Glarean Magazin

Gedicht des Tages

Veröffentlicht in Gedicht des Tages, Literatur, Lyrik, Torquato Tasso von Walter Eigenmann am 2. Dezember 2007

 

Sonett 

Im Winter meines Lebens, wenn schon weiß
Von Reif und Schnee mein Haar ist, wenn die Tage,
Die leuchtenden, getrübt von grauer Plage
Mir fliehn im oft erneuten Jahreskreis:

Beredt wird immer noch mein Rühmen, heiß
Die Liebe bleiben, die zu dir ich trage,
Daß nie ein Frost den Brand zu tilgen wage,
Den ich im Herzen ewig lodern weiß.

Im Sumpf ein Kreischen – hörst du so mein Lied? …
An deines Flusses Ufern will ich stehen,
Ein Schwan, der singt, weil seine Stunde droht.

Und wie man Flammen, die zur Neige gehen,
Ein letztesmal noch höher flackern sieht,
So glüht mein Herz noch auf – dann kommt der Tod.
                                                                                    (Thun-Hohenstein)

Torquato Tasso (1544-1595)

torquato-tasso.jpg

Karikaturen von Leonardo bis Picasso

Veröffentlicht in Buch-Rezension, Kunst&Kultur, Rezensionen, Walter Eigenmann, Werner Hofmann von Walter Eigenmann am 2. Dezember 2007

.

Werner Hofmann: «Karikatur bedeutet Skepsis»

Walter Eigenmann

.

hofmann-die-karikatur.jpgDes Wiener Kunsthistorikers Werner Hofmanns (*1928) berühmter Klassiker «Die Karikatur» erschien erstmals vor 50 Jahren. Nun legt die Europäische Verlagsanstalt seine unbestrittene Referenz in Sachen Karikatur-Historie («Von Leonardo bis Picasso») in einer erweiterten Fassung neu auf.
Hofmann breitet dabei das gesamte Spektrum des gesellschaftlichen, politischen und privaten Karikierens und dessen stilistischen bzw. zeichnungstechnischen Derivate aus: Der Band dokumentiert und analysiert das überzeichnende Porträt ebenso wie die (kleine) Bildgeschichte, das graphische Ornament wie die Phantasie-Gestalt, die satirische Sitten-Zeichnung wie den modernen Comic – sofern nur all diese stilistischen oder inhaltlichen Ausprägungen Hofmanns Diktum zu unterstreichen vermögen, dass Karikatur zuallerst subversiv, rebellisch und anarchisch sei.

arcimboldo_der-koch.jpg

G. Arcimboldo (1527-1593):
«Der Koch»

Denn, so Hofmann: «Karikatur bedeutet Skepsis: Zweifel daran, dass Logik und Vernunft imstande seien, den Dingen der Welt eine erschöpfende Sinngebung zu leihen. Der Karikaturist erblickt unter der Oberfläche der Welt und hinter den Kulissen ihres Schauspiels die verwirrende Szenerie einer ‘verkehrten Welt’. Er hüllt sich in das Narrenkleid des Spötters, in dessen Scherzen sich der Unsinn in Tiefsinn verkehrt.»
Überzeugend vermag Hofmann in Bild und Wort jenen langen, über weite Strecken auch von der Kunsttheorie irrtümlich marginalisierten Weg der Karikatur aufzuzeigen, der sie «allmählich aus ihrer Randlage herausholte und ihre Sprach-Mittel der Verzerrung dem Vokabular der ‘Hochkunst’ einfügte.» Anhand von 83 Tafeln mit Werken von Da Vinci bis Picasso und von Bruegel bis Paul Klee entschlüsselt der Autor – auf hohem sprachlichem Niveau übrigens – zum einen den kulturhistorischen Standort der einzelnen Zeichnungen, Radierungen, Lithographien oder Stiche, zum anderen auch die sozialpolitischen und -philosophischen Hintergründe der zahllosen Sujets im Laufe einer 500-jährigen Geschichte des «normenverletzenden» Zeichnens.
Eine ungeheur kenntnis- wie aufschlussreiche Tour d’horizont Hofmanns, eine sehr dankenswerte Edition auch, die ein halbes Jahrhundert nach ihrer «Vernissage» keineswegs an Subversivität verloren hat, und die gerade dem modernen TV-Comedy-geschädigten Publikum buchstäblich die Augen öffnet.

Werner Hofmann, Die Karikatur von Leonardo bis Picasso, Europäische Verlagsanstalt, 282 Seiten, ISBN 978-3865726421

picasso_besuch-im-atelier.jpg

P. Picasso (1881-1973): «Besuch im Atelier»