Glarean Magazin

50-Euro-Preisrätsel

Veröffentlicht in 50-Euro-Preisrätsel, Literatur, Musik, Rätsel, Schach von Walter Eigenmann am 31. Juli 2008

.

Das Musik-Literatur-Schach-Kreuzworträtsel

preis_raetsel.jpgDas diesjährige Juli-Euro-Preisrätsel ist was für die Allrounder: Gefragt wird nach Lösungen aus den Bereichen Musik, Literatur und Schach.
Die 50 Euro gewinnt, wer zuerst das vollständig gelöste Kreuzworträtsel mit der «Kommentar»-Funktion als Grafik-Datei präsentiert. Einsende-Schluss ist am 10. August 2008.
Bonne chance!


Copyright 2008 by W.Eigenmann / Glarean Magazin

Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Peter Bichsel, Politik&Gesellschaft, Schweizer Literatur, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 28. Juli 2008

.

Vom typisch Schweizerischen

Peter Bichsel

.

Es fällt mir schwer, etwas typisch schweizerisch zu finden. Dazu zwei Beispiele: Henry Miller schreibt in seinem schwärmerischen Frankreichbuch «Land der Erinnerung», daß man Schriftsteller in Amerika eher abschätzig behandle, und er erzählt über die Hochachtung und Freundlichkeit eines französischen Zollbeamten, als dieser in Millers Pass die Eintragung «Schriftsteller» sah. Für Henry Miller ist das ein Beweis dafür, daß Frankreich ein Land von Kultur ist. Günter Grass las in Zürich. Bei seiner Ankunft in Kloten schaute der Beamte in den Pass, dann schaute er strahlend Grass an und sagte: «Sie sind also Grass.»

Peter Bichsel
Peter Bichsel

Das erste Beispiel halten wir für typisch, das zweite für untypisch. Warum?
Weil wir immer noch nicht so weit sind, eine persönliche Äußerung von jemandem als persönliche Äußerung zu nehmen. Wir sehen immer wieder Nationalcharakter dahinter. Von netten Deutschen sagen wir: «Sie sind nicht typisch deutsch.» Von unangenehmen Franzosen sagen wir: «Sie sind nicht typisch französisch.» So glauben wir auch, ein genaues Bild vom Schweizer zu haben, und ordnen all seine Handlungen positiv und negativ in typisch und untypisch ein.
Halbstarke sind aus diesem Grund keine Schweizer. («Denen tut eine Rekrutenschule gut.») Nonkonformisten sind keine Schweizer. («Die sollen in den Ostblock, wenn es ihnen hier nicht gefällt.») Dienstverweigerer sind keine Schweizer. Wer ungern arbeitet, ist kein Schweizer. Wer nicht dauernd mit Stolz verkündet: «Ich bin Schweizer», der ist kein Schweizer. Und der «echte» Schweizer ärgert sich darüber, daß all diese Unschweizer ein Bürgerrecht haben und so den Fortbestand der typischen Schweiz nicht garantieren.
Hätten die Leute von 1830 und 1848 den Fortbestand der typischen Schweiz garantiert, gäbe es das nicht, was wir als Schweiz bezeichnen. Weil wir uns für typisch halten und auch glauben, für typisch gehalten zu werden, fällt es uns schwer, etwas zu verändern. Wir haben Angst, untypisch zu werden.

Aus Peter Bichsel: Des Schweizers Schweiz, Arche Verlag 1969

Wettbewerb für Nachwuchs-Autorinnen

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen von Walter Eigenmann am 26. Juli 2008

.

Mädchen schreiben Krimis

Das deutsche Mädchen-OnlineMagazin LizzyNet lädt zu einem Krimi-Wettbewerb für junge Autorinnen ein: „Steht ihr auf eiskalte Serienkiller oder Mord aus Leidenschaft? Habt ihr ein Herz für Panzerknacker, Trickbetrüger, Dackel- oder Fahrraddiebe? Steht ihr auf Detektivinnen oder Sondereinsatzkommandos, auf gewitzte Psychologinnen oder abgedrehte Gerichtsmediziner? Auf alberne Dorfpolizisten oder detektivische Putzfrauen? Setzt einen Umweltskandal in Szene oder inzeniert eine mysteriöse Entführung. Deckt finstere Familiengeheimnisse auf, lasst Hellseherinnen Leichen finden und Albträume wahr werden.“
Einsende-Schluss ist am 10. August 2008, die Details finden sich hier.

Santa-Claus-Preis 2009

Veröffentlicht in Literatur-Ausschreibungen von Walter Eigenmann am 25. Juli 2008

.

Neue Weihnachts-Lyrik

Santa-Claus-Denslow

Santa-Claus (Denslow)

Die Zeitschrift Dulzinea schreibt für 2009 erstmals ihren Santa-Claus-Preis für Lyrik aus. Besonderen Wert wird auf «unverbrauchte Sprache, Bilderreichtum, Originalität, Innovationsfähigkeit, und gekonnte Machart in allen Textaspekten» gelegt. Die Gedichte müssen in deutscher Sprache verfasst sein, wobei beliebig viele Texte eingereicht werden können.
Der Wettbewerb ist mit 6′000 Euro dotiert, die ausgewählten Texte werden in einer Anthologie publiziert. Einsende-Schluss ist am 31. März 2009, die genauen Details sind hier zu lesen.

Das neue «Glarean»-Sudoku

Veröffentlicht in Rätsel, Spielwiese, Sudoku von Walter Eigenmann am 24. Juli 2008

.

Das Sudoku im Juli

 

Copyright by Glarean Magazin 2008

Auflösung hier

Das Glarean-Musik-Kreuzworträtsel

Veröffentlicht in Musik, Musik-Rätsel, Walter Eigenmann von Walter Eigenmann am 22. Juli 2008

.

Musik-Kreuzworträtsel Nr. 02

 

Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Philosophie, Sprache, Th. W. Adorno, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 21. Juli 2008

.

Von der Entmythologisierung der Sprache

Theodor W. Adorno

 

Je vollkommener die Sprache in der Mitteilung aufgeht, je mehr die Worte aus substantiellen Bedeutungsträgern zu qualitätslosen Zeichen werden, je reiner und durchsichtiger sie das Gemeinte vermitteln, desto undurchdringlicher werden sie zugleich. Die Entmythologisierung der Sprache schlägt, als Element des gesamten Aufklärungsprozesses, in Magie zurück.

Theodor W. Adorno

Unterschieden voneinander und unablösbar waren Wort und Gehalt einander gesellt. Begriffe wie Wehmut, Geschichte, ja: das Leben, wurden im Wort erkannt, das sie heraushob und bewahrte. Seine Gestalt konstituierte und spiegelte sie zugleich. Die entschlossene Trennung, die den Wortlauf als zufällig und die Zuordnung zum Gegenstand als willkürlich erklärt, räumt mit der abergläubischen Vermischung von Wort und Sache auf. Was an einer festgelegten Buchstabenfolge über die Korrelation zum Ereignis hinausgeht, wird als unklar und als Wortmetaphysik verbannt. Damit aber wird das Wort, das nur noch bezeichnen und nichts mehr bedeuten darf, so auf die Sache fixiert, daß es zur Formel erstarrt. Das betrifft gleichermaßen Sprache und Gegenstand. Anstatt den Gegenstand zur Erfahrung zu bringen, exponiert ihn das gereinigte Wort als Fall eines abstrakten Moments, und alles andere, durch den Zwang zu unbarmherziger Deutlichkeit vom Ausdruck abgeschnitten, den es nicht mehr gibt, verkümmert damit auch in der Realität.

Aus Th. W. Adorno: Kulturindustrie, in: Dialektik der Aufklärung, S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1969

Tragikomödien von Roland Topor

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Literatur, Rezensionen, Roland Topor, Walter Eigenmann von Walter Eigenmann am 19. Juli 2008

.

Vom Aberwitz des Wirklichen

Walter Eigenmann

.

Nein, für Puristen, Romantiker, Kinder und Herzkranke ist sie nicht gedacht, die soeben erschienene Kurzprosa-Anthologie «Tragikomödien» des Pariser Kultur-Allrounders Roland Topor (1938-1997). Denn der Diogenes Verlag legt mit diesen «Erzählungen» und «Manifesten» einen Schriftsteller auf, dessen maliziöse Raffinesse nur noch von seiner grinsenden Bösartigkeit, allenfalls noch von seinem bizarren Zynismus übertroffen wird. Sensible (Sprach-)Ästheten dürften also den 350 Seiten schweren Prosa-Brocken aus der Feder eines der berühmtesten französischen Zeichner, Literaten, Graphiker und Schauspieler bereits nach wenigen Zeilen aus der Hand legen. Nicht so aber all jene, welche die giftspritzende Satire, die heimtückische Anti-Moral-Attacke, die ätzende Normalitäten-Häme, den schamlosen Griff zwischen die Beine aller «Netten und Guten» zu schätzen wissen. Und natürlich alle jene, welche der Surrealität der zwischenmenschlichen Realität einen (zugegebenermaßen: gehörigen) Schuss makabre Degoutanz abgewinnen können.
Und wie liest sich das genau?
So, zum Beispiel:

Ius primae noctis

Dieses Jahr findet die Wahl der Miss World in Mexiko statt.
Bewerberinnen aus 32 Nationen landen am Flughafen und drängen sich in dem Bus, der sie zum >Palace Excelsior< bringen soll, dem Ort der Veranstaltung. Unglücklicherweise kommt der Bus unterwegs von der kurvigen Bergstraße ab und stürzt in eine Schlucht. Zwölf Konkurrentinnen sind solort tot, fünfzehn mehr oder weniger schwer verletzt.
Allgemeine Ratlosigkeit.
Soll man ein so bedeutendes Ereignis absagen, wo doch Fernsehsender aus aller Welt vor Ort schon ihre Kameras aufgebaut haben?
Die Veranstalter beschließen, so zu tun, als ob nichts wäre, und beschränken sich darauf, die Modalitäten der Zeremonie zu verändern: Das Defilé soll horizontal erfolgen, die Bewerberinnen, ob tot oder lebendig, werden – sorgfältig geschminkt und eine Banderole mit dem Namen ihres Herkunftslandes schräg über den entzückenden Badeanzug drapiert – von Herren im Abendanzug auf einer Liege getragen.
Und alles geht sehr gut, von den Gewissensproblemen der Jurymitglieder einmal abgesehen: Gibt es einen Punktabzug für ein fehlendes Bein? Kann man auf ein Gesicht verzichten? Müssen es unbedingt zwei Brüste sein?
Um nicht die einen auf Kosten der anderen zu bevorzugen, wurden die Lebenden vorsichtshalber betäubt und so den Toten gleichgestellt, außerdem konnte man auf diese Weise den zweifellos unerfreulichen Eindruck vermeiden, den Röcheln und Stöhnen hervorgerufen hätten.
Die Entscheidung ist allerdings durch den Umstand erschwert, dass die liegende Stellung, in der die prächtigen Anatomien der Jury präsentiert werden, die Begutachtung nicht gerade begünstigt. Auf Bitten der Herren wird also manchmal ein Kopf gedreht, ein Bein angehoben oder eine Wunde geschlossen. Zudem erscheint es unumgänglich, die Körper umzudrehen, um nach der Vorder- auch die Rückseite in Augenschein zu nehmen.
Schließlich wird die Leiche einer 19-jährigen Blondine mit den Maßen 90-90-0, früher Wirtschaftsstudentin an der Universität von Princeton mit den Hobbys Yoga und Reiten, zur Miss Tod gekrönt.
Ein atemberaubendes Finale voller Spannung und unerwarteter Wendungen.
Einziger Makel: Böse Zungen behaupten, der Juryvorsitzende habe vor der Ausscheidung ihre Gunst genossen.

Kein Zweifel also: Topor schrieb, wie er zeichnete – tabulos bis zur tabula rasa, und immer der Absurdität noch ein unmoralisches Augenzwinkern entwindend. Vollends offen-sichtlich wird das in seinen Zeichnungen – beispielsweise in «Le Fourmilier»:

Roland Topor: Le Fourmilier

Geschmack? Tabu? Anstand? Norm? Gewiss keine von Topor erfundenen Begriffe – auch wenn sie für den «Reiz» gerade eines «Rasenden» wie Topor unverzichtbar sind.
Den «Tragikomödien» ist ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor beigefügt, worin der «Possenreisser» (Topor über Topor) zu seinen Zeichnungen u.a. meint: «Ich will nicht schockieren, ich zeichne und male. Die Psychologie spielt in dem Moment überhaupt keine Rolle.» Dieselbe Psychologie-Abstinenz schlägt einem bei Topors Erzählungen entgegen: Der Schreibstil ist knapp, raffend, nichts reflektierend, völlig auf den aberwitzigen Plot der Story fokussiert, unbarmherzig gradlinig in den lustigen Abgrund führend. Zurecht verwahrte sich Topor stets dagegen, als Humorist oder gar Komiker gehandelt zu werden – allenfalls «schwarzen Humor» ließ er sich attestieren. Dementsprechend kommt auch seine Definition von Humor daher:

Roland Topor 1938-1997

«Der typische Humor ist für mich die Geschichte von dem zum Tode Verurteilten, der die letzte Zigarette mit den Worten ablehnt: ‘Nein danke, ich will doch aufhören!’»

«Tragikomödien» bringt einen unverwechselbaren, den vielgerühmten französischen Esprit absurd brechenden, die Realität ins köstlich Bodenlose zerbröselnden «Sound of Dead» aufs Papier. Die Welt des Roland Topor, sie ist weder tragisch noch komödiantisch, aber «tragikomisch» durchaus. Nicht am Strand in der Sonne zu lesen – aber vielleicht bei Whisky und Kerzenschein?

Roland Topor, Tragikomödien, Erzählungen, Diogenes Verlag, 348 Seiten, ISBN 978-3257065992

Cartoon der Woche

Veröffentlicht in Cartoons, Honoré Daumier, Musik von Walter Eigenmann am 18. Juli 2008

.

Honoré Daumier

Das neue Streichholz-Rätsel

Veröffentlicht in Spielwiese, Streichholz-Rätsel von Walter Eigenmann am 17. Juli 2008

.

Ein Dreieck soll entfernt werden, um mit den verbleibenden
Streichhölzern erneut vier Dreiecke zu bilden

 

Auflösung hier

Das Zitat der Woche

Veröffentlicht in Alexander Mitscherlich, Politik&Gesellschaft, Psychologie, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 14. Juli 2008

.

Von der Notwendigkeit der Selbstwahrnehmung

Alexander Mitscherlich 

 

Die Kulturleistungen der großen Religionen nehmen sich aus wie der Diamant in der Kohlenhalde. An der vitalen Kraft, aus der Grausamkeit und Zerstörungslust leben, hat sich im Grundsatz nichts geändert. Unser Jahrhundert der Folter setzt mit neuem Schwung und ungeniert fort, worüber sich zuletzt auch das bürgerliche Jahrhundert in seinen imperialen Besitzungen nicht geschämt hat: den Stolz auf seine Brutalität.
Die Produktionskraft der Industriegesellschaften ist in wenigen Jahren schwindelhaft gestiegen. Aber auch das Ausmaß der Schrecken tat es. Es ist nicht mehr Not wie vor 30 Jahren, die neidisch, hämisch, unversöhnlich, boshaft machen müßte. Es ist überhaupt nicht nur die böse Gesellschaft, die uns da entfremdet. Die Quellen der Aggression sind vielmehr Quellen, die in uns fließen, zu unserer Natur gehören.
Zu hoffen, daß wir von außen, von einem Heilbringer, von unseren Triebwünschen erlöst werden, ist leere Hoffnung. Wir können uns nur so weit frei oder unfrei fühlen, wie wir Kenntnis von uns selbst haben.: nicht verklärte, sondern unbeschönigte Kenntnis. Zu dieser Einsicht gehört, daß wir in dauerndem Konflikt mit den Triebbedürfnissen, den Glückswünschen der anderen leben. Im besten Fall ist Kultur Anweisung zur Harmonisierung unserer Bedürfnisse. Dieser beste Fall ist selten. Erst wenn wir in uns erfahren haben, wie zäh wir an den Befriedigungen, die wir einmal kennengelernt haben, hängen, wie sehr uns der Sinn auch nach der kleinen Münze der Grausamkeit steht, können wir uns selbst Verzichte auferlegen.

Alexander Mitscherlich

Angesichts der verdeckten und unverdeckten Grausamkeit in aller Welt, müssen wir uns eingestehen, daß die großen Sittenlehrer und Sittenlehren der Menschheit gescheitert sind. So wenige sich ans große Vorbild halten konnten, wo sie selbst ins Gedränge der Versuchung kamen, so viele vergaßen total am Wochentag, was sie am Sonntag vielleicht dumpf zu begreifen begonnen hatten. Freud nannte das «Kulturheuchelei» und fand das durchschnittliche Individuum der Kultur von seiner Moral und ihrem Anspruch auf Triebverzicht überfordert. Hier scheint abermals die Grausamkeit geheimer Sieger zu bleiben. Verbirgt sie sich nicht in jenen verbietenden Moralen, die dem schwächlichen Individuum immer die Fehlerrechnung präsentieren und sich an der Qual seines Versagens verlustieren? Der große Rückzug aus dem moralischen Engagement, die verächtliche Auflehnung gegen die Großmeister der Verbotsmoral, hat seine starke Wurzel darin, daß wir heute den geschichtlichen Weg der Menschheit besser kennen als je Menschen zuvor. Wir wissen z.B., daß während wir uns noch vom Exzeß unserer kollektiven Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg erholten, an anderen Stellen der Erde schon neue Exzesse aufbrachen.
Die Ermahnung, nett zueinander zu sein und einen Völkerbund zu gründen, ist eben keine Vorbeugung. Die Autorität, die uns belehren könnte, müßte uns durch mehr Wissen über uns befreiend helfen, statt uns vorzuspiegeln, mit gutem Willen wären in Jahrtausenden ausgetretene Fußstapfen der Brutalität zu vermeiden.

Von den wissenschaftlichen Erforschern des menschlichen Verhaltens haben wir zu lernen, daß die Zerstörungsleidenschaft einem Trieb in uns korrespondiert; und zwar geschieht das in jedem von uns. Diese Zerstörleidenschaft entspringt einer der Anlagen des Menschen; keine noch so fürsorgliche Gesellschaft kann uns die Aufgabe der Aggressionsmeisterung abnehmen. Dazu gehört die Überwindung des Wunsches, den Schwächeren zu quälen und in seinem Selbstwert zu erniedrigen. Unsere Gesellschaft kann uns zur Aufmerksamkeit erziehen, Selbsteinsicht nicht aufzugeben, wo wir rücksichtslos fordern und handeln wollen. Meist verdeckt sie aber gerade diese Aufgabe, wo geheiligte Vorrechte zu opfern wären.
Soll Moral im Zeitalter perfekter Vernichtungsmittel nicht zur privaten Kuriosität absinken, zum Deckmantel für Taten, die es zu verschleiern gilt, dann kann die Funktion der Moral nur darin bestehen, uns sanft, aber beharrlich zur Erweiterung unserer Selbstwahrnehmung anzuhalten. Wo sie sinnlos Tugenden fordert, die nicht ohne Schaden erreichbar sind, arbeitet sie im Dienst der Zerstörung: die verwüsteten Landschaften, die ermordeten namenlosen Scharen der Geschichte beweisen es. Sie wurden immer im Namen einer Tugend vernichtet, die sich selbst als die höhere – und deshalb zur Zerstörung privilegierte – verstand. Produktives Schuldgefühl (und nicht bloß quälendes) kann erst entstehen, wo die Lust an der Zerstörung innerlich voll erlebbar wird. Erst dann kann man darangehen, sich von ihrer überrumpelnden Herrschaft zu befreien.
Auf Vorbilder wird es auch weiterhin in jeder menschlichen Gesellschaft ankommen; die, nach denen wir suchen, müssen Ähnlichkeit mit uns selber haben. Sie müssen die Spuren unserer Sorgen und Nöte verraten. Auch die rettende Moral kann nicht mehr von außen erwartet werden: vielmehr geht die Forderung dahin, uns nach Kräften so zu entscheiden, daß andere sich nach uns richten können, ohne dadurch allzu heftig Schaden zu nehmen. Das erspart das Warten auf Wunder, die sicher nicht eintreten werden.

(Aus: Alexander Mitscherlich, Die Idee des Friedens, Suhrkamp&ExLibris 1969)

Gesucht: Erotische Advent-Geschichten

Veröffentlicht in Erotik, Literatur-Ausschreibungen von Walter Eigenmann am 12. Juli 2008

.

Schreibwettbewerb der «édition el!es»

Die «édition el!es – Was das lesbische Herz begehrt» lädt zu einem Schreib-Wettbewerb unter dem Motto «Eine erotische Adventsgeschichte» ein: «Sehen Sie es als eine Herausforderung an Ihre Phantasie an: Sie braten am Strand von Mallorca in der Sonne, während Sie sich eingeschneite Landschaften, heimeliges Kaminfeuer und prickelnde Erotik vorstellen. Und anschließend niederschreiben.»
Einsende-Schluss ist am 15. September 2008, die genauen Bestimmungen finden sich hier.

Die neue Klassik-CD

Veröffentlicht in CD-Rezension, Markus Gärtner, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 11. Juli 2008

.

Impressionismus und Schul-Curriculum:
Die Alternative Florent Schmitt

Markus Gärtner

.

Im Curriculum der allgemeinbildenden Schulen gibt es bestimmte Standardthemen, die unverwüstlich sind und mit ebenso unverwüstlichen Beispielen stets gleichtönend abgehandelt werden. Wer käme beim Block Programmusik ohne Smetanas «Moldau» aus – ganz zu schweigen vom gattungsmäßig vollkommen falsch eingeordneten „Peter und der Wolf». Auch der musikalische Impressionismus gehört zu diesen Basisoptionen gymnasialer Musiklehre. Die Schüler hangeln sich durch «La mer» oder ähnlich geartete Werke Debussys, bekommen vielleicht noch einen Wink in Richtung Ravel und gehen forthin davon aus, beim Musikstil «Impressionismus» handele es sich ausschließlich um diese zwei Komponisten. Solchem Halbwissen vorzubeugen, dazu braucht es die Möglichkeit, klingende Alternativen anbieten zu können.
Die vorliegende CD aus dem Hause timpani sei deshalb insbesondere Musiklehrern ans Herz gelegt. Sie enthält Bühnen- und Orchestermusik des Komponisten Florent Schmitt (1870–1958), einem französischen Künstler mit deutschen Wurzeln, der in den Presseschlachten der Weimarer Republik stets gegenwärtig war, heute indes vergessen ist. Dabei bietet Schmitt genau das, was einen multiperspektivischen Zugang zum Thema Impressionismus ausmachen könnte: einen Freundeskreis, der ihn mit Ravel verbindet, eine künstlerische Positionierung zwischen Avantgarde und Retrospektivität und einen bedenkenswerten bis bedenklichen kulturhistorischen Hintergrund inklusive Kontakte zur NSDAP.

Florent Schmitt (1870–1958)

Da die zwei «Antoine-et-Cléopâtre»-Suiten (1919, nach William Shakespeare) und «Mirages» für Orchester (1923) zeitlich nahe zusammenliegen, verwundert es nicht, dass Schmitt hier wie dort einem einheitlichen Stil vertritt. Seine Musik klingt dabei ganz offensichtlich nach Debussy, spart nicht an Exotismen und rein technischen Handgriffen wie pentatonische Melodienbildungen und Mixturen, also Parallelakkordik, die er aus dem Repertoire des Impressionismus übernimmt. Und doch arbeitet Schmitt weitaus weniger zurückhaltend als seine Vorbilder, liebt große Orchestertutti und die damit verbundene große Wirkung. Parallelen zur Filmmusik nicht nur seiner Zeit ließen sich aufzeigen – auch das nicht uninteressant für den Schulmusiker.
Das Orchestre National de Lorraine stattet Schmitts Kompositionen mit dem nötigen Kolorit aus, oszilliert zwischen pp und ff und schafft dadurch den Eindruck, hier fügten sich einzelne Sequenzen zu einem größeren Ganzen zusammen: das Prinzip Impressionismus zum Klingen gebracht. So handelt es sich bei vorliegender CD zusammenfassend nicht nur um eine Repertoireerweiterung, sondern auch um einen Wink in Richtung Musikpädagogik, den Kanon ihrer Musikbeispiele zum Wohl des Schülers zu erweitern.

 

 

 

Orchestre National de Lorraine, Jacques Mercier (Dirigent): Florent Schmitt, Antoine et Cléopâtre, Mirages für Orchester, timpani 1C1133

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer bin ich?

Veröffentlicht in Musik, Musik-Rätsel, Wer bin ich? von Walter Eigenmann am 10. Juli 2008

.

Gravitätisch – mit Variationen…

Mein Ursprung ist wohl im späten Mittelalter zu suchen, aber mein Geburtsland (Spanien, Italien oder Frankreich?) festzustellen ist unmöglich. Mein Charakter ist schnell umrissen: Einst war ich durchaus ausgelassen, aber im Laufe der Zeit wurde ich immer feierlicher, wobei ich gerne ein festes, unveränderliches Fundament habe, um darüber desto kunstvoller meine Figuren zu drehen. Ich komme grundsätzlich in recht wandelbarer Gestalt daher – beispielsweise so:

Also: Wer (oder was?) bin ich?

Das Glarean-Literatur-Kreuzworträtsel

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Kreuzworträtsel, Walter Eigenmann von Walter Eigenmann am 9. Juli 2008

.

Glarean-Literatur-Rätsel / Juli 2008

 

Copyright by Walter Eigenmann / Glarean Magazin 2008

9. Carl-von-Ossietzky-Kompositionspreis

Veröffentlicht in Musik, Musik-Ausschreibungen von Walter Eigenmann am 8. Juli 2008

.

Musik für Big Band & Orchester

KZ-Häftling Ossietzky

Das Institut für Musik der Universität Oldenburg schreibt seinen 9. Wettbewerb um den Carl-von Ossietzky-Kompositionspreis aus: «Carl von Ossietzkys Lebenswerk steht symbolisch für die Achtung des Menschen, die Übernahme persönlicher Verantwortung für Friedenspolitik, Erziehung und Ökologie. Es trägt dazu bei, Lebenswerte für zukünftige Generationen zu erhalten, wozu auch die Förderung der musikalischen Kultur einen Beitrag leisten kann.» Das Orchester und das Jazz-Ensemble der Universität wollen darum «einen Grundstein für ein Repertoire legen, das in kreativer Weise zwei Klangkörper zusammenbringen kann: Das klassische Sinfonieorchester und die Big Band. Dieses Repertoire mittleren Schwierigkeitsgrads soll Schüler, Studenten und Laien in unterschiedlichen Stilrichtungen zum gemeinsamen Spiel zusammenbringen.»
Die Besetzung des höchstens sechs Minuten dauernden und unveröffentlich einzureichenden Werkes: Big Band und Orchester. Einsende-Schluss ist am 31. Oktober 2008, die Einzelheiten finden sich hier.

Zitat der Woche

Veröffentlicht in Elias Canetti, Philosophie, Zitat der Woche von Walter Eigenmann am 7. Juli 2008

.

Über das Friedhofsgefühl

Elias Canetti

 

Friedhöfe haben eine starke Anziehung; man sucht sie auf, auch wenn man keinen Angehörigen dort liegen hat. In fremden Städten pilgert man zu ihnen hin; man läßt sich Zeit für sie; man ergeht sich darin, als wären sie für einen angelegt worden. Es ist auch in der Fremde nicht immer das Grab eines verehrten Mannes, das einen hinzieht. Aber selbst wenn der Besuch ursprünglich einem solchen galt, so wird doch immer mehr daraus. Man gerät auf dem Friedhof sehr bald in eine Stimmung ganz eigener Art. Es ist fromme Sitte, sich über die Natur dieser Stimmung zu täuschen. Denn der Ernst, den man fühlt und den man noch mehr zur Schau trägt, verdeckt eine geheime Genugtuung.
Was tut der Besucher eigentlich, wenn er sich auf einem Friedhof befindet? Wie bewegt er sich und womit ist er beschäftigt? Er geht langsam zwischen den Gräbern hin und her, besieht sich diesen oder jenen Stein, liest die Namen und fühlt sich von manchen von ihnen angezogen. Dann beginnt er, sich dafür zu interessieren, was unter den Namen steht. Da ist ein Paar, das lange beisammen gelebt hat und nun, wie es sich gehört, nebeneinander ruht. Da ist ein Kind, das ganz klein starb. Da ist ein junges Mädchen, das eben noch seinen 18. Geburtstag erreichte. Mehr und mehr werden es Zeitabläufe, die den Besucher fesseln. Mehr und mehr lösen sie sich von rührenden Besonderheiten ab und werden zu Zeitabläufen als solchen.
Da ist einer 32 Jahre alt geworden und ein anderer drüben 45 Jahre. Der Besucher ist schon jetzt älter, und jene sind sozusagen aus dem Rennen. Er findet viele, die es nicht so weit gebracht haben, wie er selbst, und wenn sie nicht ganz besonders jung gestorben sind, erweckt ihr Schicksal durchaus kein Bedauern. Es gibt aber auch viele, die ihn übertreffen. Da finden sich Männer von 70, und hie und da ist auch einer, der über 80 Jahre alt geworden ist. Diese kann er noch erreichen. Sie reizen ihn dazu, es ihnen gleichzutun. Noch ist für ihn alles offen. Das unbestimmte des eigenen, noch zu erwartenden Lebens ist ein großer Vorteil, den er vor ihnen hat, und mit einiger Kraftanstrengung könnte er sie sogar übertreffen. Es ist sehr aussichtsreich, sich mit ihnen zu messen, denn einen Vorteil hat er schon jetzt vor ihnen: ihr Ziel ist erreicht, sie leben nicht mehr. Mit welchem von ihnen immer er wetteifern mag, alle Kraft ist auf seiner Seite. Denn dort ist keine Kraft, nur das bezeichnete Ziel. Die Überlegenen sind erlegt. Schon jetzt können sie einem nicht mehr von Mann zu Mann ins Auge sehen, und sie flößen einem die Stärke ein, für immer mehr als sie zu werden. Der 89jährige, der dort liegt, ist wie ein höchster Ansporn. Was hindert einen, 90 zu werden?
Aber dies ist nicht die einzige Art der Rechnung, auf die man unter einer solchen Fülle von Gräbern verfällt. Man beginnt darauf zu achten, wie lange manche Menschen schon hier liegen. Die Zeit, die einen von ihrem Tode trennt, hat etwas Beruhigendes: um so viel länger ist man schon auf der Welt. Friedhöfe, die noch ganz alte Steine haben, die bis ins 18. oder gar bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen, haben etwas Erhebendes. Man steht geduldig vor den verwischten Inschriften und geht nicht von der Stelle, bis sie entziffert sind. Die Zeitrechnung, deren man sich sonst nur zu praktischen Zwecken bedient, erhält plötzlich ein starkes, tiefsinniges Leben. Alle die Jahrhunderte, von denen man weiß, gehören einem zu. Der da unten liegt, ahnt nichts davon, daß der Stehende die Spanne seines Lebens betrachtet. Die Zeitrechnung ist für ihn zu Ende mit der Jahreszahl seines Todes; für den Betrachter ist sie aber weitergegangen, bis zu ihm selbst. Wieviel gäbe der alte Tote darum, könnte er noch neben dem Betrachter dastehen! 200 Jahre sind es her, seit jener starb: man ist sozusagen um 200 Jahre älter geworden als er. Denn vieles aus der Zeit, die seither verstrich, ist einem durch Überlieferung jeder Art wohl bewußt. Man hat darüber gelesen, man hat davon erzählen hören, und einiges hat man auch selbst erlebt. Es ist schwer, hier keine Überlegenheit zu fühlen; der naive Mensch, in dieser Situation, fühlt sie.
Noch mehr aber fühlt er, daß er hier allein spazierengeht. Zu seinen Füßen liegen viele unbekannte, alle dicht beisammen. Ihre Zahl ist unbestimmt, doch groß, und es werden ihrer immer mehr. Sie können nicht voneinander fort, sie bleiben wie auf einem Haufen. Er allein kommt und geht, wie es ihm beliebt. Er allein unter den Liegenden steht aufrecht.

(Aus: Elias Canetti, Masse und Macht, Fischer Verlage, Frankfurt 1995)

Förderung des niederdeutschen Jugend-Theaters

Veröffentlicht in Literatur, Literatur-Ausschreibungen, Theater von Walter Eigenmann am 6. Juli 2008

.

Der «Karl-Mahnke-Theaterpries» 2009

Auf dem «1. Niederdeutschen Theaterfestival für Kinder- und Jugendtheater» in Neuenburg/D wurde kürzlich der «Karl-Mahnke-Theaterpries» der Öffentlichkeit vorgestellt. Der von den Niederdeutschen Bühnenbünden und dem Theaterverlag Karl Mahnke ins Leben gerufene Preis richtet sich an junge Autoren bis 35 Jahre, die Theaterstücke in niederdeutscher Sprache verfassen. Die Initiatoren erhoffen sich neue Impulse für das niederdeutsche Theater und ihre bereits erfolgreiche Nachwuchsarbeit. – Den ersten Schwerpunkt des Theaterpreises bilden Stücke für das Kinder- und Jugendtheater. «Alltag, Erfahrungswelten, Ängste und Träume von Kindern und Jugendlichen sollen für Kinder und Jugendliche bearbeitet werden.» Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2008, die weiteren Einzelheiten finden sich hier.

Das neue Streichholz-Rätsel

Veröffentlicht in Spielwiese, Streichholz-Rätsel von Walter Eigenmann am 6. Juli 2008

.

Zwei Streichhölzer sollen so umgelegt werden,
dass ein Kreuz entsteht und 2 Quadrate bleiben

Auflösung hier

Orchestrale Grieg-Box mit lexikalischem Anspruch

Veröffentlicht in CD-Rezension, Edvard Grieg, Markus Gärtner, Musik, Musik-Rezensionen, Rezensionen von Walter Eigenmann am 2. Juli 2008

.

Erinnertes und Vergessenes von Edvard Grieg:
«The Complete Orchestral Music»

Markus Gärtner

Das Grieg-Jahr 2007 ist vorüber – und quasi im Nachschlag hat die Plattenfirma BIS nun eine preisreduzierte 8-CD-Box auf den Markt gebracht, welche die breitenwirksame Seite des oft als Klavier-Miniaturisten verschrieenen Norwegers fokussiert: «The Complete Orchestral Music». Dabei sollte man nicht dem Flüchtigkeitsfehler erliegen, anzunehmen, es handele sich ausschließlich um symphonische Musik. Vielmehr könnte und sollte die Box titeln: «The Complete Music With Orchestra». Der geneigte Hörer findet hier Orchesterlieder, dramatische Bühnenmusik und sogar ein Opernfragment. Dabei steht Bekanntes neben fast schon zu Bekanntem, vage Erinnertes neben völlig Vergessenem. Die materialreiche Zusammenstellung bietet sowohl dem Grieg-Einsteiger alle Erfolgsstücke des Meisters der einschmeichelnden Melodie, als auch dem Sammler und Spezialisten eine Vielzahl von Werken, die als nicht-kanonisierte neue Einblicke in die Künstlerpersönlichkeit Edvard Griegs möglich machen.
Natürlich beinhaltet die Box die Peer Gynt-Suiten, die Holberg-Suite, Sigurd Jorsalfar und das Klavierkonzert. Doch auch diesen allseits bekannten Evergreens der Schallplattenindustrie vermag die Veröffentlichung eine neue Seite hinzuzufügen: So bieten die CDs 4 und 5 die über 170 Minuten lange komplette Bühnenmusik zu Ibsens Peer Gynt, mit Dialogen in norwegischer Sprache (die das umfangreiche Begleitheft in einer englischen Übersetzung verständlich macht). Grieg_Autograph von Zwei Lyrische StückeAuf mittlerer Bekanntheitsebene rangieren die Symphonischen Tänze, die Konzert-Ouvertüre «Im Herbst» und eine frühe c-moll-Symphonie, die das Bergen Symphonie Orchestra unter dem Dirigenten Ole Kristian Ruud sehr überzeugend, letztere besonders im ersten Satz geradezu knackig gestaltet. Kaum nachvollziehbar, warum sich Grieg von einer so gelungenen Komposition distanzierte – Schumannsche Anleihen hin oder her.
Nur absoluten Kennern dürften die darüber hinaus auf dieser Collection enthaltenen Werke etwas sagen. Dabei bilden vor allem kürzere bis mittellange Stücke für Solostimme mit Orchester einen größeren Block, z. B. das Melodram «Bergliot» op. 42, das sehr eingängige Orchesterlied «Den Bergtekne» sowie die Sechs Lieder mit Orchester. Interessieren werden auch die Lyrische Suite und die Zwei lyrischen Stücke, jeweils Orchestrierungen aus den bekannten Klavierzyklen gleichen Namens.
Edvard GriegBemerkenswert ist die Entscheidung der Herausgeber, auch Orchesterfassungen von fremder Hand in die Box mit aufzunehmen. So arrangierte Johann Halvorsen sowohl Ved Rondane, ein vormaliges Klavierlied, als auch einen eigentlich für Bläser geschriebenen Trauermarsch. Letzterer ist auch in der Urversion vertreten, sodass der Hörer vermag, Vergleiche zwischen Original und Bearbeitung anzustellen.
Was die opulente Box gegenüber Konkurrenzprodukten wie demjenigen der Deutschen Grammophon Gesellschaft mit Neeme Järvi unterscheidet und heraushebt, ist die bereits erwähnte Gesamtaufnahme der Schauspielmusik von Peer Gynt, die auf ähnlichen Zusammenstellungen nicht zu finden ist. Dieser Bonuspunkt werden besonders diejenigen zu schätzen wissen, die Wert auf lexikalische Vollständigkeit legen. Alle anderen können sich an kleinen und größeren Entdeckungen erfreuen, die diese umfangreiche Sammlung zum idealen, doch eben auch anspruchsvollen Geschenk machen.

Bergen Philharmonic Orchestra / Ole Kristian Ruud (Dirigent) / Verschiedene Solisten: Edvard Grieg, The Complete Orchestral Music, BIS-CD-1740/42 (2002-2006/2008)

Bergen Philharmonic Orchestra

Wie Barbie, Hamlet u.a. uns verändert haben

Veröffentlicht in Kultur&Gesellschaft, Neuheiten von Walter Eigenmann am 1. Juli 2008

.

Die 101 einflussreichsten Personen, die es nie gab

«Figuren aus Fernsehen, Literatur und Film beeinflussen unser Leben so sehr, dass wir sie wie reale Personen betrachten. Für manche Leute gibt es nichts Wichtigeres, als die letzte Episode ihrer Lieblings-TV-Serie zu sehen; andere stehen vor den Kinos an, um die neueste Fortsetzung eines Kassenschlagers zu sehen. Ob Legenden, Sagen, Theater oder Zeichentrickfilme – wir identifizieren uns mit den Figuren, selbst wenn ihre Geschichte sich vor Tausenden von Jahren zugetragen hat. Wir vergießen Tränen, wenn sie leiden oder versagt haben. Wir versuchen uns die Größe der Helden anzueignen und lernen aus den Fehlern der tragischen Gestalten. Vieles aus dem Bereich der Fiktion hilft uns dabei, mit unserem alltäglichen Leben fertig zu werden. Und überdies können wir sämtliche Facetten des Lebens erfahren – das Exotische, das Gefährliche und das Dumme -, ohne uns selbst in Gefahr zu begeben.
Erfindungen belehren uns über die Welt, doch sie formen auch unsere Welt. Menschen werden durch das, was sie gelesen oder gesehen haben, beeinflusst und machen sich auf, die Welt zu verändern. Wäre Alexander der Große zur Welteroberung ausgezogen, wenn er nicht die Geschichten vom Trojanischen Krieg gehört hätte? Und wäre Napoleon ohne das Beispiel Alexanders auf die Idee gekommen, in Russland einzumarschieren? [...]
Diese Sammlung sucht die einflussreichsten Schöpfungen heraus und zeigt, wie sie unser Leben beeinflussen. Wir haben die Welt nicht aus dem Blickwinkel der Chinesen oder der Ägypter betrachtet. Wir haben uns nicht in keltische Sagen, in persische, babylonische, portugiesische, russische, koreanische oder Hindu-Literatur vergraben, sondern das in Erwägung gezogen, was Einfluss auf unsere eigene Kultur hat. [...]
Der Einfluss der Schöpfungen beinhaltet zwei Seiten: Zum einen, wie viele Menschen beeinflusst wurden, und zum anderen, wie weit dieser Einfluss ging. Dutzende von beliebten Figuren mussten wir verwerfen: Darth Vader, Hedda Gabler, Charlie Brown, Sam Malone oder David Copperfield. Viele dieser Figuren sind in unserer Kultur allseits bekannt und beliebt, aber beliebt zu sein bedeutet nicht automatisch, Einfluss zu haben. Mag sein, dass manche unserer Figuren tatsächlich einmal gelebt haben, doch unser Wissen über sie stammt aus Filmen, Büchern und Theaterstücken und nicht aus Augenzeugenberichten. Also haben wir sie in unsere Sammlung aufgenommen.»
(Aus dem Vorwort der Autoren)

D.Karlan/A.Lazar/J.Salter: Die 101 einflussreichsten Personen, die es nie gab, Ehrenwirth Verlag, 365 Seiten, ISBN 978-3431037531