Literatur - Musik - Schach
Editorial / Inhalt
…sind drei auf den ersten Blick heterogene Kulturphänomene. Beim zweiten Hinsehen werden
Gemeinsamkeiten offenbar, denen nachzuspüren eine der Intentionen dieses neuen
Internet-KulturJournals ist.
Und: Literatur, Musik, Schach - das steht für drei der grundlegenden menschlichen Komponenten,
nämlich fürs Denken, fürs Fühlen, fürs Spielen. - Das «Glarean Magazin» verfolgt keinerlei
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Wir wünschen Ihnen informative und amüsante Stunden mit dem «Glarean»! - - Walter Eigenmann
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Rubriken
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Aktuell
Exklusiv im Glarean Magazin: Das Musik-Kreuzwort-Rätsel
Heute vor … Jahren: «Die Schöpfung» von Joseph Haydn
Neues Testverfahren für Schach-Programme: Der «Barometer-Engine-Test»
Der neue Essay: Arnold Leifert über die «Literatur als Geschehnis»
Die Top-Buchneuheit: «Musikwelt des Barock»
Zitat der Woche: Peter Sloterdijk «Das moderne Selbst und die Welt»
Neue Lyrik von Bernd Ernst
Heute vor … Jahren: «Die Zofen» von Jean Genet
Exklusiv im Glarean Magazin: Das Schach-Alphabet
Musizieren im Alter: Arbeitsfelder und Methoden
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Das Schach-Alphabet
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Buchstabe H - Weiß gewinnt
Copyright 2008 by Walter Eigenmann / Glarean Magazin
Schach-Rätsel - Buchstabe H
Auflösung hier
Das Zitat der Woche
Das moderne «Selbst» und die «Welt»
Peter Sloterdijk
In der Moderne brechen die Klammern, die im klassischen Denken Reflexion und Leben zusammenhielten, auseinander. Es wird uns immer deutlicher, daß wir im Begriff sind, für Selbsterfahrung und Welterfahrung den gemeinsamen Nenner zu verlieren. Sogar das ehrwürdige Postulat der Selbsterkenntnis gerät heute in den Verdacht, naiv gewesen zu sein, und was einst als Gipfel der Reflektiertheit erschien, steht heute dem Argwohn gegenüber, es sei womöglich nur eine Luftspiegelung, entstanden aus dem Mißbrauch der Reflexions-Metapher. Tatsächlich hat sich der weitaus größte Teil heutiger Objektkenntnisse von jeder Beziehung auf ein Selbst abgekoppelt und steht unserem Bewußtsein in jener ausdifferenzierten Sachlichkeit gegenüber, von der kein Weg mehr «zurück»gebogen wird zu einer Subjektivität.
Im modernen wissenschaftlichen Wissen erfährt nirgendwo ein Ich sich «selbst», und wo dieses sich noch über sich selber beugt, läßt es mit seiner offenkundigen Tendenz zur weltlosen Innerlichkeit die Realien hinter sich. So sind für das heutige Denken Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten, Subjektivitäten und Sachen zu «fremden Welten» auseinandergefallen. Damit entfällt zugleich die klassische Prämisse des Philosophierens. Den Satz Erkenne dich selbst! verstehen die Modernen längst als Einladung zum Egotrip einer weltflüchtigen Ignoranz. Die moderne Reflexion spricht sich ausdrücklich die Kompetenz ab, Subjektivitäten bruchlos in objektive Welten einzubetten; was sie aufdeckt, ist vielmehr der Abgrund zwischen beiden. Das «Selbst» weiß sich auf geheimnisvolle Weise an eine «Welt» angeschlossen, ohne daß es sich in ihr im Sinne griechischer Kosmologie selbst erkennen könnte; und keine «vermittelnden» Instanzen wie Sozialpsychologie oder Neurophysiologie vermögen daran etwas zu ändern.
Die moderne Selbstreflexion kommt daher bei all ihren «Rück-biegungen» nicht mehr «nach Hause». Die Subjekte wissen sich weder in «sich» noch in ihren Umwelten als «bei sich daheim». Dem radikalen Denken der Moderne enthüllt sich am Selbst-Pol die Leere und am Welt-Pol die Fremdheit, und wie sich ein Leeres in einem Fremden «selbst» erkennen sollte, kann sich unsere Vernunft beim besten Willen nicht vorstellen.
(Aus: Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp 1983)
Neues Test-Verfahren für Schach-Programme
Der «Barometer»-Engine-Test (B-E-T)
Walter Eigenmann
Schon seit Jahren besteht die Hauptbeschäftigung der weltweit zahllosen PC-Schach-Anwender darin, auf ihren heimischen Rechnern die mittlerweile hunderte von Schach-Engines mehr oder weniger systematisch gegeneinander antreten zu lassen, um aufgrund der Partien-Ergebnisse Rankings zu generieren. Denn in der internationalen (Computer-)Schach-Szene galt und gilt es bis heute als ausgemacht, dass die Spielstärke eines Schach-Programmes allein mit Hilfe von entsprechenden Turnieren zuverläßig zu ermitteln sei. Andere Verfahren der Rangierung wurden/werden praktisch einhellig als «zufällig», als «partikulär» oder gar als «subjektiv» kritisiert.
In vielwöchiger Arbeit - verteilt auf zwei Jahre - hat der Autor nun einen Stellungstest für Schach-Programme entwickelt, welcher die Rangliste der Engines genau so zuverläßig generiert wie die beiden Referenz-Turnier-Rankings der aktuellen Computerschach-Szene (nämlich CEGT und CCRL).
Die neue Test-Suite heißt B-E-T («Barometer Engine Test») und umfasst exakt 400 Schach-Aufgaben, die je innerhalb einer Minute zu lösen sind. Der «Barometer» benötigt also nur knapp sieben Stunden, um die definitive Spielstärke eines neuen Programmes zu eruieren. Das u.U. wochen- und monatelange zeitaufwändige Austragen abertausender Turnier-Partien allein zwecks Ermittlung der Engine-Performances ist damit Vergangenheit.
Positiv formuliert: Der B-E-T setzt Rechner- wie Human-Time-Ressourcen frei, welche inskünftig sinnvolleren Computerschach-Beschäftigungen als der (statistisch relevanten, aber schachlich meist völlig ignorierten Blitz-) Partien-«Produktion auf Halde» zugute kommen (könnten).
Unnötig zu erwähnen, dass selbstverständlich die Generierung von Engine-Engine-Partien, sofern sie mit langen Bedenkzeiten (=mind. 30Min/Engine) auf schneller Hardware gespielt werden und damit qualitativ hochstehendes Schach produzieren, nach wie vor wichtig ist, ja immer wichtiger wird. Denn je länger die Software-Entwicklung des Computerschachs andauert, umso klarer wird der gesamten Schach-Welt, dass mittlerweile das ganz «hohe Schach» nicht mehr in den Säälen der Großmeister-Turniere, sondern in den Veranstaltungen des virtuellen «Freestyle-Chess» stattfindet - oder in absehbarer Zeit überhaupt nur noch auf den privaten 8-Cores-Maschinen.
Exkurs1: Die «Spielstärke»
Ein ewiger definitorischer Streitpunkt nicht in der weltweiten Schach-Community, aber in den Computerschach-Foren ist der Begriff der «Spielstärke». Die vorliegende Untersuchung verwendet diesen Terminus in einem pragmatischen Sinne - wie das in der gesamten Schach-Welt der Fall ist. Demnach nennt man beispielsweise Ex-Weltmeister-Kasparow (zurecht) deshalb den «stärksten Spieler» seiner Epoche, weil er mehr Turnier-Partien gegen seinesgleichen gewann als die anderen. Er war also nicht zwingend gleichzeitig der «stärkste Blitzer», der «stärkste Problemlöser», der «stärkste Kommentator», der «stärkste Eröffnungstheoretiker», etc. - aber er war der stärkste Turnier-Spieler, weltweit anerkannt als die Nummer Eins, und als solche mathematisch dokumentiert im internationalen Elo-System.
Die Dominanz Kasparows hat im aktuellen Computerschach ihr Analogon: Das Programm «Rybka» beherrscht zurzeit die Turnier-Szene unangefochten; es ist das also «spielstärkste» Programm. (Dabei ist es beispielsweise allenfalls Image-schädigend, aber ihre Performance nicht wirklich beeinflussend, dass diese «stärkste» Engine bis heute auch durchaus Peinlichkeiten produzieren kann, wie sie andere Spitzen-Programme nicht aufweisen (beispielsweise mangelhafte Unterverwandlung, oder spezifische Zugzwang-Probleme, oder ziemliche Defizite im Königsangriff, u.a.)
Eine wesentliche Komponente von «Spielstärke» ist zweitens - gerade, aber nicht nur im Zusammenhang mit Computerschach - die Schnelligkeit. Bereits Vidmar (in seinen legendären «Goldenen Schachzeiten») wies explizit darauf hin, dass «die Geschwindigkeit des Denkapparates» für den Erfolg in dem Zeit-Sport Schach entscheidend ist. Für den B-E-T heißt das, dass das schnellste Programm in einer bestimmten Stellung auch dann das «stärkste» heißt, wenn alle anderen (langsameren) Programme die Aufgabe genauso lösen. (Pointiert formuliert: Irgendwann findet auch die «dümmste» unter den Engines die Lösung…) Der «Barometer» relativiert allerdings diesbezüglich nicht weiter (im Gegensatz etwa zu differenzierteren, aber mit anderen Fehlern behafteten Auswertungsverfahren wie z.B. «EloStatTS» des Statistikers Frank Schubert): Der B-E-T gibt ein Zeit-Fenster vor, und das vermag ein Programm einzuhalten - oder eben nicht einzuhalten.
Exkurs2: Der «beste Zug»
Für gehörige Begriffsverwirrung, und diesmal nicht nur in der Computerschach-Szene, sorgt eine zweite, ebenso häufig wie nebulös benützte Vokabel: jene des sog. besten Zuges. Der Grundsatz-Streit, ob - wie z.B. Tarrasch proklamierte - jede Schach-Stellung (auch die vordergründig völlig «ausgeglichene») einen objektiv «einzigen besten» Zug aufweise, den es zu finden gelte, ist alt. Nun kann für den menschlichen Turnier-Kämpfer die Maxime, nach diesem «Einzigen» zu fahnden, nur schon aus Zeit-Gründen nicht gelten. Vielmehr beziehen bekanntlich moderne Großmeister nicht nur ihr theoretisches, sondern konsequent ebenso ihr Wissen über die spezifischen (auch psychologischen) Stärken und Schwächen der Gegnerschaft mit in die Zug-Auswahl ein.
Anders beim computerisierten Schach - zumal im Zusammenhang mit einer Aufgaben-Sammlung: Hier ist die Forderung nach dem «Einzigen Besten» nicht nur legitim, sondern sogar zwingend. Denn es gilt (ohnehin jenseits aller Psychologie) die Zufälligkeiten der Engine-typischen Zug-Generierung, resultierend aus meist «vager» Bewertung nach Bauerneinheiten, dergestalt zu umgehen, dass sich der gesuchte von den Kandidaten-Zügen «deutlich» abhebt, damit die Test-Stellung aussagekräftig wird.
«Praktisch gleich gute Züge» können schachlich interessant oder amüsant sein (und z.B. im Fernschach durchaus zur Plan-Findung durch den Menschen beitragen), sind aber als Test-Grundlage für Schach-Programme völlig ungeeignet, weil sie die «Entscheidung», den «Willen», das «wahre» Rechen-Ergebnis einer Engine nicht unmissverständlich und definitiv dokumentieren, sondern der präferierte Zug zum Zufalls-Produkt auch außerschachlicher Prozesse (Hardware-technische «Unebenheiten», Hintergrund-Aktivitäten, Memory-Nutzung u.a.) werden kann.
Dieses Problem der Nichtreproduzierbarkeit von Test-Ergebnissen wird noch verschärft durch die modernen Multi-CPU-fähigen Engines; schon bald nach Erscheinen der ersten Dual- und Quad-Geräte wurde klar, dass manchmal Partie-Züge in gleichen Stellungen bei manchen Programmen unter sonst gleichen Bedingungen unterschiedlich ausfallen. Das Phänomen kann aber (von einem Stellungstest-Autor) grundsätzlich ignoriert werden. Denn erstens ist es sehr selten (sprich auf ein paar hundert Stellungen und hundert Engines schätzungsweise in 15-20 Fällen vorkommend), und zweitens kann es durch die (schon oben angesprochene) sorgfältige Selektion «deutlich bester» Züge praktisch eliminiert werden. Zudem: Schach-Engines sind keine totalchaotischen Systeme: Sie arbeiten (meist deterministisch) Computer-Code ab. Kurzum: Erfolgreiches Schachspielen heißt grundsätzlich einerseits gute Züge finden und andererseits schlechte Züge vermeiden - in diesem Grundsatz unterscheiden sich Mensch und Maschine nicht. Das bessere Programm findet insgesamt mehr beste Züge, und das insgesamt schneller, als das schlechtere - und genau dies zu dokumentieren ist Aufgabe eines sorgfältig konzipierten Computerschach-Stellungstests.
Genesis eines Stellungstests
Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit dem B-E-T war die Frage, welchen Grad an (computer-)schachlicher Repräsentanz ein paar hundert Aufgaben-Stellungen aufweisen müssen/können, damit die jeweilige Summe der von einem Programm erzielten Lösungen stark mit jenem Rang korreliert, den dieses Programm im durchschnittlichen Turnier-Betrieb innehat. Dieser «durchschnittliche» Rang wird ausgewiesen in den «Elo»-Ergebnissen, welche die beiden weltweit meistkonsultierten und zuverläßigsten, weil statistisch abgesicherten und dabei sowohl personell wie organisatorisch unabhängig voneinander agierenden Engine-Test-Organisationen CEGT und CCRL liefern. Die Zielsetzung war also, dass die Engine-Ergebnisse des B-E-T in keinem Falle einen höheren Abweichungsgrad aufweisen, als ihn eine Engine im direkten durchschnittlichen Vergleich dieser beiden Referenz-Ranglisten aufweist.
Nun war dem Problem mit mehr oder weniger wahllosem Engine-«Ausprobieren» von ein paar hundert Schachstellungen grundsätzlich nicht beizukommen. Angesichts so hochkomplexer Wirkungsketten, wie sie Schachpartien-Züge darstellen, würde einen Sterblichen das schiere Material erschlagen, und stünden ihm auch zwanzig Hochleistungs-Computer gleichzeitig zur Verfügung.
Die Lösung lag vielmehr da, wo sie auch jeder Großmeister sehr erfolgreich findet: in der Typisierung. Es galt, die insbesondere computer-schachlich relevanten Stellungs-Muster so systematisch wie möglich zu katalogisieren: Taktisch bereinigte, analoge Zug- bzw. Züge-Elemente wurden zu übergeordneten Motiven zusammengefasst; diese miteinander verwandten Motiv-Bündel wiederum ergaben ein neuerlich übergeordnetes Paradigma. Das heißt also, dass jede Aufgabe des B-E-T quasi als Paradigma fungiert, welches seinerseits eine Reihe von taktisch verschiedenen, aber «im Kern» analogen, also von ihrer schachlichen «Idee» her grundsätzlich austauschbaren Motive subsumiert. Dies Verfahren ist stark an das vielgerühmte «Muster-Denken» aller Meisterspieler angelehnt. Auf diese Weise lassen sich noch am ehesten die Miriaden von Schach-Zugmöglichkeiten bändigen bzw. durch ein paar hundert Stellungen repräsentieren.
Hierzu waren selbstverständlich eine Menge Recherchen vonnöten. Neben vielerlei moderner Schach-Lektüre war mir hier insbesondere der große Systematiker Max Euwe mit seinem 750-seitigen »Mittelspiel» hilfreich; die methodische Akribie in diesem Wälzer ist m.E. immer noch unerreicht. Rein vom Katalogisieren her konsultierte ich sodann ein zweites einschlägiges Kompendium, nämlich die Polgar-Enzyklopädie «ChessMiddleGames» (siehe deren Inhaltsverzeichnis unten) - obschon daraus kaum eine der rund 4′000 Positionen in meinem Test auftaucht, weil erstens eine Suite mit weitgehend unveröffentlichten Aufgaben entstehen sollte, zweitens der grössere Teil der Test-Stellungen aus spezifischen Computerschach-Partien stammen musste, und drittens viele dieser Polgar-Aufgaben (gemäß zahlreichen Stichproben) nicht 100%ig korrekt sind.
Was wiederum das Computerschach-Material betrifft, nutzte ich sehr ausgedehnt die sog. COMP2007, deren (bei fast 700′000 Partien) umfassende Sammlung von ausschließlich Games mit längeren und langen Bedenkzeiten auf sehr langsamer bis sehr schneller Hardware ideal für meine Stellungs-Recherchearbeit war. Hinsichtlich des Endspiels durchforstete ich - neben zahlreichen Computer- und Fernschach-Partien - schließlich die große Studien-Datenbank von H. Van Der Heijden; deren Kompositionen präsentieren, wo sie auf technisch hohem Niveau daherkommen, die «Idee», den thematischen Kern eines Endspieles oft in besonders «reiner», unverschnörkelter Form, womit sie sehr geeignet sind für Computerschach-Tests. Dabei wurde allerdings auf größtmögliche Realitätsnähe geachtet; bis auf wenige Ausnahmen hätten die fraglichen Stellungen problemlos auch in tatsächlich gespielten Computer- oder Menschen-Partien entstanden sein können. Die «Ausnahmen» betreffen spezifisch Computerschach-Technisches wie z.B. die «Zugzwang»-, «Horizont»- oder «Nullmove»-Probleme, welche gerade mit Studien hervorragend untersucht werden können.
Bedenkzeit: 60 Sekunden pro Stellung
Für eine Computerschach-Testsuite ist die Dauer der Bedenkzeit pro Aufgabe von wesentlicher Bedeutung - zumal dann, wenn mehrere hundert Stellungen von möglicherweise mehreren hundert Programmen getestet werden sollen… Hier verfolgte ich einen pragmatischen bzw. praktikablen Ansatz, denn zum einen soll der «Barometer» ein «Über-Nacht-Test» sein, der Resultate nach wenigen Stunden liefert; andererseits muss pro Aufgabe eine hohe Stabilität der Zug-Generierung gewährleistet sein; drittens soll die Bedenkzeit einigermaßen mit jener zu tun haben, die im durchschnittlichen Engine-Turnier-Betrieb der internationalen Computerschach-Community - namentlich der beiden erwähnten CEGT- und CCRL-Tester-Gruppierungen - favoritisiert wird; und schließlich war die aktuelle Hardware bzw. deren Entwicklung zu berücksichtigen.
Um allen diesen vier Punkten zu genügen, wurde der B-E-T - mittels recht ausgedehntem Stichproben-Experimentieren mit ein paar sehr starken wie sehr schwachen Engines auf einem (eher gemütlichen) «Athlon64/3000+» - auf eine Bedenkzeit von 60 Sekunden pro Stellung «geeicht». (Übrigens enthält der «Barometer» auch ca. zwei Dutzend extrem schwierige, vornehmlich strategische Aufgaben, die wahrscheinlich in absehbarer Zukunft von keinem Schachprogramm gelöst werden dürften).
Der Einfluss der Partie-Bedenkzeiten auf die Turnier-Ränge eines Schach-Programmes wird im übrigen immer wieder überschätzt. Hierzu sei eine eigene kleine Untersuchung zitiert (siehe hier ), welche das Fazit hat, dass sogar der Unterschied zwischen langer Turnier- und kurzer Blitz-Bedenkzeit nur in Ausnahmefällen relevant auf die Ranglisten durchschlägt. Mehr noch: Bei einer statistisch ausreichenden Anzahl Partien sind gar Match-Details wie Rechner-Typen, Programm-Parameter, Pondering-Einstellungen, Eröffnungsbücher, Endspiel-Datenbanken oder die Hash-Größen von sekundärer Bedeutung.
Der B-E-T in der Praxis
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels (anfangs Mai 2008) hat der B-E-T außer seinen 400 Aufgaben und einer klaren Zielsetzung noch nicht sehr viele Test-Ergebnisse vorzuweisen; sein voraussichtlicher Fahrplan in der Praxis sieht aber folgendermaßen aus:
1. Phase –> Willkürliches Testen einer Reihe «alter» und neuer Single-Engines
2. Phase –> Willkürliches Testen einer Reihe «alter» und neuer Single- und MP-Engines
3. Phase –> Regelmäßiges Testen von Engine-Neuheiten, wenn möglich innerhalb von 1-2 Tagen nach Erscheinen
4. Phase –> Erstellen von schachlichen Einzel-Profilen der Programme aufgrund ihrer Test-Ergebnisse
5. Phase –> Vollständige Dokumentation aller Stellungen und Lösungszeiten auf dieser Website
Dem Autor steht seit kurzem ein No-Name-Dual-Core6400-Gerät (mit Vista-Home/32bit, 128Mb Hash, 3-6 Nalimov-, Shredder- & EGBB-Bases, «Arena»- & «Fritz11»-GUIs) zur Verfügung, und inzwischen hat er mit der Test-Arbeit bzw. der Generierung der entspr. Rangliste begonnen. (Ich behalte mir allerdings vor, nicht absolut jede kommerzielle Engine-Neuheit zu kaufen… :-)
Diese Rangliste wird über einen längeren Zeitraum hinweg ständig aktualisiert werden; für interessierte Computerschach-Freunde und Programmierer dürfte es sich also lohnen, hier regelmäßig reinzuschauen.)
Die Computerschach-Rangliste gemäß B-E-T
Programm Lösungen 001 Rybka 2.3.2a x32 1CPU 263 002 Hiarcs 11.2 x32 1CPU 230 003 Fritz 10 x32 1CPU 229 004 Toga II 1.3.1 x32 1CPU 224 005 Fruit 05/11/03 x32 1CPU 224 006 Shredder 10 x32 1CPU 222 007 Rybka WinFinder 2.2 x32 221 008 Spike 1.2 Turin x32 1CPU 201 009 Glaurung2 eps/5 x32 1CPU 192 010 Naum 2.0 x32 1CPU 191 011 Pharaon 3.5.1 x32 1CPU 160 012 Aristarch 4.50 x32 1CPU 153 013 SOS 5.1 x32 1CPU 150 014 Colossus 2007a x32 1CPU 146 015 Crafty 20.14 x32 1CPU 136 016 Nimzo 8 x32 1CPU 134
(Stand: 16. Mai 2008)
Cartoon der Woche
Das Glarean-Musik-Kreuzworträtsel
Das Schach-Alphabet
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Buchstabe G - Weiß hält remis
Copyright 2008 by Walter Eigenmann / Glarean Magazon
Schach-Rätsel - Buchstabe G
[Walter Eigenmann 2008]
Auflösung hier
In der nächsten Woche: Buchstabe H
Das neue «Glarean»-Sudoku
Wettbewerb für junge Komponisten
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Zeitgenössische Musik für Laien
Seit 1998 führt der Landesmusikrat Bremen einen Wettbewerb für junge Komponisten aus der Region durch. Der Wettbewerb wird in 2-jährigem Turnus ausgeschrieben mit dem Ziel, mehr zeitgenössische Musik für Laienensembles zu schaffen. Es wird auf Grund eingereichter Partituren ein Kandidat ausgewählt, der einen Kompositionsauftrag erhält «mit der Auflage, das Stück in enger Fühlungnahme mit einem Ensemble seiner Wahl zu entwickeln. Auf diese Weise erhofft man sich einerseits einen Abbau der Schwellenängste bzgl. zeitgenössischer Musik und andererseits das Entstehen von neuen Werken, die auf die Aufführungspraxis von Laienensembles bewussten Bezug nehmen.» Einsendeschluss ist am 31. August 2008, die weiteren Details finden sich hier.
Das neue Streichholz-Rätsel
Cartoon der Woche
Das Zitat der Woche
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Über den Kampf der Generationen
Konrad Lorenz
«Es ist eine recht beunruhigende Tatsache, daß die heutige jüngere Generation ganz unzweideutig beginnt, die ältere als eine fremde Pseudo-Spezies zu behandeln.
Dies drückt sich in vielerlei Symptomen aus. Konkurrierende und feindliche ethnische Gruppen pflegen in betonter Weise verschiedene Trachten auszubilden oder ad hoc zu schaffen. In Mitteleuropa sind ortskennzeichnende Bauerntrachten längst verschwunden, nur in Ungarn sind sie überall dort in vollster Ausbildung erhalten geblieben, wo ungarische und slowakische Dörfer dicht nebeneinanderliegen. Dort trägt man seine Tracht mit Stolz, und zwar ganz eindeutig mit der Absicht, die Mitglieder der anderen ethnischen Gruppen zu ärgern. Genau dies tun sehr viele selbstkonstituierte Gruppen rebellierender Jugendlicher, wobei es ganz erstaunlich ist, wie sehr sich bei ihnen - trotz angeblicher größter Ablehnung alles Militärischen - der Drang zur Uniformierung durchsetzt. Die verschiedenen Untergruppen der Beatniks, Teddyboys, Rocks, Mods, Rockers, Hippies, Gammler usw. sind dem «Fachmann» an ihrer Tracht ebenso sicher erkennbar, wie die Regimenter des kaiserlich-königlich österreichischen Heeres es einmal waren.
In Sitten und Gebräuchen sucht die rebellierende Jugend sich ebenfalls so scharf wie nur möglich von der Elterngeneration zu distanzieren, und zwar nicht etwa dadurch, daß sie deren herkömmliches Verhalten einfach ignoriert, sondern indem sie jede kleinste Einzelheit wohl beachtet und in das genaue Gegenteil verkehrt. Darin liegt zum Beispiel eine der Erklärungen für das Auftreten sexueller Exzesse bei Menschengruppen, deren allgemeine sexuelle Potenz anscheinend erniedrigt ist. Ebenfalls nur aus dem intensiven Wunsch nach Durchbrechung elterlicher Verbote zu erklären ist es, wenn rebellierende Studenten öffentlich urinieren und defäkieren, wie das an der Wiener Universität vorgekommen ist.
Die Motivation all dieser merkwürdigen, ja bizarren Verhaltensweisen ist den betreffenden jungen Menschen völlig unbewußt, und sie geben die verschiedensten, oft recht überzeugend klingenden Pseudo-Rationalisierungen für ihr Benehmen an: Sie protestieren gegen die allgemeine Gefühllosigkeit ihrer reichen Eltern, für Arme und Hungernde, gegen den Krieg in Vietnam, gegen die Eigenmächtigkeit der Universitätsbehörden, gegen sämtliche «Establishments» aller Richtungen - wenn auch merkwürdig selten gegen die Vergewaltigung der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion. In Wirklichkeit aber richtet sich der Angriff ziemlich wahllos gegen alle älteren Menschen, ohne irgendwelche Berücksichtigung ihres politischen Bekenntnisses. Die linksradikalsten Professoren werden von linksradikalen Studenten nicht merklich weniger beschimpft als rechts orientierte; H. Marcuse wurde einmal von kommunistischen Studenten unter der Führung Cohn-Bendits in der gröblichsten Weise beschimpft und mit wahrhaft hirnerweichten Anschuldigungen überhäuft, zum Beispiel wurde ihm vorgeworfen, daß er vom CIA bezahlt werde. Der Angriff war nicht dadurch motiviert, daß er einer anderen politischen Richtung, sondern ausschließlich dadurch, daß er einer anderen Generation angehört.
Ebenso unbewußt und gefühlsmäßig versteht die ältere Generation die angeblichen Proteste als das, was sie wirklich sind, als haßerfüllte Kampfansagen und Beschimpfung. So kommt es zu einer rapiden und gefährlichen Eskalation eines Hasses, der - wie schon gesagt - wesensverwandt mit dem Haß verschiedener ethnischer Gruppen, d. h. mit nationalem Haß ist. Selbst als geübter Ethologe finde ich es schwer, auf die schöne blaue Bluse des wohlsituierten Kommunisten Cohn-Bendit nicht mit Zorn zu reagieren, man braucht nur den Gesichtsausdruck solcher Leute zu beobachten, um zu wissen, daß diese Wirkung erwünscht ist. All dies verringert die Aussichten auf eine Verständigung auf ein Minimum.
Sowohl in meinem Buch über Aggression (1963) wie in öffentlichen Vorträgen (1968, 1969) habe ich die Frage diskutiert, worin wahrscheinlich die ethologischen Ursachen des Generationen-Krieges zu suchen seien, ich kann mich daher hier auf das Allernötigste beschränken. Dem ganzen Erscheinungskreise liegt eine Funktionsstörung des Entwicklungsvorganges zugrunde, der sich beim Menschen in der Pubertätszeit abspielt. Während dieser Phase beginnt sich der junge Mensch von den Traditionen des Elternhauses zu lösen, sie kritisch zu prüfen und Umschau nach neuen Idealen zu halten, nach einer neuen Gruppe, der er sich anschließen und deren Sache er zu der seinen machen kann. Der instinktive Wunsch, für eine gute Sache auch kämpfen zu können, ist für die Objektwahl ausschlaggebend, besonders bei jungen Männern. In dieser Phase erscheint das Altüberkommene langweilig und alles Neue anziehend, man könnte von einer physiologischen Neophilie sprechen.
Ohne allen Zweifel hat dieser Vorgang einen hohen Arterhaltungswert, um dessentwillen er in das phylogenetisch entstandene Programm menschlicher Verhaltensweisen aufgenommen wurde. Seine Funktion liegt darin, der sonst allzu starren Überlieferung kultureller Verhaltensnormen einige Anpassungsfähigkeit zu verleihen, und ist hierin etwa der Häutung eines Krebses zu vergleichen, der sein starres Außenskelett abwerfen muss, um wachsen zu können. Wie bei allen festen Strukturen, muß auch bei der kulturellen Überlieferung die unentbehrliche Stützfunktion durch den Verlust von Freiheitsgraden erkauft werden, und wie bei allen anderen bringt der Abbau, der um jeder Umkonstruktion willen nötig wird, bestimmte Gefahren mit sich, da zwischen Ab- und Neuaufbau notwendigerweise eine Periode der Halt- und Schutzlosigkeit liegt. Dies ist bei dem sich häutenden Krebs und beim pubertierenden Menschen in analoger Weise der Fall.
Normalerweise folgt auf die Periode der physiologischen Neophilie ein Wiederaufleben der Liebe zum Althergebrachten. Das kann ganz allmählich vor sich gehen, die meisten von uns Älteren können Zeugnis davon ablegen, daß man mit Sechzig eine weit höhere Meinung von vielen Anschauungen seines Vaters hat als mit Achtzehn. A. Mitscherlich nennt dieses Phänomen treffend den »späten Gehorsam«. Die physiologische Neophilie und der späte Gehorsam bilden zusammen ein System, dessen systemerhaltende Leistung darin liegt, ausgesprochen veraltete und neuer Entwicklung hinderliche Elemente der überlieferten Kultur auszumerzen, ihre wesentliche und unentbehrliche Struktur indessen weiter zu bewahren.»
(Aus Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, Piper 1973)
Das neue Literatur-Kreuzworträtsel
Das Schach-Alphabet
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Buchstabe F - Weiß hält remis
Copyright by Walter Eigenmann / Glarean Magazin 2008
Schach-Rätsel - Buchstabe F
Auflösung hier
In der nächsten Woche: Buchstabe G
Wer bin ich?
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Women Power III
Man nannte mich das größte Naturtalent, welches das Frauen-Schach meines Landes je hervorgebracht habe. Einer der imposantesten Triumphe in meiner noch jungen Karriere war sicher der Gewinn der Junioren-Weltmeisterschaft in Istanbul. (Die Jugend-Weltmeisterschaft U18 hatte ich bereits drei Jahre zuvor in den Palmarés-Kranz gehängt.)
Inzwischen habe ich trotz meines jungen Alters (Jhg. 1985) schon mit einer ganzen Reihe hochprominenter (Schach-)Größen in ernsthaften oder auch Show-Wettkämpfen die Klingen gekreuzt: Zu meiner illustren Gegnerschaft zählten u.a. die Klitschko-Box-Brüder, Moderator Harald Schmidt oder auch das Schach-Genie Garry Kasparow.
Man sagt mir eine besondere Portion zähen Ehrgeiz nach - und dieser zahlt sich u.a. in langwierigen Endspielen aus, wie beispielsweise in dem folgenden gegen die äußerst starke, heute erst 14 Jahre junge und doch bereits als die Nummer Fünf der aktuellen Frauen-Weltrangliste rangierende Chinesin Hou Yifan (mit Schwarz). Man beachte ebenfalls das vorausgehende Läufer-Manöver im 21. Zug, welches eine Reihe vorteilhafter Abtausche einleitet.

Also: Wer bin ich?
Heute vor … Jahren
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«Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde»
Über Joseph Haydns Oratorium «Die Schöpfung»
Walter Eigenmann
Am Abend des 30. April 1798 wohnt ein illustrer, allerdings nur privat geladender Kreis von Adeligen und Musik-Freunden, von «Gönnern und Kennern», quasi das gehobene Tout-Wien im fürstlichen Palais des Joseph Schwarzenberg der ersten Aufführung eines Werkes bei, das zum Inbegriff der Nach-Händelschen Oratorien-Komposition schlechthin wird, und das zum noch heute populärsten Stück seines Komponisten avanciert: «Die Schöpfung» von Joseph Haydn.
Hell begeistert reportiert der damalige Wiener Korrespondent des «Neuen teutschen Merkur» seine Eindrücke von diesem Konzert, bei dem Haydn dirigiert und Salieri am Flügel sitzt, nach Weimar: «Schon sind drei Tage seit dem glücklichen Abende verflossen, und noch klingt es in meinen Ohren, in meinem Herzen, noch engt der Empfindungen Menge selbst bey der Erinnerung die Brust mir. [...] Die Musik hat eine Kraft der Darstellung, welche alle Vorstellung übertrifft; man wird hingerissen, sieht der Elemente Sturm, sieht es Licht werden, die gefallenen Geister tief in den Abgrund sinken, zittert beym Rollen des Donners, stimmt mit in den Feyergesang der himmlischen Bewohner. Die Sonne steigt, der Vögel frohes Lob begrüsst die steigende; der Pflanzen Grün entkeimt dem Boden, es rieselt silbern der kühle Bach, und vom Meersgrund auf schäumender Woge wälzt sich Leviathan empor.»
Das OratoriumJoseph Haydns «Die Schöpfung» (im Verbund mit seinem zweiten Oratorium «Die Jahreszeiten» / 1801) leitet eine Wende ein in der europäischen Oratorien-Geschichte bis zur frühen Wiener Klassik. Haydns weltweiter Erfolg begünstigte die Pflege des Oratoriums nun auch außerhalb des sakralen Raums, und der «Schöpfung» aufgeklärter Optimismus, ihr insgesamt unpathetischer, zwar tief-, aber nie trübsinniger Duktus und ihre theologisch mehr den Freuden denn den Leiden des Irdischen zugewandte, das «Positive» der Genesis betonende Grundhaltung - beispielsweise negieren Haydn und der Freimaurer Van Swieten den «Sündenfall» völlig! - spannt eine Entwicklungslinie über Mendelssohns «Elias» (1846) und Schumanns märchenhaftem Erlösungs-Mythos in «Paradies und Peri» (1843) bis zu Liszts «Legende von der heiligen Elisabeth» (1862) und deren ideeller Stoffnähe zu Wagners «Tannhäuser». Das 20. Jahrhundert sieht weder in stilistischer noch in formaler oder besetzungstechnischer Hinsicht eine Neu-Orientierung der Oratorien-Komposition. (Die Bezeichnung «Oratorium» ist übrigens abgeleitet vom frühen «Oratorio», dem Bet-Saal, wo Bibel-Lesungen und sonstige andächtige Betrachtungen - mit geistlichen Liedern, sog. «Lauden» - veranstaltet wurden.) Als großartige, teils gar szenisch aufführbare oratorische Werke wären für diesen Zeitraum mindestens Honeggers «Le roi David», Strawinskys «Oedipus rex» oder Schönbergs «Die Jakobsleiter» anzumerken. (W.E.) |
Der «Empfindungen Menge» des emphatischen Schreibers bei dem neuesten Opus des inzwischen als Symphoniker und Kammermusik-Genie berühmten, vor kurzem von zwei England-Reisen endgültig nach Wien zurückgekehrten Komponisten wird von all jenen geteilt, die am 7. und 10. Mai 1798 die (erneut privaten) Wiederholungen des Konzertes hören. Knapp ein Jahr später, am 19. März 1799, löst die erste öffentliche Aufführung im Hof-Theater (mit einem Riesenapparat von über 180 Musikern, ganz nach Händels monumentalem Vorbild in der Westminster Abbey) genau dieselbe ungeheure Faszination aus - «Die Schöpfung» geht endgültig auf ihren Siegeszug durch alle Kirchen und Konzertsäle der Welt.
Wesentlichen Anteil nicht am Erfolg, aber am Entstehen des Oratoriums hat der niederländisch gebürtige Musik-Mäzen, einflussreiche Österreich-Diplomat, wohlhabende Konzert-Veranstalter, erfolglose Komponist und schließliche Präfekt der Kaiserlichen Hof-Bibliothek, Baron Gottfried van Swieten. Dieser umtriebige Aristokrat, dem alle drei Wiener Klassiker regelmäßig finanzielle Zuwendungen, Subskriptionen, Kompositions-Aufträge und Auftritts-Möglichkeiten verdanken, gründet Ende der 1780er Jahre mit einer Reihe von Adligen - darunter die Grafen bzw. Fürsten Esterhazy, Liechtenstein, Lobkowitz, Kinsky, Auersperg, Lichnowsky, Trauttmannsdorff, Sinzendorf und Schwarzenberg - seine musikalische (auch Freimaurer-)«Gesellschaft der Associierten», welche jährlich mehrere ihrer sog. «Akademien» veranstaltet und dabei Werk um Werk (von Bach bis Beethoven) aus der Taufe hebt. Für Haydn übersetzt Van Swieten - Librettist und musikalischer Idee-Lieferant zugleich - den ursprünglich englischen Oratorien-Libretto-Text eines (im übrigen nicht näher bekannten) Lidley - dessen Quellen seinerseits das Buch Genesis, die Psalmen sowie John Miltons Epos «Paradise Lost» bilden - ins Deutsche.
Das Libretto folgt in seinen beiden ersten Teilen dem biblischen Schöpfungsbericht über die Erschaffung von Himmel und Erde, Wasser und Land, Pflanzen und Gestirnen sowie der Erschaffung von Tier und Mensch, wobei die drei Erzengel die traditionelle Erzähler-Rolle des «Historicus» innehaben. Miltons Dichtung grundiert bei Haydn dann den dritten, «paradiesisch-idyllischen» Teil als Zitaten-Sammlung.
Während rein Rahmen-formal die schon bei Händel zu standardisierter Ausprägung geführte, bei Händel auch szenisch-dramaturgisch durchkomponierte gattungsspezifische Abfolge von Soli-, Chor- und Orchester-Passagen beibehalten wird, geraten Haydn die stilistischen, harmonischen, melodischen und satz- wie orchestertechnischen Aspekte dieses seines berühmtesten Alters-Werkes zur musikgeschichtlich bisher beispiellosen Höchstleistung. Haydns naiv-volkstümliche Frömmigkeit (in notabene vernunftbetonter «Aufklärungs-»Zeit) kontrastiert hier mit einer kompositorischen Raffinesse und einer Ausdrucksweite wie -tiefe, die weit über die «geordnete Klarheit» der Klassik hinaus in die tonmalerische «Programm-Musik» der Spätromantik weisen. Auf die zahllosen berühmtgewordenen Passagen dieser Partitur - vom «Chaos»-Urnebel der Ouvertüre bis zum grandios überhöhenden «Amen»-Schlusschor, vom C-Dur-«Licht» bis zum «Löwengebrüll» des tiefen Kontrafagotts, von den «Pastoral-»Oboen über das «Donnergrollen» im Blech bis hin zum Mücken-Schwirren in Streicher-Tremoli - sei hier nicht eingegangen, sondern die kompositorische Innovation nur anhand des Aspektes «Dynamik» gestreift, denn letztere erfährt in Haydns «Schöpfung» eine bedeutsame Entwicklung. Zwar hatte sich nämlich schon im Frühbarock (z.B. bei Locke) die dynamische Differenzierung des Einzeltones angebahnt, und in der Folge kennt Händel den Schwellmechanismus der Orgel, Rameau verwendet bereits graphische Zeichen fürs An- bzw. Abschwellen, und Stamitz’ «Mannheimer Schule» wurde u.a. bekannt durch ihr Orchester-Crescendo. Haydns «Schöpfungs»-Dynamik nun, jetzt bis in alle Einzelheiten ausgefeilt, führt einen Effekt in die Kirchenmusik ein, den ihm viele später nachmachen: Die überwältigende Wirkung des «Subito-piano» nach dem Forte oder Crescendieren. Beispielsweise im Chor (mit Terzett) «Der Herr ist groß» mit der zweimaligen dynamischen «Rückung» bei der Stelle «…und ewig bleibt sein Ruhm».
Notenbeispiel: Fugativer Chor-Satz (Engl. Fassung von «Die Himmel rühmen…»
Neben der höchst differenzierten Orchestertechnik, aber auch dem Haydn-typisch «eingänglichen», in der Stimmführung gleichwohl sehr emotionalen, fast «malenden» Arien-Melos der «Schöpfung» ist natürlich die spezielle Behandlung des mehrfach eingesetzten (Massen-)Chores in diesem Oratorium ein weiterer Grund für seine so erfolgreiche Rezeptions-Geschichte. Wiederum sei diesbezüglich nur ein Bereich sondiert, nämlich die Kontrapunktik - und abschließend der «frühromantische» Mendelssohn-Lehrer, Goethe-Vertoner, Orchester-Dirigent, «Liedertafel-»Gründer und Haydn-Zeitgenosse Carl F. Zelter (1756-1832) zitiert: «Die Arbeit an diesen Chören ist fast überall fugenartig. Die Themata sind faßlich, und die Kontrasubjekte und Reperkussionen treten frei und natürlich einher. Nirgends Dunkelheit oder Verwirrung, und selbst die Augmentationen sind klar und stark, obgleich nirgends streng. Der Ausdruck der Worte ist wahrer und kühner als in den Arien und Rezitativen, und die Instrumentalmusik über alle Beschreibung vortrefflich durch das Ganze gewirkt [...]
Wenn aber junge, arbeitslustige Harmonisten an allen fugierten Chören dieses Oratoriums eine gewisse Leichtigkeit, Schlüpfrigkeit oder übermütige Freiheit nicht verkennen mögen; wenn sie bemerken müssen, daß in diesem großen Werke keine einzige strikte Fuge vorhanden ist: so mögen sie sich des ungeachtet gesagt sein lassen, daß, so leicht und so voll und fließend zu arbeiten nur dem möglich ist, der eine strikte Fuge mit allen ihren Attributen aufzustellen weiß. Solche Beispiele großer Meister sind für junge Künstler so verführerisch, daß sie die Kunst, fugenartig arbeiten zu lernen, wozu, bei dem entschiedensten Talente, ein anhaltender, jahrelanger Fleiß erfordert wird, gar zu gerne für eine leidige Schulfuchserei halten mögen. Es bedarf keines außerordentlichen Grades von Talent und Kunst, ein Stück hervorzubringen, in welchem man in eine Partitur von vielen Notensystemen ein Ding hineinpaßt, das Ungeübte um so eher für eine Fuge halten, je weniger es ihnen natürlich und gefällig scheint. Allein die Kunst, mit einem musikalischen Gedanken umzugehen, solchen auf eine interessante Art zu evolvieren und jede Stimme sprechen zu lassen, daß sie ein bedeutender Teil des Ganzen bleibe und das Ganze etwas Schönes sei, dazu gehört eine Übung im Fugensatze, die viel zu lange ist vernachlässigt worden; und zu Haydns unvergeßlichen Verdiensten gehört demnach auch dieses, daß seine trefflichen Kompositionen, ihr Feuer, ihre Wahrheit und Würze, großenteils dem schönen Gebrauche der Kontrapunkte und seiner Art zu fugieren zu danken haben; und Er, der mit seinem Genie und seiner ewig frischen Gedankenfülle alle seine Zeitgenossen hinter sich läßt, schämt sich nicht, seine Werke mit kontrapunktischen Schönheiten auszuschmücken, wodurch sie allen Veränderungen und Schicksalen der Zeit und Mode zum Trotz unsterblich bleiben werden, so lange die Musik eine Kunst heißt.»

Cartoon der Woche
Förderung junger Schweizer AutorInnen
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Prosa-Wettbewerb der Studer/Ganz-Stiftung
Die 2005 gegründete Studer/Ganz-Stiftung fördert jüngere Autorinnen und Autoren der Schweiz. Im Spätherbst 2008 vergibt die Stiftung zum 2. Mal in der Deutschschweiz einen Preis für das beste unveröffentlichte Prosa-Manuskript.
Gesucht werden unveröffentlichte Romane, Erzählungen und Novellen von Autorinnen und Autoren unter 42 Jahren, die noch wenig publiziert haben, das Schweizer Bürgerrecht besitzen oder ihren Wohnsitz in der Schweiz haben. Einsende-Schluss ist am 1. September 2008, die weiteren Einzelheiten liest man hier.
Zitate der Woche
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Vom Sprechen im Alltag
Ludwig Wittgenstein vs Herbert Marcuse
«435. Wenn man fragt ‘Wie macht der Satz das, dass er darstellt?’ — so könnte die Antwort sein: ‘Weißt du es denn nicht? Du siehst es doch, wenn du ihn benützt.’ Es ist ja nichts verborgen.
Wie macht der Satz das? — Weißt du es denn nicht? Es ist ja nichts versteckt.
Aber auf die Antwort ‘Du weißt ja, wie es der Satz macht, es ist ja nichts verborgen’ möchte man erwidern: ‘Ja, aber es fließt alles so rasch vorüber, und ich möchte es gleichsam breiter auseinander gelegt sehen.’
436. Hier ist es leicht, in jene Sackgasse des Philosophierens zu geraten, wo man glaubt, die Schwierigkeit der Aufgabe liege darin, dass schwer erhaschbare Erscheinungen, die schnell entschlüpfende gegenwärtige Erfahrung oder dergleichen, von uns beschrieben werden sollen. Wo die gewöhnliche Sprache uns zu roh erscheint, und es scheint, als hätten wir es nicht mit den Phänomenen zu tun, von denen der Alltag redet, sondern ‘mit den leicht entschwindenden, die mit ihrem Auftauchen und Vergehen jene ersteren annähernd erzeugen’. (Augustinus: Manifestissima et usitatissima sunt, et eadem rursus nimis latent, et nova est inventio eorum.)»
(Aus Ludwig Wittgenstein: Philisophische Untersuchungen I, Suhrkamp Verlag 1971)
«Wittgensteins endloses Sprachspiel mit Bausteinen oder Herr Schulze und Herr Müller, die sich unterhalten, können als Beispiele dienen. Trotz der einfachen Klarheit des Beispiels bleiben die Sprecher und ihre Situation unbestimmt. Sie sind X und Y, wie vertraut sie auch miteinander plaudern. Im wirklichen Universum der Sprache aber sind X und Y ‘Geister’. Sie existieren nicht; sie sind das Produkt des analytischen Philosophen. Natürlich ist das Gespräch von X und Y völlig verständlich, und der Sprachanalytiker appelliert mit Recht an das normale Verständnis gewöhnlicher Menschen. Aber in Wirklichkeit verstehen wir einander nur durch ganze Bereiche des Mißverständnisses und Widerspruchs hindurch. Das wirkliche Universum der Alltagssprache ist das des Kampfes ums Dasein.»
(Aus Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch, Luchterhand Verlag 1967)
S.Fischer-Verlag sucht Gedichte
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Jahrbuch der Lyrik 2009
Die renommierten Frankfurter S.Fischer-Verlage (Scherz, Krüger, Barth, Theater&Medien u.a.) schreiben erneut die Teilnahme an ihrem «Jahrbuch der Lyrik» aus. Herausgeber dieser jährlichen Anthologie ist nach wie vor Christoph Buchwald, diesmal unterstützt von Uljana Wolf, Trägerin des Peter-Huchel-Lyrik-Preises. Einsende-Schluss ist am 1. Juni 2008, die Einzelheiten liest man hier.
Das Schach-Wort zum Sonntag
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Isolani
Weiß zieht und gewinnt
21.Dd2 Td6 [ 21...b5 22.Te5 g6 23.Texd5 Weiß gewinnt] 22.Ted3 Tfd8 [ 22...Te8 23.Txd5 Weiß gewinnt] 23.c4 f6 [ 23...Te8 24.cxd5 Weiß gewinnt] 24.Txd5 Txd5 25.Txd5 Txd5 [ 25...Te8 26.b3 Weiß gewinnt; 25...Tc8 26.b3 Weiß gewinnt] 26.cxd5 Weiß gewinnt 1-0
(Kharlov-Villavicencio, Linares 1997)
Musik für Sinfonisches Blasorchester
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Nord-Bayerischer Kompositionswettbewerb
Der Nord-Bayerische Musikbund schreibt in Zusammenarbeit mit «flammabis»-Zeitgenössische Musik einen Kompositions-Wettbewerb aus, dessen Ziel es ist, deutsche Komponisten zu zeitgenössischer Musik für Sinfonische Blasorchester zu motivieren. Der Wettbewerb ist ohne Altersbegrenzung für Komponistinnen und Komponisten mit deutschem Pass ausgeschrieben. Erwartet wird eine Komposition mit zeitgenössischer Musik für Sinfonisches Blasorchester mit dem Schwierigkeitsgrad Oberstufe. Die Aufführungsdauer soll sieben Minuten nicht überschreiten. Einsende-Schluss ist am 1. Juni 2008, die weiteren Details finden sich hier.
Das Schach-Alphabet
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Buchstabe E - Weiß gewinnt
Copyright Walter Eigenmann 2008
Schach-Rätsel - Buchstabe E
Lösung: hier
In der nächsten Woche: Buchstabe F
Gedichte von Bernd Ernst
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Bernd Ernst
… die ausgelassenen Worte
Ihre Stimme wächst über den Feldern
kämmt der Wind das Gras
Die Erinnerung fällt wie eine leichte Strähne
aus dem Rouge des Abendhimmels
weht der Duft ihrer Locken
auf die fliehenden Schultern des Hügels
Kosmisches Geflüster
Nichts wussten wir
in einundtausend Nächten
gingen unter demselben Stern-
talergestöber
im Innern Verschüttete Milch-
straßenkinder die nicht lesen konnten
was auf ihren Lippen stand
Du urknallender Schmatz blüh mir deine Rosen hinter das Aug
Echolote
das pochende Glück
… unter der berstenden Schale des Himmels
Ein Baum gebiert den Vogel der sein Nest in den Wolken baut
In der Klaue des Wipfels fängt sich der Wind
Auf dem Tautropfen in seinem Schnabel schwimmt der Duft der Kirschblüte
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Bernd Ernst
Geb. 1969, schreibt Lyrik und Theaterstücke, Mitglied verschiedener Autoren-Gruppen, Mit-Organisator der «Pirmasenser Poetry-Slam», lebt in Pirmasens/BRD
Das neue Literatur-Kreuzworträtsel
Literatur-Wettbewerb der Schweizer Frauenzeitung
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Lyrik und Prosa zum Thema «Grenzen.Los»
Die Schweizer Frauenzeitung FRAZ - 1976 als Organ der in den 70er Jahren aktiven Frauen-Befreiungsbewegung FBB gegründet - schreibt ihren ersten deutschsprachigen Literatur-Wettbewerb aus. Bis zum 15. Juni 2008 können Prosa- und Lyrik-Texte zum Thema «Grenzen.Los» eingesandt werden. Neben Geld-Preisen winkt den besten Einsendern eine Veröffentlichung in der FRAZ-September-Ausgabe. Die weiteren Einzelheiten finden sich hier.
Cartoon der Woche
Pro Helvetia unterstützt ambitionierte Literatur
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Prämien für deutsch-schweizerische Verlage
Die Schweizer Kultur-Stiftung Pro Helvetia will sich auch in diesem Jahr «für eine vielfältige Verlagsszene» in der Schweiz einsetzen. Dazu vergibt sie wiederum Prämien an unabhängige literarisch ambitionierte Verlage. Es gibt je eine Hauptprämie und eine Förderprämie im Gesamtwert von 100′000 Franken.
Mit der Hauptprämie honoriert Pro Helvetia das literarische Gesamtprogramm eines Verlags sowie seine Aktivitäten im Bereich Literaturvermittlung. Die Förderprämie richtet sich speziell an Nachwuchsverlage, die sich bereits durch ein profiliertes Programm ausweisen können. Die Vergabe der Verlagsprämie erfolgt alternierend nach Sprachregionen: 2007 wurden zwei Verlage aus der lateinischen Schweiz prämiert, in diesem Jahr sind die Verlage aus der deutschen Schweiz an der Reihe.
Die Ausschreibung läuft noch bis zum 1. Juni 2008, die Details finden sich hier.
Julia Kristeva über das weibliche Genie
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Hannah Arendt und die Krise der Kultur
«Julia Kristeva ist auch im deutschsprachigen Raum durch eine Vielzahl von Publikationen als Literaturtheoretikerin und Psychoanalytikerin bekannt. Wenn sie sich der jüdischen, politischen Philosophin Hannah Arendt widmet, dann birgt schon diese Konstellation von Autorin und Sujet eine gewisse Spannung in sich, die dadurch zusätzlichen Reiz gewinnt, daß sie Leben und Denken der Philosophin unter die Maßgabe dessen stellt, was sie als weibliches Genie, ‘le génie féminin’, zu erfassen sucht.
Das Buch setzt mit einer biographischen Skizze ein, die die geistige Entwicklung Hannah Arendts in einer Weise nachzeichnet, die - etwa im Blick auf ihre Beziehung zu Martin Heidegger - Denken und Biographie nicht einfach trennt: Julia Kristeva kennt Hannah Arendts Lehrmeister Platon, Aristoteles, Augustinus und Kant gut genug, um ihren Lesern auseinandersetzen zu können, worin Hannah Arendt ihre eigenständige Lesart klassischer Philosophie entwickelt hat.
Wonach Hannah Arendt suchte und woran sie bis zu ihrem Tod 1975 arbeitete, sei ‘eine nicht-subjektive Fundierung der Politik’ als Antwort auf die Erfahrung des Grauens totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert. Aber nicht die Reflexion über Macht und Gewalt stehe bei der Autorin der ‘Vita Activa‘ im Zentrum ihres Denkens, sondern das Eingedenken der ‘Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens’. Arendts Genie wäre in eben dieser Bewegung zwischen Denken und existentieller Erfahrung zu verorten, die uns die Bilder einer komplexen und standardisierten modernen Welt vor Augen führt und gleichzeitig an das humane Versprechen erinnert, das in jeder einzelmenschlichen Existenz liegt.» (Verlagsinfo)
Julia Kristeva: Das weibliche Genie - Hannah Arendt, Europäische Verlagsanstalt, 388 Seiten, ISBN 978-3434461739
Inhalt






















