den von grünbraunen Algen überzogenen Wänden. Es ist ein Stein im Schwarz dumpfer Katakomben. In Spalten lauern kobaltblaue Striche, schießen ein in das Schwarz, bewegen sich hin zu violett, aus Rissen rieselt stumpfes Anthrazit. Nackt liegt das Schwarz der prallen Sonne ausgesetzt, die Lebendigkeit der Schatten am Fuß der Felsen weicht starrer Leblosigkeit. Es ist, als zöge sich der Glanz zurück ins uralte, feuchte Innere, hinterließe ein Schwarz, seiner Seele beraubt, das unterm dem tropischen Licht zerbröckelt zu rußigem, apathischem Dunkel. Die Felsen warten. Wie urzeitliche Panzertiere haben sie sich in sich zurückgezogen und brüten über den Farben.
Der Mann nimmt den Apfel und legt ihn auf die nassen Finger der Frau. Salz verkrustet sich im Wind an den winzigen, aufgerichteten Häärchen. Der Apfel ist rot, prall und glatt. Die Frau hält Leben in der Hand.
Licht tanzt über dem Meer, die braunen Erdtöne steigen auf, bieten sich der Sonne dar, Ocker schwelt über Umbra, Karmin, leuchtet im Schatten der grünen Pflanzendächer, Siena vermischt sich mit zartem Rosa und schmilzt ins pudrige Beige des Strandes. Die See ist wie ein Schild, bleiweiß in der vergehenden Hitze verbirgt sie den lautlosen Kampf, die lautlose Schönheit, die lautlose Jagd, das lautlose Werben, die lautlose Vernichtung, die lautlose Geburt.
Unter den Blättern verharrt seufzend die aufsteigende Brise, Schleier ziehen von den Hängen herab. Schräge Bronzetöne verdampfen auf der Haut der Frau. Der Mann beugt sich über die Schatten, beißt in den Apfel, das Fleisch kracht saftig zwischen seinen Zähnen, der Zauber bricht.
Der Fisch und seine Gefährtin umtanzen die befruchteten Schnüre, beobachten das keimende Leben.
Auf dem sich kräuselnden Wasser liegen Boote mit aufgerollten Netzen.
Kraniche staksen nebelig weiß auf dürren Beinen zwischen glänzenden, kunstvoll geschichteten Melonen, den reifen Tomaten, deren sanftes Rot in den Körben schimmert. Die Vögel hocken auf den durchhängenden Planen, wetzen die halboffenen Schnäbel, recken die Hälse und schießen hinunter auf den nassen Tisch mitten zwischen die braunen Hände mit den pastellfarbenen Geldscheinen, die sich den Fischbündeln entgegenstrecken. Sie zielen auf Fischreste, Schwänze und Innereien, schnappen auf, schlucken ruckartig mit den sich krümmenden Hälsen. Die Finger weichen nicht zurück, die Kraniche heben ab.
Ein Fischauge liegt auf dem nassen Holz, Schuppen kleben wie Katzensilber auf dem Tisch, abwaschbare Intarsien des Tiertodes.
Hoch über dem Wasser steht das weiße Haus mit der schmalen Brüstung, auf der Veranda tanzen Menschen. Die grünen Sprossen der glaslosen Fenster leuchten im Kerzenschein. Die Frau und der Mann schauen über die verstreuten Lichter unter ihnen hinaus auf das silbrige Grau des Meeres, die blauschwarzen Kuppen der vorgelagerten Inseln.
Im warmen Bambuston hinter den grünen Sprossen legt eine nußfarbene Frau mit langgezogenen Fingern und weißen Halbmonden auf Perlmuttnägeln ein Stilleben des Todes. Sie hält die Papaya, sie spürt die wächserne Haut der grobporigen Orange, sie fährt über das angelaufene matte Grau der Platte, prüft das Gewebe des Tuches, zieht daran. Auf dem Teller liegen der Fisch und seine Gefährtin, appetitlich und prall. Die gebrochenen Augen verwandeln sich zu Löchern ins bodenlose Schwarz.
Betrachtung hält die Zeit an. Stille. Die Frau lächelt den Mann an, ihre Lippen berühren sich. In der Unbeweglichkeit des Augenblicks verlöscht der Tod im Leben.
»Es ist angerichtet«, sagt die nußbraune Frau, und das Paar wendet sich ihr zu. ■
.
______________________________________________
Geb. 1954 in Steyr/A, Studium der Anglistik und Romanistik, Prosa-Buchveröffentlichungen, verschiedene internationale Kunstausstellungen, diverse Literatur-Auszeichnungen, lebt in Bisamberg/A
.
.
.
Ist Dichten lernbar?
.
Ist Dichten lernbar?
Über Sinn und Unsinn von Schreibseminarien
Mario Andreotti
.
In den letzten Jahrzehnten sind sie im deutschen Sprachraum, zunächst in Deutschland und dann auch in Österreich und in der Schweiz, wie Pilze aus dem Boden geschossen: Die verschiedenen, keineswegs immer billigen Schreibwerkstätten, Seminarien, Literaturkurse und Fernlehrinstitute für angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dazu kamen und kommen eine steigende Zahl von Büchern und Zeitschriften, die dem Leser mehr oder weniger deutlich suggerieren, sie enthielten «todsichere» Rezepte für ein gutes Schreiben. Das reicht dann von relativ neutralen Titeln, wie etwa dem «Verlegerbrief», über Titel, die wie «Grundlagen und Technik der Schreibkunst» schon handfester tönen, bis zu solchen, die unverhohlen versprechen, der Leser werde durch die Lektüre der betreffenden Publikation «garantiert schreiben lernen». Dieses zunehmende Angebot an Schreibhilfen, allen voran an Schreibwerkstätten und «Kursen für kreatives Schreiben», lässt einmal mehr die Frage aufkommen, ob sich denn das Dichten überhaupt lernen lasse. Es handelt sich um eine Frage, die fast so alt wie die Dichtung selber ist, und die im Verlaufe der Literaturgeschichte ganz unterschiedlich beantwortet wurde.
Ist Dichten also lernbar?

«Poetischer Trichter - Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugießen» (Georg Philipp Harsdörffer, 17.Jh.)
Hätte man diese Frage einem Literaten etwa des 17.Jahrhunderts, also der Barockzeit gestellt, so hätte er sehr wahrscheinlich leicht verwundert zur Antwort gegeben, natürlich sei das Dichten lernbar, und dies genau so exakt wie beispielsweise das Malen oder das Musizieren. Wozu habe man denn die Poetik, wenn nicht dazu, dem Poeten die Regeln für sein literarisches Handwerk zu liefern. Man war damals nämlich der Überzeugung, ein Autor schreibe nur dann gut, wenn er bestimmte, durch literarische Autoritäten vorgegebene Regeln strikte beachte. So hatte beispielsweise ein Dramatiker, ob es ihm gefiel oder nicht, die berühmte Regel der drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung, die angeblich auf die Poetik des Aristoteles zurückging, zu befolgen. Tat er dies nicht, so war er literarisch, und nur allzu oft auch gesellschaftlich, geächtet. In der Literaturwissenschaft spricht man deshalb von einer normativen Poetik, von einer Poetik also, die glaubte, die Schriftstellerei sei ein Handwerk wie jedes andere, das man nach bestimmten Regeln zu betreiben habe. Ein extremes Beispiel für diese normative Auffassung der Poetik ist der vielzitierte Nürnberger Trichter von Philipp Harsdörffer, der als «Anweisung, die Teutsche Dicht- und Reimkunst in sechs Stunden einzugiessen» gedacht war. Noch heute erinnern gewisse Lehrbücher der Dichtung, die sich mit ihren handfesten Schreibezepten fast wie Kochbücher geben, an diesen Nürnberger Trichter.
Dichten als subjektives Geschäft
Gegen Ende des 18.Jahrhunderts, literaturgeschichtlich mit dem Beginn des Sturm und Drang, wandelt sich das Bild: Die überkommene Vorstellung, die Dichtung habe einem bestimmten Regelkanon zu gehorchen, wird zunehmend durch die Ansicht abgelöst, sie habe möglichst originell, möglichst schöpferisch zu sein. «Kreativität» und «Originalität» -man denke etwa an die für die Stürmer und Dränger typische Wortschöpfung des «Originalgenies»- werden zu den beiden Leitbegriffen, welche die Dichtung der folgenden zwei Jahrhunderte weithin bestimmen sollten. Womit dieser Wandel in der Auffassung von Kunst zusammenhängt, ist einigermaβen offensichtlich: Wo der abendländische Mensch, wie dies seit der Aufklärung der Fall ist, seine Individualität, aber auch seine Autonomie den «Dingen» gegenüber «entdeckt», da hat dies Rückwirkungen auf das Selbstverständnis der Autoren. Sie fühlen sich nun nicht mehr als jene, die literarische Texte nach einer bestimmten, vorgeformten «Regelpoetik» machen, sondern als Menschen, die sich von ihrer schöpferischen Intuition, von einer Art Inspiration – die Nähe zur alten, religiös fundierten Vorstellung des «poeta vates» ist offenkundig – leiten lassen. Noch ein Friedrich Dürrenmatt huldigte dieser gleichsam irrationalen Auffassung von Dichtung und vom Autor, wenn er im Hinblick auf seine Stücke immer wieder den «poetischen Einfall» betonte.
Der eben skizzierte Wandel im Dichtungsverständnis ist nun äuβerst folgenreich: Hatte vorher die Ansicht bestanden, Dichten sei lehr- und lernbar, so trat seit dem Sturm und Drang mehr und mehr die Meinung zutage, sie sei ein derart subjektives Geschäft, dass sich dafür kaum auch nur einigermaßen verbindliche Normen aufstellen lieβen. Damit war es auch mit der Vorstellung von der Lernbarkeit des literarischen Handwerks gründlich vorbei. Dies erklärt weitgehend, warum es im deutschen Sprachraum Schulen für Architekten, Bildhauer, Maler und Musiker, kaum aber solche für Schriftsteller gibt. In den USA und beispielsweise auch in Russland ist das bekanntlich ganz anders: Da existieren an den Universitäten neben den literaturwissenschaftlichen eigene Schriftstellerfakultäten, in denen angehende Autoren, angeleitet durch Praktiker ihres Faches, das Formwissen um alle dichterischen Gattungen im eigentlichen Sinne lernen. Bei uns aber hält man so etwas für eine Sünde wider den Heiligen Geist der Dichtung, warnt man in einer oftmals geradezu grotesk wirkenden Scheu vor Meistersinger-Dürre und Nürnberger Trichter.
Dichten doch lernbar?
Freilich hat sich in den letzten Jahren auch im deutschen Sprachraum ein gewisser Sinneswandel vollzogen: Neben Literaturhäusern, die regelmäßig Autorenkurse anbieten, sind vor allem in Deutschland und Österreich eigentliche Schreibschulen und Literaturinstitute, wie beispielsweise die «schule für dichtung» in Wien, die «Schreibschule Köln» und das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, entstanden. Autorenaus- und weiterbildung, Begriffe, die noch vor einigen Jahrzehnten völlig verpönt waren, sind plötzlich in. Selbst der Schweizerische Schriftstellerverband, der Verband der Autorinnen und Autoren der Schweiz, wie er neuerdings heißt, befasst sich inzwischen ernsthaft mit dem Gedanken, seinen Mitgliedern Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Form einer eigentlichen Schreibschule anzubieten.

«Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten - ein Gedicht wird gemacht» (Gottfried Benn, Probleme der Lyrik, München 1959)
Diese jüngste Entwicklung hin zum Versuch, den Beruf des Schriftstellers zu professionalisieren, hängt unter anderem zweifellos mit dem veränderten Dichtungsverständnis der Moderne zusammen, wonach Poesie, anders als etwa in Klassik und Romantik, weniger Inspiration als vielmehr Machen bedeutet. Gottfried Benns berühmter Satz «Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten – ein Gedicht wird gemacht» gilt nicht nur für die moderne Lyrik, sondern für die moderne Literatur, schon ihres betonten Kunstcharakters wegen, überhaupt. Das blieb nicht ohne Rückwirkung auf das Selbstverständnis der Autoren: Verstand sich der Autor seit dem ausgehenden 18.Jahrhundert als selbstmächtiger Schöpfer eines autonomen Werkes, bei dem Inspiration und Kreativität die zentrale Rolle spielten, so versteht er sich heute zunehmend als bloßer Arrangeur, der in harter Schreibtischarbeit Texte produziert, mit literarischen Formen und Techniken ‚experimentiert’. Daraus erklären sich die auffallend vielen intertextuellen Bezüge, wie sie gerade für moderne und postmoderne Werke typisch sind. Dies wiederum setzt voraus, dass sich die Schriftsteller unserer Tage gewisse Formen und Techniken lernend aneignen. Zu all dem hat sich bei der Mehrheit unter ihnen die Einsicht durchgesetzt, mit Begabung allein lasse sich heute den vielfältigen Kommunikationsanforderungen einer komplexen Gesellschaft nicht mehr ausreichend entsprechen.
Stellen wir damit nochmals die unausweichliche Frage, die Gretchenfrage sozusagen, nach der Lehr- und Lernbarkeit des Dichtens und geben wir darauf, um jedes Missverständnis auszuschlieβen, gleich eine klare Antwort: Kein vernünftiger Autor, aber auch kein Literaturwissenschaftler glaubt heute im Ernst, dass Dichten ein bloβes, lernbares Handwerk sei. Allerdings finden sich, trotz dieser an sich unbestrittenen Erfahrung, noch und noch Schreibkurse und entsprechende Lehrmittel, die den Benützern weismachen wollen, jeder könne ein guter Schriftsteller werden, wenn er nur die richtige, vom betreffenden Institut oder Lehrmittel propagierte Methode verwende.
Was leisten Schreibseminarien wirklich?
Fragen wir zunächst nochmals, was sie nicht leisten. Alfred Döblin, einer unserer gröβten Epiker des 20.Jahrhunderts, hat auf diese Frage indirekt eine geradezu klassische Antwort gegeben, als er im Jahre 1926 in einem Essay schrieb: «Die guten Dichter haben ihre Intuitionen; die machen alle Anleihen überflüssig, und den schlechten ist so oder so nicht zu helfen.» Was Döblin damals in einem allgemeinen Sinne meinte, gilt gerade für Schreibseminarien in besonderem Maβe: sie vermögen – dies sei in aller Deutlichkeit gesagt – keine Begabungen, keine Genies zu züchten. Wer schriftstellerisch nun einmal untalentiert ist, den machen auch Kurse und Lehrmittel mit all ihren oftmals lautstark propagierten «technischen Kniffen» nicht zum Erfolgsautor. Wäre dem nicht so, dann müsste jeder Germanist ex officio ein guter Dichter sein, nur weil er während seines Studiums alle möglichen Formen literarischen Gestaltens zu lernen hat.
So lieβe sich denn am grundsätzlichen Sinn von Schreibseminarien zweifeln. Doch dann hätte man mich gründlich missverstanden. Schreibseminarien erfüllen durchaus ihren Zweck, wenn es darum geht, den Teilnehmern bestimmte handwerkliche Techniken des Schreibens zu vermitteln. Literarisch begabt zu sein, braucht nämlich noch lange nicht zu heißen, die verschiedenen literarischen Kunstmittel auch schon zu beherrschen. Das gilt schon für traditionelle Schreibweisen, deren Techniken, in der Lyrik etwa die einzelnen metrischen Formen, im Roman die unterschiedlichen Erzählhaltungen, sich der Autor, will er erfolgreich schreiben, bewusst werden muss. Das gilt vor allem aber in Bezug auf spezifisch moderne Kunstmittel, wie beispielsweise neue erzählerische Verfahren, die sich ohne ein gezieltes Lernen und Üben – dazu haben sich von Döblin über Brecht bis hin zu Günter Grass alle bedeutenden modernen Autoren immer wieder bekannt – kaum aneignen lassen. Und das gilt nicht weniger für Fragen, die sich rund um das Schreiben ergeben, auf solche der Schreibpsychologie, aber auch auf Fragen der Literaturkritik und des Verlagsvertrages. Man staunt diesbezüglich immer wieder, wie hilflos auch gestandene Autorinnen und Autoren wirken, wenn sie etwa mit verlags- oder mit urheberrechtlichen Problemen konfrontiert werden. Hier können Schreibseminarien zweifellos eine Art «Hilfestellung» leisten, vorausgesetzt freilich, dass ihre Leiterinnen und Leiter in den entsprechenden Bereichen ausgebildet sind. Damit allerdings hapert es noch weit herum: auf dem Gebiet der Schreibausbildung tummeln sich heute allzu viele, die über die notwendigen fachlichen Voraussetzungen nur in Ansätzen oder gar nicht verfügen. Das gilt häufig gerade auch für praktizierende Autorinnen und Autoren, wenn sie als Leiter von Schreibseminarien auftreten und dann, weil sie selber die verschiedenen Möglichkeiten literarischen Gestaltens nicht ausreichend kennen, ihre eigene Schreibweise zum einzigen Gradmesser literarischer Qualität machen.
Schreibseminarien als Orte der Begegnung
Neben der Funktion der «Hilfestellung» – mehr kann und darf es nicht sein – erfüllen Schreibseminarien selbstverständlich noch weitere Funktionen, die mit Blick auf die besondere schriftstellerische Situation nicht unterschätzt werden dürfen. Da besteht für die Autorinnen und Autoren zunächst einmal die Möglichkeit, ihr poetisches Talent, im Vergleich mit andern Teilnehmern, relativ objektiv einzuschätzen. Man erlebt immer wieder, dass Autoren nach dem Besuch eines Schreibseminars feststellen, dass sie ihre Begabung überschätzt haben, und dann konsequenterweise einen andern Weg als den der Schriftstellerei einschlagen. Aber man erlebt zum Glück auch das Gegenteil: die Tatsache nämlich, dass Autorinnen und Autoren durch «Hilfestellungen», ja durch gezielte Schreibtipps, ihre schriftstellerische Begabung erst richtig entdecken. Und schlieβlich darf der psychohygienische Wert von Schreibseminarien nicht vergessen werden, wenn man bedenkt, wie sehr Schreibende als klassische ‚Einzelkämpfer’ mit ihren Texten häufig nicht nur bis zu deren Fertigstellung allein, sich selbst überlassen sind. Schreibseminarien geben ihnen da für einmal die Möglichkeit, während ein paar Tagen aus ihrer schriftstellerischen «Einsamkeit» auszubrechen und mit Gleichgesinnten – dies im wahrsten Sinne des Wortes – über ihre vielfältigen Probleme, die sie mit ihren Texten, aber auch mit Verlegern, Lektoren und Kritikern haben, zu diskutieren. Allein der Umstand erfahren zu dürfen, dass diese Probleme von andern angehört und ernst genommen werden, ja, dass andere Autorinnen und Autoren mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, dass man mit seinen Texten zudem eine gewisse Öffentlichkeit erreicht, auch wenn es vorerst nur die eines Seminars ist, tut dann oftmals gut.
Schreibseminarien – ja oder nein? Geht man von einem überkommenen, latent elitären Autorenverständnis aus (wer möchte nicht gerne zu den Auserwählten, den Begnadeten gehören!), so wird man die Frage ohne zu zögern mit «nein» beantworten. Ist man aber bereit einzugestehen, dass auch die Schriftstellerei ein Moment des Handwerklichen und damit des Lernbaren hat, dass sich beispielsweise eine ganze Reihe von Schreibtechniken rational aneignen lassen, dann wird man gerade heute, inmitten einer Welt des Wandels und spezialisierter Berufe, den Schreibseminarien eine gewisse Berechtigung kaum absprechen können. ■
_______________
Mario Andreotti
Geb. 1947, Studium der Germanistik und Geschichte in Zürich, 1975 Promotion über Jeremias Gotthelf, Prof. Dr. phil., 1977 Diplom des höheren Lehramtes, danach Lehrtätigkeit am Gymnasium und als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, langjähriger Referent in der Fortbildung für die Mittelschul-Lehrkräfte und Leiter von Schriftstellerseminarien, Verfasser mehrerer Publikationen und zahlreicher Beiträge zur modernen Dichtung, lebt in Eggersriet/CH
.
.
Themenverwandte Blog-Links
Schreiben im Beruf – Schreiben lernen? – Paro-Schreibkurs Basel - Thalia-Schreibwerkstatt Linz -Donnas Schreibprojekt – Schreibwerkstatt Graz – Literarische Sommerakademie 2009 – Literarische Expeditionen
Erich Schirhuber: Zwei Lyrismen
.
.
Glück hinter Sonnenbrillen
an der Wand vor
dem Wind
geschützt die langsam sinkende
Sonne im Gesicht
hinter den Sonnenbrillen sie
wärmt durch das Hemd sie
macht die Straßenlaternen zu
Schattenrissen
Tauben picken die Reste der
Kekse und der Chips von
den Tischen
vor ein paar Stunden noch
gab es einen Wolkenbruch und
was für einen die paar Lachen
sind noch zu sehen
und man denkt
das Leben könnte doch schön sein
.
.
Hafenrundgang
hier legten früher die Galeeren
an die Galeeren aus
Leptis Magna aus Appolonia
aus Paphos und Caesarea
der Kanal ist voll mir grünem
Schlamm sodass man das Wasser
kaum vermutet
an den Pinien wachsen
Pflanzen empor
parasitäre Gewächse die
üppig gedeihen und hinter
dem Zaun beginnt
das Nachmittagstrainung
von Aquileia Calcio
auf dem grünen Rasen wie man
sagt
.
________________________
Erich Schirhuber
Geb.1955 in Vöslau/A, Studium der Germanistik, Dr. phil, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften und in ORF und RAI, etliche Preise, lebt als Bibliothekar und Autor in Wien
.
.
.
Das Zitat der Woche
.
Über das glückliche Leben
Seneca
.
Wo es sich um Fragen der Menschheit handelt, sind wir nicht in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass der Mehrzahl das Bessere gefalle: der Standpunkt der großen Masse lässt gerade den Schluss auf das Schlimmste zu. Wir müssen also fragen, was zu tun das Beste, nicht was das Gebräuchlichste ist, und was uns den Besitz ununterbrochenen dauernden Glücks sichert, nicht was dem großen Haufen, diesem verwerflichsten Ausleger der Wahrheit, genehm ist.
Zur großen Masse rechne ich aber ebensogut gekrönte Häupter wie Menschen im Kittel. Denn ich blicke nicht auf die Farbenpracht der Kleider, die dem Körper ein stattliches Aussehen verleihen; ich traue nicht den Augen, wo es sich um den Menschen handelt; ich habe eine bessere und zuverlässigere Leuchte, um Wahres und Falsches zu unterscheiden: es ist des Geistes Wert, den der Geist auffinden soll. Ist er – der Geist – einmal dazu gekommen, ruhig aufzuatmen und Einkehr in sich zu halten, wie wird er sich dann unter dem selbstbereiteten Druck der Folterqualen die Wahrheit gestehen! «Alles», wird er sagen, «was ich bisher getan, o möchte es doch ungetan sein; überschlage ich im Geiste alles, was ich gesagt habe, so beneide ich die Stummen; alles, was ich mir gewünscht habe, erscheint mir wie ein Fluch aus dem Munde der Feinde; alles, was ich gefürchtet habe, gute Götter, wieviel geringer war das anzuschlagen als das, was ich mit heißem Verlangen mir vergebens herbeiwünschte! Mit vielen habe ich in Feindschaft gestanden und habe mich, dem Hasse entsagend, wieder mit ihnen versöhnt, sofern überhaupt unter Übeltätern von Versöhnung die Rede sein kann: meine Feindschaft mit mir selbst steht noch auf schwachen Füßen. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, mich aus der großen Menge herauszuheben und durch irgendwelchen Geistesvorzug die Augen auf mich zu lenken. Und der Erfolg? Er war kein anderer als der, dass ich mich wohlgezielten Angriffen ausgesetzt sah und den Böswilligen die Blöße zeigte, wo sie mich packen konnten. Siehst du sie, die meine Beredsamkeit preisen, meinem Reichtum nachlaufen, um meine Gunst buhlen, meine Macht in den Himmel heben? Sie alle sind nichts anderes als entweder meine Feinde oder, was dasselbe besagt, sie können es sein; die Schar der Bewunderer ist nicht größer oder kleiner als der Neider. Warum richte ich mein Sinnen und Trachten nicht vielmehr auf etwas gut Erprobtes, dessen ich mir innerlich bewusst bin, statt auf etwas, womit ich nach außen hin Staat mache? All das, was die Augen auf sich zieht, was die Vorübergehenden haltmachen lässt, was der eine dem anderen staunend zeigt – es ist nichts als äußerer Glanz ohne jeden inneren Wert.»Schauen wir also aus nach einem nicht äußerlich glänzenden Gut, sondern einem solchen, das in sich gefestigt und gleichmäßig ist und seine höhere Schönheit von weniger bemerkbarer Seite zeigt! Das lasst uns ausfindig machen. Und es liegt nicht in der Ferne; man muss nur wissen, wohin man die Hand strecken soll. Jetzt tappen wir gleichsam im Finsteren, haben das sehnsüchtig Gesuchte unmittelbar vor uns und gehen dicht daran vorüber. Doch um dir lange Umwege zu ersparen, will ich mich nicht auf die Meinungen anderer einlassen – denn es wäre eine zeitraubende Sache, sie aufzuzählen und zu widerlegen: lass dir meine Ansicht genügen. Wenn ich aber sage: meine Ansicht, so binde ich mich damit nicht an irgendeinen einzelnen Meister der Stoa; auch ich habe das Recht der eigenen Meinung. Daher werde ich mich an diesen oder jenen anschließen, werde einen anderen auffordern, einzelne Punkte seiner Meinung bestimmt hervorzuheben, und werde, wenn ich etwa erst zuletzt aufgerufen werde, nichts von dem, wofür sich meine Vorgänger ausgesprochen haben, verwerfen und nur erklären: «Ich stimme dafür, nur mit folgendem Zusatz.»
Dabei halte ich mich, worin die Stoiker alle übereinstimmen, an die Natur. Von ihr nicht abzuirren, nach ihrem Gesetz und Beispiel sich zu bilden, das ist Weisheit. Glücklich also ist dasjenige Leben, das mit seiner Natur in vollem Einklang steht. Dies Ziel zu erreichen ist aber nicht anders möglich, als wenn zuvörderst der Geist gesund und im dauernden Besitz dieser seiner Gesundheit ist, wenn er ferner tapfer und voll Feuer ist, sodann auch im Leiden ein schönes Muster von Ergebenheit, in die Umstände sich schickend, achtsam auf den Körper und seine Bedürfnisse, doch nicht bis zur Ängstlichkeit, voll Bedacht auch für alles, was sonst zum Leben gehört, ohne die mindeste Überschätzung, bereit, des Schicksals Gaben zu nutzen, nicht aber, um sich zu ihrem Sklaven zu machen.
Als Folge davon stellt sich – das ist dir auch ohne ausdrücklichen Hinweis darauf klar – andauernde Ruhe, verbunden mit dem Gefühl der Freiheit, ein, unter Fernhaltung von allem, was uns reizt oder in Schrecken versetzt. Denn ist der Reiz der Sinnengenüsse verschwunden, so stellt sich statt dessen, was kleinlich, hinfällig und eben durch seine Lasterhaftigkeit schädlich ist, eine erstaunlich frohe Stimmung ein, unerschütterlich und sich immer gleichbleibend, sodann Friede und Eintracht der Seele sowie hochherzige Gesinnung, verbunden mit Sanftmut; denn wilde Rohheit hat ihren Ursprung immer nur in der Schwäche.Aus Seneca, Über das glückliche Leben, Brief an den Bruder Gallio, Rom 58 n.Chr.
.
.
.
Das neue Streichholzrätsel
.
Damit die Rechnung stimmt, muss von den Streichhölzern eines umgelegt werden
.
Die Lösung ist nachstehend zu finden —> (mehr…)
.
.
Lyrik von Martin Kirchhoff
.
Die Veranda war überflüssig
Holzhaus im Hügeltal
Qualm manchmal
Weißrauch vom Kamin
wie schnell, dann schwarz
Käutzchenrufe einer Nacht
sonnenblumenhell
schon und verflogen
Dann ging die Veranda
Bei den Sternen
sah ich sie nicht
.
.
Halbleergetrunken der Wein
rote Pfütze auf dem Parkett
Scherben zerborstener Römer
wie Diamanten im Lichtschein
Tinte geschrieben auf der Wand
Linien, Silben zum Wort
Atemluft, die dünngeworden
auf dem Boden liegt und stirbt
.
.
Engel
von der Grauwand
springe nicht gen Himmel
Rosen blühen zum Westen
am Portal
in jeder Wüste
ein rotes Blatt
für dich
Engel der Mauer
Rosenöl und Regentropfen
benetzen dein Gesicht
fürchte dich nicht
springe
in die Herzen
Engel der Zeit!
.
.
.
____________________
Geb. 1954 in Leonberg/D, 1984 erste Text-Veröffentlichungen, seither zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern und Anthologien, verschiedene Literaturpreise, lebt als Zeitungskorrektor in Leonberg
.
.
.
.
Sommer-Haiku (7)
.
Seht, der Mond geht auf!
Durch die Gräser weht der Wind,
und der Kuckuck ruft.
.
Shiki (1866–1902)
(Ü: G.Goudenhove)
..
Die «Glarean»-Haiku abonnieren ![]()
.
.
Groteske von Konrad Vogel
.
Introkubus
Konrad Vogel
.
Als der renommierte Linguist und spindeldürre Schriftsteller Dr. Felix Introkubus sein eigen Wort zum ersten Mal nicht mehr verstand, fand er dies lustig. Er formulierte, zwar gedankenscharf und endgültig wie immer, seine Wahrheit, die Wahrheit, und – was wichtig ist – er sprach sie aus. Mag sein, sie war im Laufe der Zeit etwas dünner und farbloser geworden, grade so wie er, seine Wahrheit. Als negativ hätte ich sie deswegen nicht bezeichnet.
Er sprach sie also aus und – verstand sie nicht. Wie konnte er sie denn auch verstehen, wenn er seine Worte nicht hörte? Nein, keine Spur von Schwerhörigkeit; er hörte z.B. seine Frau (auch wenn er sie nicht verstand) oder seine Kollegen, die er nicht verstehen wollte; seine eigenen Worte verstand er stets, hörte sie aber nicht, wenn er sie aussprach. Sie verschwanden, kaum ausgesprochen, irgendwo in ihm. Es war, als saugte irgend etwas in ihm, sein Magen vielleicht, seine Worte an. «Retrosprache» fieberte sein Hirn, «ich habe die Retrosprache erfunden. Sprache, die aus mir in mich fließt.»
Wenn Felix Introkubus nun etwas aussprach, aussprechen wollte, erfüllte ihn ein nie gekanntes Glücksgefühl, dem Magersüchtigen gleich, der wieder essen darf. Dieses Glücksgefühl zeigte sich denn auch materiell-organisch: Der spindeldürre Introkubus wurde – zwar appetitlos, er aß kaum noch und er trank nur Wasser, geräuschlos und in großen Mengen, wie das städtische Wasserwerk vermerkte – Dr. Felix Spindeldürr wurde, es sei gesagt, es sei geklagt, ansehnlicher, wohlleibiger, dann – dick.
Seine Ansprachen und Aussprachen, zu Einsprachen geworden, ernährten ihn von selbst. Der Retrolinguist wähnte sich auf dem Gipfel seiner Karriere, und er wurde auch überall herumgezeigt, unser wissenschaftlicher Zoo der Eitelkeit, sprich Universitäten, kennt dergleichen Vorfälle zur Genüge.
Es war auch herrlich, ja göttlich zu erleben, wie er, während er vorlas – kein Mensch verstand ein Wort – rund und runder wurde. Bald mussten zwar die Türen zum Hörsaal erweitert werden, um seinen gewichtigen Kubus, der seinem Namen nun alle Ehre machte, durchzulassen. Ärgerlich war auch, dass nach gehaltener Einsprache die Türe wieder zu eng und ein Verlassen des Saales oftmals unmöglich wurde.
Das alles war aber erträglich, der obligate Preis des Ruhms. Störend fand Introkubus indessen, dass – als er den Fehler beging, sich im Spiegel zu besehen – sein Bauch allmählich dunkel, dann schwarz wurde. Schriftzeichen, aber auch Laute hüpften, glucksten, drängten sich, Tätowierungen und Melodien gleich, unter seiner Haut ans Tageslicht.
Seine Haut wurde zur Leinwand, Worte und Bilder enthüllend; Bläschen bildeten sich, die, aufgestochen, Töne von sich gaben. Es war eindeutig: der Inkubus und Retrolinguist drohte zum lebenden Tonfilm zu werden.
Nichts gegen die Filmkunst, meine Damen, aber wo der Mensch zum Showobjekt mutiert, da stellen sich Gaffer ein. Fragen nach Regie und Kameramann werden erhoben. Kurz, die fragwürdig gewordene Leinwand, Dr. Felix Introkubus, suchte den Arzt auf.
Er fand einen guten. Dr. Martin Dean, ein Lingo-Psychologe und – wie der Name sagt – ein Dehnungsspezialist aus den USA, fand die Therapie.
«Absolute Sprachlosigkeit, mein Herr,» empfahl Dean. «Ihr Zustand ist bedenklich, zweifelsohne. Bauch, Darm, Zwerchfell angespannt bis zum Gehtnichtmehr. Ich warne Sie, ein einziges Wort, das Sie noch einsprechen, und Sie platzen. Es könnte Ihnen gehen wie dem verrückten Archäologen aus meiner `Gefiederten Frau’ – ein einziges Wort und Sie bringen sich um. Übrigens, kennen Sie mein Buch?»
«Leider nein», sagte Dr. Felix Introkubus, was Dr. Dean dazu brachte, eine Reinigungsfirma anzurufen, die sein wortübersätes Büro noch heute zu putzen versucht. ■
__________________________
Konrad Vogel
Geb. 1944 in Näfels/CH; Studium der Germanistik und Romanistik, Dr. phil; Lehrertätigkeit in verschiedenen Institutionen und Bereichen, militärische Karriere, umfangreiches kommunalpolitisches Engagement in verschiedenen Gremien, Lyrik und Kurzprosa-Veröffentlichungen in Zeitschriften, lebt als Gymnasiallehrer in Horw/CH
.
.
.
.




















Matthias Berger









Beatrix Maria Kramlovsky




Martin Kirchhoff


leave a comment