Glarean Magazin

Tragikomödien von Roland Topor

Posted in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Roland Topor, Walter Eigenmann by Walter Eigenmann on 19. Juli 2008

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Vom Aberwitz des Wirklichen

Walter Eigenmann

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Nein, für Puristen, Romantiker, Kinder und Herzkranke ist sie nicht gedacht, die soeben erschienene Kurzprosa-Anthologie «Tragikomödien» des Pariser Kultur-Allrounders Roland Topor (1938-1997). Denn der Diogenes Verlag legt mit diesen «Erzählungen» und «Manifesten» einen Schriftsteller auf, dessen maliziöse Raffinesse nur noch von seiner grinsenden Bösartigkeit, allenfalls noch von seinem bizarren Zynismus übertroffen wird. Sensible (Sprach-)Ästheten dürften also den 350 Seiten schweren Prosa-Brocken aus der Feder eines der berühmtesten französischen Zeichner, Literaten, Graphiker und Schauspieler bereits nach wenigen Zeilen aus der Hand legen. Nicht so aber all jene, welche die giftspritzende Satire, die heimtückische Anti-Moral-Attacke, die ätzende Normalitäten-Häme, den schamlosen Griff zwischen die Beine aller «Netten und Guten» zu schätzen wissen. Und natürlich alle jene, welche der Surrealität der zwischenmenschlichen Realität einen (zugegebenermaßen: gehörigen) Schuss makabre Degoutanz abgewinnen können.
Und wie liest sich das genau?
So, zum Beispiel (Zitat):

Ius primae noctis

Dieses Jahr findet die Wahl der Miss World in Mexiko statt.
Bewerberinnen aus 32 Nationen landen am Flughafen und drängen sich in dem Bus, der sie zum >Palace Excelsior< bringen soll, dem Ort der Veranstaltung. Unglücklicherweise kommt der Bus unterwegs von der kurvigen Bergstraße ab und stürzt in eine Schlucht. Zwölf Konkurrentinnen sind solort tot, fünfzehn mehr oder weniger schwer verletzt.
Allgemeine Ratlosigkeit.
Soll man ein so bedeutendes Ereignis absagen, wo doch Fernsehsender aus aller Welt vor Ort schon ihre Kameras aufgebaut haben?
Die Veranstalter beschließen, so zu tun, als ob nichts wäre, und beschränken sich darauf, die Modalitäten der Zeremonie zu verändern: Das Defilé soll horizontal erfolgen, die Bewerberinnen, ob tot oder lebendig, werden – sorgfältig geschminkt und eine Banderole mit dem Namen ihres Herkunftslandes schräg über den entzückenden Badeanzug drapiert – von Herren im Abendanzug auf einer Liege getragen.
Und alles geht sehr gut, von den Gewissensproblemen der Jurymitglieder einmal abgesehen: Gibt es einen Punktabzug für ein fehlendes Bein? Kann man auf ein Gesicht verzichten? Müssen es unbedingt zwei Brüste sein?
Um nicht die einen auf Kosten der anderen zu bevorzugen, wurden die Lebenden vorsichtshalber betäubt und so den Toten gleichgestellt, außerdem konnte man auf diese Weise den zweifellos unerfreulichen Eindruck vermeiden, den Röcheln und Stöhnen hervorgerufen hätten.
Die Entscheidung ist allerdings durch den Umstand erschwert, dass die liegende Stellung, in der die prächtigen Anatomien der Jury präsentiert werden, die Begutachtung nicht gerade begünstigt. Auf Bitten der Herren wird also manchmal ein Kopf gedreht, ein Bein angehoben oder eine Wunde geschlossen. Zudem erscheint es unumgänglich, die Körper umzudrehen, um nach der Vorder- auch die Rückseite in Augenschein zu nehmen.
Schließlich wird die Leiche einer 19-jährigen Blondine mit den Maßen 90-90-0, früher Wirtschaftsstudentin an der Universität von Princeton mit den Hobbys Yoga und Reiten, zur Miss Tod gekrönt.
Ein atemberaubendes Finale voller Spannung und unerwarteter Wendungen.
Einziger Makel: Böse Zungen behaupten, der Juryvorsitzende habe vor der Ausscheidung ihre Gunst genossen.

Kein Zweifel also: Topor schrieb, wie er zeichnete – tabulos bis zur tabula rasa, und immer der Absurdität noch ein unmoralisches Augenzwinkern entwindend. Vollends offen-sichtlich wird das in seinen Zeichnungen – beispielsweise in «Le Fourmilier»:

Roland Topor: Le Fourmilier

Geschmack? Tabu? Anstand? Norm? Gewiss keine von Topor erfundenen Begriffe – auch wenn sie für den «Reiz» gerade eines «Rasenden» wie Topor unverzichtbar sind.
Den «Tragikomödien» ist ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor beigefügt, worin der «Possenreisser» (Topor über Topor) zu seinen Zeichnungen u.a. meint: «Ich will nicht schockieren, ich zeichne und male. Die Psychologie spielt in dem Moment überhaupt keine Rolle.» Dieselbe Psychologie-Abstinenz schlägt einem bei Topors Erzählungen entgegen: Der Schreibstil ist knapp, raffend, nichts reflektierend, völlig auf den aberwitzigen Plot der Story fokussiert, unbarmherzig gradlinig in den lustigen Abgrund führend. Zurecht verwahrte sich Topor stets dagegen, als Humorist oder gar Komiker gehandelt zu werden – allenfalls «schwarzen Humor» ließ er sich attestieren. Dementsprechend kommt auch seine Definition von Humor daher:

«Der typische Humor ist für mich die Geschichte von dem zum Tode Verurteilten, der die letzte Zigarette mit den Worten ablehnt: ‘Nein danke, ich will doch aufhören!’»

«Tragikomödien» bringt einen unverwechselbaren, den vielgerühmten französischen Esprit absurd brechenden, die Realität ins köstlich Bodenlose zerbröselnden «Sound of Dead» aufs Papier. Die Welt des Roland Topor, sie ist weder tragisch noch komödiantisch, aber «tragikomisch» durchaus. Nicht am Strand in der Sonne zu lesen – aber vielleicht bei Whisky und Kerzenschein?

Roland Topor, Tragikomödien, Erzählungen, Diogenes Verlag, 348 Seiten, ISBN 978-3257065992

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