Literatur – Musik – Schach
Editorial / Inhalt
Literatur…..…..…..Musik…..…..…..Schach
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…sind drei auf den ersten Blick heterogene Kultur-Phänomene. Beim zweiten Hinsehen werden Gemeinsamkeiten offenbar, denen nachzuspüren eine der Intentionen dieses Internet-KulturJournals ist.
Und: Literatur, Musik, Schach – das steht für drei der grundlegenden menschlichen Komponenten, nämlich fürs Denken, fürs Fühlen, fürs Spielen. -
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Juni 2007, Walter Eigenmann / glarean.verlag(ät)gmail.com
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Glarean = Schweizer/Glarner Humanist und Universal-Gelehrter (1488-1563):
Musiker, Dichter, Mathematiker, Philologe, Historiker und Geograph
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Inhalte
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Menantes-Förderpreis für erotische Dichtung 2010
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Gesucht: Galante Gedichte und Erzählungen
Die Evangelische Kirchgemeinde Wandersleben schreibt in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift «Palmbaum» zum dritten Mal ihren Menantes-Förderpreis für erotische Dichtung aus. (Der Preis ist benannt nach einem der «galantesten», sprich frivolsten Dichter des Barock, dem Wanderslebener Literaten, Satiriker und Librettisten Christian F. Hunold, alias Menantes / 1680-1721). Eingesandt werden können je bis zu drei unveröffentlichte Gedichte oder eine unveröffentliche Kurzgeschichte mit max. fünf Manuskriptseiten. Einsende-Schluss ist am 30. April 2010, die weiteren Details finden sich hier.
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Internationaler Kompositions-Wettbewerb für Kontrabass
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Musik-Thema: Die Jupiter-Monde
Die 1986 gegründete englische Music Publishing Firm Recital Music schreibt einen Kompositionswettbewerb für Kontrabass aus. Teilnehmen können Komponisten jeder Nationalität und jeden Alters. Der Contest findet in fünf verschiedenen Kategorien statt und hat die Entdeckung der vier größten Jupiter-Monde durch Galileo Galilei im Jahre 1610 zum Thema. Einsende-Schluss ist am 1. Juni 2010, die weiteren Einzelheiten (engl.) finden sich hier.
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Der brillante Schachzug (55)
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Schwarz am Zuge
r3k2r/1p2p1bp/p5p1/q2Pnb2/2p2P2/2P1B3/P2Q1NPP/2R1KB1R b Kkq
Lösung: —>(mehr)
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. (mehr…)
Winter-Haiku (3)
Die interessante Schachstudie
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Die zwei Damen im Spiegel
Peter Martan
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Die Schachfreunde unter der «Glarean»-Leserschaft werden sich noch an die Studie von Mihai Neghina erinnern, die unter dem Titel «Dame im Goldenen Käfig» vor kurzem hier als Urdruck veröffentlicht wurde.
Deren Komponist ist ein ganz besonderes Talent im Erdenken von Studien, die Schachprogramme auch heute noch überfordern – überfordern nicht nur hinsichtlich stellungsadäquater Bewertung, sondern auch hinsichtlich ihrer «Belehrbarkeit». Denn erkennen Programme heutzutage in der Regel zumindest rasch ihre Fehler, wenn man ihnen die Züge, an denen sie zunächst vorbeirechnen, eingibt, wonach sie dann die richtige Bewertung im Hash zur Ausgangsstellung mit zurück nehmen, hat Neghina mit dieser zweiten Studie, – die ebenfalls hier als Urdruck erscheint – neuerlich ein Meisterwerk vollbracht, das die Programme (sogar mit bekanntem Lösungsweg an frühen Verzweigungen) immer wieder in die alten Fehlbewertungen zurückfallen lässt.
Weiß zieht und gewinnt
.© Mihai Neghina, Studie 2009, Urdruck Glarean Magazin
1. Rxf5 gxf5 2. Nh6 Nf3+ 3. Kh5 Qa2 4. a4 a5 5. Qg2 b6 6. Qf2 b5 7. axb5 cxb5
8. Qg2 a4 9. Qf2 a3 10. Qg2 b4 11. Qf2 Qb3 12. Qxf1 Nd2 13. Qg2 Ne4 14. Nhxf5
a2 15. Qxe4 a1=Q 16. Kh6 Qh3+ 17. Nh4 Qxh4+ 18. Qxh4 Qe5 19. Qh1 Qb8 20. Nf5 b3
21. Ng7 Kg8 22. Qe4 Kf8 23. Nh5 b2 24. g6 hxg6 25. Kh7 Qd8 26. Ng7 b1=Q
27. Qxb1 Qd6 28. Qa2 Qxf6 29. Qa3+ Qe7 30. Qa8+ Qe8 31. Qxe8# 1-0
(Analysen: Mihai Neghina & Peter Martan)
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PGN-File (Copy&Paste):
[Event "Weiß zieht und gewinnt"]
[Site "?"]
[Date "??.??.??"]
[Round "?"]
[White "Mihai Neghina"]
[Black "Peter Martan"]
[Result "1-0"]
[Annotator "Neghina,Mihai"]
[SetUp "1"]
[FEN "6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/7K/P7/1q1n1Q2/5n2 w - - 0 1"]
[PlyCount "61"]
[EventDate "??.??.??"]
1. Rxf5 {Einziger Schlüsselzug. Der Läufer ist die entscheidende Figur der
schwarzen Matt- Drohung. 1.– Nf3+ 2.Qxf3 Qh2+ 3.Qh3 Qxh3#. Nach 1.Sxf5? kann
Schwarz leicht Remis halten oder sogar auf Gewinn spielen (obwohl ich das
zweifelhaft fände).} (1. Nxf5 $2 Nf3+ 2. Qxf3 (2. Kg4 $4 Qxf2 3. Kf4 N3d2+ 4.
Kg4 Qg2+ 5. Kf4 Qe4#) 2… Qh2+ 3. Qh3 Qf4+ 4. Qg4 Qh2+ $11) 1… gxf5 {Alles
andere verliert schnell.} 2. Nh6 {Droht Sxf7#.} (2. Nxf5 $4 Qc1 3. Qf4 (3. Ngh6
Ne4 4. Qf3 Qxg5+ 5. Kh3 Nfd2 $17) 3… Qe1+ 4. Kh3 Qe4 5. Qxe4 Nxe4 6. Ngh6
Nxg5+ $17) 2… Nf3+ {Zwischenzug} 3. Kh5 $1 {Je nach Programm, hardware,
Bedenkzeit und Kenntnis des Folgenden im Hash wird das vom Computer als mehr
oder weniger Vorteil für Schwarz, bestenfalls als Remis und damit sicher
falsch bewertet.} (3. Qxf3 $2 Qh2+ 4. Qh3 Qf2+ 5. Kh5 Qe2+ 6. Kh4 $11) 3… Qa2
{Die Damen greifen einander an, aber keine kann irgend etwas schlagen ohne
Matt zuzulassen. Fast gegenseitiger Zugzwang: Schwarz hat nur Bauernzüge, Weiß
hat nur Df7<->g7, während der weiße Bauer Wache hält.} 4. a4 $1 {Passive
Verteidigung 4.Qg2 könnte auch funktionieren, obwohl eigens gründlich zu
untersuchen.} a5 (4… b6 {Die zähere Verteidigung von Schwarz.} 5. Qg2 a6 6.
Qf2 b5 (6… a5 7. Qg2 b5 8. axb5 cxb5 9. Qf2 a4 10. Qg2 b4 11. Qf2 a3 (11…
Qb3 12. Qxf1 Nd2 13. Qh1 Ne4 14. Nexf5 Qd3 15. Kh4 Qc4 16. Nxf7+ Kg8 17. Ne5
Qc2 18. Nh6+ Kf8 19. Nd7+ Ke8 20. f7+ Kxd7 21. f8=Q) 12. Qg2 Qc4 13. Qxf3 Ng3+)
7. a5 $1 {Es gibt einige Varianten, in denen der a-Bauer Spiel entscheidend ist.
..in einer bleibt er sogar als einziger neben den Königen übrig.} (7. axb5 $2
axb5 $11 {Siehe Varianten nach 7.a5!, besonders jene, in denen der a-Bauer
entscheidet.}) (7. Qg2 $2 bxa4 8. Qf2 a3 9. Qg2 Qc4 10. Qxf3 Ng3+ 11. Qxg3 Qe2+
12. Kh4 Qe4+ 13. Kh3 Qh1+ 14. Qh2 Qf3+ 15. Kh4 Qe4+ 16. Kh5 Qf3+ 17. Kh4 $11 (
17. Ng4 $4 Qxg4+ 18. Kh6 f4 {Und der schwarze a-Bauer ist zu weit aufgerückt.})
) 7… b4 8. Qg2 Qc4 (8… c5 9. Qf2 Qc4 10. Qxf3 Ng3+ 11. Qxg3 Qe2+ 12. Kh4
Qe4+ 13. Kh3 Qh1+ 14. Qh2 Qf3+ 15. Kh4 Qe4+ 16. Kh5 Qf3+ 17. Ng4 Qxg4+ 18. Kh6
f4 19. Qh1 f3 20. Qh2 Qc8 21. Nxc8 f2 22. Ne7 f1=Q 23. Qb8#) 9. Qxf3 Ng3+ 10.
Qxg3 Qe2+ 11. Kh4 Qe4+ 12. Kh3 Qh1+ 13. Qh2 Qf3+ 14. Kh4 Qe4+ 15. Kh5 Qf3+ 16.
Ng4 Qxg4+ 17. Kh6 f4 18. Qh1 b3 19. Nxc6 b2 (19… Qg3 20. Nd4
$18) (19… Qc8 20. Ne7 $18) (19… f3 20. Ne5 $18) 20. Ne5 $18 Qc8 21. g6 b1=Q
22. Qxb1 Qh3+ 23. Kg5 Qg3+ (23… h6+ 24. Kxf4 Qh2+ 25. Ke4 Qe2+ (25… Qg2+
26. Kd4 $16) 26. Kd5 $16) 24. Ng4 h6+ 25. Kf5 fxg6+) 5. Qg2 b6 6. Qf2 b5 7.
axb5 (7. Qg2 $2 bxa4 8. Qf2 a3 9. Qg2 Qc4 10. Qxf3 Ng3+ 11. Qxg3 Qe2+ 12. Kh4
Qe4+ 13. Kh3 Qh1+ 14. Qh2 Qf3+ 15. Kh4 Qe4+ 16. Kh5 Qf3+ 17. Kh4 $11 (17. Ng4
$4 Qxg4+ 18. Kh6 f4 19. Nxc6 a2 $17)) 7… cxb5 8. Qg2 a4 9. Qf2 a3 10. Qg2 b4
11. Qf2 {Zuletzt echter Zugzwang für Schwarz.} Qb3 (11… Qc4 12. Qxf3 Ng3+ 13.
Qxg3 Qe2+ 14. Kh4 Qe4+ 15. Kh3 Qh1+ 16. Qh2 Qf3+ 17. Kh4 Qe4+ 18. Kh5 Qf3+ 19.
Ng4 Qxg4+ 20. Kh6 f4 21. Qh1 f3 22. Qh2 Qc8 23. Nxc8 a2 24. Ne7 a1=Q 25. Qb8#)
12. Qxf1 Nd2 13. Qg2 Ne4 14. Nhxf5 a2 15. Qxe4 a1=Q 16. Kh6 (16. Nh4 $4 Qe6 17.
Qb7 Qd1+ 18. Kh6 Qd8 19. Qxb4 Qe2 20. Nef5 Qed2 $17) 16… Qh3+ {15…. a1D
und 16… Dh3 sind austauschbar.} (16… Qe6 17. Qb7 Qc3 18. Qb8+ Qec8 19.
Qxc8+ Qxc8 20. Nxc8 Kg8 21. Nb6 Kf8 22. Nd6 Kg8 23. Nd7 b3 24. Nc8 b2 25. Ne7+
Kh8 26. Ne5 b1=Q 27. Nxf7#) 17. Nh4 {oder Matt in wenigen Zügen.} Qxh4+ 18.
Qxh4 Qe5 19. Qh1 Qb8 20. Nf5 b3 21. Ng7 Kg8 (21… b2 22. Qb1 Qh2+ 23. Nh5
Qxh5+ 24. Kxh5 Kg8 25. Qxb2 h6 26. Kxh6 Kf8 27. Qb8#) 22. Qe4 Kf8 23. Nh5 b2
24. g6 hxg6 25. Kh7 Qd8 26. Ng7 b1=Q 27. Qxb1 Qd6 28. Qa2 Qxf6 29. Qa3+ Qe7 30.
Qa8+ Qe8 31. Qxe8# 1-0
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Exkurs: Wenn Schachprogramme Stellungen bewerten…
Die alte Frage, was ein gutes Schachprogramm mehr ausmacht, Suche oder Bewertung; lässt sich an Stellungen wie der obigen am besten ad absurdum führen. Sie ist so sinnlos wie die Frage, ob Ei oder Henne zuerst da war. Wie soll ein Programm richtig bewerten, was es nicht in der Suche findet und wie soll es wissen, was es in seinem Suchbaum als nutzlos abwerfen kann, wenn die Bewertung der Varianten nicht stimmt?
Fast alle guten Programme favorisieren hier den Lösungszug sofort, die Alternative 1.Sxf5? wird als schwächer erkannt. Der Grund für die Bewertung, die bei den meisten um 0,00 Centipawn herum liegt, ist der Zug 3.Dxf3, nach dem eine forcierte Stellungswiederholung durch Dauerschach gefunden wird.
Dass es nach 3.Kh5! einen sicheren Gewinnweg gibt, bleibt im Dunkeln, weil dieser dritte Zug gar nicht erst so weit berechnet wird, dass er in die Bewertung eingeht.
Nun ist das besonders Raffinierte an der Stellung, dass auch nach 10 Zügen in die richtige Gewinnvarianten hinein zwar die Bewertung der Programme hochschnellt, die Variantenzahl mit immer wieder Zugzwangpointen in größeren Halbzugtiefen ist aber so groß, dass es auch im «Rückwärtsgang», Zug um Zug zur Ausgangsstellung ab der als Gewinn erkannten späteren Verzweigung kaum gelingt, den Engines «beizubringen», die Gewinnbewertung zu behalten – einfach weil mehr und mehr Varianten dazukommen, die das Ergebnis hinter dem «Horizont» verschwinden lassen.
Übertragen auf unsere «Zwei-Damen»-Aufgabe bedeutet dies, dass also ihre Zuggenerierung bis zum dritten Zug funktioniert – aber gleichzeitig, dass sie das Potential der Stellung nicht richtig einschätzen, was sich dann ab diesem dritten Zug auch als Fehler auswirkt.
Kurzum, die Lösung finden alle Programme schnell, aber aus völlig «falschen Gründen»: «Operation gelungen, Patient gestorben».
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Die Vorform der «Damen»
Es ist ausgesprochen spannend, solche Studien mit dem Computer zu überprüfen, und auch in den «Zwei Damen im Spiegel» gab es eine Vorform, die Neghina und mir erst nach längerem Durchforsten mit Computerunterstützung als echtes «Loch» klar wurde – bei den vielen falschen Remisvarianten, die der Computer vorschlug, war eine echte dabei. Wieder war die Ausgangsstellung nur minimal anders. (Siehe nächstes Diagramm). Besonders findige Studienknacker sind gefordert, die Variante zu finden, an der dieser kleine Stellungsunterschied scheiterte.
6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/1P5K/8/Pq1n1Q2/5n2 w
Widerlegungsvariante der ersten Vorform:
1.Txf5 gxf5 2.Sh6 Sf3+ 3.Kh5 Dxa2 4.Dg2 a6 5.Df2 c5 6.bxc5 [6.b5 a5 7.Dg2 a4 8.Df2 a3 9.Dg2 Dc4 10.Dxf3 Sg3+ 11.Dxg3 De2+ 12.Kh4 De4+ 13.Kh3 Dh1+ 14.Dh2 Df3+ 15.Kh4 De4+] 6…a5 7.Dg2 a4 8.c6 bxc6 9.Df2 a3 10.Dg2 Dc4 11.Dxf3 Sg3+ 12.Dxg3 De2+ 13.Kh4 De4+ 14.Kh3 Dh1+ 15.Dh2 Df3+ 16.Kh4 De4+ ½–½ ■
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Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik 2010
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Gesucht: Werke für Solo-Violine und Orchester
Aus Anlass der 11. Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik schreibt Via Nova einen internationalen Kompositionswettwerb aus. Eingesandt werden kann ein (allenfalls uraufgeführtes, aber noch nicht veröffentlichtes) Werk für Solovioline und Orchester. Teilnehmen können KomponistInnen, die nach dem 1. Januar 1970 geboren sind. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2009, die weiteren Details finden sich hier.
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Anke Gebert: «Die Summe der Stunden»
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Zuviel Stoff im Schnelldurchlauf
Charlotte Ueckert
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Anke Gebert kann Geschichten schreiben. Spannende Geschichten, Krimis, deren Handlungen gut konstruiert sind. Man sieht diese vor sich, bildreich und detailliert. Das gilt auch für «Die Summe der Stunden», ein Roman-Titel, den Gebert zum Abschluss durch ein Zitat von Wilhelm Busch erklärt: «Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir liebten.»
Auch in diesem Buch kann sich der Leser die Handlung filmisch vorstellen, sie erinnert auch an bereits Verfilmtes. Gesehenes. Die Medienvermarktung scheint beim Schreiben einbezogen.
Die Autorin hat noch zu DDR-Zeiten am damaligen Johannes-R.-Becher-Institut in Leipzig studiert. Später in Hamburg Drehbuchschreiben bei Hark Bohm. Sie versteht etwas von Plots, davon, wie das Leben spielt, spielen kann.
Der literaturinteressierte Leser aber fragt sich nach der Lektüre, ob er nicht besser hätte warten sollen, bis er die Story im Fernsehen gesehen hat. Wozu Bücher, wenn die bildliche Gestaltung gleich mitgeliefert wird? Schreiben ist doch sehr viel mehr als sehen und Handlungen verfolgen…
Anke Gebert führt uns ins Hotel «Adlon» in Berlin und damit in die Welt von «Gala» und «Bunte», nur sind es die 20ger Jahre, die dieses Flair bieten. Die heutige, ebenfalls geschilderte Wirklichkeit ist etwas nüchterner: Touristen in der Lobby und «Papierhandtücher in der Toilette» statt gebügeltes Leinen.
Ursula, die Protagonistin des Romans, deren an deutscher Geschichte leidende Liebesgeschichte erzählt wird, ist die Tochter einer Operndiva, die in Hotels aufwächst und sich im Hotel «Adlon» in den Pagen Karl verliebt. Die Erzählung folgt gerade im ersten Teil verschiedenen Mustern, von Irmgard Keuns «Kind aller Länder» bis zu Kästners «Pünktchen und Anton». Und natürlich Vicky Baums «Menschen im Hotel».
Später, Ende des zweiten Weltkrieges begegnen sich die beiden wieder und zwar im Luftschutzkeller des Hotels, kurz vor Karls Einberufung.
Anfang der 60er Jahre treffen beide sich erneut, Karl inzwischen Hotelbesitzer im Westen Berlins, Ursula Verkäuferin in einem Konsum im Ostteil. Eine leidenschaftliche Liebesbeziehung folgt, aber – der Leser ahnt es schon – die Errichtung der Mauer trennt die beiden Liebenden wieder, diesmal 28 Jahre. Dann folgt ein Klischee nach dem anderen. Eine Frau, die ihr Leben der alkoholsüchtigen Mutter widmet, bis diese stirbt. Die verspätete Entdeckung einer Schublade mit verzweifelten Briefen des Liebhabers, von der Mutter vor der Tochter versteckt. Einen Tag nach dem Mauerfall steht dann der Liebhaber, praktischerweise schon verwitwet, vor Ursulas Tür. Wie gut, dass sie nicht umgezogen ist!
Auf 188 Seiten will Gebert einfach zuviel: Pubertätsgeschichte, Altersliebe und deutsche Geschichte im Schnelldurchlauf.
Stoff von Fernsehfilmen. Das Buch zum Hotel. Vielleicht liegt es in den Zimmern des «Adlon» oder an der Rezeption, zur richtigen Zeit für den richtigen Ort geschrieben?
In Geberts Sprache verbleibt trotz emotionaler Handlung eine Nüchternheit, mit der auch der Leser das Buch aus der Hand legt.
Anke Gebert, Die Summe der Stunden, Roman, Fischer Taschenbuch Verlag, 188 Seiten, ISBN 978-3596166404
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Das neue Musik-Kreuzworträtsel
Das Zitat der Woche
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Über die Kultur in Zeiten der Krise
Ansgar Wimmer
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Ein Grund für die Dramatik der Finanzkrise war, dass Menschen Geld in Finanzinstrumente investiert haben, die sie nicht wirklich verstanden haben. Sie sind ihnen nicht vermittelt worden, sie waren zu komplex, die Sprache der Banker war zu fremd oder die Gier war schlicht zu groß. Gier frisst Hirn, so lautet eine saloppe Formulierung in der Bankenwelt.
Nun hat Kunst und Kultur – Gott sei Dank – in ihrer Rezeption schlicht eine andere Ausgangsbasis als Finanzinstrumente und Investmentprojekte. Man muss sie nicht immer verstehen, auch ein schlicht ästhetischer oder emotionaler Zugang reicht häufig völlig aus. Dass ein bloß emotionaler Zugang zu finanziellen Investitionsentscheidungen demgegenüber nicht ausreicht, ist den Anlegern von Bernie Madoff leider etwas zu spät klar geworden.
Allerdings ist auch der umgekehrte Schluss mancher Kulturschaffender nicht immer hilfreich. Immer wieder erreichen mich in meiner Arbeit als Stiftungsvorstand Entwürfe grandioser Kulturprojekte, innovativer, komplexer, manchmal unverständlich-intellektueller Gedankengebäude, neuer Festivals oder Angebote, die nach Ansicht ihrer Urheber dringend realisiert werden müssen, mit der Bitte um Förderung durch die Alfred Toepfer Stiftung. Auf meine dann regelmäßig erfolgende Frage, an wen sich denn dieses Vorhaben richte, also wer denn die Zielgruppe der Bemühungen sein solle, ernte ich sodann ebenso oft entweder unverständliches Kopfschütteln oder die Auskunft «Na, die allgemeine Öffentlichkeit, halt.»Damit ich nicht missverstanden werde:
- Kultur und insbesondere Kulturförderung, die sich nur an möglichen Abnehmern orientiert, ist genauso trostlos und entbehrlich wie die vermeintlich unvermeidlichen Volksmusikhitparaden der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland.
- Gerne verteidige ich jeden Künstler, der zum Ausdruck seiner eigenen künstlerischen Identität mir völlig unverständliche Dinge tut, und manchmal fördern wir als Stiftung auch so etwas.
Ein junger Kammermusiker aber, der im Rahmen seines Programms nicht über seine Musik sprechen kann – oder jemanden kennt und mitbringen kann, der über seine Musik sprechen kann – hat heute und in der Krise seinen Beruf verfehlt – oder muss sehr exzellent sein. Wenn unsere Stiftung heute unter dem Titel «concerto 21» eine Sommerakademie für Aufführungskultur und Musikmanagement durchführt, dann ist das Ziel der Aktion, die Kultur nicht einfach, sondern kommunizierbar zu machen. Auch das braucht es in der Krise, allemal in einer Welt, in der Kulturvermittlung nur beschränkt in den Erziehungskanon vieler Elternhäuser gehört. ■
Aus Ansgar Wimmer (Vorsitzender der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.): Neue Chancen für die Kultur in Zeiten der Krise, Vortrag aus Anlass des Jahreskongresses der «Vereinigung deutschfranzösischer Gesellschaften für Europa», Duisburg 2009
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Der «Totholz»-Krimi-Schreibwettbewerb 2010
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«Was machen die Skelett-Teile im Holzofen?»
«Was machen die Skelett-Teile im Holzofen?» Solchen und anderen Fragen rund um das Thema Holz geht ein Krimi-Schreibwettbewerb nach, den der «Odenwaldkreis» bereits zum vierten Male ausschreibt. Der Text soll max. 9′000 Anschläge (inklusive Leerzeichen) umfassen, noch nicht unveröffentlicht sein. Der Wettbewerb ist mit 2′000 EUR dotiert, die Siegerkrimis werden in einer Anthologie veröffentlicht. Einsende-Schluss ist der 1. März 2010, weitere Einzelheiten finden sich hier.
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Winter-Haiku (02)
Wer bin ich?
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Leidenschaft und Engagement für die moderne Musik
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Es ist kein Zufall, dass ich als erste Dirigentin meines Heimatlandes Verdis «La Traviata» dirigieren «durfte». Denn führende Musik-Kenner und Könner attestieren mir eine wichtige Rolle nicht nur in der internationalen Dirigentinnen-, sondern auch in der Komponistinnen-«Szene».
Ich begann (schon früh) als Pianistin, doch bald nahmen das Orchesterdirigieren und das Komponieren neuzeitlicher Musik den breitesten Raum in meinem Schaffen ein, wobei meine Lehrerschaft sich aus so herausragenden Persönlichkeiten wie Hans Werner Henze, Bernhard Haitink, Karlheinz Stockhausen und Günter Wand zusammensetzte. Prägend wirkte sich außerdem meine Assistenz bei Claudio Abbado und dessen Berliner Philharmonikern aus.
Seit meinen frühesten Jahren als professionelle Musikerin gilt meine größte Leidenschaft und mein umfangreichstes Engagement nicht nur der Vermittlung, sondern auch der Kreation avantgardistischer Musik. Verschiedene vielbeachtete CD-Produktionen mit Werken von Arnold Schönberg über Luciano Berio und Steve Reich bis hin zu meinen eigenen Stücken weisen mich als ebenso originale Schöpferin wie einfühlsame Nachschöpferin neuzeitlicher Kompositionen aus. Ein Schwergewicht meines kompositorischen Schaffens liegt dabei in der Kammermusik.
Als vielseitig interessierte Förderin der modernen Musik beschränke ich mich allerdings keineswegs auf den «klassischen» Konzertbetrieb: Mein gesamtkünstlerisches Engagement bezieht die Schul- und Jugendmusik ebenso mit ein wie die Grenzgebiete Bildende Kunst, Theater oder Film. Das Aufbrechen herkömmlicher Standorte und die Erschließung neuer musikalischer Erfahrungsebenen sind dabei treibende Motive meiner künstlerischen Arbeit. Diese Zielsetzung, dokumentiert in einer großen Anzahl von Konzerten, medialen Events und internationalen Workshops, erfährt schon seit Jahren immer wieder bedeutende öffentliche Aufmerksamkeit und Auszeichnung, zumal in Deutschland. (we)
Also: Wer bin ich?
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Ulf Schiewe: «Der Bastard von Tolosa»
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Ohne Widerhaken im Denken
Bernd Giehl
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Alles ist vorhanden in Ulf Schiewes Erstling «Bastard von Tolosa»: Die Taliban – nur dass sie in diesem Roman «Sarrasin» heißen, oder auch mal «Seldschuken»; Al Quaida, deren Kämpfer hier «Haschaschin» genannt werden, Assassinen (das Wort gibt es heute noch im Französischen für Selbstmörder); Die internationalen Truppen der ISAF, nur dass sie nicht Amerikaner, Briten, Kanadier oder Deutsche sind, sondern Provenzalen oder Normannen.
Es geht auch nicht um die Befreiung Afghanistans, sondern um die Eroberung des Heiligen Landes durch ein Kreuzritter-Heer im 11. Jahrhundert. Und der, der den Feldzug befohlen hat, heißt nicht George Bush, sondern Papst Urban. Genauso scheinheilig wie im «Krieg gegen den Terror» sind auch hier die Gründe. Nur dass sie nicht «Demokratie» oder «Rechte der Frauen» heißen, sondern «Befreiung des Heiligen Grabs» oder «Rückeroberung Jerusalems». Auch die Durchhalteparolen werden gegeben, genau so, wie das sinnlose Morden von den sensibleren Naturen beklagt wird.
Alles ist vorhanden: Das Personal und die Gründe fürs Krieg führen («Das Heilige Land muss aus den Händen der Ungläubigen befreit und der Christenheit zurückgegeben werden»); Die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, die nicht nur den Helden, Jaufre Montalban, mehr und mehr befällt, weil er erkennen muss, dass nicht nur die anderen morden, plündern und vergewaltigen, was das Zeug hält, sondern auch die eigenen Leute; Auch die Erkenntnis, dass die Gründe für den Krieg seiner Wirklichkeit nicht standhalten, dass man ein Land nicht auf Dauer gegen den Willen seiner Bevölkerung erobern und halten kann, wächst immer stärker.
Alles ist vorhanden, und womöglich wiederholt sich ja auch alles, wie es Nietzsche schon wusste, nur dass Ulf Schiewe die Möglichkeit der «Ewigen Wiederkehr» seinen Lesern nicht zumuten möchte. Wahrscheinlich wäre es ein spannendes Unternehmen, die Kreuzzüge und den «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan einmal gegeneinander zu schneiden und miteinander zu verschränken, aber das hieße ja, den Leser zum Denken zu zwingen. Und Bücher, bei denen man denken muss, werden nicht in hunderttausender Stückzahlen gekauft. Womöglich werden sie nicht einmal gedruckt.
Aber genau darauf – auf den Beifall bei den Hunderttausenden – zielt dieses Buch. Es ist ein Buch mit deftigen Kriegs- und Sexszenen, ein Roman, bei dem man schon einmal hundert Seiten am Stück lesen kann, ohne dass einem hinterher der Kopf raucht. Es ist weich und gefällig, das Messer geht hindurch wie durch Butter; nichts was irgendwie Anstoß erregen könnte. Schiewe beherrscht das Erzählen; er weiß, wie man Spannungspunkte setzt, und dass man hinterher den Griff um den Leser auch wieder lockern muss. Er kennt offensichtlich die Zeit, über die er schreibt, er beherrscht sogar das Altfranzösische gut genug, um es an bestimmten Stellen zu zitieren.
Aber das Buch hinterlässt keine Widerhaken im Denken. Der «Bastard von Tolosa» ist Ulf Schiewes erstes Buch. Im wirklichen Leben ist Schiewe IT-Berater, habe ich in einem Interview gelesen. Dass er schreiben kann, ist ganz offensichtlich. Und doch fehlt mir in diesem Buch der doppelte Boden, der Verweis auf das Heute – oder was immer es auch ist, was ein Buch zum Kunstwerk macht. Wie Umberto Eco vor vielen Jahren mit seinem «Namen der Rose» bewiesen hat, kann man auch einen historischen Roman als Kunstwerk anlegen. «Der Name der Rose» ist ebenso eine Parodie auf den Detektivroman, wie es eine Auseinandersetzung mit dem Universalienstreit ist (also der Frage, ob zuerst die Begriffe waren und die Wirklichkeit ihnen folgt, oder ob zuerst die Wirklichkeit ist und dann erst die Begriffe kommen. Und womöglich sind auch noch ganz andere Ebenen in diesem Buch angelegt).
Im «Bastard von Tolosa» findet man das alles nicht. Manchmal war ich, nachdem ich längere Zeit darin gelesen hatte, richtig froh, dass neben ihm Thomas Pynchons grandioses Werk «Gegen den Tag» auf meinem Glastisch lag, ein Buch, bei dem man auf jeder zweiten Seite ins Grübeln kommt, wie der Autor das nun wieder gemeint haben könnte… Kurzum: Schiewe kann erzählen, keine Frage – doch das genügt nicht. ■
Ulf Schiewe, Der Bastard von Tolosa, Roman, Droemer-Knaur Verlag, 928 Seiten, ISBN 978-3-426-19841-4
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Das Zitat der Woche
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Von der Natur in der Krankheit
Paracelsus
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Die Natur ist es, die dem Kranken die Arznei gibt. So Natur die Arznei gibt, muß sie den Kranken erkennen. Denn ohne Erkenntnis kann sie ihm nichts geben. Nun liegt die Erkenntnis nit im Arzt, sondern in der Natur. So Natur sich kennt, stellt sie das Rezept zusammen. Krankheit und Arznei kommen beide aus der Natur und nit vom Arzt. Von diesen beiden soll der Arzt lernen. Was sie ihn lehren, soll er tun. Lehren sie ihn nichts, so kann und weiß er nichts. Denn beide, Arznei und Krankheit, unterliegen der Natur, die ihr eigener Arzt ist.
Die Natur allein lehrt den Arzt, nit der Mensch. So nun in der Natur so viel liegt, ist es vonnöten, darüber zu handeln, wer die Natur sei. Das ist eben Gegenstand der Philosophie. Bei der Definition, was Philosophie sei, gibt es einen Streit zwischen mir und meinen Gegnern. Was sie für Philosophie halten, halte ich für eine Drüse, das heißt, sie sind wie ein Arzt, der seine Kunst aus den Drüsen nimmt, die außen am Leibe wachsen, ihm gleichsehen, aber nicht gleich sind. Derartig sind diese Arztphilosophen… Daß sie etwas von meiner Philosophie halten, ist nit gut möglich. Darum wird meine Philosophie von ihnen nit gebraucht, auch nit von andern Narren.
Der Arzt soll vor allem Himmel und Erde kennen, ihre Materie, Art und ihr Wesen. So er darüber unterrichtet ist, mag er mit dem Studium der Arznei beginnen. Denn nach dieser Erfahrung, diesem Wissen und dieser Kunst beginnt der Arzt. Mein Unterfangen und Grundsatz ist, daß die Arzneikunst so geübt werde, daß aus dem äußern Arzt der innere geboren werde und wo der äußere nit sei, da sei auch der innere nit, und was der innere treibt, führt und lernt aus sich selbsten, das ist umsonst. ■Aus Paracelsus, Paragranum (1529)
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Abraham Verghese: «Rückkehr nach Missing»
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Über allem die Liebe zu den Menschen
Alexander Remde
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«Rückkehr nach Missing» ist auch ein Roman. Nur reicht dieses Wort nicht aus, um zu beschreiben, was in den 770 Seiten des neuesten Werkes von Abraham Verghese steckt. Es ist auch Saga, medizinisches Lehrbuch, Plädoyer – und eine Liebeserklärung an einen Beruf und einen Kontinent.
Mit Sicherheit keine leichte Literatur, aber ein Werk, das berührt und das mit tiefen Emotionen den geduldigen Leser belohnt, geschrieben in einem Stil, den ich schon verloren glaubte, und an dem Thomas Mann seine helle Freude gehabt hätte. Wer es altmodisch nennt, trifft den Kern, denn Präzision und Emotion werden hier wieder vereint und geben eine Nähe zum Geschehen, die den Leser, falls er dazu bereit ist, in einen zeitlosen Raum entführt. Und ist es nicht genau das, wonach wir uns sehnen? Wer nah am Wasser gebaut ist, wird bei der Lektüre die eine oder andere Träne vergießen, ohne es zu bereuen. Es verbietet sich hier, auch angesichts der Vielfältigkeit und Bodenlosigkeit der Handlung, ein Protokoll anzufertigen und weiterzugeben. Viele Geschichten spinnen sich um den Kern und vereinen sich letztendlich zu dem, was man wohl Sinn nennt.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte der Zwillingsbrüder Marion und Shiva, die als Waisen in Äthiopien ihren Weg suchen. Die Mutter, eine indische Nonne, stirbt bei der Geburt; der Vater, ein britischer Chirurg, verschwindet spurlos. Die Brüder erlernen beide des Vaters Beruf, werden sich auf tragische Weise trennen, und einer wird sich in die Hände des anderen und zwangsläufig auch in die Hände des verlorenen Vaters begeben müssen. Beide Brüder wird die Liebe zu einer Frau quälen, beide leben im Addis Abeba der sechziger Jahre, einer von politischen Unruhen erschütterten Hauptstadt. New York wird eine Rolle spielen, ebenso die Gesundheitssysteme der Reichen und der Dritten Welt.
Sicherlich klingt hier einiges nach Pathos, wird doch mit Nachdruck jeder Zwang in Frage gestellt, der sich ergibt, werden ökonomische Möglichkeiten mit medizinischen Notwendigkeiten auf einer Ebene notiert. Doch hier setzt der Hebel an, den uns Abraham Verghese als Botschaft zwischen die Zeilen schreibt. Eine Ausbildung, die Überflüssiges lehrt und Notwendiges nicht nachhaltig genug vermittelt, eine Heimat, die keine mehr ist, und ein Vertrauensverhältnis zwischen Abhängigen (hier Arzt und Patient), welches auf dünnstem Eis wandelt.
Über allem steht die Liebe zu den Menschen und damit ja auch die Liebe zu sich selbst. Vielleicht ist «Rückkehr nach Missing» eine Geschichte über das Vertrauen, das schnell verloren geht und schwer wiedergewonnen wird. Oder es ist eine Erzählung vom Glauben an die Unendlichkeit der Mutterliebe, die alles in jeder Zukunft zusammenfügen wird, gleich welcher Wirklichkeit, Region und Gesellschaft wir angehören. Dass ein Buch Farben in uns malt, Stimmen schafft und Figuren entstehen lässt, nehmen wir als selbstverständlich an. Wie Abraham Verghese diesen Anforderungen genügt, wird uns zuvorderst etwas fremd erscheinen, dann erstaunen und letztendlich erlösen. «Rückkehr nach Missing» ist ein Buch, das nie zu schwer wiegt und doch kein leichtes Lesen verspricht. Wer bereit ist, sich auf ein tragisches Abenteuer einzulassen, der wird genießen können.
Abraham Verghese, als Sohn indischer Eltern geboren in Äthiopien, spendet wohl einiges an eigenem Leben dem Roman; das macht ihn echt. Wie viel der Leser davon annehmen und verstehen will, bleibt ihm selbst überlassen. Die schöne Kunst des Erzählens dürfen wir hier genießen und zahlen als Preis dafür nur Aufmerksamkeit und Auffassungsgabe, sofern wir geneigt sind, uns in eine fremde Welt fallen zu lassen. ■
Abraham Verghese, Rückkehr nach Missing, Roman, Insel Verlag, 770 Seiten, ISBN 978-3-458-17450-9
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Aufgeschnappt
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Leben Bläser gefährlich?
Den Druck im Blut und in den Augen erhöht massiv, wer ein Blasinstrument spielt. Das kann nach jahrelangem, intensivem Musizieren zu ernsten Gesundheitsproblemen führen, wie nun eine Dissertation des deutschen Optometrie-Studenten Gunnar Schmidtmann nachweist. Seine Studie zeigt, dass der deutlich erhöhte Augen-Innendruck zumal beim Spielen von Holzblasinstrumenten eine Glaukom-Erkrankung (Grüner Star) begünstigt.
Schmidtmanns Arbeit, in deren Rahmen bei 15 professionellen Blasmusikern an der Musikhochschule Lübeck der intraokulare Druck sowie der Blutdruck während des Spiels untersucht wurde, belegt eindrücklich, dass das Spielen eines Blasinstrumentes zu einem Anstieg des Druckes im Brustraum führt, was wiederum zu einer Stauung des Blutes in den ableitenden Blutgefässen des Auges, zu einer Behinderung des Abflusses des Kammerwassers und damit zum besagten Anstieg des Augeninnendrucks führt. Langfristig kann diese starke Belastung sogar zu Schäden am Sehnerv führen.
Wie Hans-Jürgen Grein, betreuender Professor der entspr. Arbeit, in einem Interview gegenüber dem Schweizer «Pressetext»-Portal ausführte, sei es angezeigt, eine «regelmäßige ärztliche Untersuchung der Augen bei professionellen Holzbläsern» vorzunehmen. Studien-Autor Gunnar Schmidtmann ergänzend: «Es ist nicht ungesund, ein Blasinstrument zu spielen. Allerdings sollten besonders ältere Berufsmusiker wie auch Augenärzte aufmerksam für das Thema werden». ■
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Humoreske von Franz Trachsel
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Hab Sonne im Rücken!
Franz Trachsel
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Auf Rad- und Fußwegen als Stuntman aufzutreten ist nicht der spektakulärste Ort dafür und daher von anderer «Persönlichkeitsstruktur» als im angestammten Film. Anderer Natur daher auch der hier abgehandelte Auftritt, nämlich teils außerirdischer, teils aber vor Ort in Szene gesetzter. Eine Stuntrealität jedoch insofern, als der gewöhnliche Erdenbürger, vorausgesetzt er ist ein Radfahrer, als solcher gemeinsam mit keiner Geringeren als mit Frau Sonne am Himmel Regie führt und zwar in Gestalt eines aktivierten Schattens seiner selbst.
Schatten haben sowohl als Begriff wie auch real ein physikalisch misshelliges Dasein. Sie sind sozusagen Licht und Schatten zugleich. Das vor allem mit einem immens belebten Adria-, einem Balearen- oder Atlantic-City-Strand oder wo auch immer rund um den Erdball, mit schattenspendenden Palmen auf einer Wüstenoase, vor Augen. Selbst dem Radfahrer müssen Licht und Schatten, soweit in Stuntgestalt, nicht bloß als nichtsnutzige Begleiterscheinungen vorkommen. Zur richtigen Tageszeit – Schönwetter vorausgesetzt – am richtigen Ort in der einschlägigen Richtung unterwegs, erlebt er sie einer pfiffigen Himmelslaune, ja -gunst gleich. Und zwar mit Frau Sonne im Rücken. Sollte sich angesichts dessen in ihrem nach Milliarden von Jahren zählenden, höchst warmen Antlitz auch nur ein Hauch von Herzlichkeit regen, dann gewiss aus Freude darüber, aus knapp 150 Millionen Kilometern Entfernung an solch einem präzisen Erdbewohner-Phänomen maßgeblich beteiligt zu sein. Das umso mehr, als fast alles dafür spricht, dass wir die einzigen Lebewesen der Primatenspezies sind, die sich so in ihrem Licht-, Wärme- und Blickfeld tummeln.
Erstmals muss sich solcherlei Einvernehmen auf Mutter Erde – Strassen, ob von den Radfahrern gleich als solche wahrgenommen oder nicht – zur Zeit der meisten Fahrräder vor 200 Jahren eingestellt haben. Dies noch 150 Jahre bevor selbst im Fahrrad-Akkumulator mitgeführte Solar-, also von Frau Sonne gespiesene Energie den Fahrer bei Bedarf beim Pedalen zu unterstützen begann.
Schöne Tage zeichnen sich bekanntlich vielfach auch durch geradezu romantische Abende aus. Herbstabende zum Beispiel können eigentlichen Günstlingen gleich daherkommen. So die Stunden erfüllter irdischer Ansprüche Mr. Stunts: Ein vor allem fülliger Lichteinfall aus spiegelklarem Himmel. Fallen dessen abendlich milde Strahlen flachst denkbar und makellos linear zum West-Ost-Weg ein, sieht er die entscheidend wichtigen Voraussetzungen für seine stolzen Auftritte erfüllt.Etwas Musisches bis schattenhaft Strenges ist nun einmal dran und eine Prise Satire dazu. Musisch der Schattenwurf in Stunts-Gestalt selber, satirisch aber das Wie! Wem sonst nämlich wäre es beschieden, seinen Auftritt grundsätzlich nur bodenflach kopfvoran zu erbringen! Und welcher zum Zeitpunkt seiner Auftritte auf dem demselben Weg unterwegs befindliche Fußgänger nähme nicht Rücksicht auf solcherlei reichlich anders gelagerte Verkehrsteilnehmer! Als solche zeichnet sie nun einmal eine ureigene Signalwirkung aus, die ihresgleichen sucht. Je .länger die Schattengestalt, bei idealem Sonnenlicht-Einfall zwölf und mehr Meter, desto ansehnlicher der Abstand des in Wirklichkeit hinterher Pedalenden und zum Beispiel von Spaziergängern als umso schicklicher empfunden, ihm auf eine freie Fahrt auszuweichen. Wenn sich da nicht selbst Frau Sonne, ihrem abendlichen Untergang nahe, angesichts dessen nicht bisweilen aus ihrer schier universalen Ferne im Sinne eines «Hab Sonne im Herzen» ein diskretes Schmunzeln leisten würde! Aber wie sie sich rund um den Erdball und rund um die Uhr pausenlos irgenwo von neuem auf eine gute Nacht verabschiedet, so meldet sie sich unaufhaltsam stets auch irgendwo auf einen neuen Tag.
Ob dann durch unfreundliche Wolkenhüllen am Bestellen jeweiliger neuer Stunts gehindert, das ist hier Frage. Desgleichen auch ob solche irgendwo auf dem Erdball sich auch durch ihre gute mitteleuropäische Schlankheit auszeichnen. Und das unabhängig von ihrer bisweilen ansehnlich bodeneben dahinhuschenden Länge. So oder so, es lohnt sich als Radfahrer solche gleich am Morgen gemeinsam mit Frau Sonne wieder kreiieren zu gehen. Ihr Auftritt lässt sich zu früher Stunde nach ihrem Aufgang, ob gleich nun aus Osten dem Westen entgegen, diesmal erst recht sehen und erleben. Was, wenn die Frühe, der Einfallswinkel und dessen Linearität stimmen, den jungen Morgen an auffälliger Frische auszeichnet, zeichnet nämlich desgleichen auch seine Stunts aus. Und der mitverantwortliche Regisseur, der Radfahrer hätte (ob mit oder ohne vor ihm unterwegs befindliche Fußgänger) Grund, das bekannte Lied «Hab Sonne im Herzen» auf «Hab Sonne im Rücken» abgewandelt zu singen! Denkbar, dass er damit sogar ans Herz des Stuntmans zu rühren vermöchte! ■
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Franz Trachsel
Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH
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Wettbewerb für junge Klavier-Komponisten
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Gesucht: Werk für Piano solo
Die an der University of Georgia domizilierte American Liszt Society ALS schreibt für 2011 einen Kompositonspreis für Klavier solo aus. Teilnehmen können junge Komponist/inn/en jeglicher Nationalität im Alter von 24 bis 38 Jahren. Das ein- oder mehrsätzige Klavierstück soll eine Dauer von acht bis fünfzehn Minuten aufweisen, und es sollte bisher unveröffentlicht und unaufgeführt sein. Der von der Firma Steinway&Sons ausgestattete Wettbewerb ist mit 4′000 Dollars dotiert, das Siegesstück wird von der ALS in Georgia 2011 uraufgeführt. Einsende-Schluss ist am 1. Februar 2010, die weiteren Details (engl.) finden sich hier. ■
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Gerd Arendt: «Instrumentalunterricht für alle?»
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Effizienz und Perspektiven des Klassenmusizierens
Christian Schütte
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Instrumentalunterricht für alle? Dieser Frage widmet sich Gerd Arendt in seinem kürzlich erschienenen Buch, das als Band 91 im Forum Musikpädagogik in den Augsburger Schriften, herausgegeben von Rudolf-Dieter Kraemer, veröffentlicht ist.
«Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts» heißt es im ausführlichen Untertitel. Damit greift der Autor ein Thema auf, das in den vergangenen Jahren in Deutschland flächendeckende kulturpolitische Relevanz bekommen hat. Das Klassenmusizieren ist zu einer vielfältig eingesetzten Institution geworden, Schüler bekommen im Rahmen dieser Maßnahme die Möglichkeit, zwei Jahre lang begleitend zum sonstigen Unterricht mit ihrer Klasse musikalisch zu arbeiten. Das kann in Form von Blasinstrumenten passieren, die dann zu einem Ensemble geformt werden, aber auch in Form eines Chors. Allgemeinbildende Schulen arbeiten mit den örtlichen Musikschulen zusammen, gefördert wird das Projekt in der Regel durch die Kultus- und oder Wissenschaftsministerien.
Ansatz und zugleich Legitimation des Autors für seine Studie ist, dass der flächendeckenden Ausbreitung des Klassenmusizierens noch keine qualitativ und quantitativ entsprechende Studie über Erfolg, Effizienz und Perspektiven entgegengesetzt wurde. Qualitätskontrolle ist ein wichtiges Stichwort nicht nur in der freien Wirtschaft geworden, und die finanziellen Mittel, die in die Projekte fließen, drängen solche Erhebungen nachgerade auf.
Die Untersuchung ist klar und plausibel gegliedert: Teil A) legt die theoretische Grundlage dar, Teil B) widmet sich unter dem reichlich chicen Titel «Das Forschungsdesign» Darstellung und Methodik des Forschungsansatzes, Teil C) dokumentiert empirische Untersuchungen, und in einem ausführlichen Teil D) fasst der Autor seine Forschungsergebnisse zusammen.

«Wenn Kinder auf musikalische Entdeckungsreise gehen und spielend miteinander ans Ziel kommen»: Klassenmusizieren in der Schweiz
Teil A) ist eine gründliche Bestandsaufnahme. Geschichte und aktuelle Situation des Klassenmusizierens in Deutschland werden anhand verschiedener Beispiele aufgezeigt, einzelne Ländervorhaben wie das in Nordrhein-Westfalen gestartete «JEKI»–Projekt (Jedem Kind ein Instrument) dabei in Beziehung zu flächendeckenden Praktiken gesetzt. Dabei zeigt der Autor ein sensibles Gespür für Problematisierungen von Begrifflichkeiten, die bereits in sich Fragen aufwerfen, bevor es überhaupt zur Beschäftigung mit Inhalten kommt. Ein Beispiel: Die Kennzeichnung des Vorhabens mit dem Begriff «Projekt» stellt der Autor in folgender Passage zutreffend in Zweifel: «Aber diese ‘Projekte’, die als Teilnehmer in Frage kommen, sind – liest man etwa den Bericht von ‘Learnline’ (NRW-Schulministerium) – allesamt schon lange über ein ‘Projektstadium’ hinaus, manche Streicher- bzw. Bläserklassen bestehen sogar über zehn Jahre. Warum untergräbt man also durch die gewählte Diktion die Relevanz bereits bestehender Konzepte und suggeriert auf diese Weise, es bestünde trotz einer zugestandenen Etablierung [...] der Charakter einer gewissen Vorläufigkeit, gleichsam einem «Unterrichtsversuch»? (S.18)
Im Kapitel «Forschungsdesign» entwirft der Autor u.a. einen Thesenkatalog, mit dem er noch einmal grundsätzlich auf die bislang nahezu unerforschte Praxis, Wirkung und Effizienz des Klassenmusizierens hinweisen will: «Eine mutmaßliche ‘Langfristigkeit’ der Wirkung des Klassenmusizierens ist schon deswegen nicht auszuschließen, da sich bestimmte Bezugspunkte bei der Entwicklung der musikalischen Persönlichkeit bei fast jedem Menschen noch Jahre später nachvollziehen lassen.» (S.52) – und das ist sicher eine wertvolle Ausgangsbasis der weiteren Untersuchungen, die gleichwohl auch unter folgender Prämisse stehen: «Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess langfristiger Dimension.» ( S.52).
Dies ist nur ein signifikantes Beispiel aus der Untersuchung, mit dem der Autor klar zu erkennen gibt, dass er mit seinem Buch unter anderem eines will: Gedankenanstöße geben, Fragen aufwerfen, die weiter und vor allem tiefer verfolgt werden können und müssen, um die Relevanz der immer flächendeckender werdenden Projekte zur musikalischen Breiten- und Nachwuchsförderung aufzuzeigen bzw. sie zu legitimieren. Hierzu hat Gerd Arendts Untersuchung hohen Wert.
Abgerundet wird die Darstellung u.a. durch Erfahrungsberichte ehemaliger Teilnehmer des Klassenmusizierens. Das ist einerseits plausibel insofern, als auf diese Weise etwa die Motivation dargelegt wird, später Schulmusik studiert und damit gleichsam die Perspektive gewechselt zu haben. Inwieweit andererseits das Gesamtvorhaben durch Äußerungen relativiert wird, die klar zum Ausdruck bringen, das Projekt habe aus der Sicht der Schüler in Einzelfällen mehr soziale Auswirkungen denn musikalische gehabt, sei dahingestellt. Wenn das jedenfalls als Wirkung und Funktion hängen bleibt, ließe sich das Projekt als solches einigermaßen beliebig gegen andere austauschen… ■
Gerd Arendt, Instrumentalunterricht für alle? – Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts – Forum Musikpädagogik, Band 91 Augsburger Schriften (Hrsg: Rudolf-Dieter Kraemer), Wissner-Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3-89639-710-2
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INHALTSVERZEICHNIS
A) Theoretischer Teil
1. Einleitung
1.1 Einführung in das Forschungsvorhaben
1.2 Zur Definition des Untersuchungsgegenstands
2. Die aktuelle Situation
2.1 Klassenmusizieren in der Bundesrepublik Deutschland
2.2 Exkurs: „JeKi“ – eine neue Perspektive?
2.3
Ziele und Motive des Klassenmusizierens
2.3.1 Lehrerinteressen/Schülerinteressen
2.3.1.1
Lehrerinteressen
2.3.1.2
Schülerinteressen
2.3.1.3
Das Problem der unbekannten Handlungsziele
2.3.2 Finanzielle Aspekte des Klassenmusizierens
2.3.3 Transfereffekte
2.4
Zum gegenwärtigen Stand der Forschung
3.
Exkurs: Erfordernisse bei der praktischen Umsetzung –
eine Problemskizze
3.1
Fragestellungen
3.2
Vorstudie
3.3
Zwischenfazit
3.4
Didaktische Konzepte
3.4.1 Der institutionelle Diskurs
3.4.2 „Praktikerliteratur“ und Unterricht
3.4.3 Zusammenfassung
3.5
Zur Notwendigkeit einer fundierten Instrumentaltechnik – ein Beispiel
B) Das Forschungsdesign
4.
Ausfaltung des Forschungsansatzes
4.1
Zwei Jahre Klassenmusizieren – was dann? Eine Bestandsaufnahme
4.2
Thesenkatalog
4.3
Konkretisierung des Untersuchungsgegenstands
4.4
Die Rolland-Methode im Kontext der Konzepte
4.4.1 Das Konzept Paul Rollands
4.4.2 Unterrichtsbeschreibung
4.4.3 Lehrmaterialien für den Streicherklassenunterricht
4.4.4 Klassenmusizieren – ein amerikanisches Modell für Deutschland?
5. Zur Methodik
5.1 Begründung der Vorgehensweise
5.2 Die Schule
5.3 Auswahl des Forschungsorts – das soziale Umfeld
C) Empirischer Teil
6. Schriftliche Befragung
6.1 Fragestellung
6.2 Der Fragebogen
7. Auswertung der schriftlichen Befragung
7.1 Häufigkeitsanalyse
7.1.1 Fragekomplex (A) – Musikinstrument
7.1.2 Fragekomplex (B) – Musiksoziologie
7.1.3 Fragekomplex (C ) – Musikunterricht
7.1.4 Fragekomplex (D) – Musiktheorie
7.2 Korrelationsstudie
7.2.1 Einflussgrößen
7.2.2 Zur Signifikanz der Klassenzugehörigkeit bei der Stichprobe
7.3 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
7.4 Folgerungen
8. Interviews
8.1 Exkurs: Repräsentativität und Validität
8.2 Auswahl der Probanden
8.3 Konzeptionelles
8.3.1 Fragetechnik
8.3.2 Interviewleitfaden
8.4 Zum Einzelfall-Approach
9. Auswertung der Interviews
9.1 Wissenschaftstheoretische Überlegungen zum Auswertungsverfahren
9.2 Zur Analysepraxis
D) Zusammenfassung der Ergebnisse
10.
Theoriebildung und Schlussthesen
10.1
Persönlichkeit
10.2
Vermittlung instrumentaler Fähigkeiten
10.3
Motivation
10.4
Vorspielstress
10.5
Kurzfristigkeit/Langfristigkeit
10.6
Theorie
10.7
Lebensalter/Instrument
10.8
Zur Modalpersönlichkeit/Schlusskommentar
11.
Zu den Folgen für die Fachdidaktik
11.1
Gegenüberstellung der Ergebnisse mit den didaktischen Ansätzen
für das Klassenmusizieren im Musikunterricht
11.1.1 Zu den Handlungszielen
11.1.2 Zu allgemeinen Lehrzielen in Bezug auf aktives Musizieren
im Unterricht
11.1.3 Zu didaktischen Zielsetzungen mit direktem Bezug
zum Klassenmusizieren
11.2
Exkurs: Zur Individualisierung von Lernprozessen
11.3
Anpassen der Unterrichtsliteratur
11.4
Lehrerfortbildung
12.
Resümee und Ausblick
E)
Anhang
13.
Daten
13.1
Fragebogen Streicherklassenunterricht
13.2
Interviews
13.2.1 „Die Zeit danach hängt davon ab, wie die Lehrkräfte mit der Zeit danach umgehen“ – Anne Gerbel
13.2.2 „An Pädagogik war das gut, womit ich klar kam“ – Florian Zeltmann
13.2.3 „Es war für mich schlimm, wenn ich es nicht so hingekriegt habe wie die anderen“ – Matthias Hohenhövel
13.2.4 „Es hat große Auswirkungen auf die Musikalität später gehabt“ – Katharina Dorfmann
13.2.5 „Als ich hinterher auf die Musikschule gegangen bin, musste ich sehr viel umlernen“ – Julian Wittbrodt
13.2.6 „Der Streicherklassenunterricht hat einen Riesenstellenwert, weil ich sonst nicht an das Cellospielen gekommen wäre – vielleicht sogar an die Musik an sich“ – Martin Terlinden
13.2.7 „Streicherklassenunterricht ist eine Zusatzqualifikation“ – Dajana Sattler
13.2.8 „Es hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich Musik studiert habe“ – Marion Twehle
13.3 Korrelationsmatrix
14. Literatur
14.1 Forschungsliteratur
14.1.1 Bücher
14.1.2 Aufsätze
14.1.3 Unterrichtspraktische Literatur/Noten
14.2 Methodik
14.3 Forschungsaffine Literatur (Auswahl)
14.4 DVDs und Videos
15. Abbildungsnachweis
15.1 Abbildungen
15.2 Tabellen
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