Gedicht des Tages
Es sind zu versteigern
an diesem Tag im August:
der Heuduft,
das Himmelsgewölk,
das Glucksen im Bach,
der Ostwind,
das Knarren von Ochsengespannen -
zum ersten,
zum zweiten,
zum …
Helmut Pfandler (*1929)
Gedicht des Tages
Zu Abend mein Herz
Am Abend hört man den Schrei der Fledermäuse,
Zwei Rappen springen auf der Wiese,
Der rote Ahorn rauscht.
Dem Wanderer erscheint die kleine Schenke am Weg.
Herrlich schmecken junger Wein und Nüsse,
Herrlich: betrunken zu taumeln in dämmernden Wald.
Durch schwarzes Geäst tönen schmerzliche Glocken,
Auf das Gesicht tropft Tau.
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Über eine kreative Befindlichkeit
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Des Künstlers Seele
Joanna Lisiak
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An Vernissagen von Galerien würde man ihm mit großer Wahrscheinlichkeit begegnen, denn gewissermaßen ist es seine Pflicht, an solcherlei Anlässen zu erscheinen. Diese Feierlichkeiten – eher von politischer und banaler denn ästhetisch-philosophischer Natur. Er ist also zugegen, hat seine Atelierumgebung verlassen, hat seine übliche Arbeitsgarderobe gegen eine andere getauscht. Er fühlt sich möglicherweise unwohl, ist irritiert ob der vermeintlich interessierten Kreise, die durch seltsam gesponnene Netze ihre Wege zu diesem Abend gefunden haben. Der Künstler inmitten derer, die wahrscheinlich nie hungern, und welche mehr Faible als aufrichtiges Kunstverständnis auszeichnet.
Er steht wahrhaftig da, und doch entfernt. Potentiell steht er Red und Antwort, und wer etwas später ins leise Glasklirren und Parfümgewölk kommt, der wird den Protagonisten des Abends möglicherweise lange suchen. Denn sehr oft ist es der kleine Unscheinbare, der den Spieß umgedreht hat und selber in eine Beobachterrolle geschlüpft ist. Man erkennt ihn weniger am stolzen Gang oder am Posieren als an dem auf den zweiten Blick Erkennbaren; oft erst im Vergleich zu den aufgetakelten und angeblichen Schöngeistern fällt sein schlichtes Schuhwerk auf, das eher schlecht gebügelte Hemd, der subtil eingestickte Markenname auf der linken Brusttasche abwesend. So pedantisch Künstler, die mir bisher begegnet sind, sein können, die Übergenauigkeit bezieht sich auf ihr Werk und Tun, nicht auf ihr Aussehen. Im Gesicht ein verschlagen-leuchtendes Augenpaar, das etwas Verschmitztes ausstrahlt und einen kindlichen Geist erahnen lässt.
Wenn ich von einem Künstler spreche, meine ich aber keineswegs Äußerlichkeiten, die für alle gleichermaßen da sind, für die Schauenden und Sehenden. Das Visuelle, wie die Sinne überhaupt, sind in ihrer potentiell jederzeit entflammbaren Art naiv demokratisch, stehen unvoreingenommen zur Verfügung auch für Ignoranten und Fanatiker. Nur die Erkenntnissuchenden nehmen die scheinbare Oberfläche als Schlösser und Türen wahr, die lohnen und leise fordern geknackt, geöffnet zu werden. Wenn ich vom Künstler spreche, dann spreche ich auch nicht vom Werk und jenen Spiegelungen und Reflexionen, die vom Macher kommen. Mit Künstler meine ich die Künstlerseele.
Die Künstlerseele ist es, die einen Künstler zu einem Künstler macht. Es ist nicht das artistische Werk, nicht das Nochnichtdagewesene, weder das Provokative noch das historisch, handwerklich gut Umgesetzte. Eine Künstlerseele ist auch nicht messbar an Qualitätsbarometern. Selbst das Genie seines Genres gewährleistet keine Garantie. Am wenigsten meine ich mit dem Begriff das Künstlerklischee des verschrobenen Menschenbildes. Oder jenen erfolgsverwöhnten Mann, der sich geschickt im Netzwerk der Galeristen, Mäzene und Agenten bewegt, sich ihrem Vermittlungsspieltreiben opfert und dies mit keiner Faser seines Gemüts bezahlt, was ihn für mich verdächtig macht.
Zweifelsohne kann eine Künstlerseele auch einen Sieggekrönten beleben, und sie tut es immer wieder. Aber die Faktoren, die für Aufstieg und Durchbruch stehen, lassen sie jedenfalls unberührt. Einzig aus sich heraus soll sie tun oder unterlassen, triumphieren oder scheitern. Eine Künstlerseele ist eine Seele, die nicht fordert und nicht muss. Sie darf sich in ihrem Ausdruck, sei er nun elegant und tiefsinnig oder dahingeschmiert und von willkürlicher Anrührung, austoben. Potentiell darf sie immer inaktiv bleiben. Es genügt, wenn sich ihr monologischer Dialog im Innern abspielt, wenn sie ans Außerhalb anspruchslos Größe zeigen kann. Wenn sie in jenem richtigen Moment versteht, wo es um das Wahre geht, ohne das pro-aktive Zutun. Das Schaffende und Erschaffte also außer Acht. Sie begreift ihr Sein mit dem Verzicht auf schmückende Attribute oder Werte, denn sie ist genügende Tatsache.
Es ist also nicht das Tun und nicht das Resultat, das ihre Existenz stützt. Eine Künstlerseele benötigt kein Leid oder eine Zäsur, um ans Ziel zu gelangen. Sie kennt das Ziel nicht. Auch muss sie nicht viel erlebt haben an Welt. Eine Künstlerseele als solche ist roh und bereits ausgewachsen. Sie ist nicht von unendlicher Auswucherung. Dazu ist sie zu sehr mittiger Stillstand. Sie hat kein Geschlecht und kein Alter. Einzig ist sie. Das Sein als Matrix.
Die Künstlerseele nämlich ist im Sein bereits entfaltet. Ob sie glücklich oder betrübt gefärbt ist, hängt vom «Träger» ab oder vom Zufall der Tageszeit. Dass es von diesem An-Sich-Sein Abervarianten und -versionen gibt, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen. Dass man von ihr weniger spricht als vom Künstler, gründet vielleicht in unserer Vorstellung, Sachen wie Personen dingbar, fassbar machen zu wollen. Auf einen Künstler kann man mit dem Finger zeigen. Gegen ein Gemälde ein Wortreich erbauen. Aber selbst die akkurateste Wahl der Worte und Hintergründe ist in ihrer Form physischer als die Vorstellung davon, was die Künstlerseele ist: körperlos.
Ohne Seele keine Künstler. Aber viele Werke muten seelenlos an. Das Werk also ist es nicht, an welchem wir eine solche Seele erkennen. Dem Mann mit dem leicht unbekümmerten Gesicht – der in der Galerie seinen potentiellen Kunden, für die er weder lebt, aber vielleicht von ihnen, gegenüber steht – man wird es ihm nicht ansehen, ob er sie nun hat oder nicht. Dieser gelobte Künstler, der in der Ausstellung so nah ist, als lebe er just in derselben an Widerspruch und Kompromiss reichen Welt.
Vielleicht trösten wir uns ein Stück damit, dass er ja da ist und es ihn sichtlich nicht «besser erwischt» hat als unsereinen, Besserbetuchten, die uns zynisch Brötchenverdiener nennen und uns manchmal, in einem Anflug von Ausbruch, aberwitzig kleiden wie gerade jetzt, uns in sog. Künstlerkreise mischen, das Sektglas läßig in der Hand, eine entrückte Aufgeregtheit im Blick, als wäre man gerade verliebt, und die von einer lokalen Zeitungsreporterin versehentlich um ein Interview gebeten werden. Zunächst beschämt, erleben wir sogleich ein Gefühl von Anerkennung. Und das Paradoxe der Situation und die Phantasie lassen es zu, dass wir uns hinleiten zu diesem romantischen Bild, auf dem Land, in einer malerischen Scheune, wie wir aus einem Stück roher Marmormasse die für unser erfahrenes Auge schon erkennbare Form meisseln. In dem Moment haben wir gegenüber den anderen kostümierten Gästen gesiegt und verloren in dem Moment, wo sich unser Blick mit dem wahren Künstler trifft.
Aber nicht nur auf Vernissagen trifft man Trittbrettfahrer an. Sie verstecken sich in durchgestylten Bürogebäuden, sie tauchen als spruchreife Ausreden auf, wenn der durch Gänge schlurfende Buchhalter weder einen Satz auf die Reihe kriegt noch über Zahlenflair verfügt, aber mit dem Künstler-Stempel eine ihn fast friedlich anmutende Aura von Akzeptanz umgibt. Oder der Chef, der es schlichtweg nicht im Griff hat, pünktlich den Lohn seiner Untertanen zu bezahlen, weil er sich selber für einen unantastbaren und unerreichbaren Künstler hält. Und er diese Nachricht mit einst gelerntem Marketingflair zur Legende macht, bis er selber wirklich daran glaubt und auf dieser Grundlage seine Marotten züchtet. Das Klischee Künstler, das zum Manierismus verkommt.
Dieses ehrfürchtige Wort «Künstler» ist ein Phänomen, das sich ausbreitet, ist es einmal verlautbart, bis hin zu den Kreisen, in denen tatsächlich von Kunst die Rede ist. Dass dem auf dem Begriff als Sprungbrett abgehobenen Möchtegern-Künstler keine Beweise abverlangt werden, spricht für die Tatsache, dass ein Künstler auch der sein kann, der keine Werke schafft. Und auch jener, der aus reiner Disziplin unter einer Art Käseglocke Form nach Form erzeugt. Der Ausdruck als Wiederholung eines Glücksmoments, das mit jenem Moment bereits entschwand. Kunst indes hat keine Grenzen. Und nicht weniger als im Angesicht einer erschaffenden Kontinuität, die im Dialog mit dem Außerhalb steht, kommen mir die größten Zweifel, ob es sich nicht lediglich um Produktion und Kontaktpunkt, gepaart mit dem fahrläßigen Umgang mit der Figur Künstler, handelt. Der Wahn, der in einer Künstlerseele innewohnt, kann manchmal und oft vor lauter Wollen nicht mehr.
Dem Künstler an der Vernissage sind solche Überlegungen möglicherweise zu anstrengend. Zu sehr nimmt ihn seine Künstlerseele in ihren Gehorsam. Sie verlangt nichts, denn sie ist in ihrem So-Sein gefangen. Sie kann nichts dafür und ist somit nicht schuldig und unschuldig. Erst, wenn der Macher ausbricht und sich in Künstler-Nichtseelen mischt, nimmt die ansonsten leichte Sache einen Weg des Widerstandes. Der Künstler als Seelenzustand – Ruhe in sich gepolt. Zahlreiche Künstler, die ihre Vehikel nicht finden, um sich durchs Werk erkennbar zu machen. Außerdem Künstler, die durch allzu glatte Umstände im Gesellschaftsrad eine Funktion fanden und davon nicht loskommen, so dass ihre nie alternde Künstlerseele einem kümmerlichen Dasein frönt. Verkannte Künstler und Künstler, die nicht wissen, dass sie Künstler sind…
Auf der anderen Seite die gellenden Künstler, clever und produktiv – die Negativform vom verkanntem Künstler? Ein für mein Empfinden wirklich wahrer Künstler, der Werk und Schaffen nicht aktiv auslebt, sagte mir, dass er einen anderen, in seinen Augen wahren Künstler bewundere dafür, dass jener nichts weiter benötige als fast nichts zu tun und dieses Fast-nichts mit niemandem zu teilen brauche und dabei eine neutrale Zufriedenheit lebe. Das imponiere ihm – und während er sich seine Pfeife stopfte, sagte er zu mir: «Ist das nicht wunderbar? Ich wäre so glücklich, wenn ich schon dort wäre». Vielleicht lag es an seinem zerbrechlichen Tonfall und seinem tief sitzenden Verständnis, die mir in jenem Moment die leise Anerkennung weckte, als wäre mein Bekannter da gerade oder überhaupt nicht weniger als eben ein Künstler-Seelenverwandter. Jemand, der nie den Anspruch haben würde, das Wort «Künstler» für sich zu beanspruchen, weil es zum einen seine Bescheidenheit und Demut nicht zuließen und zum anderen, weil er das Wort «Künstler» zu sehr im entwürdigten Status sieht.
Leicht kommen einem die Worte «Künstler» – ggf. noch mit dem Anhängsel «halt», das vorflunkert wirklich zu wissen, worum es da gehe – über die Lippen. Worte und Tugenden wie «Ehrfurcht», «Übermenschliches», «Sosein» wirken auf der Zunge plump und pathetisch. Vielleicht deswegen spreche ich lieber von der Künstlerseele. Ich wage zu behaupten, ich hätte es damals gespürt in jenem beinah flüchtigen Moment, als seine eigene über die andere Seele sprach. Als es um das Irgendwo und Irgendwen ging, um das Fast Nichts im Nicht-Dialog mit Niemand. Da war es. Zwischen seinen Worten: wahre Größe spürbar. Überwältigung schwang mit, die mir die Sprache verschlug und mich augenblicklich klein fühlen ließ. Es war ein nicht zu beweisender Beweis, dass auf einmal beide zugegen waren. Oder etwas. Ein kurzes Anleuchten auf ein Dasein fern physischer Grenzen. Künstlerseelen.
Denn es gibt sie wirklich. Und vielleicht ist die Achtung vor dieser nicht in Worten zu fassenden Tatsache ein kleines Verbindungsglied, das filigrane Brücken schlägt zu diesen auf wunderbar geheimnisvolle Weise verborgenen Künstlerseelen. ♦
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Joanna Lisiak
Geb. 1971 in Polen, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, Dokumentarfilme und Hörspiele, Radio-Moderation, Mitglied des PEN, Jazz-Sängerin, lebt in Nürensdorf/CH
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Gedicht des Tages
Auf den Tod eines Kindes
Schlafe wohl, geliebtes Kind.
So viel tapfrer Helden sterben,
Ganze Völker gar verderben,
Und die Zeit verstiebt wie Wind;
Wie soll denn ein Mensch bestehn?
Muß dies Ganze doch vergehn.
Schlafe wohl! Wir Armen, wir
Bleiben, was wir immer waren:
Jung von Weisheit, alt von Jahren,
Unverständig für und für;
Stumm an Mund, an Augen blind,
Kinder, wie wir kommen sind.
Paul Fleming (1609-1640)
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Kurzprosa von Rainer Wedler
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Ein Mann muss einen Bart haben
Rainer Wedler
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Schließlich nur noch Stereotypien. Der Bart ein sichtbarer Punkt am Ende eines langatmigen, vielfach verschränkten Satzes.
Australischen Kängurus wurde nicht auf die Sprünge geholfen. Die Schafe auf Neuseeland blieben ungeschoren. Die Siamkatzen – ein besonderer Markt in Frankreich – ungezüchtet. Die Dissertation über die Fortschreibung des Arbeitsrechts ein Zettelgrab. Der Entwicklungshelfer flog nicht nach Tansania.
Zum Bart hatte er geheiratet. Höherer Dienst beim Finanzamt. Formulare, Stempel, Unterschriften, Mitarbeitermotivation, Kaffeepausen, Unzufriedenheit. Alle zwei Jahre eine Gehaltserhöhung, Audi, Fünfzimmerküchebad. Dazwischen Österreich, Spanien, auch Frankreich.
Die Wohnung eine Inszenierung. Das meiste vom Trödel, der Rest von Romer.
Bevor sie zu Bett gingen, nahmen sie gleichsam alle Räume noch einmal ab. Hie und da wurde ein Nippes nach vorne gerückt, ein Kleinod nach hinten, die alte Bibel in den richtigen Winkel zum Samowar. Dabei beteuerten sie sich gegenseitig, wie schön sie es doch hätten.
An besonderen Abenden machte er eine Flasche Riesling auf. Sie tranken ihn aus den Jugendstilgläsern mit dem dünnen grünen Fuß. Das Glas in der Hand, schritten sie durch die Räume. Sie öffnete die vollen Schränke.
Sind wir nicht glücklich?
Sie hat es tatsächlich ausgesprochen. Er hat aufgehört, sich darüber aufzuregen. Vielleicht wollte er aber auch ein Gran Ironie heraushören.
Seit sie in Kunst machte, war er oft allein.
Das Kaktus war seine erste Pflanze. Er hatte ihn aus einer Laune heraus gekauft. Bald stand daneben ein zweiter auf seinem Schreibtisch.
In seinem Testament hat er festgelegt und sich dabei von einer alten Inka-Weisheit inspirieren lassen, man solle ihn mit dem Gesicht nach unten beerdigen, damit er bei einem Versuch, sich freizugraben, nur immer tiefer kommen würde. Außerdem soll seine Todesanzeige nur Vor- und Nachnamen nennen und nur das Datum seines Todes, nicht: In tiefer Trauer Marianne Wittlich, geb. Forster.
Sie hatten viele Jahre miteinander gelebt. Er konnte nicht einmal sagen, daß es schlecht gewesen war. Emotionen waren ihm fremd.
Warum läuft Herr K Amok? Ein Freund hatte ihn auf diese Lösung hingewiesen. Er konnte ihn nicht verstehen. Sicherlich, es kränkte ihn ein wenig, daß sie zweimal die Woche siebdruckte, linolschnitt, töpferte, daß sie fast ebenso oft zu den Redaktionssitzungen eines kleinen Emanzenblättchens – blauer Klatschmohn oder so ähnlich – fuhr. Am Anfang war er eher zufrieden. Er hoffte, den runden Couchtisch nach und nach leeren zu können, da er es sich zum Prinzip gemacht hatte, Bücher erst dann ins Regal zu stellen, wenn er sie zumindest kursiv gelesen hatte. Alles andere wäre ihm als Verrat erschienen. Da er aber ständig neue Bücher kaufte, kamen auf ein gelesenes schnell mehrere neue.
Er fühlte sich so sehr eingeengt, daß er einmal daran dachte, alle Bücher auf der Straße zu einem Scheiterhaufen aufzuschlichten und sich an ihrem Feuer zu wärmen. Er würde viele Benzin darüber schütten. Die Seiten würden verkleben, verkohlen. Endlich frei sein.
Wittlich dachte auch an den Wannsee.
Zu den Kakteen waren im Laufe der Zeit gekommen: Questenkraut, Männertreu (vermeeret den Mannlichen Saamen), Natterwurz (ist gut für gifftige Biß), Meerrettisch (macht Haar wachsen), Huflattich (löschet eigentlich alle innere Hitze) …
Der Efeu hat inzwischen das Fenster vor seinem Schreibtisch zugewuchert. Der Verlust an Licht störte ihn nicht, da er ohnehin nur nachts zum Lesen kam. Das Kästchen mit dem geschnitzten Drachenboot, das der Großvater aus dem Generalgouvernement mitgebracht hatte, musste als erstes weichen. Der Efeu schlang sich längst um die Beine des Schreibtischs. Wittlich wollte die Pflanzen nicht stutzen. Wenn er doch einmal schnitt, dann nur, um Setzlinge zu gewinnen.
Wir wollen keine Kinder, sagten sie, und sie sagten es immer öfter. Sie aber wußte, daß er log. Hatte er nicht erst letzte Woche einem kleinen Buben Schneewittchen vorgelesen und hatte nicht bemerkt, daß er schon tot war? Er wusste nur noch nicht, wie er sterben würde.
Wittlich ließ seinen Bart ungehemmt wuchern, was die Nahrungsaufnahme schließlich so erschwerte, daß er sie immer mehr einschränkte. Hin und wieder klemmte er versehentlich den Bart in die Schublade des Schreibtischs. Es schmerzte, wenn er aufstehen wollte.
Die gleichen Interessen seien es gewesen, die sie zusammengeführt hätten. Ein verspäteter Bus hatte seinen Puls nie schneller gehen lassen. Wenn du älter wirst, spielt das, was sie Liebe nennen, keine Rolle mehr, wenn es denn je eine Rolle gespielt hat, pflegte er zu sagen.
Trotzdem ab und zu das Bedürfnis, mit einer Frau zu schlafen. Die wenigen Male zwischen den immer ausgedehnteren Perioden, wo es ihr Zeitplan erlaubt hätte, entzog sie sich der ehelichen Pflicht, wie sie den Vorgang ganz unironisch nannte, indem sie Kopfschmerzen, in wachsendem Maße aber ideologische Gründe vorschob, die ihr die Szene reichlich lieferte. Endlich konnte sie argumentativ, wie sie wohl glaubte, überdecken, daß sie nie gerne mit ihm geschlafen hatte.
Wenn ihn die Augen schmerzten, setzte er die Brille ab und verbarg sein Gesicht in beiden Händen, wie wenn er weinen würde. Wenn er wieder aufsah, verschwamm sein Gesicht im Gewirr der Pflanzen. Er war Teil des grünen Szenarios geworden. Um sich wieder daraus zu lösen, setzte er schnell die Brille wieder auf.
Der Schreibtisch war inzwischen grün überwuchert. Jedes Mal, wenn er lesen wollte, musste er vorsichtig die empfindlichen Triebe von der Lampe pflücken. Je länger er sein Gesicht im Spiegel des nächtlichen Fensters betrachtete, desto mehr verwirrte sich der Bart mit den Stengeln und Blättern. Einmal war sein Bild ganz verschwunden. Die Pleoptik hätte ihm dieses Phänomen vielleicht erklären können, ihm aber lag nicht an einer Erklärung. Es faszinierte ihn, wie sich selbst ins Nichts auflösen konnte, wie er in der Dunkelheit verschwand.
Nach dieser Entdeckung las er kein Buch mehr. Er beherrschte jetzt die Technik, seine Augen so zu stellen, daß er sich draußen immer mehr verflüchtigte. Schließlich gelang es ihm, die Dauer, bis er wieder auftauchte , ständig zu verlängern.
Ob er es geplant hatte, weiß niemand.
Jedenfalls ließ ihn seine Frau nach Ablauf der gesetzlichen Frist für tot erklären. ♦
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Dr. Rainer Wedler
Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita», zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen
Gedicht des Tages
Jugend
Da schon die Blätter falb,
will ich nicht säumen,
innen und außerhalb
Frühling zu träumen.
Eh mich umfaßt die Qual
dunkler Gewalten -
o holdes Dazumal,
lasse dich halten.
Wie es von mildem Weh
weht durch die Zeiten!
Will, wenn ich schulwärts geh’,
gern mich begleiten.
Hab’ vor dem Ziele bang,
nie mich erdreistet.
Wenn es mir auch gelang,
war’s doch geleistet.
Länger davor verweilt,
wird es mir lieber -
ach, wie die Zeit enteilt,
ich habe Fieber.
Wie es mich trieb mit Hast
zu Hindernissen,
drückte es wie Zentnerlast
gutes Gewissen
Nicht ohne Lust ich litt
vieles Versäumnis,
nie ohne Furcht ich schritt
in das Geheimnis.
Glück was es und Beruf,
Glück zu entbehren;
was mir Verehrung schuf,
scheu zu verehren.
Mut aber und Gewalt
vor der Gemeinde,
Sturm ohne Aufenthalt
faßte die Feinde.
Herz, wie du wieder bangst
im weitern Raume,
weckte dich Kinderangst
aus deinem Traume.
Pocht es von altersher,
öffn’ ich die Sinne,
daß es wie damals wär’,
wo ich beginne.
In trüber Leidenschaft
voller Gefahren
ahn’ ich den Gartenduft
aus frühen Jahren.
Ruf’ ich’s, so ist es da,
daß ich es hege.
Grün, wie ich’s nie mehr sah,
wuchs mir am Wege.
Liegt mir die Zeit im Ohr,
um mich zu täuschen,
dringt doch ein Kinderchor
aus den Geräuschen.
Heuer geht’s früh aufs Land,
auf blasser Wange
fühle ich deine Hand.
Fort bist du lange.
Fern als ein Leierklang
klingt’s in das Leben,
will’s einem Leid entlang
spielen und schweben.
Ja dort in Weidlingau,
in jenem Alter,
war mir der Himmel blau,
rot war der Falter.
Bin schon im Herrenbad,
Schwimmeisterstimme,
welch eine Wundertat,
daß ich schon schwimme!
Dan in der Bildung Frohn,
bessrer Berater,
spielt mir den Lebenston
Sommertheater.
Da ward mir frei und froh
vor bunter Szene.
Liebte Madam Angot,
schöne Helene.
Blaubarts Boulotte und,
nicht zu vergessen,
Gerolstein, Trapezunt,
alle Prinzessen.
Und bis zum letzten Lohn
schwebender Wonne
tanzte und schlug den Ton
Gilette von Narbonne.
Leben kein Sündenplatz,
Kunst keine Sühne.
Schwerlosen Wissens Schatz
bot mir die Bühne.
Gern den gebührlichen
Dank will bewahren
jenen figürlichen
Achtziger Jahren!
Was ich vereine,
dort schien’s gefunden,
und ihrem Scheine
Wesen entbunden.
Wer bliebe ungrührt
von ihren Künsten?
Doch keine Brücke führt
zu euren Dünsten!
Kunst war nicht Nebenbei,
konnte noch gelten,
rief als ein Wolterschrei
tieferen Welten.
Was nun in Dunkelheit
leide und sehne,
weiht jenem bessern Leid
Sonnenthals Träne.
Jünger bin ich als jung,
leb’ ich im Alten.
Welche Erneuerung!
Welches Erhalten.
Zieht in der Zeiten Kluft -
ich wohne besser,
bau’ ich mir in die Luft
brüchige Schlösser!
Blick’ ich nur aus von dort
in eure Fenster,
ruft euch mein Zauberwort:
seid ihr Gespenster!
Neuer ist meine Art,
freier ich wohne.
Es brach die Gegenwart
ein Epigone!
Rückwärts mein Zeitvertreib!
Jugend erst werde!
Länger als ihr verbleib’
ich auf der Erde!
Und weil die Blätter falb,
soll es mich laben,
innen und außerhalb
Frühling zu haben.
Karl Kraus (1874-1936)
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Über die Satire
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Gegen die «Wahrheit»
Walter Eigenmann
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Es mag schon sein, dass unserer ver-rückten, un-sinnigen Welt alleine noch – wie professionelle Zyniker behaupten – entweder mit Kriegen oder dann mit Ironie beizukommen ist. Auch sei dem Resignierenden in Gottes Namen der unproduktive Trost gelassen, dass bloßes Gelächter über Dummheit manchmal siegt. Und jene schließlich, die dem Geschehen um sich herum ohnehin nur als Gaudi-Konsumenten beizuwohnen pflegen, mögen ruhig dabei bleiben; das Welttheater kann auf sie als Claque nicht verzichten…
Jedenfalls aber steht eines grundsätzlich fest, spätestens seit den Tagen des Römers Juvenal (Bild): «Difficile est satiram non scribere».*
Dabei ist so eindeutig nicht, was eine Satire denn sei. Die Literaturtheoretiker zum Beispiel – wir müssen sie wohl ernst nehmen – schweigen sich (je nachdem über viele hundert Seiten hinweg) darüber aus, welche unverzichtbaren Text-Ingredienzien ein Prosastück erst zur Satire mache. Gewiss: Satiren spotten fast immer, Satiren karikieren meistens, Satiren kritisieren oft, Satiren verhöhnen manchmal, Satiren wollen hie und da aufrütteln, ganz selten belehren sie sogar, und nie bilden sie einfach nur ab. Aber die Satire?
Andererseits: die Ausstrahlungskraft (und damit auch Qualität) eines satirischen Textes hängt auch, aber nicht vor allem von seinen formalästhetischen oder inhaltstheoretischen Komponenten ab. Das verzweifelte Bemühen um eine gattungsspezifische Katalogisierung literaturhistorisch greifbarer Satiren gäbe, scheint mir, seinerseits idealen Satire-Stoff ab.
Könnte denn womöglich sein, dass die Satire recht eigentlich erst beim Lesen entsteht, dass sie wesentlich auf die intellektuelle Befindlichkeit, Empfänglichkeit, vor allem aber Empfindlichkeit abstellt? Wie alle gute Literatur also? Nur mit dem Unterschied, dass vom Publikum noch ein Quäntchen mehr an Aufgeklärtheit und Intelligenz, Reflexion und Abstraktionsvermögen, doch auch an Verletzbarkeit und Wut aufgeboten werden muss, als dies bei anderen literarischen Ausprägungen der Fall sein mag?
Ununterbrochen begehen Satiriker Sakrilegien, und gute Satiriker tun das mit sprachlicher Raffinesse: Gegen «Gott und die Welt», gegen «Haus und Hof», gegen «Gedanken und Taten», gegen «König und Vaterland», gegen «Konventionen und Institutionen», gegen…
Zum Arsenal dieses «Gegen-»Kampfes – den Leser herausfinden zu lassen, wofür der Satiriker kämpft, ist übrigens ein weiteres Merkmal der Satire, ihr moralischer Standpunkt ist vom Leser zu eruieren – gehören die (manchmal sanfte, meist hämische) Ironie, die Übertreibung, die Verzerrung, der Spott in all seinen vernichtenden Schattierungen. Aber auch das hoffnungsvoll-resignierte Überzeichnen jener kreatürlichen Eigenschaften, die das in der Natur einzigartig defizitäre Mangelwesen Mensch konstituieren.
Die vordergründige Destruktivität der Satire erwächst aus der Einsicht (und deshalb Notwendigkeit), dort entlarven zu müssen, wo Konsens mit common sense verwechselt wird. Gute Satiren sind also per definitionem immens politisch – auch dort, wo sie individuelles Versagen als das Produkt kollektiven Funktionierens fokussieren. Der Satiriker schreibt gegen die «Wahrheit» an. -
*) «Schwer ist es, (über diese Zustände) keine Satire zu schreiben», (Juvenal, Satire I / 30)
Lyrik von Semier Insayif
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Semier Insayif
schreib gesang
vielleicht
auf ewig
schwingt der wesensklang der einen
herz hirn hand gefährtin
mitten mir ins ichwerk neu vertont
sticht und spricht und summt
mich notprogramm
ganz nah an ihren augenspiegel
hautverlangen drückt uns zweigebogen
aneinander wach im schlaf lied
wiegt mich drängend
weit geöffnet
sinken wir zusammen
brechend in uns ein zu
lösen unsere körper grenzen
schweben frei im wort
fall tief einander zugestoßen
vielleicht auf ewig
bitte sing
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Semier Insayif
Geb.1965 in Wien, Kommunikations- und Verhaltenstrainer, verschiedene Lyrik- und Prosa-Publikationen, Träger des Wiener Werkstatt-Preises 2000, seit 1993 freier Schriftsteller in Wien
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Prosa von Christa Degen
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Isla de Los Lobos
Christa Degen
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Ein bleigrauer Morgen. Ich suche einen Parkplatz auf dem riesigen Bürogelände, stelle meinen Firmenwagen ab, eile an all den Menschen vorbei, die pflichtbewußt zur Arbeit schreiten, grüße aus der Ferne bekannte Gesichter und verliere für Sekundenbruchteile das Bewußtsein.
Wo bin ich? Ach so, ja. Auf dem Weg zum Flughafen, in den Urlaub. Und das hier ist meine Firma. Nein, Ex-Firma - und das meine Ex-Kollegen, die ich gerade gegrüßt habe. Alles wirkt so unwirklich wie ein Film, den ich nur noch aus den Augenwinkeln wahrnehme, während ich mich schon etwas anderem zuwende. Die Verbindung zu diesen Bürogebäuden, der Firma, den Menschen, mit denen ich fünf Jahre zusammengearbeitet habe, ist nicht mehr. Auf einen Schlag, mit meiner Unterschrift unter die Kündigung, sind alle Fäden durchgeschnitten. Schwerelos und ohne Verankerung eile ich zur U-Bahn.
Am Flughafen Tegel herrscht morgens um halb zehn Hochbetrieb. In der Mitte der langen Schlange vor Schalter 12 wartet Eva schon, begrüßt mich mit ihrem warmen Lächeln. Sie sieht müde aus. Ihr linkes Auge hinter der Brille ist entzündet, ihre Haare erscheinen mir grauer als sonst. Wahrscheinlich sehe ich so ähnlich aus.
Sie lächelt tapfer in mein sorgenvolles Gesicht: «Das wird schon wieder. Einfach mal zwei Tage durchschlafen, dann bin ich wieder fit».
«Nur Sonne und Nichtstun. Das wird uns gut tun», kalauere ich.
Der Rest der Schlange ist schnell abgefertigt. Wir geben unser Gepäck ab, bekommen unsere Bordkarten und laufen durch den langen, kreisförmigen Gang. Rauchend und Kaffee trinkend sitzen wir an einem der Bistro-Tischchen in der Vorhalle. Ich erzähle, daß ich seit einer Woche arbeitslos bin.
«Ja, das kam überraschend. Ich habe die Kündigung akzeptiert, weil ich die Zusage für einen neuen Job hatte. Aber dann wurde sie plötzlich zurückgenommen… Mal sehen, was jetzt kommt. Vielleicht habe ich es so gewollt. Ein Sabbatjahr, eine Auszeit, die Karten neu mischen.»
Eva sieht mich mitleidig an, nicht überzeugt von meinem Optimismus. Das wird mir jetzt noch öfter so gehen. Ich werde mir Worte, glaubhafte Sätze für meine Situation zurechtlegen müssen, damit ich Fragen wie: «Was treibst du so? Was machen Sie beruflich?» schnell und problemlos beantworten kann.
Im Flugzeug überlässt mir Eva großzügig den Fensterplatz. Wir bekommen zu essen, trinken Sekt und stoßen auf unseren Urlaub an, während der Flugkapitän die Route auf Sächsisch erläutert: «Zürich – Lyon – die Pyrenäen – Gibraltar – Cassablanca – Agadir…» Ich lehne mich zurück. Endlich alles hinter mir lassen. Das ganze letzte Jahr, den Terror in der Firma, das «Stahlbad kollektiven Männermobbings», wie es eine «Spiegel»-Redakteurin nennt, die rigiden Verhaltensregeln im Vertrieb. Von Ferne höre ich die Sicherheitserläuterungen der Stewardess: «Sauerstoffmaske über Ihnen, Schwimmweste unter Ihrem Sitz.»
Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich durch die Fensterluke die Meerenge von Gibraltar. Tiefblaues Meer, steif wie ein Brett, Schiffchen, die im Zeitlupentempo ihre zarten Spuren ziehen. Dann die riesigen, khakibraunen Gebirgsketten des Hohen Atlas, und wieder Meer, endloses Meer…
Plötzlich redet jemand aufgeregt auf mich ein: «Sauerstoffmaske, Schwimmweste!» Eva zieht heftig an den Schnüren ihrer orangeroten Plastikweste.
«Was ist denn los?»
«Keine Ahnung. Sie sagen, nur eine Vorsichtsmaßnahme.»
Ein Knall betäubt mein Trommelfell, ein ungeheurer Druck schleudert mich gegen etwas Hartes, ich sehe Flammen, und falle in ein schwarzes Loch. Dann ist es kalt, eiskalt. -
Als ich wieder zu mir komme, treibe ich allein in einer blauen Weite. Ich sehe mich um. Das Meer. Ich scheine zu leben. Meine Glieder hängen wie leblos im Wasser. Ich hebe den rechten Arm. Er lässt sich trotz des schweren, naßen Kostümstoffes bewegen. Auch der andere Arm rührt sich. Meine Zähne klappern. Die aufgeblasene Schwimmweste ist fest um meine Brust gezurrt. Ich muss die schweren Kleiderfetzen loswerden, sonst kann ich nicht schwimmen. Der linke, zerissene Ärmel hängt nur noch an ein paar Fäden und lässt sich leicht lösen. Oh, mein Gott! Was mache ich eigentlich? Wohin will ich denn schwimmen? Weit und breit ist nichts zu sehen. Ich treibe wie ein winziger Kork im Ozean.
Werde ich je irgendwo landen, bevor ich vor Kälte, Durst, Hunger…? Ich schließe die Augen. Es hat keinen Zweck. Ich kann auch gleich auf das Ende warten. Meine Tochter fällt mir ein, mein Ex-Mann, den ich immer noch liebe.
Da bewegt sich ein braunes Etwas am Rand meiner Netzhaut. Eine Fata Morgana? Ein großer Fisch? Es wird größer, scheint auf mich zuzusteuern. Ein Boot? Mein Herz hämmert in meinem erstarrten Körper. Ich erkenne Ruder. Rettung? Kann man mich denn sehen?
Ich reiße den anderen Ärmelfetzen ab und versuche das triefende Ding in die Höhe zu halten. Aber mein Arm sinkt kraftlos ins Wasser zurück. Ich will rufen. Aber aus meiner Kehle kommt nur ein Keuchen, meine Stimme gehorcht mir nicht mehr. Ich kann nur abwarten. Noch nie bin ich dem Schicksalsengel so direkt gegenübergestanden. Was hat er oder sie mit mir vor? Ich spüre nur noch einen Wunsch: Dieser unendlichen Verlassenheit, diesem vernichtenden Gefühl von Winzigkeit zu entkommen.
Das Boot wird größer. Jetzt erkenne ich eine Gestalt, die mit kräftigen Schlägen in meine Richtung rudert.
«Hola?»
Eine Männerstimme schallt über das Meer. Wo bin ich? Ist das Spanisch oder Arabisch?
«Hola, hola!» Meine Stimme funktioniert wieder. Ich schreie vor Freude, kann gar nicht mehr aufhören:
«Hola, Ola, Ola…»
Ein Lachen quillt aus meiner vereisten Brust. Habe ich den Verstand verloren? Das Boot ist jetzt fast in Reichweite. Ich paddle darauf zu.
«Venga, venga!»
Ein dunkelhäutiger Mann beugt sich über den Bootsrand und streckt mir die Hand entgegen. Als ich sie ergreifen will, fühle ich mich schwer wie ein Mühlstein.
«Dé me una mano!»
Er deutet mit dem Kinn auf meine andere Hand und zerrt mich aller Kraft über den Bootsrand. Ich plumpse auf den Holzboden und bleibe liegen wie ein Fisch, der aus seinem Element gezogen wurde und in seinen letzten Zuckungen liegt. Der Mann legt eine Art Burnus um mich, kramt eine Flasche hervor und hält sie mir an den Mund.
«Beba!»
Mein Gehirn gibt mir den Befehl zuzugreifen. Aber mein Arm bewegt sich nicht. Hilflos blicke ihn an. In seinen dunklen Augen blitzt es auf. Er schiebt einen Arm unter meinen Nacken, richtet mich auf und hält mir die Flasche an die Lippen. Frisches, klares, salzloses Wasser rinnt in meine Kehle. Als die Flasche leer ist, schenke ich ihm mit meinen rissigen Lippen ein mühsames Lächeln und sinke zurück auf den Boden. Beim Wegdämmern spüre ich, wie er mir die naßkalten Kleiderreste vom Leib schält. Die Berührung seiner Hände verwandelt meine körnige Fischhaut wieder in glattes Fleisch. Ich atme, lebe, habe überlebt. Eingehüllt in seinen Umhang aus Ziegenhaar schlafe ich ein.
Als ich wieder aufwache, sehe ich einen Oberschenkel. Meine Augen folgen seinen muskulösen Linien, den in der Sonne schimmernden Härchen auf der braunen Haut. Der Mann spürt meinen Blick, dreht sich um, sieht meine vergrößerten Pupillen und lächelt. Ich lasse den Umhang von meinen Schultern gleiten. Er legt die Ruder auf die Bootsplanken und streckt mir die Arme entgegen. Boot und Meer schaukeln in einem gleichmäßigem Rhythmus. Wind über unseren Körpern. Wir sind Teil der Elemente, Sonne, Wasser und… Ist Liebe ein Element?
Wieder eingehüllt in den Ziegenumhang sehe ich Guancho (ich habe ihm einen Namen gegeben) zu, der jetzt ein Ziel ansteuert.
«Isla de Los Lobos.»
Er zeigt nach vorn.

Die Insel sieht aus wie eine Mondlandschaft. Schwarzbraune Berge, deren gezackte Hänge nur aus Steinen bestehen. Das Licht auf dem Geröll wirkt überklar wie unter Wasser. Davor goldgelbe Dünen, die in hellgrüne Wellen übergehen. Im Innern der Insel Palmen und ein paar weiße Würfel, deren Mauern vor dem tiefblauen Himmel vibrieren, als schwebten sie im milchigen Licht.
Guancho steuert das Boot an den Strand. Wir waten durch kniehohes Wasser in Richtung Oase. Ich ziehe den Umhang fester um mich, als wir das kühle Dunkel eines Hauses betreten, erkenne Holztische, Männer, die herumsitzen. Guancho schiebt mich in den hinteren Teil des Raumes und bedeutet mir, Platz zu nehmen. Er streift flüchtig mit der Hand meine Wange und verschwindet hinter einer Tür. Die Männer starren mich an.
Nach einer Weile kommt eine Frau mit einem Teller und einem Glas Wasser.
«Sopa de Marisco. Coma!»
Gierig löffle ich die dampfende Fischsuppe, schlürfe das Muschelfleisch, nage an den Krabbenbeinen. Meine letzte Mahlzeit war in einem andern Zeitalter.
Als ich das Glas Wasser hinunterkippe, setzt sie sich zu mir:
«El barco a Fuerteventura viene dentro de poco.»
Ich verstehe. Das Schiff nach Fuerteventura. Ich sehe mich um. Der niedrige Raum ist leer geworden. Guancho ist verschwunden und die Männer sind zur Arbeit gegangen. Die Frau nickt mir aufmunternd zu und geht hinter einem bunten Tuch ins Freie. Ich folge ihr. Blind von dem strahlenden Licht lehne ich mich an die Hauswand, schließe die Augen.
Als ich sie wieder öffne, ist kein Mensch mehr zu sehen. Ich laufe in Richtung Strand. Zu meiner Rechten und Linken die Wüste, vor mir das grüne Meer, das am Horizont mit dem Blau des Himmel verschmilzt. Durchsichtige Wellen umspielen meine nackten Füße.
Nein, nein, nein. Ich will nicht mit dem Schiff zurück in die Zivilisation! Das Meer hat mich geschluckt und wieder ausgespuckt, Wind und Liebe mich gewärmt und getrocknet. Meine Fußspuren verlieren sich im Sand.
«Puerto del Rosario!»
Eva lächelt mich an: «Wir sind da.» ♦
Christa Degen
Geb. 1951 in Karlsruhe, Studium der Germanistik und des Creative Writing; langjährige Tätigkeit als Lehrerin und im EDV-Vertrieb, Kurzprosa in Zeitungen und Anthologien, arbeitet heute als freie Autorin und Anleiterin literarischer Schreibwerkstätten in Tübingen, Berlin und Italien
Single – Weiblich – Anfang vierzig …
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Anke Behrend: «Fake Off!»
Stefan Bouxsein
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Alex ist weiblich, Single, Anfang vierzig – und sie träumt wie so viele von einem Leben zu zweit. Im Beruf etabliert und von der Familie erfolgreich abgekapselt, könnte sie sorgenfrei vor sich hin leben, wäre da nicht noch diese Lücke, die bei anderen Vorzeige-Paaren für gewöhnlich von einem adretten Mann ausgefüllt wird.
Alex sucht und chattet – und findet Roman. Sie ist fasziniert von seiner Art der virtuellen Kommunikation im Netz. Man unterhält sich, tauscht Gedanken aus, telefoniert schließlich miteinander und kommt sich näher. Dass Roman in etwas unkonventionellen Verhältnissen lebt und eine bewegte Vergangenheit hinter sich hat, macht ihn für die moderne Frau nur noch interessanter. Schließlich kann er sich ausdrücken, seine fein formulierten Sätze lassen zweifelsohne auf einen ausgeprägten Intellekt schließen. Doch je öfter Alex mit Roman chattet, desto offensichtlicher werden die kleinen menschlichen Schwächen ihres männlichen Gegenparts. Als es zu einem ersten Treffen kommt, ist das der Anfang einer Katastrophe…
Vornehmlich Frauen werden beim Lesen des Buches die Sehnsüchte, Hoffnungen, Erwartungen und anschließenden Ernüchterungen bei der Suche nach dem passenden Gegenstück in der virtuellen Welt mit Alex teilen. Aber auch Männer werden schmunzeln, lauthals lachen und mitunter auch mit Alex leiden, wenn diese den Glauben an die Männerwelt verliert und mit einem unmissverständlichen «Fake off!» die Möchtegern-Männer aus Ihrem Leben vertreibt.
Anke Behrend hat mit ihrem Erstlingswerk einen wunderbaren Roman vorgelegt. Fake off! hält der Online-Single-Gesellschaft einen schonungslosen, mitunter sprachlich knallhart, aber auch witzig formulierten Spiegel vors Gesicht, ohne dabei lehrmeisterlich zu wirken. Eine Lektüre, die einfach Spaß macht.
Anke Behrend: Fake Off! Roman, 192 Seiten, Röschen Verlag, ISBN 978-3980991551
Interview mit dem Komponisten Fabian Müller
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Neue Musik?
Der Zürcher Fabian Müller, studierter Konzert-Cellist, passionierter CH-Volksmusik-Forscher und früher vieljähriger Begleiter der Tessiner Sängerin «La Lupa», zählt mittlerweile zu den erfolgreichreichsten und vielseitigsten Schweizer Komponisten der jüngeren Generation. Da er sich, wie er sich selbst charakterisiert, «nie irgendwelchen Schulen oder Glaubens-Sätzen verpflichtet fühlt», und «intellektuell entworfene Konzepte, denen die Musik folgen soll», nicht sein Ausgangspunkt beim Komponieren sind, schlieβt sein bisheriges Oeuvre modernistische Elemente ebenso ein wie traditionelle. Seine Werke «schöpfen ganz aus der intuitiven Freiheit» (Müller).
Im Frühjahr 2001 nahm David Zinman zusammen mit dem Philharmonia Orchestra London eine CD mit Werken von Fabian Müller auf. Eine Produktion, die sich für das weitere Schaffen des jungen Zürcher Komponisten als sehr fruchtbar erweisen sollte.
Die Kunsthistorikerin, Autorin und Kulturjournalistin Margaret Jardas führte vor einiger Zeit mit Fabian Müller ein Gespräch, das wir hier (mit freundlicher Genehmigung des Komponisten) auszugsweise wiedergeben.
Margaret Jardas: Ihre Werke knüpfen irgendwie an die Klangwelt des Impressionismus an. Bei neuer Musik erwarte ich eigentlich ganz andere Klänge. Komponisten, die sich auf die eine oder andere Art von der Avantgarde abgewendet haben, schreiben mehr oder weniger tonale Musik. Ist das nicht ein Schritt zurück? Darf man da überhaupt von neuer Musik sprechen?
Fabian Müller: Was genau heiβt «neu»? Man muss sich heutzutage genau überlegen, was dieses Wort bedeutet, was denn überhaupt «neu» sein kann. Inhaltlich hat sich über die Jahrhunderte nicht viel geändert. Es geht immer noch um Liebe, Schmerz und Tod, um die Palette von Gefühlen und Erfahrungen, die in der Kunst allgemein und speziell eben auch in der Musik zum Ausdruck kommen. Deshalb ist die Frage nach Neuem vor allem die Frage nach neuen Ausdrucksmitteln. Das ist eine Frage des Stils, und im Hinblick auf den Stil gab es natürlich eine beachtliche Entwicklung in den vergangenen Jahrhunderten. Ich verstehe die Entwicklungen der Musikgeschichte als ständige Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten.
Was herkömmliche Instrumente unseres Orchesters betrifft, muss man sagen, dass diese Entwicklung inzwischen abgeschlossen ist. Auf der Geige gibt es keinen relevanten neuen Klang zu entdecken, der nicht bereits vor Jahrzehnten verwendet wurde. Ein Komponist, der heute meint, seine Musik sei neu, weil sein Stück für Geige solo auf den «normalen» Geigenklang verzichtet und aus lauter Spezialeffekten besteht, der ist entweder naiv oder macht sich etwas vor. Es gibt keinen Klang auf diesen Instrumenten, der nicht bereits in den 50er- und 60er-Jahren ausgelotet wurde. Wer also für diese Instrumente komponiert, schreibt hinsichtlich der «Materialfrage» nicht eigentlich «neue» Musik.
Man muss sich deshalb ernsthaft fragen, wessen Musik denn heute «neu» ist: Diejenige, welche die Erwartungshaltung der Avantgarde-Kreise erfüllt, oder jene, die diese – wie auch immer – durchbricht und etwas anderes versucht.
«Ich glaube, der Einsatz des Geräusches zur Herstellung wird zunehmen, bis wir zu einer Musik gelangen, die mit Hilfe elektronischer Instrumente produziert wird, die uns sämtliche Klänge, die das Gehör wahrnehmen kann, zur Verfügung stellen wird. - Bis ich sterbe, wird es Geräusche geben. Und diese werden meinen Tod überdauern. Man braucht keine Angst um die Zukunft der Musik zu haben.»
John Cage, Komponist von «433»
Dabei ist es sicher nicht interessant, Stile aus der Vergangenheit zu kopieren. Ich glaube viel mehr, dass die jüngere Generation sich einfach die Freiheit herausnimmt zu schreiben, was sie will, und eine meiner Meinung nach gesunde Rücksichtslosigkeit an den Tag legt gegenüber den Avantgarde-Kreisen, die genau zu wissen scheinen, wie es gegenwärtig klingen muss. Wenn man Leute aus diesen Kreisen etwas genauer ausfragt, was sie denn bei neuer Musik für Hörerwartungen haben, stellt sich heraus, dass es sich um stilistische und klangliche Elemente handelt, die keineswegs neu sind und vor 40 Jahren noch Provokation waren, heute aber längst der Vergangenheit angehören.
Ich gehöre auf keinen Fall zu denen, die die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte für einen Irrweg halten. Es gibt viele Komponisten und Komponistinnen dieser Zeit, die groβartige Musik geschrieben haben oder immer noch schreiben und die ich sehr schätze. Das 20. Jahrhundert hat der Kunstmusik eine ungeheure Befreiung gebracht. Diese Freiheit unverkrampft und undogmatisch zu nützen, und alles bisher musikalisch Entdeckte zu einer persönlichen Synthese zu bringen, das ist meiner Meinung nach die momentane Herausforderung für Komponierende.
MJ: Sie glauben also an eine Zukunft der Kunstmusik. Was kann denn Ihrer Meinung nach noch «neu» sein?
FM: Wer heute noch nach neuen Klängen sucht, muss diese ehrlicherweise in der Elektronik suchen oder nach neuen akustischen Instrumenten-Erfindungen Ausschau halten.
Als offizielles Geburtsdatum der elektronischen Musik gilt der 26. Mai 1953. Auf dem vom Nordwest-Deutschen Rundfunk organisierten Kölner «Neuen Musikfest» 1953 wurden vier erste Stücke von Robert Beyer und Herbert Eimert (Bild) vorgestellt. Werner Meyer-Eppler zur Definition: «Musik ist nicht schon dann ‘elektronisch’ zu nennen, wenn sie sich elektronischer Hilfsmittel bedient, da es hierzu keineswegs genügt, die bereits vorhandene Tonwelt oder gar eine bestehende Musik ins Elektro-Akustische zu übertragen.»
Im gleichen Jahr stellte Karlheinz Stockhausen seine «Studie I» fertig, die nur aus Sinustönen zusammengesetzt war und als das erste realisierte Stück auch den theoretischen Intentionen der elektronischen Musik entsprach.
Mit einem Orchester in klanglicher Hinsicht «neue» Musik zu schreiben ist kaum möglich. Aber vergessen wir nicht: Klangmaterialien und musikalische Formen sind die – man könnte sagen – «materielle» Seite der Musik. Durch alles was in den letzten 600 Jahren musikalisch entdeckt und entwickelt wurde, hat der heutige Musikschaffende eine noch nie dagewesene Palette von Möglichkeiten. Die Frage ist: Hat er auch die Freiheit sie zu benützen? Und da gehen die Meinungen sehr auseinander.
Viele Anhänger der avantgardistischen Ästhetik halten ausschlieβlich das Verwenden der letzten Entwicklungen oder zumindest derjenigen der Nachkriegsavantgarde für legitim und hoffen auf eine Weiterentwicklung. Das Verwenden von beispielsweise tonalen Bezügen gilt in gewissen Kreisen geradezu als Verrat. Dieses Denken sollte man meiner Meinung nach nun am Beginn eines neuen Jahrhunderts hinter sich lassen, weil es – bei aller plausiblen Begründung – ganz einfach unfrei und dogmatisch ist. Eine schlechte Voraussetzung, um zu wirklich «neuen» Resultaten zu kommen.
Es kann heute nicht mehr um «tonal» oder «atonal» gehen. Meiner Meinung nach ist es heute eine Befreiung und auch eine Chance, wenn man sich vom Denken, die Musikgeschichte als geradliniges Kontinuum zu betrachten löst, wo Epoche auf Epoche folgt, entweder als Weiterentwicklung des Vorhandenen oder als Reaktion darauf. Es ist ja eine unbesteitbare Realität, dass im heutigen Konzertangebot sämtliche Epochen in einer noch nie dagewesenen Weise gleichzeitig präsent sind, und dementsprechend auch in unserem Bewusstsein. Man sollte versuchen, die Musikgeschichte als ständige Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten zu sehen.
Wenn man die bis heute entwickelten musikalischen Mittel als Ganzes sieht und sich die Freiheit nimmt, sie auch als Ganzes zu verwenden, stehen wir eher an einem Beginn als an einem Ende. Die Schwierigkeit ist heute, in dieser immensen Palette von Möglichkeiten einen persönlichen Weg zu finden.
MJ: Haben Sie ihn gefunden?
FM: Auf irgendeinem Weg bin ich, weiβ aber nicht wohin er führt. Ich habe ein sehr nebelhaftes Gefühl davon, wie es in Zukunft weitergehen könnte. Wenn Sie mich aber fragen, warum ich heute so komponiere und nicht anders, dann ist meine einzige ehrliche Antwort darauf: weil ich nicht anders kann. Alle ästhetischen und philosophischen Begründungen folgen erst nachher. Es war mir immer ein Anliegen, das zu schreiben, was ich wirklich innerlich wahrnehme, ohne jegliche Konzessionen an heutige Hörerwartungen. Wenn ich das Bedürfnis habe, etwas aufzuschreiben und es stellt sich heraus, dass es zum Beispiel Anklänge an Mahler hat, dann hat das damit zu tun, dass ich Mahlers Musik eben sehr liebe und seit meiner Jugend so oft gehört habe, dass sie längst in mir verinnerlicht ist.

Natürlich könnte ich das Wahrgenommene nun so verfremden, dass es avantgardistisch daherkommt. Doch warum? Die Beweggründe dafür wären mir suspekt. Natürlich spreche ich hier nur von subtilen Anklängen, die sich von selbst einstellen und nicht von längeren Passagen oder gar Stilkopie. Mit Stilkopien kann ich gar nichts anfangen. Auβerdem ist für mich die Klangwelt des Symphonie-Orchesters noch immer das Gröβte – für Elektronik konnte ich mich nie so richtig begeistern, sie war mir immer etwas zu kalt – also werde ich wohl weiterhin für die herkömmlichen Instrumente schreiben. Natürlich träume ich davon – wie es wahrscheinlich jeder Komponist tut – Klänge, die bisherigen und neue dazu, eines Tages auf noch nie dagewesene Art zu verwenden… daran arbeite ich.
Gewisse Synthesen von verschiedenen Stilmitteln einiger heutiger Komponisten können durchaus als «neu» bezeichnet werden, weil Musik noch nie in dieser Form erklungen ist. Dieses «Neue» ist zur Zeit in Europa vor allem in den nordischen oder baltischen Staaten zu finden.
MJ: Am Anfang haben Sie unterschieden zwischen Inhalt und musikalischem Material – wir haben bis jetzt hauptsächlich über das musikalische Material gesprochen. Gibt es auch «Neues», was den Inhalt betrifft?
FM: Darüber möchte ich gerne etwas sagen, nämlich über das Bedürfnis eines Komponisten, überhaupt etwas zu schreiben, überhaupt diese undefinierbaren Dinge und Empfindungen, die ihn nicht loslassen, in Musik auszudrücken. Es gibt diese ewige Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, die Sehnsucht nach vollkommenem Glück, vollkommener Liebe, Ekstase, Schönheit.
«Die Musik der meisten Komponisten, die ich für groβ halte, erzählt von der Freude an diesen wunderbaren Dingen, für die es sich zu leben lohnt – und gleichzeitig schwingt darin eine Melancholie mit – die Trauer darüber, dass man diese Dinge eben nie ganz erreicht. Solche Musik kann uns ergreifen, erschüttern, verzaubern. Sie entspringt einem Niemandsland irgendwo zwischen der Sehnsucht selbst und dem, was man herbeisehnt. Das beste Beispiel im 20. Jahrhundert für das, was ich meine, ist die Musik von Olivier Messiaen. Seine Musik ist für mich zukunftsweisend.» (Fabian Müller)
Dem rein intellektuellen Umgang mit Klang in den letzten Jahrzehnten ist diese transzendente Dimension der Musik etwas abhanden gekommen. Es ist wohl die Aufgabe der jüngeren und nächsten Generationen, der Kunstmusik diese Dimension wieder zurückzugewinnen. Meiner Meinung nach hat nur eine Musik dauerhaften Wert, die den Menschen als Ganzes anzusprechen vermag. Weder losgelöster intellektueller Kitzel noch Gefühlsschwärmerei ohne Logik befriedigt auf die Dauer. Über die «wissenschaftliche» Analysierbarkeit eines Werkes freuen sich allenfalls die Musikwissenschafter und Kritiker und oft auch nur deswegen, weil ihnen ein anderer Zugang zur Musik verwehrt bleibt. Der Begriff «Musikwissenschaft» birgt in sich sowieso schon ein Paradoxon. Denn das, was Musik wirklich ausmacht, beginnt dort, wo der Wissenschaft die Türen verschlossen bleiben. Konnte jemals jemand erklären, warum einen beispielsweise das Thema des 2. Satzes im Doppelkonzert von Brahms aus den Socken hebt? Und dies auch beim x-ten Anhören? Natürlich lässt sich viel über die Spannungsverhältnisse der Intervalle im Verlauf dieser Melodie sagen und es wird irgendwie offensichtlich, warum es sich um eine «gute» Melodie handelt. Aber hat jemals jemand durch solche – wissenschaftlichen – Erkenntnisse die Fähigkeit erlangt, eine ähnlich gute Melodie zu schreiben?
Musik ist wie das Leben, sie lässt sich nicht erklären, und ein einzelnes Werk ist wie ein Mensch: Lange analytische Werkeinführungstexte sind wie anatomische Beschreibungen und wecken in mir den Verdacht, dass ich im Konzert eine klingende Leiche zu hören bekomme.

«Komponier-Gartenhäuschen» in Zürich, genius loci von F. Müller.
MJ: Wenn Sie vorhin von dieser Sehnsucht nach dem Unerreichbaren gesprochen haben, ist das nicht eigentlich der Zeitgeist der Romantik?
FM: Vieles was heute tonal klingt oder tonale Anklänge hat, wird als «Neoromantik» bezeichnet. Das geht manchmal auch meiner Musik so, und mir persönlich auf den Wecker… «Neoromantisch» ist ein so unscharfer Begriff – und wenn ich bedenke, dass oft schon ein paar Dreiklänge oder ein Melodiefetzen ausreichen, um Musik als neoromantisch zu betiteln, dann kommt mir das irgendwie lächerlich vor. Sicher, ich bin wohl ein «romantischer» Mensch, wenn «Romantik» eben diese Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, Transzendenten meint, aber warum dann «neo»? Ist denn Sehnsucht bloβ die Empfindung einer Stilepoche? Ganz sicher nicht! Vielmehr ist dieses Gefühl ja etwas von dem, was den Menschen überhaupt ausmacht. Und das, was den Menschen ausmacht – das ist ja doch ewiges Thema jedwelcher Kunst. Romantik als menschlichen Ausdruck hat es immer gegeben, und wird es immer geben, weil die Sehnsucht immer da ist. Der Zeitgeist bestimmt eigentlich nur, auf welche Weise sich dieses Sehnen ausdrückt… ■
Schach-Satire
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Das h6-Syndrom
Walter Eigenmann
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Wie lautet noch gleich eines der 10 Gebote, das wir unseren Schach-lernenden Zöglingen in Schulen und Vereinen stets mit größtmöglich erhobenem Zeigefinger auf den Turnier-Lebensweg mitgeben?
Richtig: «Du sollst nicht unnötig bewegen deiner Rochade Bauern!»
Immer und immer wieder predigen wir’s ihnen – doch was machen die Kids?! Sie gehen nach Hause, werfen ihre Computer mit den großen Datenbanken an, scrollen neu- und wissbe-gierig durch die Großmeister-Partien – und werden dabei mit einem Massen-Phänomen konfrontiert, das alle pädagogischen Bemühungen zunichte zu machen droht. Dieses Phänomen manifestiert sich beispielsweise in Stellungen wie der folgenden:
h6-Syndrom Nr.1
Griesmann-Nicot 1953

r2q1rk1/ppn3bp/2pp1np1/6B1/2PP2B1/2N4R/PP1Q1P2/2KR4 b – - 0 18
Wir haben es hier mit einem extrem verbreiteten, nicht kontrollier-, aber meist voraussehbaren, reflexartigen Fingerzucken zu tun, das jede und jeden, ob Anfänger oder Großmeister, ob dick oder dünn, ob Mensch oder Maschine, ob blöd oder genial befallen kann. Nämlich das unwillkürliche, sofort-ruckartige, kognitiv nicht mehr gesteuerte Aufziehen des schwarzen h7-Bauern um einen Schritt, sobald auf g5 ein weiβer Läufer aufgetaucht ist. (Wobei dieser Reflex natürlich nicht auf die Führer der schwarzen Steine beschränkt ist, sondern mit umgekehrten Vorzeichen genauso häufig die Weißen mit ihrem geliebten h2-h3 befällt…) Jedenfalls hat diese h7-h6-Zuckung enormes Suchtpotential – bei häufigem Befall führt es unweigerlich in den totalen Elo-Ruin.
Die Rede ist vom sogenannten h6-Syndrom.
Was gemeint ist, sieht man sogleich, wenn man in obiger Stellung (immerhin gespielt in Frankreichs Fernschach-Meisterschaft 1953) so beobachtet, was nun die Herren Meisterspieler – Vorbilder unseres Nachwuchses! – weiter treiben:
18…h6? 19.Lxh6 Sxg4 [19...Tf7 20.Lxg7 Txg7 21.Tg1+-] 20.Lxg7 Kxg7 [20...Txf2 21.Th8+-] 21.Tdh1 Se8 [21...Sf6 22.Dh6 Kf7 23.Se4 Se6 (23...Sxe4 24.Tf3 Ke6 25.Dxg6+-) 24.Tg1+-; 21...Se6 22.Th7 Kg8 (22...Kf6 23.Se4 Kf5 24.f3+-) 23.f3+-] 22.Th7+- und die Droge h7-h6 hat ein neues Opfer gefordert. – -
Das ganze Syndrom lässt sich psychologisch in zwei spezifische Krankheitsbilder unterteilen. Da wäre als das eine Motiv
1. Die Ablenkung
Vorstehendes Diagramm illustrierte deutlich den entspr. Krankheitsverlauf – hier ein weiteres Beispiel:
h6-Syndrom Nr.2
Miles-Fedorowicz 1981

r2qrbk1/1p3p1p/p1bp1np1/n1p3B1/4P3/1PN3PP/P1PQNPBK/3R1R2 b – - 0 16
Eben ist auf g5 der weiße Läufer erschienen, und sofort verfällt der Patient der wahnhaften Vorstellung, er müsse mittels h7-h6 den Eindringling ablenken, um so den Punkt f6 zu entlasten, wonach man sich vielleicht an einem gegnerischen Bauern schadlos halten könne. Ein folgenschwerer Irrtum, der fast zwangsläufig zum Kollaps des gesamten schwarzen Beziehungsnetzes führt – ein kleiner Schritt für den Bauern, aber ein großes Problem für den König:
16…h6? 17.Lxh6 Lxh6 [17...Lxe4 18.Lxf8 Lxg2 (18...Kxf8 19.Dh6 Kg8 (19...Ke7 20.De3 +-) 20.Sxe4+-; 19.Kxg2 Kxf8 (19...Txf8 20.Dxd6+-) 20.Dh6 Kg8 21.f4+-] 18.Dxh6 Sxe4 19.Sxe4 Lxe4 20.Sf4+-
Das andere, noch weit häufigere Sucht-Motiv, welches dem h6-Syndrom zugrunde liegt, ist
2. Die Vertreibung
Die Vertreibung hat ebenfalls eine krankhafte Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Grundlage, nämlich den begreiflichen Wunsch, dass sich der Gegner zurückziehen möge. Was dieser natürlich nicht tut – im Gegenteil: Der Syndrom-Bauer wird als gefundenes Fressen interpretiert, gewaltsam aus dem feindlichen Bauernkörper extrahiert – wodurch unweigerlich die gesamte Rochade-Bauernphalanx mit in den Abgrund gerissen wird.
Hierzu erneut ein paar instruktive Fall-Beispiele, um zu zeigen, welch tragisches Ende dieses zwanghafte Fingerzucken nehmen kann. Denn die Folgeschäden sind in den meisten Fällen irreparabel. Dabei bedürfen die medizinischen Indikationen der untenstehenden Patienten-Schicksale eigentlich keiner weiteren Kommentierung. Man beachte jeweils die Schnelligkeit, mit welcher das Opfer Zug um Zug der Agonie anheimfällt. Denn die Krankheit verläuft immer in den gleichen drei Stadien: 1.Bauernzug – 2.Läufer-Befall – 3.Exitus.
h6-Syndrom Nr.3
Kotkov-Razinkin 1960

2r2rk1/1bq1bppp/p4n2/np1P2B1/3p4/5N1P/PP3PP1/RB1QRNK1 b – - 0 17
17…h6? 18.Lxh6 Sxd5 [18...gxh6 19.Dd2 Tfd8 (19...d3 20.Dxh6 mit Angriff) 20.Dxh6 Txd5 21.Sg3 Lf8 (21...Sc4 22.Sf5 +-; 21...d3 22.Lxd3 Txd3 23.Sf5 Lf8 24.Dg5+-) 22.Dxf6 mit Angriff; 18...Lxd5 19.Lg5 Sc6 (19...Tfe8 20.Sxd4 mit Angriff; 19...Lxf3 20.Dxf3 mit Angriff) 20.Sxd4 mit Angriff] 19.Lxg7 Kxg7 [19...Tfe8 20.Dd3 Sf6 21.Df5+-; 19...Tfd8 20.Sxd4 +-; 19...Sf6 20.Sxd4+-; 19...Lb4 20.Le5+-] 20.Dxd4+-
h6-Syndrom Nr.04
Vasiukov-Vasilchuk 1961

2r1r1k1/1bq1bppp/p2p1n2/1p2pNB1/1n1PP3/3B1N1P/PP3PP1/R2QR1K1 b – - 0 18
18…h6? 19.Lxh6 Lf8 [19...Sxd3 20.Dxd3 gxh6 21.Sxh6 Kf8 (21...Kh7 22.Sxf7 Kg7 (22...Kg6 23.S3g5 mit Angriff) 23.S3g5 mit starkem Angriff) 22.Sf5 mit starkem Angriff; 19...gxh6 20.Dd2 Sxd3 (20...Lf8 21.Dxb4+-) 21.Dxh6 mit starkem Angriff] 20.Lg5 Sxd3 [20...Sh7 21.Tc1 Dd7 (21...Db8 22.Lb1+-) 22.Lb1 mit starkem Angriff] 21.Dxd3 mit starkem Angriff.
h6-Syndrom Nr.5
Levy-Bonner 1967

r3r1k1/p3bppp/2q1pn2/1pn3B1/7Q/2P3N1/PPB2PPP/3R1RK1 b – - 0 18
18…h6? 19.Lxh6 Sd5 [19...gxh6 20.Dxh6 Sfe4 21.Sxe4 Sxe4 22.Td4 +-] 20.Dg4 +-
h6-Syndrom Nr.6
Diemer-Markus 1974

r2q1rk1/pp1n1ppp/2pbpn2/6B1/3P3Q/2NB3P/PPP3P1/R4RK1 b – - 0 12
12…h6? 13.Lxh6 gxh6 (Var): 14.Se4 Le7 15.Dxh6 Sxe4 16.Lxe4 f5 17.Dxe6 Kg7 18.Lxf5 (mit starkem Angriff)
Auch du, Maschine?
Soweit zum h6-Syndrom im Zusammenhang mit menschlichen Opfern, wobei sich hinter diesen wenigen Beispielen natürlich eine riesige Dunkelziffer verbirgt. Der geneigte Leser sei auf die groβen aktuellen Datenbanken verwiesen, in denen abertausende solcher h6-Opfer ihr elendes Dasein fristen.
Maschinen wenigstens, so hört man zuweilen hoffen, seien doch aber gegen den h6-Virus immun, da sie mit ihrem eher emotionslosen Naturell für eine kognitive Bewältigung lebensbedrohlicher Situationen besser gerüstet seien als Menschen?
Weit gefehlt! Auch Silikanten reagieren wie Humanoide auf Extremstress (beispielsweise Gegner-Läufer) mit dem totalen Verlust jeglicher Rationalität. Als Beweis in realiter lege man experimentell die obigen Fall-Studien einer kleinen Runde von Software zur «Begutachtung» vor – quasi als Rorschach-Test. Man wird verblüfft sein, wie schnell auch bei Programmen der fatale h6-Reflex spielt: Ein gegnerischer Läufer hat die Mittellinie überschritten; die Pawlov’sche Lampe im Programmierer leuchtet auf; der h-Bauer fährt blitzschnell nach vorne – und der Teufelskreis ist perfekt!
Zwei abschließende, instruktive Illustrationen des h6-Syndroms bei Schachprogrammen beleuchte nochmals die ganze Tragweite dieser Volkskrankheit:
h6-Syndrom Nr.7
Amateur 2.82 – Abrok 5 (Internet 2005)

r2r2k1/p4pbp/n1pp1np1/4p1B1/Pq2P3/1P3B1P/2PQ1PP1/1N1R1RK1 b – - 0 17
17…h6? 18.Lxh6 Lxh6 19.Dxh6 Sxe4 [ 19...Sc5 20.Tfe1 mit Angriff] (Var.): 20.Tfe1 Sac5 21.Lxe4 Sxe4 22.Dh4 mit Angriff
h6-Syndrom Nr.8
ProDeo 1 – ElChinito 3.4c (Internet 2005)

r2q1rk1/1p1bbppp/p1n1pn2/6B1/P1BP3Q/2N2N2/1P3PPP/R2R2K1 b – - 0 14
14…h6? 15.Lxh6 gxh6 [ 15...Sa5 16.Ld3+-] 16.Dxh6 Dc7 [ 16...Te8 17.d5+-; 16...Sb4 17.Sg5+-; 16...Da5 17.Se5+-; 16...Sg4 17.Df4 f5 18.h3+-; 16...Sd5 17.Td3 Lf6 18.Sg5 Lxg5 19.Tg3+-] 17.Ld3 Sb4 [ 17...Tac8 18.Te1+-; 17...Tad8 18.d5 Se5 19.Dg5+ Sg6 20.Lxg6 fxg6 21.Dxg6++-] 18.Se5+-
Wie man sieht, bedarf es noch Jahre des geduldigen Suchens und Forschens, bis man die Programmierer endgültig heilen kann. Für normale Menschen hingegen, befürchte ich, kommt alle Hilfe zu spät.
Denn ein medizinhistorischer Rückblick auf 500 Jahre Schachgeschichte belehrt jeden Optimisten eines besseren: Gegen solch zwanghafte Verführungen wie h7-h6 (oder h2-h3) erwies sich der Mensch seit je her als nicht-resistent. «Kein Gegner-Läufer auf g5/g4!» scheint Ausdruck eines Ur-Instinktes zu sein, ja scheint auf atavistische, der Spezies gleichsam genetisch verwurzelte Schichten des Daseins zu verweisen.
Kurzum: das h6-Syndrom ist weder ein schachliches noch ein medizinisches, es ist ein metaphysisches, ja existentielles Problem. Dieses können wir nicht lösen. Aber wir können lernen, mit ihm zu leben. Wir müssen es nur wollen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
Prof. Dr.Dr.schach.med.hist W. Eigenmann
Janko Ferk über die Genesis eines Genies
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Wie man Franz Kafka wird
Janko Ferk
Am 18. Juni 1906 wurde der Dichter in Prag (Bild: Kafka-Statue von Jaroslav Róna in Prag) zum Dr. jur. promoviert. Für die deutschsprachige Literatur undenkbar, dass er statt Rechtswissenschaften Chemie studiert und statt der «Verwandlung» «Die Umwandlung» geschrieben hätte.
Als unabdingbarer oder vielmehr unvermeidlicher Bestandteil der Rettung des Abendlands war und ist, abgesehen von sog. Berechtigungs-Prüfungen, die Matura als Initiationsritus für die Aufnahme unter die – bereits vom Leben geprüften – Erwachsenen vorgesehen. Waren um die Wende zum vorigen Jahrhundert leicht übertriebene Geschenke wie Cabrios und dergleichen noch nicht vorgesehen, so blieb man doch gewissermaßen im Bereich der Mobilität.
Franz Kafka, beispielsweise, wurde für die am 11. Juli 1901 bestandene Matura von den Eltern mit einer ausgedehnten Reise beschenkt. Der knapp Achtzehnjährige (2.Bild) war der jüngste von vierundzwanzig Maturanten seines Jahrgangs. Die schriftliche Reifeprüfung legt er in den Hauptfächern alte Sprachen, Deutsch und Mathematik ab, die mündliche konzentrierte sich auf Übersetzungen aus dem Lateinischen und Griechischen. Franz K. wäre nicht Franz K., wenn er die Prüfungen nicht wie einen drohenden Gerichtstag erwartet hätte, an dem sich sein Schicksal entscheiden sollte, wie er sich später in seinen Schriften erinnerte.
Zuvor musste er aber noch einen zeittypisch chauvinistischen Matura-Aufsatz mit der Überschrift »Welche Vorteile erwachsen Österreich aus seiner Weltlage und aus seinen Bodenverhältnissen?» verfassen. Franz Joseph I., der in Prag am 12. Juni 1901 als Kaiser buchstäblich einritt, hätte bei der Lektüre wohl seine Freude gehabt. Das Maturazeugnis zeigt einen leicht überdurchschnittlichen Schüler, der in keiner Disziplin nennenswerte Stärken oder Schwächen aufweist. Sechs «lobenswerte» und sechs «befriedigende» Leistungen sagen in ihrer numerischen Sprödigkeit zwar nicht allzu viel aus, attestieren aber einen nicht besonders schlechten Abiturienten.
Die geschenkte Reise führt Franz Kafka erstmals über die Grenzen des Königreichs Böhmen. Zum Begleiter wird Onkel Siegfried Löwy, der Landarzt (!) aus Triesch in Mähren. Onkel und Neffe reisen im August 1901 nach Norderney und Helgoland. Später fährt Kafka lieber nach Venedig, an die Adria, in die Toskana, nach Südtirol oder Berlin und sonst wohin.
Kafka muss den für Maturanten vorgesehenen Militärdienst als Einjährigfreiwilliger nicht antreten, weil ihm ein ärztliches Zeugnis eine «Schwäche» bescheinigt, die ihn zum Dienen unfähig macht. Dem Studienbeginn stehen also weder Drill noch Drillich, soll heißen Uniform, entgegen.
Bei der Auswahl des Studiums scheint der achtzehnjährige Franz Kafka eher unschlüssig gewesen zu sein. In ein Verzeichnis in seinem Gymnasium hat er kurz vor der Matura Philosophie als Studienwunsch eingetragen. Ein Meinungswechsel dürfte beim Nachdenken im Juli 1901 eingetreten sein. Der Staatsdienst war für Juden mit wenigen Ausnahmen unzugänglich und kamen für Akademiker nur freie Berufe in Frage. Der k. u. k. Sonderfall waren Fächer, die für eine Tätigkeit in der Privatindustrie qualifizierten. Der spätere Jurist und Dichter zog offensichtlich einen Posten in der Wirtschaft ins Kalkül. Chemie war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nichts weniger als eine besonders ungewöhnliche Studienwahl. Der Leiter des Chemischen Instituts, Guido Goldschmidt, war getaufter Jude und ein exemplarisches Beispiel für die Zwänge, denen jüdische Hochschulkarrieren unterworfen waren. Viel mehr als Privatdozent oder höchstens Extraordinarius war nicht zu schaffen.
Im Oktober 1901 schreibt sich Franz Kafka gemeinsam mit seinen Freunden Oskar Pollak und Hugo Bergmann für das Chemiestudium an der k. k. Deutschen Karls Ferdinands-Universität in Prag, wie sie mit vollem Titel heißt, ein, und studiert diese Wissenschaft ganze zwei Wochen, um dann zu den Juristen zu wechseln.
Die Universität (Bild), die im Jahr 1348 gegründet wurde, teilte sich im Jahr 1882 in eine deutsche und eine tschechische. Die Lehrveranstaltungen wurden im «Carolinum» abgehalten. Die Prager Juden entschieden sich in der Mehrheit für die deutsche Universität, so auch Franz Kafka, wobei nicht die Muttersprache entscheidend war, sondern das – der deutschsprachigen Hochschule zugeschriebene – Bildungspotential. Die Karls-Universität betonte in nationaler Hinsicht das Deutsche, die Studenten trugen bei öffentlichen Auftritten schwarz-rot-goldene Schulterbänder mit der eingenähten Jahreszahl «1848».
Der Einfluss des Deutschsprachigen verlor in diesem Zeitraum zusehends an Bedeutung. Leo Hermann, der Obmann des zionistischen Vereins «Bar-Kochba« schreibt schon im Jahr 1909 an Martin Buber: «Nur die Juden glauben noch, das Deutschtum verteidigen zu müssen.» Der Briefschreiber hat nicht wissen können, dass in seiner Nähe einer der größten deutschsprachigen Dichter heranreift. Man stelle sich vor, Franz Kafka wäre bei der Chemie geblieben, seine Meisterstücke hießen dann nicht «Der Prozess», «Die Verwandlung» oder «Das Urteil», sondern vielleicht «Die Formel», «Die Umwandlung» und «Der Stoff»…
Die Universität, an der Kafka (aus)gebildet wurde, konnte rund um seine Zeit mit einigen wahren Kalibern aufwarten. Die Physiker Ernst Mach und Albert Einstein lehrten, der Philosoph Franz von Brentano, der Völkerrechtler Heinrich Rauchberg, der Rechtsgeschichtler Heinrich Singer und der Verwaltungsrechtler Josef Ulbrich stehen für die Qualität des damaligen «Juridicums». Natürlich könnte man weitere klingende Namen aufzählen. Sie lauten Christian von Ehrenfels, Anton Marty und Alfred Weber, wobei letzterer Kafkas Promotor bei der Promotionsfeier war.
Innerhalb der Universität bildeten die Juristen die zahlenmäßig stärkste Fakultät. Mehr als die Hälfte der jüdischen Studenten inskribierte Rechtswissenschaften, weil sie nach dem Abschluss freiberuflich als Rechtsanwälte und Notare tätig werden konnten. Auch Franz Kafka tauchte bei ihnen unter, um ungestört in seine Gedankenwelten reisen zu können, seine literarischen Anfänge fallen aber bereits in das Jahr 1896, als er zum ersten Mal den Wunsch preisgibt, Schriftsteller werden zu wollen.
Im Frühjahr 1902 belegt er noch Vorlesungen aus Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Die Unentschlossenheit dürfte damals noch nicht zur Gänze ausgeräumt gewesen sein. Zu Beginn des Wintersemesters 1902/03 überlegt er kurz, nach München zu wechseln. Prag lasse ihn, wie er Ende Dezember 1902 seinem Freund
Oskar Pollak (Bild) schreibt, aber nicht los. Im Herbst 1903 denkt Kafka vermutlich noch einmal über einen Wechsel zur Germanistik nach. Wahrscheinlich hindert ihn letztlich der Widerstand des Vaters.
Das Jusstudium war für Franz Kafka nicht das reizvollste, obwohl er es letztlich nach nur sieben Semestern absolviert. Im nachhinein schreibt er im Jahr 1919 über es: «Ich studierte also Jus. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von tausend Mäulern vorgekaut war.»
Kafka wohnt während der Studienzeit zuhause und ist im Vergleich zu seinen Schwestern (Bild: Valli, Elli, Ottla, von Nazi-Deutschland in Lodz und Auschwitz ermordet) privilegiert. Er hat ein eigenes Zimmer, kann Freunde empfangen und muss seinem Vater nicht Gesellschaft leisten oder sein Partner beim Kartenspiel sein.
Im 18. Juli 1903 besteht Franz Kafka nach «drei verträumten Semestern», wie der Literatur-Wissenschaftler Peter-André Alt konstatiert, die erste Staatsprüfung aus den rechtshistorischen Fächern mit «gutem Erfolg». Am 7. November 1905 macht er das sogenannte Rigorosum II aus Zivil-, Handels- und Wechselrecht, Zivilprozess und Strafrecht, also den judiziellen Teil des Studiums, und besteht es mit «genügendem» Erfolg. Das Rigorosum III aus Allgemeinem und Österreichischem Staatsrecht, Völkerrecht und politischer Ökonomie legte er am 13. März 1906 ebenso mit der Note «Genügend» ab.
Das abschließende Rigorosum I aus Römischem, Kanonischem und Deutschem Recht fand am 13. Juni 1906 statt. Auch bei diesem erreicht er nicht mehr als seine offensichtlich abonnierte Beurteilung. Am 18. Juni 1906 wird Franz Kafka zum Doktor der Rechte promoviert.
Nicht unerwähnt sei, dass der Student Franz Kafka (Bild: Kafkas erster Studien-Schreibtisch) unter Prüfungsängsten litt. Ende Juli 1905 fuhr er aus diesem Grund in das nordmährische Zuckmantel, wo er sich vier Wochen lang in einem Sanatorium behandeln ließ, das aus damaliger Sicht modernst eingerichtet war. Er macht dort wegen der umfassenden Studienverpflichtungen eine sogenannte Hydrokur mit elektrisch erhitzten Bädern gegen nervöse Spannungszustände. Aus heutiger Sicht eine doch eher sonderbar anmutende Heilbehandlung.
Für den Studenten Franz Kafka wurde der Strafrechtler Hans Groß zu einem seiner wichtigsten Lehrer. Groß hat für seine Zeit einen recht progressiven Grundsatz entwickelt: «Nicht das Verbrechen, sondern der Verbrecher ist der Gegenstand der Strafe, und deswegen ist nicht das Gesetz allein, sondern das Leben der Gegenstand der Lehre.» Kafka hört ihn im fünften, sechsten und siebenten Semester in den Gebieten Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie.
Groß war jahrelang Untersuchungsrichter und ist der Begründer der modernen Kriminologie als Wissenschaft. Sein «Handbuch für Untersuchungsrichter», das im Jahr 1893 erstmals erschien, wurde in zahlreiche Weltsprachen übersetzt und erreichte mehrere Auflagen. Als Hans Groß im Jahr 1915 starb, war das «Handbuch» bereits in fünfundfünfzig Sprachen übersetzt.
Hans Groß (Bild) hat im Sommersemester 1904 eine vierstündige Rechtsphilosophie-Vorlesung angeboten, die Kafka mit größter Aufmerksamkeit verfolgte. Im nächsten Semester besuchte er freiwillig noch eine Philosophievorlesung bei Emil Arleth, einem Schüler Franz von Brentanos. Aus dieser Zeit rührt wohl Kafkas rechtsphilosophisches Interesse. Kafkas Verhältnis zur Philosophie war geprägt von seinem Interesse für Aspekte der Wahrnehmung, Urteilsbildung und Sprachkonstruktion, aber auch getragen von Misstrauen gegenüber den abstrakten Ordnungssystemen einer deduktiven Methodik. Philosophische Gedanken entstehen, wenn Menschen über alternative Realitätsversionen nachdenken. In diesem Sinn ist der Dichter Franz Kafka zweifellos ein philosophierender. (Bild: Kafka-Zeichnungen)
Unstrittig hat Hans Groß Kafka bei der Beschreibung des Amts des (Untersuchungs-)Richters angeregt. Der Kafkologe Josef Maria Häußling meint sogar, dass der Untersuchungsrichter im «Prozeß» der «Verfahrensdreh- und –angelpunkt» ist. Im Roman legt er – vom leidenschaftlichen Juristen Groß geschult – besonderes Augenmerk auf die Begriffe Recht und Gerechtigkeit beziehungsweise Gericht und Gerichtsbarkeit, personifiziert in der Gestalt des Richters.
Der Abschluss des Prüfungsverfahrens am 13. Juni 1906 ist, um es im Jargon der beruflichen Profession Kafkas zu sagen, de iure zugleich die Promotion zum Doktor der Rechte. Nach der akademischen Feier am 18. Juni 1906 veröffentlicht der Jurist eine Annonce, um seinen Status öffentlich zu machen: «Franz Kafka beehrt sich anzuzeigen, daß er am Montag, den 18. Juni d. J. an der k. k. Deutschen Karl Ferdinands-Universität in Prag zum Doktor der Rechte promoviert wurde.»
Danach stellt er unter Beweis, dass man mit einem Doktor iuris alles in der Welt werden kann: zunächst Rechtsanwaltsanwärter, dann Versicherungsjurist und schließlich Franz Kafka. ♦
Dr. Janko Ferk
Geb. 1958 in St. Kanzian/A, Studium der Jurisprudenz in Wien, zahlreiche Prosa-, Lyrik- und essayistische Publikationen, Träger verschiedener Kultur-Preise, lebt als Richter, Philosoph und Schriftsteller in Klagenfurt
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Lyrik von Petra Ganglbauer
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Petra Ganglbauer
Kreta-Gedicht
Der Hund verbellt die Wellen,
Vornüber,
Den eigenen Schatten
Zu verlieren:
So spricht das Meer.
Nicht alles was spricht, wacht.
(Im Wort der Brandung schlafe ich und schweige)
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Petra Ganglbauer
Geb. 1958 in Graz, Lyrik, Prosa, Theorie, Hörstücke, Projektkonzeptionen; lebt als freiberufliche Autorin und Radiokünstlerin in Wien
Das Leben der Cosima Wagner
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Oliver Hilmes: «Herrin des Hügels»
Richard Wagner – keine andere Gestalt der deutschen Kulturgeschichte ruft bis heute so leidenschaftliche wie widersprüchliche Reaktionen hervor. An der posthumen Politisierung seines Werks, die von den National-Sozialisten dankbar aufgegriffen wurde, hatte seine Witwe Cosima maßgeblichen Anteil. Cosima Wagner war in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Die uneheliche Tocher Franz Liszts und Marie d’Agoults heiratete 1857 im Alter von 19 Jahren den Dirigenten Hans von Bülow, von dem sie nach einer turbulenten Ehe 1870 geschieden wurde. Zu dieser Zeit lebte sie bereits mit Richard Wagner zusammen, den sie wenig später heiratete. Nach seinem Tod führte sie als Herrin des Hügels die Bayreuther Festspiele erfolgreich weiter. Oliver Hilmes zeichnet ein umfassendes, auch psychologisch überzeugendes Charakterbild der Cosima Wagner, die es als «Gralshüterin» des Wagner-Kults durch organisatorisches Geschick und ideologische Hartnäckigkeit verstand, das Wagner-Bild nachhaltig zu prägen. (Verlagsinfo)
Oliver Hilmes: Herrin des Hügels, Das Leben der Cosima Wagner, Siedler Verlag, 478 Seiten, ISBN 978-3886808366
Satire von Joschi Anzinger
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Die Königin von Zasta
Eine Elegie
Joschi Anzinger
Es ist in dieser Geschichte von einem wunderschönen Land namens Autrischia die Rede, welches, am Rande des großen Sumpfes Konkursien gelegen, vom allmächtigen Geldfluss Euroinoco durchflossen wird. Dieser Fluss entzieht dem Kontinent Teuropa viele viele kleine Geldquellen und fließt schließlich nach wuchernden Zinsenkraftwerken und Börsenstromschnellen zu den Anlegerklippen. Zuletzt mündet der Eurinoco hinter den Aktienbergen und den Abkeschteichen in den Kapitalistischen Ozean.
In Autrischia leben viele fleißige Bürger und Handwerker, Bauern und Geschäftsleute, und alle kommen sie miteinander ganz gut zurecht. Nun trug es sich zu, dass durch geschickte Täuschung der Einwohner über Nacht das Land jäh von der hartherzigen Königin von Zasta eingenommen wurde. Sie ist gnadenlos berechnend in ihrem Handeln, sie ist äußerst korrupt, käuflich und bestechlich, und es eilt ihr der Ruf voraus, überall wo sie herrsche, rolle der Jubel.
Sie kam in ihrem goldenen Schiff über den Eurinoco nach Autrischia, um bis in die entlegensten Winkel des Landes zu walten. Kein Geschäft floriert nun mehr ohne ihr, kein Mensch tut einen Handgriff ohne Aussicht auf ihre Gunst, und jeder Mensch, der einmal ihre Nähe gespürt hat, will nicht nur für immer in ihrer Umgebung bleiben, sondern er möchte immer mehr von ihrer Zuneigung haben.
Die Königin von Zasta befehligt aber nicht alleine, sondern ihrem Tross folgen jede Menge Ritterfräuleins im Nadelstreif, und ein ganzes Heer von Spesenrittern reiten auf ihren Amtschimmeln einher, und unzählige Gaukler, Quacksalber und Zauberer, welche alle von Ihrer Majestät versorgt sein wollten, bilden ihr Gefolge. Gezüchtet werden die Amtsschimmel im Flippizanergestüt Schöntrum, wo sie auch zu Amtsschimmeln zugeritten und ausgebildet werden.
Jeder Bürger begehrt die Königin von Zasta und wünscht sich, auf Gedeih und Verderben, sie zur Gänze für sich zu beanspruchen. Besonders ergeben sind ihr die Zauberin Krampfadria und die hartherzige Prinzessin Hammaned. Eine Getreue ist auch Lady Von Nuttingham, die Gauklerin Promilla und die manchmal etwas indisponierte Frau von Huscher. Schier Tag und Nacht gepriesen wird die unwiderstehliche Königin von Zasta von der Spesenritterin Fräulein Po-Vor und der nach außen ehrwürdigen, aber zu den Untertanen geizigen Baronin von Trug und Lug.
Eines Tages befiehlt die Königin von Zasta ihrem Gefolge, die zwei großen Speicherseen Schillingsweiher und Groschenlora anzuzapfen und auszupumpen, um damit den Geldfluss Eurinoco zu speisen, damit der Kontinent Teuropa nicht austrockne.
Und siehe da, die Bewohner von Autrischia taten was ihnen befohlen, da sie befürchteten, die Königin von Zasta könnte es sich wieder anders überlegen und ihre unerschöpflichen Quellen erneut versiegen lassen. Sie schenkten ihre Speicherseen Schillingsweiher und Groschenlora der Königin von Zasta und bekamen ihr Wasser fortan aus dem Geldfluss Eurinoco.
Doch sein Wasser schmeckte vielen Menschen nicht wirklich und sie fanden plötzlich mit der ihnen zugewiesenen Ration nicht mehr das Auslangen. Dafür sicherten sich die zahlreichen Spesenritter die schönsten Uferzonen des Eurinoco und verbauten diese mit ihren monströsen Ministerienburgen. Da sind allen voran Spesenritter Von der Ädsch Bädsch mit seinem mächtigen Firlefanzministerium, nebst Spesenritter Von Klamm und Heimlich in seiner Burg, dem Veräußerungsministerium. Bei diesen beiden Spesenrittern laufen alle Fäden zusammen, und sie sind der Königin von Zasta in Treue ergeben. Unweit davon befindet sich die Burg Flausenstein des Spesenritters Van den Andern, zuständig für kulturelle Belange. Das Spesenritterfräulein Van Soll und Haben regiert von der Flaxenburg aus das Ungesundheitsministerium, und die Spesenritterin Van Palawa dirigiert das Einbildungsministerium. Die Spesenritterin Van der Bausch und Bogen herrscht in der Burg Justizewitz über alles was Recht ist, und in der Veteranenburg, von schwarzen Krähen beschützt und verteidigt, streichelt Spesenritter Van der Vorn und Hinten, Tag und Nacht seinen Zapfen.
Alle Bewohner sind von der Schönheit und Grazie der Königin von Zasta angetan, und es gilt als Zeichen von Macht, Stärke und Intelligenz, zu ihren Auserwählten zu gehören. Aber besonders dreist treiben es ihre Spesenritter. Wöchentlich treffen sie sich in der Burg Wahnsiedel im Penedrant zu ihren theatralischen Sitzungen und Zusammenkünften, um nebenbei ihre Taschen im burgeigenen Selbstbedienungsladen nach Herzenslust zu füllen.
In der Burg Wahnsiedel ist das Wort Sparen im Penedrant verpönt, und die Spesenritter reden mit gespaltener Zunge und schufen sich eine Eurokratie, in der es für Privilegierte eine Schande ist, mit den vorhandenen Reserven des Eurinoco sorgsam umzugehen. Jeder Spesenritter lebt auf großem Fuß und Sparen wird nur von den minder privilegierten Untertanen gefordert.
Viele Privilegierte, Angehörige des so genannten Geldadels, wurden auf Grund ihrer Abstammung in den Dunstkreis der Königin von Zasta hineingeboren. Für sie ist es nicht weiter schwierig, an den Rocksaum Ihrer Majestät, an das Goldene Kesch, heran zu kommen, welcher ewige Jugend, Klugheit und Schönheit verleiht, denn es hat sich über die Jahrhunderte der unsinnige Aberglaube zum Mythos gefestigt, dass Kesch zugleich fesch macht. Aber die meisten Untertanen müssen ohne üppige Gönnerschaft Ihrer Majestät ihr Leben meistern. Ihnen bleibt nur das Wissen, dass es die Königin von Zasta irgendwo gibt und dass sie zwar wunderschön sei, und jedem dem sie ihr Wohlwollen schenkt, ist er auch noch so einfältig und hässlich, Macht und Geltung, Ansehen und Ehre verleiht.
Doch sie ist auch gefährlich und berechnend, denn sie macht das Herz der Menschen steinhart, und wer mit ihr einmal ins Bett durfte, der ist zu jeder Tat bereit, selbst wenn es gilt, für Ihre Majestät über Leichen zu gehen. Sie ist mächtig und begehrt, weil sie Türen öffnet, die sonst niemand zu öffnen vermag, und sie macht aus Bettlern Regenten, welche in ihrem Namen herrschen.
Die Königin von Zasta macht aus Narren Führer und aus Herrschern Narren. Sie macht aus Damen Huren und sie macht aus Vätern Mörder, sie macht aus Menschen Tiere und aus Sehenden Blinde. Sie macht die Reichen im Grunde arm und sie macht die Guten schlecht, sie macht die Hässlichen schön und sie lässt die Unwissenden klug erscheinen. Sie macht die Ehrlichen falsch, die Aufrechten beugt sie, die Schwachen kauft sie und die Habgierigen verhungern neben ihrer gefüllten Schüssel.
Lang ist ihr Register und ungebrochen ist ihre Macht. Die Königin von Zasta beherrscht unsere Welt bis ans Ende aller Zeit. ♦
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Joschi Anzinger
Geb. 1958 in Altlichtenberg/A, zahlreiche Publikationen von Dialekt-Lyrik und Kurzprosa in Anthologien, verschiedene Beiträge in Rundfunk und Fernsehen, Mitglied der Grazer AutorInnen Versammlung und der Österreichischen Dialekt-AutorInnen, lebt in Linz/A
Fotos-Zeichnungen-Lyrik-Prosa
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Neue Anthologie-Reihe
Der Balthasar-Verlag will eine neue Anthologie-Reihe aufbauen. Die Bücher im Format DINA5 sollen zwischen 150 und 250 Seiten haben und als Paperback in den Handel kommen.
Jeder Autor kann an beliebig vielen Anthologien teilnehmen, es können für jede Anthologie mehrere Arbeiten eingesandt werden. Es besteht seitens der Autoren keine Abnahmeverpflichtung von Exemplaren, die Autoren müssen für eine Veröffentlichung nichts zahlen, sie erhalten allerdings auch kein Honorar für die Veröffentlichung. Dafür erhalten Autoren in den ersten zwei Jahren Vertragslaufzeit interessante Autorenrabatte. Eingesandt werden können neben Prosa- und Lyriktexten auch Zeichnungen und Fotos. Die genauen Details des Projektes finden sich hier.
Praktische Schach-Endspielkunde
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«Richtig und falsch»
«Das Endspiel in der Schachpartie: vieler Schachfreunde Leid und nur manches Schachfreundes Lust! Dies haben wir beim Durchprüfen zahlreicher Turnierpartien immer wieder feststellen müssen. So glaubten wir, den Versuch unternehmen zu wollen, jenen «Leidgeprüften» etwas unter die Arme zu greifen. Wir wollten nicht ein systematisches Endspiel-Lehrbuch schreiben, was viele Bände im Umfang des vorliegenden gefüllt hätte, sondern wir haben aus der Turniergeschichte eine Anzahl von Beispielen zusammengestellt, von denen wir hoffen, dass sie eine gute Medizin gegen den berüchtigten Endspiel-Fehlerteufel darstellen.» (Aus dem Vorwort der Verfasser)
H.Staudte/K.Richter: Richtig und falsch, Praktische Endspielkunde, Joachim Beyer Verlag, 96 Seiten, ISBN 978-3-88805-494-5
Betroffenheitsbericht eines Komponisten
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Das E und das U in der Musik
oder
«…wie eine fragwürdige Unterteilung, entstanden im deutschen Biedermeier, nicht nur für Verwirrung in den Köpfen heutiger Musikliebhaber sorgt, sondern auch kreative Musiker diskriminiert und einer Vielzahl von Komponisten die materielle Lebensgrundlage entzieht.»
Betroffenheitsbericht eines Komponisten
Frieder W. Bergner
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Schon als ich vor etwa 30 Jahren begann, meinen Lebensunterhalt nur mit dem Spielen und Erdenken von Musik zu verdienen, erfuhr ich (Bild), dass die zeitgenössische Musik in zwei Kategorien eingeteilt wird: In «Ernste Musik» und in «Unterhaltungs-Musik». Ich komponierte damals noch eher wenig, weil ich den Hauptanteil meines Einkommens als Studio-Musiker in einem Rundfunk-Orchester sowie als Instrumental-Solist (Posaune) im Jazz und in der Improvisierten Musik verdiente. Eines war für mich jedoch völlig klar: Wenn in einem Konzert Musik aufgeführt wurde, die ich komponiert hatte, dann wollte ich, dass das Publikum während der Aufführung meiner Werke der Musik zuhörte. Ich wollte nicht, dass die Leute in diesen Konzerten während der Musik miteinander redeten, also sich unterhielten.
Ich verstand mich deshalb auch nicht als Komponist von Unterhaltungsmusik, denn die Leute sollten ja meiner Musik erst mal zuhören, und sich erst nach dem Konzert darüber unterhalten. Natürlich wollte ich den Anspruch an mein Publikum auch nicht so weit treiben, zu verlangen, dass alle mit ernster Miene meiner Musik lauschten, das erschien mir dann doch übertrieben. Über einen witzigen Einfall des Komponisten sollte schon geschmunzelt oder gelacht werden dürfen, schließlich hatte er dies ja beim Komponieren beabsichtigt.
«Es gibt keine leichte oder ernste Musik,
es gibt nur gute oder schlechte Musik»
Leonard Bernstein
Deshalb verstand ich mich auch nicht als Komponist von Ernster Musik. Überhaupt konnte ich mir nicht recht vorstellen, dass es Komponisten geben kann, die allen Ernstes jegliche humoristische Attitüde in ihren Werken vermeiden wollen und sich deshalb freiwillig als Komponisten sog. Ernster Musik bezeichnen.
Aus diesen Gründen war mir damals schon die Unterscheidung von Ernster Musik hier und Unterhaltungsmusik dort völlig suspekt, all das erschien mir wie ein Kasperltheater um eigenartige Begriffskonstrukte und willkürliche Einrichtung von nutzlosen kulturtheoretischen Schubladen. Und natürlich wusste ich auch noch nichts davon, dass die Tatsache, dass ich bei den Urheberrechtsgesellschaften als U-Komponist geführt wurde, für mich erhebliche finanzielle Einbußen bringen würde.
Musik - bitte Ruhe!
Was ich aber schon damals sehr genau verstand, war dass diese beiden Begriffe immer wieder zu einem bestimmten Zweck benutzt wurden. Menschen, die irgend eine bestimmte Art Musik entweder nicht mochten oder aber nicht verstehen wollten, bedienten sich wechselseitig immer wieder dieser beiden Begriffe, um die jeweils andere Art Musik zu diskriminieren. Der bockwurtskauende, biertrinkende Prolet, der vor der Bühne beim sommerlichen Open-Air (Bild) auf den Auftritt irgendwelcher Schlagerfuzzis mit ihrem epochalen Werk «Das war ein Meisterschuss» wartete, pfiff und krakeelte angeekelt, wenn vor diesem Hit das Orchester ein Stück aus George Gershwins «Porgy and Bess» spielte. Weil ihm das nämlich zu ernste Musik war.
Ähnlich angeekelt reagierte der hochdekorierte Landeskirchen-Musikdirektor Professor P., als mein Freund M., sein Sohn, der eben noch bei den Bach-Wochen in dem mecklenburgischen Städtchen G. den 1. Trompeten-Part im Orchester mit Bravour gespielt hatte, als Student im fernen Dresden Mitglied der «Stern Combo Meissen» wurde – einer Rockband, die damals einfach nur versuchte, interessante moderne Musik zu spielen. Für den Herrn Landeskirchen-Musikdirektor war das – ich zitiere wörtlich – «von Negermusik beeinflusste Unterhaltungsmusik». Und deshalb redete er fortan mit seinem Sohn kein Wort mehr. Und weil er wenig später (mit dem Sohn unversöhnt) starb, hinterließ er jenem ein Trauma, das ihn Jahre später an der Musik verzweifeln und sich dem Alkohol zuwenden ließ.
Eine Geschichte wie aus der antiken Tragödie – und alles nur wegen «E und U»…
Soli Deo Gloria
Natürlich haben Menschen von jeher versucht, Musiken voneinander zu unterscheiden. Dabei waren es weniger die Musiker oder Komponisten, die dies taten, sondern eher jene, die Musik oder auch deren Kategorisierung und Abgrenzung – für welche Zwecke auch immer – benutzen wollten. Der Klerus bestand in alter Zeit strengstens darauf, dass geistliche Musik – «Soli Deo Gloria» (Bild: S.D.G-Signum auf einem Händel-Manuskript) - etwas ganz anderes sei als profane Musik, die ja, wie z.B. Tanzmusik, «fleischliche Gelüste» provoziere. Die Musiker damaliger Zeiten selbst waren da weit weniger pingelig und auf Unterschiede bedacht. Unbekümmert recycelten sie Themen aus eigenen Tanzmusikkompositionen zu Material für Passionen und Messen – und umgekehrt. Tatsächlich funktionierte dies auch bestens: Kein Mann kam beim Hören einer Messe auf die Idee, sich seiner Nachbarfrau in der Kirchenbank unsittlich zu nähern, nur weil das Fugenthema des Kyrie Jahre zuvor schon einmal Thema einer sinnenfreudigen Gigue gewesen war…
Bei der Uraufführung der Zauberflöte auf der Wieden in Wien (Bild: Mozart/Tom Hulce dirigiert in Formans «Amadeus») herrschte eine Atmosphäre, die einer heutigen Musikkneipe vergleichbar wäre: Spektakuläre Blitze, Explosionen und andere theatralische Effekte waren gefordert, um die Aufmerksamkeit eines essenden, trinkenden und auf Amüsement fixierten Publikums zu erringen. Welches Schicksal wäre dieser Mutter aller Opern wohl beschieden gewesen, hätte es im klassischen Wien die E-U-Kategorisierung bereits gegeben? Nein, diese willkürliche Unterscheidung entwickelte sich, wie wir wissen, später.
Im 19. Jahrhundert entstand eine neue «Wissenschaft», die Musikologie. Erste Anstöße dazu gaben u.a. Robert Schumann und sein Lehrer Friedrich Wieck mit der «Neuen Zeitschrift für Musik, herausgegeben durch einen Verein von Künstlern und Kunstfreunden» (Bild). Deren Absicht war (Zitat):
«An die alte Zeit und ihre Wege mit allem Nachdruck zu erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinen Quellen neue Kunstschönheiten gekräftigt werden können, sodann die letzte (jüngste) Vergangenheit, die nur auf Steigerung äußerlicher Virtuosität ausging, als eine unkünstlerische zu bekämpfen, endlich eine neue, poetische Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen.» Den «Davidsbündlern» um Wieck und Schumann ging es also um Abgrenzung von der ihrerseits verachteten Episode des Virtuosentums.
Wie wir heute wissen, war die romantische Epoche nicht nur eine Zeit großer Kunst, sondern auch durch zahlreiche, heute grotesk anmutende Grabenkämpfe, durch Rufmorde und gegenseitige Verächtlichmachung der verschiedenen ästhetischen und politischen Lager gekennzeichnet. Möglich wurde dies durch das Entstehen zahlreicher publizierter Printmedien. Damit entwickelte sich das, was wir heute massenmediale Rezeption von Kunst und Kultur nennen. Es gab nun erstmalig in der Kunstgeschichte Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, Kulturereignisse für das Publikum zu reflektieren, meist ohne selbst Künstler zu sein. Es schlugen also nicht mehr nur eifersüchtelnde und erfolgsneidische Kreative verbal aufeinander ein (z.B. Börne vs. Heine), sondern inzwischen mischte die neu entstandene Berufsgruppe der Kunstkritiker (z.B. Hanslick vs. Wagner / Karikatur) kräftig mit.
Ernst – und unterhaltend
Ästhetische wie inhaltliche Abgrenzung mag sinnvoll sein, oft genug jedoch kann man in der Kunst Ziele und Absichten am einfachsten fixieren, indem man sagt, was man nicht will. Die Trennlinie aber zwischen «ernst» und «unterhaltend» zu ziehen ist ebenso dumm wie nichtssagend. Wenn man das Überdauern von Zeitaltern und das Haftenbleiben im kollektiven kulturellen Bewusstsein als vielleicht einziges einigermaßen brauchbares, statistisch begründetes Qualitätskriterium für Kunst überhaupt nimmt, so zeigt sich, dass sich gerade die musikalischen Giganten der Geschichte dadurch auszeichneten, dass ihre Musik je nach kompositorischer Absicht beides war, ernst und auch unterhaltend. Wer würde dem Lacrimosa aus Mozarts Requiem seinen tiefen Ernst und seine Trauer aberkennen wollen, weil es den (tänzerischen = unterhaltsam-profanen) Dreierrhythmus benutzt? Nein, diese beiden Attribute sind so untauglich wie nur eben möglich, in der Geschichte ebenso wie heute.
Die chilenische Dichterin und Nobel-Preisträgerin Gabriela Mistral (Bild) hingegen formulierte ihre Forderungen an den Künstler ebenso einfach wie poetisch: «Du sollst die Schönheit lieben, denn sie ist der Schatten Gottes über dem Weltall. Sie soll aus deinem Herzen aufsteigen in dein Lied, und der erste, den sie läutert, sollst du selber sein. Du sollst die Schönheit nicht als Köder für die Sinne darbieten, sondern als natürliche Speise der Seele.»
Obwohl ich kein religiöser Mensch bin, sagen diese wenigen Worte mir mehr darüber, wie Kunst sein soll, als alle klugen Aufsätze, die ich von theoretisierenden Kritikern und neunmalklugen Inhabern höchster akademischer Titel und Weihen je gelesen habe. Denn diese Sätze spiegeln die Magie der Kunst ebenso, wie sie die Verantwortung des Künstlers formulieren!
Darin finde ich auch jene wichtigen Schaffenskriterien, die ich für Künstler anerkennen mag. Weitab von E, U und all den geschwätzigen Deklarationen der Theoretiker gelten diese knappen Worte für Franz Schuberts
«Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh´ ich wieder aus» (Bild) mit der unvergleichlichen absteigenden Moll-Melodielinie ebenso wie für das so vollkommen wie einfach komponierte Beatles-Lied aus dem sog. White-Album (Bild): «Blackbird singing in the dead of night. Take these broken wings and learn to fly. All your life, you were only waiting for this moment to arise».
Kunst mit Wissenschaft erfassbar?
Nichts gegen die Musikologie, aber wenn sie Wissenschaft sein will, sollte sie sich in ihren Versuchen zu kategorisieren endlich vom dünnen Eis solcher alles und nichts sagenden Attribute wie «ernst» und «unterhaltend» zurückziehen und sich, wenn dies überhaupt beim Thema Kunst möglich ist, in Definitionen und Fakten äußern. Sonst behalten auf Dauer all jene recht, die rundweg bestreiten, dass Kunst in ihrer Relevanz überhaupt mit den Methoden der Wissenschaft erfassbar ist. Selbst der große Adorno, welcher – wo er sich mit gesellschaftlich-soziologischen Tatsachen und deren Wirkung auf die Kunst beschäftigte – ein brillanter Analysator war, versagte bei den meisten seiner Versuche, den Fragen von Wert oder Unwert der Musik seiner Zeit auf den Grund zu gehen. Dabei wird er unkonkret-schwurbelig bis anmaßend in seinen Urteilen, weil auch er letztlich immer wieder bei den unseligen Buchstaben E und U landet.
Falls für jene unter uns, die heute Musik komponieren, irgendwelche Kategorisierungen und Einordnungen, die mehr zu sagen versuchen als «gut oder schlecht», überhaupt wichtig sein können, dann müssen gerade wir uns mit diesen gesellschaftlichen Fakten beschäftigen, also mit der Art und Weise, wie Gesellschaft und Ökonomie sich mit unserer Kunst befasst, mit deren Praktiken der Veröffentlichung, Vervielfältigung und Verwertung. Denn genau hier gibt es Erscheinungen, deren Analyse sich lohnt, weil sie durch Zahlen, Mengen und Fakten begründet werden kann: Es gibt Musik, die industriell vermarktet wird, und solche, die nicht industriell vermarktet wird.
Vor der Musikindustrie sind alle gleich
Diese Unterteilung ist für die Komponisten und Interpreten, aber auch für das Publikum mindestens ebenso gravierend, wie die Unterscheidung zwischen gut und schlecht. Und außerdem vollzieht sie sich in vielen Fällen auch noch völlig unabhängig von jener. Es wird ja von der Musikindustrie innovative, ästhetisch anspruchsvolle Musik ebenso intensiv vermarktet wie die grottenschlechte. Letztere lässt sich jedoch im Gegensatz zu ersterer quasi am Fliessband produzieren, was zur Folge hat, dass sie von der Industrie natürlich in viel größerer Menge auf den Markt gekippt wird als erstere.
Mit der mechanischen Abbildung der akustischen Schwingungen durch Thomas A. Edison 1877 (Bild: Edison diktiert in seinen Phonographen) begann, wie wir wissen, eine neue Epoche für die Musik. Auch diese Kunst konnte nun ihrer Flüchtigkeit entrissen werden, und das einmalige Ereignis, bei dem Musiker einen Moment verzauberten, indem sie die Luft um sich herum in Schwingungen versetzten, konnte konserviert und später wiedergegeben werden. Dies war eine Entwicklung, die, wie viele Erfindungen der Menschheit, Segen und Fluch zugleich bedeutete. Plötzlich konnte sich jeder für wenig Geld den Gesang Enrico Carusos in sein Heim holen und hatte Anteil an einem Kunstereignis, das vorher nur wenigen, privilegierten Reichen vorbehalten war.
Gigantische Überschwemmung mit Musik
Andererseits wurde dadurch auch die so konservierte Musik zu einem Ding, einer Schallplatte, später einer CD, das man nach Belieben produzieren, vervielfältigen und verkaufen kann. Es entstand diese Industrie, die Musik (in Form ihres mechanischen oder digitalen Abbildes) produziert und damit Handel treibt. Und weil Industrien, wie schon Karl Marx herausfand, nur expandieren oder dann untergehen können, sorgte die Musikindustrie fortan für eine Überschwemmung der Welt mit Musik in gigantischem Ausmaß.
«Sklaven, die die Peitsche der Werbung
im Nacken haben»
Udo Lindenberg über die deutschen Radiomacher
Und so entstand auch der Unterschied zwischen Menschen, die durch Komposition von Musik und durch deren Produktion Millionäre wurden – und solchen, die trotz harter, qualifizierter Arbeit als Musiker und Komponisten gerade mal ein Existenzminimum erwirtschaften. (Grafik: Statistik der Musikbranche 2006/2007; Quelle: Bild-Klick)
Es ist also keinesfalls eine Frage von E oder U, oft nicht einmal eine Frage von gut oder schlecht, ob ein neues Musikstück von zahlreichen Menschen zur Kenntnis genommen wird oder nicht, und ob Komponieren oder Musizieren ein lukrativer Job ist oder nicht. Leute in den Chefetagen der Phono- und Veranstaltungs-Industrie entscheiden darüber. Sie bestimmen, welches Produkt – in unserer Sprache: Welche Komposition, welcher Solist, welches Ensemble – der Segnungen des Marketing teilhaftig wird und welche nicht. Also darüber, wofür der Werbeetat der Firma eingesetzt wird.
Kunstszene kontra Industrie, und…
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich rede nicht vom öffentlich subventionierten Kunstbetrieb, wo die bescheidenen Tantiemensummen für die Aufführung eines sinfonischen oder kammermusikalischen Werkes letztlich aus Steuermitteln bezahlt werden, sondern von der Musikindustrie, die wirklich Gewinne von gewaltigen Ausmaß und somit auch Tantiemen in dieser Größenordnung erwirtschaftet.
Für uns Komponisten nun, die aus irgendeinem (oft nicht nachvollziehbaren Grund) in den Verzeichnissen der Tantiemen-Inkassogesellschaften in der U-Schublade gelandet sind, ist es höchst fatal, dass diese, wie z.B. die deutsche GEMA, einfach leugnen, dass es zwei verschiedene Produktions- und Verwertungsebenen in der Musik gibt: In der einen Ebene – ich nenne sie die Kunstszene – wird Musik quasi in handwerklicher, manufakturieller Tätigkeit in Einzelstücken hergestellt, d.h. komponiert und aufgeführt mit dem Ziel, die Welt und das menschliche Leben mit Kunst zu bereichern. Die Aufführungen erreichen im Erfolgsfalle Zahlen im Hunderterbereich und der Verkauf von Tonträgern erreicht Zahlen, die in nur sehr seltenen Fällen über den einfachen Tausenderbereich hinausgehen. Beide zusammen erwirtschaften Tantiemen in Größenordnungen, die nicht weit entfernt von einem mitteleuropäischen Durchschnittseinkommen liegen.
«Wir schützen und fördern die Urheber von Musik, vertreten die Interessen der Komponisten, Textdichter und ihrer Verleger weltweit und begleiten aktiv die Musikmärkte.»
«Wir prägen die kulturelle und wirtschaftliche Identität des Musiklebens und bilden die Brücke zwischen den Urhebern, der Musikwirtschaft und der Öffentlichkeit.»
«Unsere Unternehmenskultur ist geprägt durch respektvollen und offenen Umgang untereinander, durch Wissen und Erfahrung sowie durch Förderung von Eigenverantwortung.» (Aus dem Leitbild der GEMA)
Die andere Ebene – der musikalisch-industrielle Komplex – folgt vollkommen anderen Gesetzen. Musik ist für ihn ein Produkt (wie Autos und Waschmittel), das in riesigen Stückzahlen industriell hergestellt und möglichst gewinnbringend vermarktet wird. Dieser Prozess vollzieht sich nach genau denselben Mechanismen, wie bei anderen Produkten auch. Es wird am Markt nach Bedarfszahlen geforscht, mittels Werbung der Konsum angeheizt und es gibt Erfolge mit riesigen Profiten, aber auch Flops, die rote Zahlen schreiben. Aufführungszahlen im Hunderterbereich, bzw. Tonträgerverkäufe im einfachen Tausenderbereich wie in der Kunstszene, kommen in den Rechnungen der Industrie nicht vor, und wenn doch, dann als extremer Misserfolg.
…Handwerksbetrieb gegen Konzern
Beide Szenen sind ökonomisch ebenso unvergleichbar wie ein kleiner Handwerksbetrieb mit einem weltweit agierenden Konzern. Fatal an der Sache ist eben nur, dass die Produkte letztlich fast keine Unterschiede aufweisen. Ein Konzert ist ein Konzert, und eine CD ist eine CD. Fatal ist ebenso, dass beide Szenen, was das urheberrechtliche Inkasso betrifft, oftmals grundsätzlich gleich behandelt werden. Alle Verteilungsschlüssel und Punktesysteme, die ja auf der untauglichen Unterscheidung zwischen U und E beruhen, sorgen somit dafür, dass Komponisten, deren Stücke (meist in einem völlig mechanischen Akt) als Werke der U-Musik eingestuft sind, pro Aufführung nur ein Bruchteil der Tantiemen-Ausschüttung erhalten, die sie bekämen, wenn ihr Werk E wäre, obwohl die Inkassogesellschaft vom Veranstalter der Aufführung just die selbe Summe eintreibt - in dem Fall gibt es zwischen E und U keine Unterschiede!
Note für Note…
Man begründet dieses Ungleichgewicht heute damit, dass U-Musik grundsätzlich und stets massenhaft aufgeführt und verbreitet wird, während E-Musik ohnehin nur von einer kleinen Gruppe von gebildeten Liebhabern lebt. Deshalb können Komponisten von E-Musik von ihren Tantiemenüberweisungen oft recht gut leben, während U-Komponisten bei gleicher Aufführungszahl nur geringfügige Cent-Beträge ausbezahlt bekommen, von denen sie nicht einmal ihre Briefmarken bezahlen können!
Ein selbst erlebtes Beispiel soll diese (völlig willkürliche) Ungleichbehandlung verdeutlichen: Meine Kantate «Rosen, wild wie rote Flammen» für Vokalsoli, gr. Orchester, Jazzband und Rockensemble nach lyrischen Texten aus H. Heines «Harzreise» (Bild: Erste Partitur-Seite) bekam von der GEMA statt der von mir beantragten E (X, 10) die Einstufung U (XI, 5). Laut Verteilungsplan bedeutete dies ein Verhältnis von 1200 Punkten zu 60, das heißt die GEMA sprach mir ein Anrecht auf genau 5% der zu verteilenden Netto-Tantiemeneinnahmen zu. Die «restlichen» 95% der auszuzahlenden Einnahmen verteilte sie ohne mich zu fragen an andere Komponisten.
«Die Tantiemen aber sollten nach Verwertungszahlen ausgeschüttet werden, d.h. mit steigender Zahl der Aufführungen oder Verkaufszahlen der Tonträger verringert sich deren Auszahlungssumme, und die Differenz wird auf die Auszahlung weniger gespielter Werke aufgeschlagen»
Frieder W. Bergner
Diese Kantate war ein Auftragswerk anlässlich der festlichen Eröffnung einer ostdeutschen Landesgartenschau. Die Honorarsumme lag bei etwa 70% der vom Dt. Komponistenverband veröffentlichten Honorarrichtlinie (Minimum) für Kompositions-Aufträge für Konzert und Musiktheater. Nicht gerade üppig, zumal, wenn ich hinzufüge, dass ich fast ausschließlich daran ca. 6 Wochen gearbeitet habe, 6 Tage pro Woche. Ich denke, ich habe straff gearbeitet, sicher gibt es Kollegen, die 30 Min. konzertante Musik für diese Besetzung schneller schreiben können, aber auch welche, die dafür länger brauchen.
Beim Schreiben dieser Komposition bin ich ethisch-ästhetischen und künstlerischen Impulsen und Kriterien wie auch intellektuellen Ansprüchen gefolgt, die ich ausführlichst darlegen könnte, wenn dies nicht zu weit führte.
Das Stück wird aller Voraussicht nach keine weitere Aufführung haben, nicht weil es durchfiel, sondern weil (hoffentlich) zu einem neuen entsprechenden Anlass ein neuer Auftrag an einen Komponisten erteilt werden wird. Das heißt, dass es für mich einen immensen Unterschied macht, ob ich von der GEMA 60 oder 1200 Anteilspunkte einer Summe X ausbezahlt bekam!
Weniger Geld für gleiche Arbeit?
Nun soll dieser mein Artikel nicht eine Jammer-Arie über Einkommensverluste sein, sondern ich will damit verdeutlichen, dass diese blödsinnige E-U-Trennung nicht nur Unheil in den Köpfen von Musikliebhabern anrichtet, die in der Flut von veröffentlichter Musik nach irgendeiner Orientierung suchen, sondern dass diese für eine große Zahl von Komponisten bewirkt, dass sie von ihrer Arbeit nicht leben können. Nämlich für all jene, die Idiomatik und Interpretationsweisen aus Pop und Jazz in ihren Werken verwenden und deren Werke deshalb zur U-Musik erklärt werden, obwohl sie sich weder in Ästhetik, Anspruch, Umfang noch durch Aufführungszahlen von Werken unterscheiden, die zur E-Musik erklärt wurden.
Die Einstufung einer Kompositionen nach E bzw. U wird den betroffenen Komponisten von der GEMA bezeichnenderweise nur auf Anfrage mitgeteilt. Sie erfolgt in einem ersten Schritt in Unkenntnis der Partitur (!). Erst wenn der Komponist Einspruch dagegen erhebt, darf er das Werk beim sogenannten Werkausschuss vorlegen. Dieser besteht zwar aus durchaus qualifizierten Komponistenkollegen, sie entscheiden aber nach Kriterien, die rein mechanisch sind: «Diese (Kriterien) beinhalten z.B. Changes-Notationen, Spielanweisungen des Jazz, tonale Kadenzierungen, rhythmische Patternbildungen etc. Der Werkausschuss darf sich in seiner Einstufungsentscheidung nur auf die Beurteilung der verwendeten musikalischen Parameter im Gesamtzusammenhang des Werkes stützen. Die Ethik und Ästhetik beim Komponieren verantwortet allein der Komponist, darüber darf der Werkausschuss nicht befinden.» (Zitat: Vorsitzender des GEMA-Werkausschusses). So wird also mit der Begründung, dass man ja keine willkürliche Entscheidung nach ethisch- ästhetischen Prinzipien treffen darf, eine Willkürentscheidung nach der Notation von bestimmten Teilen der Partitur getroffen…
Wie sähe nun eine bessere Welt aus ?
Wahrscheinlich wäre es ganz einfach: Vergessen wir E und U und überlassen die Genrebezeichnungen den Komponisten selbst oder dem Publikum, so sie Schubladen zum Einordnen der Musik benötigen. Bei Jazz, Zwölftonmusik, Be Bop, Mercey-Beat, Minimal Music, New Age und so vielem anderen hat dies doch bestens funktioniert. Die Tantiemen aber sollten nach Verwertungszahlen ausgeschüttet werden, d.h. mit steigender Zahl der Aufführungen oder Verkaufszahlen der Tonträger verringert sich deren Auszahlungssumme, und die Differenz wird auf die Auszahlung weniger gespielter Werke aufgeschlagen. Damit sind zwar künstlerische und ästhetische Prinzipien gänzlich außen vor (spätes Pech für die Davidsbündler…), aber man schafft wenigstens ansatzweise Verteilungsgerechtigkeit, so wie dies heute jeder halbwegs zivilisierte Staat mit verantwortungsbewusster Steuergesetzgebung versucht.
Wert oder Unwert von Musik kann man sowieso weder mit Buchstabenkürzeln wie E und U noch in Tantiemenbeträgen ausdrücken, das Urteil wird im Herzen von Publikum und Musikern gefällt und erhärtet sich in jenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten, die ein Werk überdauert – oder eben nicht.
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Frieder W. Bergner
Geb. 1954 in Zwickau/BRD, Studium an der Dresdner Musikhochschule, zahlreiche kompositorische Arbeiten und Arrangements in den Genres Jazz, Pop, Rock und Kammermusik u.a. für Theater und Rundfunk, lebt als freischaffender Komponist und Instrumentalist in Ottstedt/BRD
Lyrik von Peter Kemptner
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Peter Kemptner
Geh runter zum Ufer und wirf einen Stein
Geh runter zum Ufer und wirf einen Stein
Sieh die Wellen sich ausbreiten in mich hinein
Sanft in Deine Augen ergießt sich mein Gesicht
die glatte Oberfläche unserer Leben zerbricht
Scherben der Erinnerung liegen im Gras der Zeit
Verwundete Worte des Lachens sind Gräber der Vergangenheit
Fotos, grau, zerrissen, verstreut im Ackerland
Briefe der Erinnerung sind verbrannt
Traurigkeit umgibt Dich wie ein Mantel hängt
In den Taschen Fetzen Hoffnung zerknüllt hinein gedrängt
Die Dämm’rung ist Dein Nachtmahr, Farben gibt es nicht
die glatte Oberfläche unserer Leben zerbricht
Peter Kemptner
Geb. 1961 in Linz, Management mittelständischer Unternehmen, zuletzt selbstständig, lebt in Salzburg
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Analyse des Fanatismus
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A. Meddeb: «Die Krankheit des Islam»
«Das spektakuläre Attentat vom 11. September 2001, das die Vereinigten Staaten ins Herz traf, ist ein Verbrechen. Ein Verbrechen, begangen von Islamisten, Höhepunkt einer Serie von Terrorakten mit stetig ansteigender Kurve, die nach meinem Dafürhalten im Jahr 1979 beginnt, mit dem Triumph Khomeinis im Iran und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan. Beides waren Ereignisse mit weitreichenden Folgen, welche die fundamentalistischen Bewegungen stärkten und ihnen dabei halfen, ihre Ideologie zu verbreiten. Wenn man begreifen möchte, wie diese Ideologie entstanden ist, muss man sich weit zurück in die Vergangenheit begeben.»
So beginnt «Die Krankheit des Islam», ein passioniert geschriebenes Plädoyer des Islam-Experten und Schriftstellers Abdelwahab Meddeb (geb. 1946 in Tunis) für einen «neuen» Islam. Die höchst kenntnisreich, von Humanismus durchdrungene, historisch detaillreich grundierte Abhandlung streitet einerseits durchaus für die alte Tradition der Toleranz im Islam, schonunglos werden aber auch die (religiösen und soziologischen) Wurzeln jener islamistischen Selbstzerstörung offengelegt, welche zum Fundamentalismus und zum Fanatismus führen.
Das Credo Meddebs: Der Islam muss sich der Herausforderung der Aufklärung stellen. «Es gehört zu den Aufgaben des Schriftstellers, die eigenen Leute auf ihre Verirrungen aufmerksam zu machen. Ich möchte sozusagen vor der eigenen Tür kehren», formuliert der Autor die tiefere Intention seiner jüngsten, international mehrfach preisgekrönten Abhandlung. Der Band ist in vier große Teile gegliedert: 1. «Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet»; 2. «Genealogie des Fundamentalismus»; 3. «Fundamentalismus kontra Okzident»; 4. «Der Ausschluss des Islam durch den Westen».
Ein mutiges Buch; Wen diese immer brennendere Thematik genauer interessiert, liest es mit Gewinn. (Walter Eigenmann)
Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam, Unionsverlag, 252 Seiten, ISBN 978-3-293-20396-9
Computer-Schach-Rankings
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Der Ranglisten-Vergleich
Walter Eigenmann
Die ultimative Computerschach-Rangliste gibt es bekanntlich nicht. Zu unterschiedlich sind die Rahmenbedingungen, unter denen die vielen internationalen Tester(-Gruppen) ihre Engine-Turniere und -Matches ausspielen lassen. Die verwendeten Rechner-Typen, die Bedenkzeiten, die Programm-Parameter und Pondering-Einstellungen, die Eröffnungsbücher und Endspiel-Datenbanken, die Gegner-Anzahl und -Qualität, die Festlegung der div. Hash-Größen – dies alles scheint eine jede der zahlreichen Computer-Ranglisten unverwechsel-, ja unver-gleichbar zu machen.
Oder vielleicht doch nicht?
Zitieren wir mal vier der von der internationalen Programmierer- und Anwenderschaft meistkonsultierten Rankings im Hinblick auf jenes Dutzend ihrer besten Programme (32bit/1CPU), welches allen vier Listen gemeinsam ist:
Das sich ergebende Bild ist verblüffend:
| …… | CEGT (40Z/20M) | CCRL (40Z/40M) | COMP2007 (30-120M) | CEGT-Blitz (40Z/4M) |
| 01. | Rybka 2.2 | Rybka 2.2 | Rybka 2.2 | Rybka 2.2 |
| 02. | Hiarcs 11.1 | Hiarcs 11.1 | Hiarcs 11.1 | Hiarcs 11.1 |
| 03. | Fritz 10 | Fritz 10 | Fritz 10 | Fritz 10 |
| 04. | Loop 10.32f | Shredder 10 | Loop 10.32f | Loop 10.32f |
| 05. | Shredder 10 | Loop 10.32f | Shredder 10 | Shredder 10 |
| 06. | Toga II 1.2.1a | Toga II 1.2.1a | Toga II 1.2.1a | Toga II 1.2.1a |
| 07. | Junior 10.1 | Spike 1.2 Turin | Fruit 2.2.1 | Spike 1.2 Turin |
| 08. | Fruit 2.2.1 | Fruit 2.2.1 | Spike 1.2 Turin | Fruit 2.2.1 |
| 09. | Spike 1.2 Turin | Junior 10.1 | Junior 10.1 | Junior 10.1 |
| 10. | Ktulu 8.0 | Ktulu 8.0 | Ktulu 8.0 | Ktulu 8 |
| 11. | Chess Tiger 2007.1 | Naum 2.0 | Chess Tiger 2007.1 | Chess Tiger 2007.1 |
| 12. | Naum 2.0 | Chess Tiger 2007.1 | Naum 2.0 | Naum 2.0 |
(40Z/20M = Partien mit 40 Zügen in 20 Minuten pro Engine)
Die Ranglisten sind, so unterschiedlich sie auch generiert wurden, praktisch identisch, die Abweichungen marginal - inklusive «Blitz»-Ranking!
Dieser Befund lässt nur eine Folgerung zu: Nicht die «Verpackung» (=Books&Bases) und auch nicht der «Transport» (=Hardware), sondern v.a. der «Inhalt» (=Codes&Algorithmen) ist’s, der über die relative Turnier-Performance einer Schach-Engine entscheidet.
Andersrum gesagt, und keineswegs trivial: Gute Programmierung ist durch nichts – auch nicht durch schnelle Hardware und Datenbanken - zu ersetzen.
Nochmals pointiert formuliert: Genügend statistisches Material vorausgesetzt ist’s egal, unter welchen Voraussetzungen getestet wird…
Schachliteratur für Kinder
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Schach-Märchen: «Salin und der Schwarze Zauberer»
Schach für Kinder – das ist eine lange Geschichte… – und sie wird landauf, landab in den Schachvereinen und -verlagen immer wieder neu geschrieben. Weil sie kompliziert ist. Wie bringt man heutzutage Playstation-geschädigten Kids ein hochkomplexes Spiel nicht nur bei, sondern auch nahe? Ein Spiel, bei dem man eigentlich stundenlang ruhig (sitzen-)bleiben sollte, und bei dem auch nicht literweise das Blut zum Monitor rausspritzt?
Der deutsche Kinder-Schach-Trainer Gert von Ameln besann sich auf Bettelmanns berühmtes Kult-Buch «Kinder brauchen Märchen» – und schrieb «Salin und der Schwarze Zauberer». Ein Märchen, in dem nur das Schachspiel des Helden Salin die beiden Geschwisterkinder Peter und Marie und deren Freunde vor dem bösen Fluch des Schwarzen Zauberers retten kann. Alles beginnt in einem alten Park-Haus, bei einem 300 Jahre alten Schachrätsel…
Bei ihrem spannenden Abenteuer, das mit Grips, Phantasie und Neugier überstanden werden muss, erfahren die Kinder Seite um Seite, was vor mehr als tausend Jahren im alten Indien seinen Anfang nahm und heute als «Königliches Spiel» weltweit viele Millionen begeistert. Mit einer kindgerechten, kurzsätzigen Sprache, einem dem Alter angepassten Vokabular und einer interessant vorangetriebenen «Story» gelingt es dem Autor, Regeln und Taktik des Schachs für 10- bis 13-jährige Kinder unaufdringlich zu «verpacken». Hat dann ein Schach-ABC-Schütze die knapp hundert Seiten durch, weiß er nicht nur die Grundzüge (und Grund-Züge), sondern auch, quasi en passant, etwas von dem «Geist», der «Idee» hinter diesem «Spiel der Spiele».
«Salin und der Schwarze Zauberer» ist ein schachpädagogisch verdienstvolles, von Immanuel Promnitz mit zahlreichen Illustrationen aufgewertetes und vom Verlag geschmackvoll editiertes Hardcover-Märchenbuch. Eigentlich gehört es – als Alternative zu den üblichen, eher «theoretisch» orientierten Jugend-Lehrbüchern – nicht nur in alle Schulbibliotheken, sondern auch in die Hände all der Jugendschach-Betreuer in den Vereinen – z.B. als idealer Buch-Preis bei Kinder-Schachturnieren. (gm/07)
Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer, Seibert Verlag, 96 Seiten, ISBN 978-3-9811446-1-1
Gedicht von Marianne Figl
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Marianne Figl
An Salome Alt
Meine Freundin,
fast einzige Salzburgerin.
Wählerische
mit heißem Blut
Das Hirn und Herz
durchströmt,
genug Nahrung für
den Rest
der naturgetreu
ohne Aufsehens
der jährlichen Fortpflanzung
dient. Ungenügsam fortweisend
den gleichaltrigen,
um nicht zu enden
im geistigen Elend
der häuslichen Enge.
Beispielgebend
doch nur
den Besessenen.
Deine Schwester sagt
Jahrhunderte später:
Es hat sich
in diesem Städtchen
nicht viel geändert,
die Starken
kommen nie zurück,
der Rest spielt weiter
mit hängenden
Mundwinkeln.
_____________________
Marianne Figl
Geb. 1946 in Wien, Studium Malerei&Graphik an der Hochschule für Angew. Kunst/Wien; Atelier in Salzburg & Online-Galerie, Literarische Texte in Anthologien
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Schach-Kinderstar Magnus Carlsen
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Sechzehnjähriger gewinnt Biel 2007
Schach-Kinderstar Magnus Carlsen hat das diesjährige Internationale Groβmeister-Turnier von Biel gewonnen. Der 16-jährige Norweger setzte sich im Stechen in der fünften Schnellpartie gegen den Amerikaner Alexander Onischuk durch. Carlsen hatte nach zwei Niederlagen in Folge in der letzten Runde mit einem Sieg über Radjabov wieder zu Onischuk aufschlieβen können.

Alexander Onischuk (2) – Magnus Carlsen (1) - Yannick Pelletier (3)
Der Einheimische Yannick Pelletier verpasste durch ein Remis gegen Judit Polgar den Sprung ganz an die Spitze, kann als Teilnehmer mit der geringsten ELO-Zahl mit dem 3. Rang aber sehr zufrieden sein.
| 1. | Magnus Carlsen | (Norway, 2710) | 5.5 | (24.25) |
| 2. | Alexander Onischuk | (USA, 2650) | 5.5 | (23.00) |
| 3. | Yannick Pelletier | (Switzerland, 2583) | 5 | (22.00) |
| 4. | Judit Polgar | (Hungary, 2707) | 5 | (21.75) |
| 5. | Alexander Grischuk | (Russia, 2726) | 5 | (21.50) |
| 6. | Teimour Radjabov | (Azerbaijan, 2746) | 5 | (20.75) |
| 7. | Bu Xianghzi | (China, 2685) | 3.5 | (16.25) |
| 8. | Loek van Wely | (Netherlands, 2679) | 3.5 | (15.75) |
| 9. | Alexander Motylev | (Russia, 2648) | 3.5 | (15.50) |
| 10. | Boris Avrukh | (Israel, 2645) | 3.5 | (14.75) |
Carlsen – Onischuk, Grandmaster Tournament Biel (5), 28.07.2007 [Autom. Kommentierung: Fritz10/Intel-PC] D43: Damengambit (Botwinnik-Variante)
1.d2-d4 Sg8-f6 2.c2-c4 e7-e6 3.Sg1-f3 d7-d5 4.Lc1-g5 h7-h6 5.Lg5xf6 Dd8xf6 6.Sb1-c3 c7-c6 7.Dd1-b3 d5xc4 8.Db3xc4 Sb8-d7 [ 8...Df6-d8 9.e2-e4 Lf8-e7 10.Lf1-d3 b7-b5 11.Dc4-b3 Sb8-d7 12.0-0 0-0 13.Ta1-d1 a7-a6 14.Ld3-b1 Dd8-b6 15.Db3-c2 c6-c5 16.e4-e5 g7-g6 17.d4-d5 Lc8-b7 18.d5-d6 Le7-d8 19.Sc3-e4 c5-c4 20.Dc2-d2 Kg8-g7 21.Tf1-e1 Ta8-c8 22.h2-h4 h6-h5 23.Dd2-f4 Wirthensohn,H (2420)-Stean,M (2490)/Biel 1981/MCD/1/2-1/2 (38)] 9.e2-e3 g7-g6 10.Lf1-e2N [ 10.Ta1-d1 Lf8-g7 11.Lf1-e2 0-0 12.0-0 e6-e5 13.Td1-d2 e5xd4 14.Sf3xd4 Df6-e7 15.Tf1-d1 Sd7-b6 16.Dc4-d3 Lc8-e6 17.Dd3-e4 Tf8-e8 18.Sd4xe6 De7xe6 19.De4xe6 Te8xe6 20.Sc3-b1 Te6-e8 21.b2-b3 Lg7-f8 22.Le2-f3 a7-a5 23.a2-a4 Lf8-b4 24.Td2-d3 Kg8-f8 Milic,B-Trifunovic,P (2500)/Zagreb 1949/EXT 2000/1/2-1/2 (37)] 10…Lf8-g7 11.0-0 0-0 12.Tf1-d1 Will d5 spielen 12…e6-e5 13.Sc3-e4 Df6-e7 14.d4-d5 c6xd5 15.Dc4xd5 Sd7-b6 16.Dd5-c5 De7xc5 17.Se4xc5 Lc8-g4 18.h2-h3 Weiß droht Materialgewinn: h3xg4 18…Ta8-c8 19.Sc5xb7 Lg4-e6 20.b2-b3 Der Gegner darf nicht nach a4+c4 20…Tc8-c2 Schwarz droht Materialgewinn: Tc2xe2 21.Le2-f1 Sb6-d5 [ 21...Tf8-b8 22.Sb7-a5=] 22.Lf1-c4+/= Weiß droht Materialgewinn: Lc4xd5 22…Sd5-c3 23.Td1-d2 Tc2xd2 24.Sf3xd2 e5-e4 25.Kg1-f1 Tf8-b8 26.Sb7-c5 Le6xc4+ 27.Sd2xc4 [ 27.b3xc4? Sc3-a4 Abzugsangriff: c3, g7-a1 28.Sc5xa4 Lg7xa1-+] 27…Tb8-b5 Schwarz droht Materialgewinn: Tb5xc5 28.Sc5-a6 Lg7-f8 [ 28...Tb5-h5 29.a2-a3+/=] 29.b3-b4+/= Lf8xb4 [ 29...Lf8-g7!?+/= lohnt die Prüfung] 30.a2-a4+/- Tb5-b7 31.Ta1-c1 Sc3-d5 32.Tc1-b1 f7-f5 33.a4-a5 Kg8-g7 [ >=33...Tb7-e7 34.Sa6xb4 Te7-b7+-] 34.Sc4-e5 f5-f4 [ 34...Tb7-e7 35.Se5-c6 ( 35.Sa6xb4?! ist schnell zu verwerfen 35...Te7xe5 36.Sb4-c6 Te5-e6 37.Tb1-b7+ Kg7-f8=) 35...Lb4xa5 36.Sc6xa5+-] 35.e3xf4 e4-e3 36.f2xe3 Sd5xe3+ 37.Kf1-g1 Se3-d5 38.Kg1-h1 Tb7-b5 [ 38...g6-g5 macht keinen großen Unterschied 39.f4xg5 Tb7-e7 40.g5xh6+ ( 40.Sa6xb4?! Te7xe5 41.Sb4-c6 Te5xg5+-; 40.Tb1xb4?! wäre weniger gut 40...Sd5xb4 41.g5xh6+ Kg7-h7 42.Sa6xb4 Te7xe5+/=) 40...Kg7xh6 41.Se5-g4+ ( 41.Tb1xb4?! Te7xe5 42.Tb4-b5 Te5-g5+-) 41...Kh6-g5 42.Tb1xb4 ( 42.Sa6xb4?! Te7-b7+-) 42...Sd5xb4 43.Sa6xb4+-] 39.Se5-c6 1-0
Erotische Geschichten
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«Nachts sind alle Katzen geil»
Diese Anthologie vereint erotische Geschichten von Newcomern wie Amelié de Lyn bis zu Sophie Andresky «Deutschlands Nummer 1 in Sachen Erotik».
In sinnlichen, komischen, dramatischen, phantasiereichen oder harten Episoden loten neunzehn deutschsprachige Autoreninnen und Autoren das Spannungsfeld zwischen Kunst und Lust, Porno und Obsession, Fetisch und Liebe aus. (Verlagsinfo)
S.Schlage/K.Schoeninger (Hrsg.): Nachts sind alle Katzen geil, Erotische Geschichten, BoD, ISBN 978-3981143409
























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